Dass historisch belegbare Persönlichkeiten in historischen Romanen auftauchen, ist nicht selten und auch nichts neues. Tatsächlich handelten die ersten europäischen Romane oft von historischen Ereignissen und rückten deshalb auch historische Persönlichkeiten als Haupt- und Nebenfiguren in den Vordergrund. Heute ist es besonders beliebt, Frauen in den Fokus zu stellen und Geschichte aus weiblicher Perspektive zu erzählen, was ich an sich begrüße.

Ja, an sich. Denn genau hier liegt der Grund versteckt, aus dem ich begonnen habe, mir über die Darstellung historischer Persönlichkeiten in historischen Romanen Gedanken zu machen. Es zeichnet sich ein neuer Trend im Genre ab: Prominente Frauen der jüngeren Geschichte als Heldinnen in Liebesgeschichten. Grace Kelly, Romy Schneider und Audrey Hepburn finden jetzt als fiktionalisierte Romanheldinnen die Liebe. Das bereitet mir Unbehagen. Aber wieso eigentlich?


Inhaltswarnung
Ich erwähne in diesem Text die NS-Zeit, sowie -ismen wie Rassismus, Misogynie und LGBTQ-Feindlichkeit.

Zeit als Grenze: Wer gilt überhaupt als “historische Persönlichkeit”?

Der Grund liegt augenscheinlich auf der Hand: Die Leben dieser Frauen fühlen sich einfach noch nicht “weit genug weg” an. Zeit fungiert sehr oft als Grenze. Je länger etwas her ist, umso abstrakter wirkt es für uns, sicherlich besonders, wenn der Einfluss des Ereignisses oder der Person auf unsere Gegenwart immer kleiner wird oder vielleicht gar nicht mehr spürbar ist. Jemand wie Marie Antoinette zum Beispiel ist für viele von uns eine abstrakte Figur geworden, oder ein Symbol für ihr Zeitalter und ihre Gesellschaft.

Es gibt niemanden mehr, der die echte Marie Antoinette kannte, keine Zeitzeugen, die von ihr berichten könnten. Im Falle von Frauen wie Romy Schneider oder Audrey Hepburn ist das anders. Nicht nur erinnern sich viele Menschen noch sehr gut an sie, sie haben auch direkte Nachfahren, Freund_innen, Verwandte, die noch am Leben sind. Audrey Hepburns Leben zum Beispiel überschneidet sich sogar mit meinem: Es fällt mir schwer jemanden als “historische Persönlichkeit” zu betrachten, der zur selben Zeit gelebt hat, wie ich.

Deshalb funktioniert Hepburn für mich auch nicht als fiktive Romanfigur. Sie wirkt noch viel zu echt, ihre Spuren in unserer Popkultur und in unserem Gedächtnis sind zu frisch. Ihre Söhne sind im Alter meiner Eltern, es ist nicht lang genug her. Ist das am Ende Messen mit zweierlei Maß? War Marie Antoinette nicht genauso eine echte Frau wie Hepburn, auch, wenn ihr Leben länger her ist? Natürlich. Trotzdem ist Abstand wichtig. Abstand erlaubt uns überhaupt erst zu fiktionalisieren.

Je länger das Leben einer Person her ist, umso mehr Lücken gibt es für gewöhnlich im Lebenslauf, die Autor_innen mit eigenen Ideen füllen können. Je mehr fiktionalisiert werden muss, umso mehr entfernt sich eine fiktive Marie Antoinette natürlich auch von der echten Frau hinter der Fiktion. Mit Personen wie Audrey Hepburn oder Romy Schneider ist das kaum möglich, da diese Lücken kaum existieren. Wird hier fiktionalisiert, ist das kein Lückenfüllen, sondern bewusstes Verdrehen biografischer Fakten.

Zwischen Romantisierung und Reduzierung

Wenn man die Kinder und Enkel von jemandem noch anrufen kann, sollte man keine Unterhaltungsromane über diese Person schreiben.” | Histolicious

Histolicious bringt es mit diesem Zitat aus einem Gespräch zwischen uns über dieses Thema sehr gut auf den Punkt. Romane über Menschen zu schreiben, die tatsächlich gelebt haben, ist niemals leicht und sollte immer mit einem gewissen Respekt verbunden sein. Ich finde persönlich (!), dass dieser Respekt bei Personen, die noch keine fünfzig Jahre tot sind, aber gar nicht gegeben sein kann. Das muss nicht mal nur der Respekt vor der Person selbst sein, sondern vor allem vor noch lebenden engen Verwandten wie Kindern, Geschwistern oder Ehepartner_innen. 

