Der Tod der Ophelia ist heute, knapp vierhundert Jahre nach der Uraufführung von William Shakespeares wohl bekanntester Tragödie „Hamlet“, längst eine Art Popkultursymbol geworden. Das schöne Mädchen, das mit Blumen im Haar still im Wasser liegt, findet sich nicht nur in Filmen und Romanen wieder, sondern auch in moderner Popmusik. Das ist kein neues Phänomen: Schon im 19. Jahrhundert war das Opheliamotiv ein beliebtes Symbol in der Kunst, Musik und Literatur. Aber eines ist Ophelia hierbei immer: Tot.

Claire McCarthys Film von 2018 setzt den Fokus aber auf ihr Leben und erzählt „Hamlet“ neu durch Ophelias eigene Augen. Wer war das Mädchen, das zum Opfer von Prinz Hamlets zerstörerischen Rachefantasien wurde, abseits ihrer Beziehung zu Hamlet? „Ophelia“ ist ein Klassiker-Retelling, das sehr geschickt die Lücken füllt, die der Originaltext gelassen hat, und zudem im Kern eine gelungene feministische Herangehensweise an eine literarische Figur ist, deren Tod seit vierhundert Jahren immer und immer wieder romantisiert wird.


Inhaltswarnung
Suizid, Übergriff auf zwei junge Frauen, Hexenverfolgung, Tod/Gewalt/Blut, Mord/Gift

Ein präraffaelitischer Traum

“Not every story must end with a battle.”

„Ophelia“ spielt mit „Hamlet“, nicht nur mit dem Originaltext an sich, sondern auch mit seiner Rezeption: Der Film ist in atemberaubenden Bildern erzählt, die zwar sehr wenig mit der echten Renaissance zu tun haben, aber sehr viel mit ihrer Rezeption im 19. Jahrhundert. Daisy Ridley spielt Ophelia rothaarig und blumengeschmückt, wie besonders die Künstler_innen der präraffaelitischen Bruderschaft sie gesehen und dargestellt haben. Genau genommen ist „Ophelia“ ein präraffaelitischer (Alb)Traum, der allein deshalb ein kleines Kunstwerk ist.

Und das passt zu „Hamlet“, es passt zu Shakespeare, weil selbst die Tragödien immer auch etwas Unwirkliches an sich haben. „Hamlet“ tanzt auf der dünnen Linie zwischen historischer Fiktion und Fantasy: Die Geschichte ist im Dänemark der Renaissance verankert, doch natürlich gab es niemals wirklich einen Prinz Hamlet und die Motive, die Shakespeare hier verarbeitet, stammen teilweise aus früh- und hochmittelalterlichen Sagen, die ihren Ursprung noch viel früher haben und vielleicht sogar schon indogermanischen Ursprungs sind.

Auch „Ophelia“ fühlt sich gleichzeitig historisch und unwirklich an. Der Film ist sehr romantisch inszeniert – Im Sinne der Kunstgattung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – bringt aber auch eine Wucht mit, die mir Gänsehaut beschert hat, besonders in der zweiten Hälfte des Films. Sommerlich verträumte Naturaufnahmen wechseln sich mit opulenten Renaissance-Kulissen ab, die das Schloss Elsinore und seinen dekadenten Luxus mithilfe von prächtigen Wandteppichen, einem riesigen Thronsaal und ausschweifenden Ländereien lebendig machen.

Renaissance-Fantasy mit starker Ophelia

“Ophelia” spielt mit präraffaelitischer Ästhetik

Vor allem versteht der Film aber sein Quellmaterial. Hamlet (George MacKay) ist hier nicht (nur) der tragische Held, der den Tod seines Vaters rächen will, er ist auch gleichzeitig der Narr, der zulässt, dass seine Rachepläne geliebte Menschen und ihn selbst ins Verderben stürzen. Ich weiß nicht, inwieweit das bereits eine Leistung der Autorin Lisa M. Klein ist, auf deren Roman von 2006 der Film basiert, aber „Ophelia“ erkennt außerdem das feministische Potential von Ophelia selbst als Frau bei Hofe, die von mächtigen Männern umringt und deshalb immer in Gefahr ist.

Der Film gibt nicht nur Ophelia selbst Motivation und Agency, sondern auch Königin Gertrude (Naomi Watts), Hamlets Mutter, die hier mehr als ein Spielball von Hamlet und Claudius sein darf. Tatsächlich erzählt er die epische Geschichte über Verlust, Rache, Liebe und die menschliche Psyche komplett aus weiblicher Perspektive und macht aus Ophelia und Gertrude runde Figuren mit Ecken und Kanten, die zudem eine komplexe Mutter-Tochter-Beziehung verbindet, nachdem Gertrude Ophelia als junges Mädchen als Hofdame aufnimmt.

