New York City, 1899. Tillie Pembroke’s sister lies dead, her body drained of blood and with two puncture wounds on her neck. Bram Stoker’s new novel, Dracula, has just been published, and Tillie’s imagination leaps to the impossible: the murderer is a vampire. But it can’t be—can it? A ravenous reader and researcher, Tillie has something of an addiction to truth, and she won’t rest until she unravels the mystery of her sister’s death…


Inhaltswarnung
Alkohol- und Drogenmissbrauch (Opium, Heroin), Entzug, Abhängigkeit, Nadeln/Spritzen, Krankheit/Erbrechen, Mord an einem Kind, Fehlverhalten von Ärzten, versuchte Vergewaltigung, Gewalt/Blut

Meine Gedanken

“Tillie, too, felt her world as a closed casket, always around her, always constricting her.”

Lydia Kang wird langsam zu einer Go-to-Autorin für mich, wenn es um die Belle Époque geht. Im Januar hat sie mich mit ihrem Roman “A Beautiful Poison” schon einmal begeistert, jetzt legt sie eine Geschichte vor, die zum Höhepunkt des fin de siècle spielt: “Opium and Absinthe” entführt in das schillernde New York des Jahres 1899, in die Welt der Vanderbilts und Astors, in die Protagonistin Tillie nur leidlich hineinpasst. Erst vor kurzem ist Bram Stokers “Dracula” erschienen und nun wird Tillies Schwester ermordet aufgefunden – Angeblich von einem Vampir.

“Opium and Absinthe” ist jedoch keine Phantastik, was auch von vorn herein klar ist. Anstatt eines echten Vampirs steht der Konflikt zwischen Aberglauben und Wissenschaft in der Epoche im Vordergrund und Tillies Recherchen zum Vampirglauben des 19. Jahrhunderts waren unheimlich interessant, genauso wie die Einbindung von Bram Stokers “Dracula” als gerade erst beginnendes Popkulturphänomen, abgerundet durch passende Zitate aus dem Roman vor jedem Kapitel.

Stiller, gut recherchierter Vampirkrimi

Lydia Kang hat einen sehr eigenen Schreibstil, den ich sehr mag. Hin und wieder ironisch, manchmal lustig, meistens bittersüß schildert sie das fin de siècle kurz vor seinem Ende. Die Autorin fängt das Faszinierende an der Belle Époque perfekt ein: Eine Gesellschaft, die auf ihren eigenen Untergang zufeiert. Auch das steht in “Opium and Absinthe” im Mittelpunkt, die Dekadenz und die Sucht nach Luxus, genau wie der komplexe Umgang mit Tillie, die als Erbin aus dem New Yorker Geldadel zwischen Privilegien und Unterdrückung gefangen ist.

Lydia Kang kennt “ihr” historisches New York und nimmt die Leser_innen mit auf eine düstere Entdeckungstour durch die Luxusviertel rund um die Fifth Avenue und Gegenden wie Kleindeutschland, in denen Armut und Gewalt vorherrschen. “Opium and Absinthe” ist ein historischer Krimi, aber nicht nur das. Lucys Ermordung durch den “Vampir” steht im Vordergrund, aber da ist auch das Geheimnis um Tillies Familie und die Auseinandersetzung mit Tillies beginnender Drogenabhängigkeit.

Abhängigkeit von Opium, das als Medizin verwendet wurde, war in der Belle Époque tatsächlich weit verbreitet und es gelingt Lydia Kang sehr gut zu zeigen, warum diese Abhängigkeit so viele Frauen traf, die genau wie Tillie unter den strengen Anforderungen ihrer Gesellschaft zerbrachen. Der Roman steckt voller interessanter Figuren, die beinahe alle auch eine düstere Seite mitbringen: Tillie selbst genau wie ihre Schwester Lucy, oder Lucys Verlobter James Cutter, dessen Zuneigung plötzlich auf Tillie umschwenkt.

“Opium and Absinthe” ist ein eher stiller Roman, der von seinen Figuren und seinem Gothic-Flair lebt. Man darf sich hier keine große Action und keinen Vampirhorror erwarten. Viel eher geht es im Kern um die zweischneidige Gesellschaft der Belle Époque. Der Roman ist tatsächlich ein Krimi und kein Thriller: Tillie ermittelt ausgiebig, findet Spuren und Antworten, aber auch viele neue Fragen und Rätsel, die sie lösen muss – Was immer schwerer wird, je mehr Opium sie nimmt, denn bald kann sie die Realität nicht mehr von ihrer Fantasie unterscheiden.

New York an der Schwelle zum 20. Jahrhundert

Mein einziges Problem mit dem Roman war, dass ich sehr schnell Täter_in und Motiv dieser Person erraten hatte. Mir hat “Opium & Absinthe” trotzdem weiterhin sehr viel Spaß gemacht, aber vor allem wegen der interessanten Figuren, Tillies Coming-of-Age-Geschichte und der sehr subtilen und sich langsam entwickelnden Liebesgeschichte zwischen Tillie und dem Zeitungsverkäufer Ian Metzger, der eigentlich gern selbst Journalist wäre und Tillie das Tor zu New Yorks dunkler Seite öffnet.

Sehr gern mochte ich auch, dass sich “Opium and Absinthe” wie ein Prequel zu “A Beautiful Poison”, das knapp zwanzig Jahre später spielt, liest. Es ist dasselbe New York und einige Figuren aus diesem Roman wird man in “A Beautiful Poison” wiedertreffen. Die beiden Romane in dieser nicht chronologischen Reihenfolge zu lesen hat jedoch auch etwas: Mir hat gefallen einen Blick in die jüngeren Jahre der Figuren zu werfen, der den Ereignissen in “A Beautiful Poison” nachträglich noch mehr Gewicht gibt.

Am Ende ist “Opium and Absinthe” ein gelungener Belle-Époque-Krimi, dessen Stärken aber eigentlich woanders liegen. Der Roman ist eine spannende Reise durch New York im fin de siècle und vor allem auch in die Medizingeschichte (Lydia Kang ist selbst Ärztin), sowie eine gelungene Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Frau an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert. Wer die Belle Époque schillernd, dekadent und düster mag und zu einem Vampirkrimi nicht nein sagen würde, ist hier richtig.


Opium and Absinthe | Lake Union, 2020 | 978-1542017794 | 379 Seiten | Englisch