Die 1920er sind den meisten sicherlich ein Begriff: Das Partyjahrzehnt zwischen den beiden Weltkriegen, selbstbewusste Flapper in kurzen Kleidern, Charleston und Jazz. Tatsächlich sind die goldenen Zwanziger aber auch das Jahrzehnt, zu dem es die meisten modischen Irrtümer und Mythen gibt. Denn, wenn man sich einen Flapper vorstellt, denkt man meistens an kurze Haare, ein enges, freizügiges Glitzerkleidchen, auffälliges Make-Up und ein Kopfband mit Feder. So sahen die Zwanziger aus. Oder?

Heute möchte ich euch die echten Trends des Jahrzehnts ein bisschen näherbringen und vor allem erklären woher diese Trends kamen und welche gesellschaftlichen Veränderungen ihnen zugrunde lagen. Denn natürlich haben historische Medien unsere Idee von den goldenen Zwanzigern stark beeinflusst. Aber was an “The Great Gatsby” (2013) oder “Babylon Berlin” (2017-) ist authentisch? Und wobei wurden sich vielleicht ein paar Freiheiten erlaubt oder echte Zwanzigertrends überspitzt dargestellt?


1. Die 1910er: Von der Titanic-Ära ins Partyjahrzehnt

Links: Abendkleid, ca. 1913 (Met Museum) | Mitte: Abendkleid, ca. 1918 (Met Museum) | Rechts: Abendkleid, 1921 (Meadow Brook Hall Historic Costume Collection)

Um die rigorosen gesellschaftlichen und modischen Veränderungen der 1920er Jahre zu verstehen, muss man erst einmal einen Blick in die 1910er werfen, denn hier liegen die Gründe für den großen Umsturz um 1920 versteckt. Zwei einschneidende Ereignisse erschütterten die westliche Gesellschaft in den späten 1910ern maßgeblich: Der Erste Weltkrieg (1914-1918) und die Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 rund 3-5% der gesamten Weltbevölkerung das Leben kostete.

Die 1910er sind also in jeder Hinsicht eine Zeit des Übergangs: Zu Beginn des Jahrzehnts werden die konservativen Werte der Belle Époque noch großgeschrieben. Röcke sind bodenlang, Taillen sind eingeschnürt, Pastellfarben werden bevorzugt. Die Titanic-Ära legt Wert auf ein fast schon hyperfeminines Auftreten. Der Krieg schiebt dieser Mode jedoch den Riegel vor. Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten müssen und wollen nun die Arbeit der im Krieg gefallenen oder verwundeten Männer übernehmen: Dafür brauchen sie praktischere Mode.

Schon in den letzten Jahren der 1910er sind die Röcke deshalb oft nur noch wadenlang. Die Mode wird schlichter, passt sich den düsteren Zeiten an. Gleichzeitig wird die Mode jedoch besonders in der Modehauptstadt Paris bereits jetzt auch experimenteller: Designer Paul Poiret spielt bereits ab 1914 mit natürlichen Taillen und den geometrischen und orientalischen Schnitten und Mustern, die in den 1920er Jahren den Ton angeben werden. Auch die Frauenbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wirkt sich stark auf die Mode aus.

Im Jahr 1920 geschieht also tatsächlich beinahe pünktlich zum Wechsel in das neue Jahrzehnt ein scharfer Bruch mit alten Konventionen. Eine neue Generation junger Menschen ist durch den Krieg und die Spanische Grippe im Wissen aufgewachsen, dass das Leben kurz sein kann und die alten konservativen Ideale der Belle Époque überholt sind. Diese jungen Menschen möchten nach der düsteren Zeit feiern und das Leben genießen. Sie sind es, die das neue Lebensgefühl der 1920er mit seinen gelockerten Moralvorstellungen und seiner Feierlaune prägen.