Die große Stärke des Films ist, dass hier Ophelia, Gertrude und andere weibliche Figuren die Geschehnisse lenken und ihre eigene Geschichte in den Händen haben, anstatt von Hamlet, Claudius oder auch Ophelias Bruder Laertes (Tom Felton) gelenkt zu werden. Ophelia ist nicht mehr passiv, sondern erlebt Hamlets Wandlung vom gutmütigen Prinzen zum rachsüchtigen Schatten seiner selbst aktiv mit – Und sie entscheidet selbst, wie sie damit umgeht und was sie aus Liebe zu Hamlet zu tun bereit ist.

Hin und wieder hat mir der Film vielleicht ein paar Dinge zu viel hinzuerfunden und ein Mittelalter-Fantasy-Klischee zu viel mitgenommen. Dazu möchte ich jetzt nicht allzu viel sagen, um nicht zu viel von der Handlung zu verraten. Aber obwohl ich nicht jede Entscheidung gelungen fand, haben mich vor allem die Wendungen und Plot Twists vollkommen überzeugt. „Ophelia“ bringt epische Bilder mit, runde, interessante Figuren, spannende Wendungen und obendrauf einen sehr gelungenen Mittelalter-Pop-Soundtrack, der eigens für den Film entstand.

Das Mittelalter durch die Augen des 21. Jahrhunderts

Die präraffaelitischen Gemälde des 19. Jahrhunderts und das Modehaus Fortuny fanden Einfluss in das Design der Kostüme | Links: “Ophelia”, J.W. Waterhouse, 1894 | Mitte: Abendmantel, Fortuny, 1922 (Met Museum) | Rechts: “Ophelia”, Arthur Hughes, 1863

Auch die Kostüme haben mich voll und ganz überzeugt. Sie sind nicht historisch authentisch, doch das müssen sie auch nicht sein, denn das war „Hamlet“ von Anfang an nicht. Stattdessen fangen auch die Kostüme nicht nur die Opulenz und Dekadenz dieses Könighofes ein, sondern sind ebenfalls deutlich von präraffaelitischer Kunst des 19. Jahrhunderts, sowie dem Modehaus Fortuny inspiriert. (Beide spielten mit romantisierten Vorstellungen des Mittelalters, da schließt sich der Kreis.)

Obwohl er viele Anachronismen nutzt, merkt man den Kostümen deutlich an, dass Massimo Cantini Parrini sich mit Mittelalter- und Renaissancemode auskennt. Die Details stimmen, es sind ein paar sehr gute Mittelaltersilhouetten zu sehen, und ich habe mich besonders über die mittelalterlich und von der Renaissance inspirierten, komplexen Frisuren gefreut, sowie über die Verwendung von Schleiern als modische Accessoires. Heraus kommen sehr detailverliebte Kostüme, die von der italienischen Renaissance, den Präraffaeliten und byzantinischer Mode inspiriert scheinen.

Leider hat sich hier und da eine Mittelalterliche Lederjacke eingeschlichen, besonders oft an Claudius (Clive Owen), doch insgesamt liefert „Ophelia“ traumhaft schöne Kostüme voller kleiner, aufwendiger Details, die die Ästhetik des Films unterstreichen und mich über die paar Klischees hinwegsehen lassen. Allein die Kostümballszene, die auch im Trailer zu sehen ist, macht diese in meinen Augen wett und ich wünschte, mehr Kostümdesigner würden sich an diese Art von anachronistischen Kostümen wagen, die voller Details die Ästhetik des Films stützen und formen.

Am Ende funktioniert “Ophelia” nicht nur als feministisches Retelling des Shakespeare-Klassikers, sondern auch als Verfilmung von “Hamlet” und besonders als Renaissance-Fantasy, die auf eigenen Beinen stehen kann. Der Film überlässt den weiblichen Figuren, besonders Ophelia und Gertrude, die Bühne und füllt außerdem die Lücken, die “Hamlet” lässt, mit meist gelungenen neuen Ideen. Die größte Stärke des Films sind jedoch tatsächlich die komplexen, feministischen Untertöne, die nicht nur “Hamlet”, sondern dem gesamten Genre gut stehen.

Abgerundet wird der Film durch seine traumhafte, und oft schon beinahe epische Ästhetik, die nicht nur durch die Kostüme, sondern auch durch die Bühnenbilder und Kulissen dieses Renaissance-Dänemark irgendwo zwischen Geschichte und Fantasy zum Leben erwachen lässt. “Ophelia” arbeitet “Hamlet” für das 21. Jahrhundert auf, ohne den shakespeareschen tragischen Charakter des Originals zu verlieren, und heraus kommt ein wunderbarer, düster-romantischer Film, den ich nur empfehlen kann.



Ophelia | GB, USA, CZE 2018 | Regie: Claire McCarthy | Drehbuch: Semi Chellas | 107 Minuten