Finnmark, Norwegen, 1617. Die 20-jährige Maren Bergensdatter steht an der rauen Küste und sieht zu, wie das Meer mit einem Mal von einem gewaltigen Sturm aufgepeitscht wird. Vierzig Fischer, unter ihnen ihr Bruder und ihr Vater, ertrinken. Ohne die Männer müssen die Frauen des kleinen Dorfes Vardø ihr eigenes Überleben sichern. Drei Jahre später kommt eine düstere Person nach Vardø: Absalom Cornet bringt seine Frau Ursa mit, die in Maren etwas sieht, das sie nicht kennt: Eine unabhängige Frau. Doch Absalom sieht in Vardø nur einen sündhaften, gottverlassenen Ort…


Inhaltswarnung
Es werden Hexenverfolgung und Ermordung von Frauen und Sámi, sowie die Vertreibung und Verfolgung der Sámi thematisiert. Desweiteren kommen sexualisierte Übergriffe vor, sowie eine graphisch geschilderte Fehlgeburt. Rassismus, Misogynie, Ableismus und Fatshaming kommen vor, werden jedoch reflektiert thematisiert.

Meine Gedanken

“Vardø” ist der erste historische Roman für Erwachsene von der Jugendbuchautorin Kiran Millwood Hargrave und basiert auf den realen Hexenprozessen auf der Insel Vardøya vor der Nordküste Norwegens im frühen 17. Jahrhundert. Zwar sind fast alle Figuren fiktiv, doch nicht nur die Hexenprozesse sind tatsächlich geschehen, auch der verheerende Sturm von 1617, der zu Beginn des Romans beinahe alle Männer aus Vardø das Leben kostet. Hier berichtet die Autorin mehr über die historischen Hintergründe und ihre Herangehensweise.

Kiran Millwood Hargrave macht aus diesem Stück norwegischer Geschichte einen düster-verträumten historischen Roman, der mit einer dichten, eiskalten Atmosphäre und einem ungewöhnlichen, aber schönen Schreibstil besticht. Es gelingt ihr, respektvoll mit der traurigen Geschichte umzugehen und gleichzeitig einen sehr gut recherchierten Roman zu erschaffen, der nichts schönt, aber auch nicht reißerisch mit den Geschehnissen umgeht. Ein Stück weit ist “Vardø” in meinen Augen ein perfekter historischer Roman.

Ein ungewöhnlicher, nachdenklicher Roman

Das liegt auch daran, dass Kiran Millwood Hargrave zwar über Geschichte schreibt, aber für moderne Leser_innen. Ihr Schreibstil ist verträumt, aber auch sehr nüchtern: Sie schreibt im Präsens. Gleichzeitig bemüht sie sich für eine vollständige, inklusive Darstellung der Epoche und beweist, dass das auch in einem Setting wie diesem – Eine kleine Stadt im arktischen Zirkel um 1600 – nicht unmöglich ist. Die beiden Heldinnen Maren und Ursa sind LGBTQ, und auch Diinna spielt eine große Rolle: Sie ist Marens Schwägerin und Freundin und eine Sámi.

Die Hexenprozesse von Vardø waren tatsächlich ein Angriff auf ein nur spärlich christianisiertes Nordnorwegen und auf die Religion und die Lebensweise der Sámi und genau das schildert die Autorin auch in ihrem Roman komplex und erschreckend. Sie zeigt eine sehr eigene Gesellschaft, in der viele Spannungen existieren, und obwohl Diinna von den Menschen in Vardø Diskriminierung erfährt, ist sie keine Karikatur, die darüber definiert wird, sondern eine spannende Figur mit eigenen Motivationen, Wünschen und Problemen.

Themen wie Diskriminierung und das Unterdrücken des “Anderen” stehen im Mittelpunkt des Romans: Sei es die Vertreibung der Sámi, das Unterdrücken ihrer Kultur oder auch die Feindseligkeit gegenüber Frauen, die nicht ihrer auferlegten Rolle entsprechen, ob es nun die lesbische oder bisexuelle Maren ist, oder Kirsten, die “Männeraufgaben” übernehmen möchte. Die Autorin kritisiert diese Ausgrenzung und Verfolgung subtil statt mit dem Holzhammer, doch genau deshalb ist ihre Darstellung der Ereignisse in Vardø so beklemmend und eindringlich.

Hier und da nimmt sie mir ein paar zu viele Klischees des Genres mit. Ursas lieblose und von Unterdrückung und Übergriffigkeit gezeichnete Ehe mit Absalom Cornet zum Beispiel war mir genauso etwas zu schwarzweiß dargestellt, wie Kirsten, die unbedingt in Hosen arbeiten möchte, weil sie angeblich praktischer seien als Röcke, was besonders in dieser Epoche so nicht stimmt. Trotzdem gelingt Kiran Millwood Hargrave ein ungewöhnlicher historischer Roman, der zwar ein paar Klischees mitnimmt, ihnen aber zumindest Tiefe gibt und sie nicht reißerisch verwendet.

Tragisches zwischen Mitternachtssonne und Polarnacht

“Vardø” ist ein stiller Roman, der von seiner Atmosphäre lebt. Viel Action oder auch nur Handlung gibt es nicht, stattdessen bestechen die Beschreibungen von Mitternachtssonne und Polarnacht und vom rauen Leben mit dem Meer auf der Insel Vardøya. Die Figuren tragen den Roman, besonders natürlich Maren und Ursa, und es sind die zwischenmenschlichen Konflikte – und Freundschaften – die das Buch spannend und dicht machen und einen Seite um Seite lesen lassen, weil man mehr übere diese Menschen und dieses Dorf wissen möchte.

Am Ende kann ich “Vardø” nur allen Leser_innen empfehlen, die sich vom Genre historischer Roman nicht nur eine gut recherchierte, spannende Geschichte wünschen, sondern auch etwas Neues: Kiran Millwood Hargrave schreibt historisch authentisch, aber für moderne Leser_innen zugänglich. Sie wirft die altbackenen Genre-Konventionen (fast) alle ab und schafft genau deshalb einen Roman, der über 400 Seiten seine düstere Spannung halten kann. Hinzu kommt das wunderbar dichte Setting, bei dem man das Meer beinahe tosen hören kann.

“Vardø” ist ein stiller, bedrückender und gleichzeitig mutiger Roman über das “Anderssein” und Unterdrückung, der bildgewaltig und dicht von einem eher unbekannten Kapitel der skandinavischen Geschichte und der Geschichte der Hexenverfolgungen erzählt. Man spürt mit jeder Seite, wie viel Herzblut und Recherche (auch vor Ort) in den Roman geflossen sind. Kiran Millwood Hargrave gelingt es hier, ein obskures Stück Geschichte komplex, beklemmend und vor allem fesselnd noch einmal lebendig zu machen, sodass “Vardø” ein Jahreshighlight für mich wurde.


Vielen Dank an BloggerPortal und den Diana-Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplares.


Vardø: Nach dem Sturm | Diana, 2020 | 978-3-453-29236-9 | 432 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Carola Fischer | OA: The Mercies, 2020