Wir schreiben das Jahr 1683. Europa befindet sich im Griff einer neuen Droge. Ihr Name ist Kahve. Philosophen in London, Gewürzhändler in Amsterdam und Dichter in Paris treffen sich in Kaffeehäusern und konsumieren das Getränk der Aufklärung. Aber Kaffee ist teuer. Und wer ihn aus dem jemenitischen Mokka herausschmuggeln will, wird mit dem Tod bestraft. Der Mann, der es trotzdem wagen will, ist der junge Obediah Chalon, Spekulant, Händler und Filou. Nur ein großes Geschäft, ein ganz großes, könnte ihn vor dem Ruin bewahren…


Inhaltswarnung
Sexueller Missbrauch (unreflektiert), Darstellungen von Gewalt und Folter, Tod einer LGBTQ Figur, antisemitische und rassistische Figuren, Religionskonflikte

Meine Gedanken

Um es mit John Mulaney zu sagen: “Now we don’t have time to unpack all of that.” Ich hatte mich auf “Der Kaffeedieb” sehr gefreut. Abenteuerromane sind im historischen Genre recht selten geworden und Tom Hillenbrands “Kaffeedieb” versprach mir ein Abenteuer erster Güte: Einen Kaffee-Heist von London nach Mokka im Jemen, politische Intrigen und interessante Figuren, eine Art “Ocean’s Eleven” im Hochbarock. Leider hielt der Roman sein Versprechen nur zum Teil.

Vorweg: Handwerklich ist “Der Kaffeedieb” grandios. Tom Hillenbrand hat einen sehr dichten, komplexen Schreibstil, der mir sehr gefallen hat. Sein Europa des späten 17. Jahrhunderts ist sehr aufwendig recherchiert und wird von Politik über Gesellschaft bis Mode liebevoll im Detail beschrieben. Ich liebe die Epoche, in der der Roman spielt, und “Der Kaffeedieb” hat sie für 480 Seiten lebendig gemacht. Man kann sich hier in die Zeit richtig hineinfallen lassen und unter anderem das historische London, Paris und Amsterdam kennenlernen.

Bunter Ausflug in den Hochbarock

Die erste Hälfte des Romans hat mir auch sehr gut gefallen, sodass ich schon dachte ein Jahreshighlight gefunden zu haben. Der intelligente Betrüger und Fälscher Obediah Chalon soll im Auftrag der niederländischen Ostindien-Kompagnie Kaffeepflanzen aus dem Jemen stehlen, um das Handelsmonopol Frankreichs mit dem Osmanischen Reich zu brechen. Dafür muss Chalon ein Team aus Spezialist_innen zusammenstellen, die er sich über die République des Lettres in ganz Europa zusammensucht.

Der Roman ist randvoll mit interessanten Details und Fakten zur Epoche und es gelingt ihm vor allem das politische Klima im Europa dieser Zeit sehr authentisch und spannend zu schildern. Auch der subtile Witz, der immer mitschwingt, hat mir gut gefallen: Während Chalon den Diebstahl nur durchzuziehen wagt, weil sein Leben auf dem Spiel steht, werden er und sein Team mehr oder minder unwissentlich in tiefgreifende Intrigen zwischen den Königshäusern von Frankreich, England und den Niederlanden gezogen.

Natürlich sind auch historisch belegbare Persönlichkeiten dabei, von Louise de La Vallière bis hin zum Sonnenkönig Louis XIV. persönlich. Die erste Hälfte ist somit auch genau was ich wollte: Ein lustiger, spannender Abenteuer- und Heistroman im Hochbarock. Chalon und sein Team planen den Einbruch in die gut bewachten Kaffeeplantagen von Mokka, müssen Spitzel vom französischen Hof loswerden und sich vor allem auch miteinander arrangieren. Überall lauern Fallen und Gefahren. Das habe ich geliebt.

Heist-Roman ohne Heist

Leider verliert der Roman diese gute Balance zwischen spannender Heist-Geschichte und historischem Detail irgendwann aus den Augen. Chalons noch so intelligente Ausführungen zu allem möglichen wurden mir irgendwann zu viel und vor allem fand ich enttäuschend, dass außer ihm niemand aus der Gruppe wirklich gut charakterisiert wird. Die Gruppe rund um Chalon besteht aus sehr markanten Typen, über die ich gern mehr erfahren hätte, doch leider werden sie alle nur sehr oberflächlich vorgestellt.

Was ich dem Roman leider gar nicht verzeihen kann ist, dass er am Ende nicht liefert, was er versprochen hat: Ohne zuviel zu verraten: Der Heist, der Kaffeediebstahl, auf den der Roman von Anfang an hinarbeitet, bleibt auf der Strecke und ist meiner Meinung nach einfach nicht gut genug durchdacht. Viel zu oft muss Chalon der Zufall zu Hilfe kommen oder es werden einfach wichtige Szenen übersprungen und später vage nacherzählt, damit nicht im Detail darauf eingegangen werden muss wie genau alles jetzt funktioniert hat.

Von einem Abenteuerroman, der sich um den größten Diebstahl des Jahrhunderts dreht, erwarte ich aber eigentlich, dass dieser Diebstahl vom Autor auch gut durchdacht und in den Mittelpunkt gerückt wird. Nach der ersten Hälfte wäre ich bereit gewesen dem Roman die volle Punktzahl zu geben, doch die zweite hat mich leider enttäuscht. Sie konnte einfach nicht damit mithalten, was der Autor auf den ersten ca. 200 Seiten aufgebaut hat, und anstatt sich zu steigern verflog die Spannung von Seite zu Seite ein bisschen mehr.

Zu viele problematische Genre-Klischees

Hinzu kommen leider recht problematische Genre-Tropes, die mir den Spaß dann vollends verdorben haben. Da wäre zum einen Caterinas sexueller Übergriff auf Chalon, der nicht als solcher benannt wird. Chalon lehnt ihre Avancen mehrmals deutlich ab, doch Caterina wischt das beiseite, weil sie der Meinung ist Männer würden eigentlich immer wollen, und macht sich an ihm zu schaffen. Das ist sexueller Missbrauch wie er im historischen Roman zu oft vorkommt. Die vertauschten Rollen ändern daran nichts.

Hinzu kommt der Umgang mit der LGBTQ-Figur in Chalons Team. Zuerst habe ich mich über diese Figur sehr gefreut, weil sie als kompetent und interessant gezeigt wurde. Positiv besetzte LGBTQ-Figuren sind im Genre sehr, sehr selten. Genau deshalb war es auch so enttäuschend, was mit dieser Figur am Ende passierte. Achtung, leichte Spoiler: Man hätte jede andere Figur für den großen Verrat hernehmen können, aber natürlich ist es einmal mehr die LGBTQ-Figur, die sich als skrupellos und böse herausstellt.

Am Ende ist “Der Kaffeedieb” auf der einen Seite ein sehr gut erzählter, wunderbar recherchierter historischer Abenteuerroman, der besonders Fans von detailliert in Szene gesetzten historischen Epochen viel zu bieten hat. Auf der anderen Seite verliert der Roman jedoch in der zweiten Hälfte sein eigentliches Ziel – den großen Kaffeediebstahl – aus den Augen und nimmt für meinen Geschmack ein paar problematische Genre-Klischees zu viel mit. Deshalb sitze ich auch etwas zwischen den Stühlen. Vieles an dem Roman hat mir gefallen. Genauso viel aber leider auch nicht.


Weitere Meinungen:

Histolicious | Kritische Rezension


Der Kaffeedieb | KiWi, 2016 | 978-3-462-04851-3 | 480 Seiten | Deutsch