2. Das “Flapperkleid”: Neue Mode gegen alte Konventionen

“Flapperkleider” | Links: Abendkleid, Molyneux, ca. 1925 | Mitte: Abendkleid, Poiret, 1925 | Rechts: Abendkleid, ca. 1925 (Met Museum)

So entsteht auch das Image des Flappers bereits in den 1910er Jahren: Der Flapper ist eine moderne, selbstbewusste junge Frau, die sich nicht mehr von überholten Moralvorstellungen einschränken lässt. Besonders frühe Hollywoodschauspielerinnen und It-Girls der 1910er wie Olive Thomas (1894-1920) oder die Tänzerin Violet Romer (1886-1970) gelten als Wegbereiterinnen der Flapper der 1920er: Sie tun das, was früher Männern vorbehalten war: Tanzen gehen, flirten, rauchen, Alkohol trinken.

Die Flappermode ist demnach auch ganz bewusst ein Kontrast zur sehr weiblichen Mode der Titanic-Ära: Die natürliche Taille kommt zum ersten Mal seit 90 Jahren wieder in Mode. Wo Brust und Hüften zu Beginn der 1910er noch betont wurden, werden sie jetzt kaschiert, um eine möglichst androgyne Figur zu erreichen. Das modische Kleid der 1920er Jahre sitzt deshalb sehr lose und fällt grade bis knapp unter das Knie, die Taille sitzt tief, auf oder sogar unterhalb der Hüften, und kann durch einen Gürtel oder ähnliches betont sein.

Der Flapper möchte auffallen: Abend- und Partykleider, die typischen “Flapperkleider”, kommen meist in bunten, intensiven Farben und glitzern, ob sie mit Metallfäden durchwirkt sind, oder mit Strasssteinen benäht. Die Mode orientiert sich außerdem stark an den Architekturtrends des Jahrzehnts: Bauhaus und Art Deco geben die geometrischen Linien von Schnitten und Dekorationen vor und bilden einen scharfen Kontrast zum weichen Jugendstil der Belle Époque.

Tatsächlich wurde diese Flappermode nicht als kontrovers wahrgenommen, weil sie freizügig ist: Bis auf den dezent kürzeren Rock ist die Mode der 1920er mit der androgynen Linie sogar deutlich weniger freizügig als die figurbetonte Mode der vorherigen beiden Jahrzehnte. Genau dieser deutliche Kontrast zur hyperfemininen Mode der Titanic-Ära macht die Mode der goldenen Zwanziger aber zum Skandalthema, denn sie lehnt alte Geschlechterrollen und Idealbilder der Belle Époque rigoros ab und sagt aus, dass auch ihre Träger.innen es tun.


3. Die Zwanziger im Alltag: Pullover, Bluse und Cardigan

Alltagsmode | Links: Tageskleid, 1926 (Meadow Brook Hall Historic Costume Collection) | Mitte: Junge Frau in Pullover und Faltenrock, 1920er | Rechts: Tageskleid, 1928 (Met Museum)

Ein paar modische Irrtümer habe ich jetzt vielleicht schon aufklären können: Die Mode der 1920er ist gar nicht so freizügig wie gedacht und die Röcke enden bei modischen Kleidern immer unterhalb des Knies. Der Flapper möchte weniger feminin und herkömmlich sexy wirken, sondern eher androgyn und selbstbewusst. Aber natürlich ist auch nicht jede.r um 1925 ein Flapper. Vor allem ist wichtig, dass das typische Flapperkleid mit den kurzen Ärmeln nichts für den Alltag ist: Es ist ein Party- oder Abendkleid, das zu Tanzfeiern, Bällen und formellen Anlässen getragen wurde.

Im Alltag trugen Flapper und andere modische Träger.innen meistens lange Ärmel, etwas längere Röcke und schlichtere Kleider – Eine Konvention, die tatsächlich aus der Belle Époque übrig geblieben ist. Sehr beliebt war auch die Kombination aus Rock und Pullover, wobei der Pullover meist über die Hüften reicht, um die tiefe Taille der Flapperkleider nachzuahmen. Auch Blusen und lange Cardigans liegen im Trend. Und egal ob im Alltag oder zur Tanzparty: Dunkle und/oder hautfarbene Strümpfe aus Seide oder aus preiswerterer Viskose sind ein Muss.