Deshalb liegt mir bei diesem neuen Trend besonders eines schwer im Magen: Die Reduzierung von Frauen wie Audrey Hepburn, Marlene Dietrich, Romy Schneider, Frida Kahlo, Edith Piaf oder Grace Kelly auf Heldinnen in Liebesgeschichten. Ihre Leben und Karrieren waren komplex und oft auch durch Tragödien gezeichnet. Einige von ihnen, wie zum Beispiel Coco Chanel, sind schwierige Fälle, wegen ihrer Rollen in der NS-Zeit. Sie auf dramatisch-romantische Heldinnen und ihre Beziehungen zu Männern zu reduzieren ist sehr kritisch.

Das liegt natürlich auch daran, dass die gesellschaftlichen und politischen Umstände, in denen diese Frauen gelebt haben – und zu denen sie auch auf verschiedene Weise beigetragen haben – unsere heutige Gesellschaft noch stark beeinflussen. Deutlich mehr als die Gesellschaft einer Marie Antoinette im späten 18. Jahrhundert das tut oder gar die Gesellschaft von Persönlichkeiten, die noch früher gelebt haben. Diese Frauen sind Kinder der Zeit des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit und nicht davon loszulösen.

Es spricht am Ende kaum etwas dagegen einen Liebesroman über eine fiktive junge Schauspielerin in der Nachkriegszeit zu schreiben, der auf dem Leben Audrey Hepburns oder Romy Schneiders basiert. Diese Frauen auf diese Weise zu romantisieren und auch zu reduzieren, halte ich jedoch für recht problematisch und den Trend, der sich gerade entwickelt, hin zu immer mehr dieser romantisierten, durch eine nostalgische Linse gefiltertern Roman”biografien” ebenfalls.

Das Interpretieren historischer Persönlichkeiten

Was für historische Persönlichkeiten aus der jüngeren Geschichte gilt, gilt natürlich auf andere Weise für alle historisch belegbaren Persönlichkeiten, über die man schreiben möchte, wenn auch – aus den oben aufgeführten Gründen – auf andere Weise. Gerade weil oft ein Abstand von mehreren Jahrhunderten besteht, kann es schwer sein im Gedächtnis zu behalten, dass man nicht über eine fiktive Figur schreibt, sondern über jemanden, der wirklich gelebt hat.

Wenn ich von “Respekt” schreibe, meine ich gar nicht mal unbedingt nur den Respekt vor der Person selbst, obwohl ich auch den wichtig finde. Vor allem geht es mir aber um etwas Abstrakteres: Und zwar auf die Wirkung der Darstellung einer historischen Persönlichkeit auf die heutigen Leser_innen. Als Autor_in von historischen Romanen muss man immer davon ausgehen, dass Leser_innen das, wovon man schreibt, als historische Wahrheit wahrnehmen oder für bare Münze nehmen.

Besonders bei der Darstellung realer historischer Persönlichkeiten muss man sich deshalb die Frage stellen: Was möchte ich überhaupt aussagen über diese Person in dieser Epoche und in diesen Umständen? Wie möchte ich diesen Menschen zeigen und warum? Was weiß ich über diese Person und was davon möchte ich an meine Leser_innen weitergeben? Und was muss ich mir dazu ausdenken, weil die Biografie dieser Person Lücken aufweist, die gefüllt werden müssen?

Der wichtigste Punkt ist hier in meinen Augen, sich bei der Recherche über die Person nicht auf einzelne Meinungen und Aussagen zu verlassen. Das ist bei Recherche immer wichtig, hier aber besonders. Es reicht nicht, zur Recherche das Tagebuch der Schwester der betreffenden Person zu lesen und davon auszugehen, dass diese ihren Bruder objektiv darstellt, nichts schönt, nichts auslässt und nichts verdreht. Wenn möglich, lest so viele zeitgenössische Beschreibungen und Berichte wie es gibt.

Der Anspruch muss am Ende nicht sein, die Person genau so darzustellen, wie sie wirklich war. Denn das kann niemand mehr nachvollziehen,, es ist also eigentlich unmöglich. Die Frage ist eher, wie man selbst als Autor_in die Person darstellen möchte, und das mit den Fakten in Einklang zu bringen, die über die Person bekannt sind. Kann ich meine Interpretation des Charakters dieser Person damit vereinen, was über ihn_sie gesagt und geschrieben wurde? Darin liegt die Kunst.

