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Historienromane

“The Doll Factory” von Elizabeth Macneal

London, 1850. Iris schuftet unter harten Bedingungen in einer Puppenmanufaktur, doch heimlich malt sie Bilder und träumt von einem Dasein als Künstlerin. Als sie für den Maler Louis Frost Modell stehen soll und von ihm unterrichtet wird, eröffnet sich ihr eine völlig neue Welt: Künstlerische Meisterschaft, persönliche Entfaltung und die Liebe zu Louis stellen ihr Leben auf den Kopf. Sie ahnt jedoch nicht, dass sie einen heimlichen Verehrer hat. Einen Verehrer, der seinen ganz eigenen, dunklen Plan verfolgt.


Inhaltswarnung:
Tod von Tieren und Tierquälerei, Krankheit und Tod, sexuelle Gewalt, Gewalt gegen Kinder, Tod von Kindern

Meine Gedanken

“The Doll Factory” ist ein schwieriges Buch, das seine Leser_innen sicherlich finden wird. Mich konnte der Roman leider nicht abholen. Erwartet hatte ich mir atmosphärischen Gothic-Grusel, bekommen habe ich jedoch einen typisch auf düster und schmutzig getrimmten Victoriana-Thriller, dessen eigentlich schillerndes Setting – London in den 1850er Jahren, zur Zeit der Weltausstellung im Crystal Palace – ganz bewusst mit einer Schicht aus Straßenschmutz und Genre-Klischees überzogen wurde, auf eine Weise, die zumindest mir viel zu gewollt daherkam.

Deshalb auch gleich als Warnung: Wer reißerische Gewaltdarstellungen und konstruierte Schockmomente nicht mag, wird mit “The Doll Factory” nicht glücklich werden. Es gibt viele graphische Beschreibungen von Silas’ Arbeit als Präparator und vor allem von Tierquälerei, die ich sehr abstoßend zu lesen fand, die mir lange schwer im Magen lagen und wegen denen ich das Buch beinahe abgebrochen hätte. Alles hier ist düster, dreckig und böse, auf eine Weise, die auf die falsche Weise mitnehmen und beschäftigen kann.

London 1850: Lustige Bohème und Victoriana-Klischees

“Lady Lilith”, Dante Gabriel Rossetti, 1866-68

Dieses Setting steht im Kontrast zum Thema des Romans: Der Revolution in der Kunstwelt, unter anderem ausgelöst durch die präraffaelitische Bruderschaft, deren an mittelalterliche Kunst angelehnte Bilder für Furore sorgten. Auch Iris, die Protagonistin, möchte Malerin werden und kündigt ihren harten Job in der Puppenmanufaktur um dem fiktiven Maler Louis Frost Modell zu stehen. Die Szenen in Louis’ Atelier, in denen Iris Modell steht oder selbst malt, haben mir am Roman tatsächlich am besten gefallen. Ich habe mir oft gewünscht, der Roman hätte sich vollends auf Iris’ Malerei konzentriert und den Thriller-Twist sein gelassen.

Leider steckt der Roman aber auch hier voller Klischees, die mir den Spaß vollends verdorben haben. Das Frauenbild des Romans ist unterirdisch. Iris findet nicht in ihrer Malerei ihre Freiheit, sondern ausdrücklich in ihrer Beziehung mit Louis, die beinahe missbräuchlich wirkt, wenn man bedenkt, dass Louis ein reicher, launischer Mann ist, der nicht nur die mittellose Iris aushält, sondern ihr auch seine Ideale aufdrängt, viele Geheimnisse vor ihr hat und sie immer wieder verletzt, was die Autorin jedoch nie reflektiert. Am Ende ist es oft Iris, die sich ihrer “Eifersucht” und “Engstirnigkeit” wegen bei Louis entschuldigt.

Die Romantisierung und Idealisierung der Präraffaeliten hat mir ebenfalls nicht gefallen. Sie werden als freigeistige Visionäre, fast schon wie Hippies, dargestellt, während ihre Fetischisierung von rothaarigen Frauen (Alle Modelle waren rothaarig, ebenso wie die fiktive Iris im Roman) elegant auf Silas abgedrückt wird und bei ihm als etwas Gruseliges dargestellt wird, bei Louis Frost oder historischen Persönlichkeiten wie Dante Gabriel Rossetti, Holman Hunt und John Millais aber nicht. Die Frauen der Bewegung fallen mal wieder komplett unter den Tisch oder werden auf plappernde Malermodelle reduziert. Lizzie Siddall deserved better.

Gothic ohne das, was Gothic ausmacht

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich solche Probleme mit “The Doll Factory” hatte, und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass mir eine klare Botschaft fehlt, eine Aussage, ein Mehrwert am Ende, der all diese Gewalt erklärt. Der Roman möchte Gothic sein, ein Schauerroman: Die besten Gothic-Romane verstecken im Unheimlichen und Abstoßenden aber Parallelen zu und vor allem Kritik an ihrer Gesellschaft. “The Doll Factory” tut das nicht. Es geschehen schlimme Dinge, Gewalt wird verübt, Tiere und Menschen sterben, aber alles, was diese Szenen auslösen sollen, sind Schock- und Ekelreaktionen.

Ich habe etwas anderes erwartet. Eine düstere, dicht erzählte Gothic-Geschichte über die Präraffaeliten, ihre Welt, das Frauenbild des aufblühenden viktorianischen Zeitalters, darüber, wie das alles zusammenspielt. Bekommen habe ich aber einen leider recht flach recherchierten Victoriana-Thriller, der sich in abstoßenden Szenen ergeht und Gewalt beschreibt, einfach, weil er schockieren möchte. Gefallen haben mir die Szenen, in denen Iris tatsächlich gemalt hat, doch auch diese wurden überschattet vom ungerechten Umgang der Präraffaeliten mit ihr, der nie reflektiert wurde. Deshalb bleibe ich von diesem Roman eher enttäuscht zurück.


Vielen Dank an den Eichborn-Verlag und NetGalley für das Bereitstellen des Rezensionsexemplares. 


The Doll Factory | Eichborn, 2020 | 978-3-8479-0043-6 | 412 Seiten | Deutsch | Übersetzerin: Eva Bonné | OT: The Doll Factory, 2019

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