Was die Rocklänge angeht, kam es außerdem auch viel auf den Geschmack der Träger.innen an oder auf den Anlass. Zu einem sehr formellen Ball würde wohl auch der selbstbewussteste Flapper ein längeres Abendkleid tragen, zu einer Tanzparty aber natürlich eher einen kurzen Rock, in dem Fox-Trot, Charleston, Samba oder Lindy Hop getanzt werden konnten. Zum Stadtbummel trug man meistens lange Ärmel und Rock und Pullover, zu etwas formelleren Besuchen am Tag wohl eher ein hübsches Tageskleid. Der Anlass entscheidet über die Kleidung.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die 1920er in Alltags- und Abendmode Weiblichkeit neu definieren. Sie lehnen die verspielte, als feminin bewertete Romantik der Belle Époque ab, weil diese mit den alten, einschränkenden Konventionen verbunden wird. Stattdessen setzen sie auf Selbstbewusstsein und vor allem Selbstbestimmung. Ich würde sagen, dass das Ziel der Mode um 1925 nicht länger war hübsch und/oder sexy auszusehen, sondern vor allem selbstbewusst. Dass das viele Menschen oben drauf aufregend und attraktiv fanden, ist aber auch klar.


4. Korsett, Bustier und Teddy: Die Unterwäsche der goldenen Zwanziger

Links: Hüftgürtel/Korsett, ca. 1925 (Met Museum) | Mitte: Junge Frau in Bustier, Hüftgürtel und dunklen Strümpfen, 1920er | Rechts: “Teddy”, ca. 1925 (Met Museum)

Die Unterwäsche der goldenen Zwanziger wird sicherlich einige überraschen, denn die Idee, dass die Menschen in den 1920er Jahren das Korsett aus ihren Kleiderschränken verbannt hätten, ist sehr weit verbreitet. Tatsächlich ist das aber ein Irrglaube. Es stimmt, dass das taillierte Korsett des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht mehr getragen wurde, denn die hyperfeminine Wespentaille war out. Doch auch für die neue androgyne Linie mussten besonders Frauen mit viel Brust oder breiten Hüften weiterhin schnüren.

Die neuen Korsetts und Hüftgürtel schnürten nicht ein, sondern drückten die Taille breiter und die Hüften und Kurven schmaler. Auch Bustiers, mit denen die Brust schmaler geschnürt wurde, wurden viel getragen. Einige Frauen trugen natürlich auch beides, je nachdem was kaschiert werden musste, um die neue Idealfigur zu erreichen. Wer von Natur aus mit der androgynen Figur gesegnet war, konnte jedoch auch getrost auf viel Unterwäsche verzichten und trug ein nicht schnürendes Brassière zu Unterhosen und Chemise oder Camisole.

Im Verlauf der 1920er wurde auch das bereits in den 1910ern aufgekommene “Teddy” immer beliebter: Ein einziges Kleidungsstück, das Chemise und Unterhose vereinte, sodass nicht mehr zwei Kleidungsstücke nötig waren. Die “Teddys” waren leichter zu tragen und trugen vor allem unter dem Kleid nicht so sehr auf. Unterwäsche konnte aus Leinen oder Baumwolle sein, doch die künstliche Viskose wurde immer beliebter: Sie war nicht nur günstiger, sondern auch weicher und leichter zu reinigen.

Auch die 1920er kennen also strenge Schönheitsideale, die wohl sogar schwerer zu erreichen sind, als die der Belle Époque. Wer nicht von Natur aus schlank und androgyn gebaut war, musste sich nun deutlich stärker einschnüren, als es das Stundenglaskorsett der Belle Époque getan hätte. Es ist also wirklich eher die Verbindung mit konservativem Moralempfinden, die Belle-Époque-Mode verschrien macht. Die Mode der 1920er ist bei Weitem nicht für alle Träger_innen befreiender oder einfacher zu tragen.


5. Der Bob: Kurze Röcke und kurze Haare?

Links: Louise Brooks, 1920er | Mitte: Junge Frau mit Faux Bob, ca. 1920er | Rechts: Lillian Gish, ca. 1920

Der Bob: Die Kurzhaarfrisur ist zu Beginn der 1920er aus demselben Grund ein kontroverses Statement, wie es die kurzen, androgynen Kleider sind. Der Bob geht gegen alles, was den strengen Geschlechterrollen und Konventionen der Belle Époque wichtig war. Bis in die 1910er Jahre gilt das lange, gesunde Haar als Krone der Frau. Es ist ihr größter Schatz und drückt ihre Weiblichkeit aus. Genau deshalb schneidet der Flapper sein Haar ab, denn nach Jahrzehnten der Unterdrückung von Frauen mithilfe solcher Sinnbilder wie dem langen Haar ist es ein feministisches Statement sich nicht weiter über ideale Weiblichkeit definieren zu lassen.