Historische Persönlichkeiten als Antagonist_innen

Ähnlich problematisch wie eine Romantisierung historischer Persönlichkeiten, finde ich das Schubsen von Menschen, die tatsächlich gelebt haben, in die Rollen von Antagonist_innen. Das ist nicht immer ein Problem, denn natürlich gibt es genug historische Persönlichkeiten, die einfach keine guten Menschen waren. Problematisch wird es eher, wenn es sich um Menschen wie “du und ich” handelt, deren Biografien keine Anhaltspunkte dazu geben, dass sie wirklich schlechte Menschen waren.

Das passiert oft mit Figuren, die durch zeitgenössische – und oft leider auch durch Unterdrückung gefärbte – Propaganda verunglimpft wurden. Ein Beispiel wäre zum Beispiel Kathryn Howard, die fünfte Frau von Heinrich VIII., die bis heute oft als hinterhältig und oberflächlich dargestellt wird, obwohl die Forschung zu ihrer Persönlichkeit ganz andere und auch erschreckende Schlüsse ans Licht bringt. Dazu hat zum Beispiel Nicole von Smalltown Adventure etwas weiter ausgeholt.

Ein weiteres Beispiel, das mich lang verfolgt hat, ist die Darstellung von Philippe d’Orléans im Jugendroman “Die Stunde der Lilie“: Hier wird der Bruder des Sonnenkönigs als Antagonist hergenommen, nicht obwohl er schwul ist, sondern zu weiten Stücken, weil er es ist. War Philippe ein netter Mensch? Wahrscheinlich eher nicht. Rechtfertigt das LGBTQ-Feindlichkeit? Niemals. Eine deutlich gelungenere Aufarbeitung seines komplexen Charakters ohne diese diskriminierenden Tropes gelingt zum Beispiel in der Serie “Versailles“.

Was passiert bei solchen Darstellungen historischer Persönlichkeiten in den Köpfen moderner Leser_innen? Oft verwechseln sie tatsächlich solche sehr modernen Darstellungen von Misogynie oder LGBTQ-Feindlichkeit mit historischer Wahrheit. Das ist ganz normal, denn nicht jede_r kann genug über die dargestellten Epochen und Menschen wissen, um zu differenzieren. Genau deshalb haben Autor_innen eine gewisse Verantwortung, wenn es um die Darstellung von Geschichte und historischen Persönlichkeiten geht.

Das Zusammenspiel von Damals und Heute

Natürlich, man darf alles machen. Aber das heißt nicht, dass man alles machen sollte. Auch White Washing von historischen Persönlichkeiten oder das Unsichtbarmachen queerer Identitäten sind ein großes No-Go, wenn es um historische Persönlichkeiten in historischer Fiktion geht. Aus Respekt vor diesen Menschen, ja, aber vor allem aus Respekt vor modernen Leser_innen, die selbst betroffen sind: Denn es ist vor allem ihre Geschichte, ihre Identifikation mit der Vergangenheit, die dadurch zerstört wird.

Und da komme ich jetzt auf den Punkt, denn White Washing, Unsichtbarmachen von LGBTQ-Identitäten oder ganz generell das Auslassen von allem, was einem als Autor_in nicht gefällt, ist am Ende nichts anderes als ein Drängen historischer Persönlichkeiten in die eigenen modernen (!), und oft sogar einschränkenden Weltbilder. Auch das Reduzieren von Frauen wie Hepburn und Schneider auf Liebesromanheldinnen geht in diese Richtung. Mit den historischen Persönlichkeiten hat das nichts mehr zu tun.

Schreibt man über eine historische Person, findet immer eine Fiktionalisierung dieser statt. Das lässt sich nicht vermeiden. Wir schreiben immer über eine fiktive Version dieses Menschen. Trotzdem sollten wir versuchen unsere Interpretation dieser Persönlichkeit mit dem in Einklang zu bringen, was wir über sie recherchiert haben, und vor allem moderne (oder zeitgenössische) Stigmata, oft durch Diskriminierung gefärbt, ablegen und versuchen dahinter zu schauen.

Im besten Fall schaffen wir so eine interessante, komplexe Romanfigur, die dem echten Menschen zumindest einigermaßen gerecht wird, aber vor allem keinen Menschen – und somit auch ein Stück weit seine Epoche – romantisiert, reduziert oder sogar diskriminiert. Denn am Ende sind es die modernen Leser_innen, die hierbei beeinflusst werden und deren durch diese Darstellungen verzerrte Ideen von Geschichte auch immer ihren Blick auf unsere Gegenwart formen. 


Beitragsbild: “Lesende Frau auf einem Sofa”, Isaac Israëls, unbekanntes Datum