Deshalb lässt man sein Haar auch symbolisch beim Herrenfriseur in aller Öffentlichkeit zum Bob schneiden. Schon 1914 ist die amerikanische Tänzerin und Proto-Flapper Irene Castle Wegbereiterin und lässt sich ihr Haar kinnlang schneiden. In den 1920er Jahren folgen Flapper-Idole wie Louise Brooks und Clara Bow. Man könnte fast meinen jede.r hätte um 1925 kurze Haare getragen, doch das wäre weit gefehlt. Besonders in den frühen 1920ern ist der Bob noch nicht wirklich gesellschaftsfähig und vor allem weiß niemand, wie lang der Trend wirklich anhält.

Viele junge Frauen, auch Flapper, sind deshalb unentschlossen… und täuschen den Bob einfach vor, indem sie ihr langes Haar so aufstecken, dass es wie ein Bob aussieht. Dieser Faux Bob ist auf Fotos nicht immer als solcher zu erkennen: Er war so beliebt, dass in Magazinen dutzende Anleitungen dazu gedruckt wurden, wie man einen Faux Bob so aufsteckt, dass das Haar wirklich wie ein echter Bob aussieht. Bobs konnten darüber hinaus glatt sein, wie der von Louise Brooks, sanft gewellt oder wild gelockt. Alles war möglich.

Tatsächlich war der Bob die Trendfrisur des Flappers, aber nicht die einzige Trendfrisur der 1920er: Besonders in den frühen 1920ern waren die langen Korkenzieherlocken, durch Schauspielerinnen wie Mary Pickford, Olive Thomas und Lillian Gish beliebt gemacht, der späten 1910er immer noch großer Trend, besonders, aber nicht nur bei jungen Frauen aus konservativeren Familien. Hollywood-Ikone Mary Pickford trug ihre langen Locken selbst bis 1928, also fast für die gesamten 1920er, als auch sie sich einen kurzen Bob schneiden ließ. Lillian Gish blieb den Korkenzieherlocken und dem Faux Bob treu.


6. Perlenkette und Cloche: Weniger ist mehr

Links: Marcella Albani mit Perlenkette, 1929 | Mitte: Cloche, ca. 1924 (Met Museum) | Rechts: Junge Frau mit Cloche und kurzer Perlenkette, 1920er

Eine weitere Überraschung habe ich noch in petto: Die 1920er verzichten sehr gern auf Schmuck und Accessoires. Besonders im Alltag war es durchaus en vogue außer Handtasche, Hut und Perlenkette komplett ohne Accessoires das Haus zu verlassen. Sogar auf Abendveranstaltungen konnte man auf jegliche Art von Schmuck verzichten und die aufwendigen, glitzernden Kleider für sich sprechen lassen. Seinen Reichtum und sozialen Status durch teure Juwelen auszudrücken war den Menschen der 1920er viel zu Belle Époque.

Die lange Perlenkette war jedoch tatsächlich ein Trend-Accessoire des Jahrzehnts, doch diese musste nicht teuer sein. Meistens bestand sie aus gefärbten Glasperlen und war demnach für fast jede.n erschwinglich. Ob lang oder kurz getragen oder gleich mehrere Perlenketten auf einmal: Diese Kette ist ein 1920er-Klischee, in dem sehr viel Wahrheit steckt. Darüber hinaus waren Tropfenohrringe in Mode, Armbänder und geometrische Halsketten, alles aus Glas, Plastik oder anderen günstigen Materialien.

Die 1920er behalten noch ein paar andere Konventionen der eigentlich als rückständig betrachteten Belle Époque bei: So wurde das Haus auch in den 1920er Jahren niemals ohne Handschuhe und Hut verlassen. Zu formellen Abendveranstaltungen trug man ellbogenlange weiße Handschuhe, im Alltag waren dunklere Handschuhe, die am Handgelenk mit einem Knopf geschlossen wurden, beliebter. Somit ist die junge Frau oben rechts in ihrem langärmligen Tageskleid mit Hut und Handschuhen perfekt gekleidet um das Haus zu verlassen.

Der beliebteste Hut des Jahrzehnts ist, natürlich, der Cloche, auch Glockenhut genannt. Er wird tief in der Stirn getragen und liegt eng an, kann darüber hinaus aber alle Formen und Farben annehmen. Von der simplen Haube ohne Krempe bis hin zum extravaganten, mit Federn geschmückten Ausgehhut kann der Cloche alles. Weitere beliebte Accessoires sind natürlich besonders für Flapper der lange Zigarettenhalter und der Flachmann in der Handtasche oder im Strumpfband: Rauchen und Trinken, zuvor Männern vorbehalten, gehören zum Lebensstil des Flappers.


Abschluss: Zwischen Selbstbestimmung und Idealbildern

Streetstyle in den 1920ern: Interessant ist vor allem die ältere Frau ganz links, die Flappermode trägt, aber einen bodenlangen Rock bevorzugt

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Post helfen, die sehr überspitzten Flapper-Klischees aus den historischen Medien ein Stück weit hinter euch zu lassen. Die Zwanziger sind deutlich ambivalenter als sie oft dargestellt werden, und genau das ist das Schöne an ihnen. Junge, selbstbewusste Frauen erkämpfen sich endlich das Recht auf Selbstbestimmung und Individualität, das ihnen zuvor verwährt geblieben war, und das ist wohl auch die größte Errungenschaft der Flapperbewegung der goldenen Zwanziger Jahre.

Die Mode der 1920er Jahre sagt alten Konventionen und Geschlechterrollen den Kampf an. Die androgyne Figur und das kurze Haar sind eine direkte Reaktion auf die Idealisierung von hyperfemininen Formen der Belle Époque, die damals mit Unterdrückung und Entmündigung verbunden wurden. Trotzdem muss auch gesagt werden, dass der verruchte, selbstbewusste Flapper bald zum neuen Ideal wurde, in das junge Frauen mit Macht passen sollten. Ein Ideal, das deutlich mehr Freiheiten erlaubte, aber immer noch ein Ideal.

Das lässt sich wohl gut damit zusammenfassen, dass Flapper-Ikone Louise Brooks die konservativere Lillian Gish abwertend als “silly” und “sexless” bezeichnete. Die 1920er entdecken die Selbstbestimmung, doch die Flapper-Bewegung existiert trotzdem weiterhin in einer misogynen Gesellschaft, die den Flapper einerseits skandalisiert und andererseits zum neuen Ideal erhebt. Weiterhin gibt es die richtige Figur, die man haben sollte, die richtigen Kleider, die richtige Frisur und natürlich den richtigen Lebensstil, es ist nur ein anderer als vor zehn Jahren.

Hinzu kommt, dass “Flapper sein” – und echte Selbstbestimmung – für viele Frauen auch in den goldenen Zwanzigern unerreichbar blieben, ob aus finanziellen Gründen, durch ihr einschränkendes Umfeld oder einfach, weil sie nicht in den großen Städten lebten, in denen Kultur und Nachtleben florierten. Das “Jazz Age” bietet – gesellschaftlich und modisch – neue Freiheiten für junge Frauen, doch diese stehen längst nicht allen offen und sind weiterhin mit Privilegien verbunden, die nicht jede.r innehatte. Die 1920er haben die Konventionen der Belle Époque also abschütteln wollen. Komplett gelungen ist es ihnen jedoch nicht.


Falls ihr noch mehr über die 1920er erfahren möchtet, schaut unbedingt bei Sabine von Ant1heldin vorbei, die in diesen Wochen ein großes Special zu diesem Jahrzehnt veranstaltet. Sie hat sich bereits mit der Frage beschäftigt, warum die Zwanziger uns so sehr faszinieren und sich auch schon das Frauenbild der goldenen Zwanziger genauer angesehen.


Beitragsbild: Esther Ralston auf dem Cover von “Photoplay”, April 1928