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Historische Romane

“Die Nachtmalerin” von Carrie Callaghan

Haarlem, 1633, das Goldene Zeitalter der Niederlande. Längst haben sich Maler wie Rembrandt und Frans Hals einen Namen gemacht. Sie organisieren sich in Gilden, die strikt den Männern vorbehalten sind. Doch eine junge Frau will das nicht akzeptieren: Judith Leyster, eine Malerin mit Leidenschaft und großem Talent. Eine Frau, die für eine Aufnahme in die Gilde alles geben würde. Um ihr Ziel zu erreichen, schert sie sich weder um gesellschaftliche Normen noch um die Gerüchte, die bald in der Stadt über die aufmüpfige Judith kursieren. Doch schon bald muss sie erkennen, dass die mächtigsten Männer der Gilde vor nichts zurückschrecken und eine finstere Intrige spinnen, um sie von ihrem Traum fernzuhalten …


Inhaltswarnung:
Sexualisierte Gewalt, graphische Gewaltdarstellungen, graphische Darstellungen von Krankheit

Meine Gedanken

“Die Nachtmalerin” ist eine Romanbiografie der Malerin Judith Leyster (1609-1660), die in den 1630ern eine der ersten weiblichen Malerinnen war, die in die Haarlemer Gilde aufgenommen wurde. Obwohl ihre Bilder zu Lebzeiten sehr beliebt waren, geriet sie schon kurz nach ihrem Tod in Vergessenheit und ihre Werke wurden dem Niederländischen Meister Frans Hals zugeordnet. Erst 1893 wurde der Irrtum im Louvre aufgedeckt. Jetzt legt Carrie Callaghan einen wunderbaren Roman über eine interessante Frau vor.

Es ist mir lang nicht passiert, dass ein historischer Roman mich dazu gebracht hat das Buch kurz wegzulegen um zu googeln, welche Personen es tatsächlich gegeben hat, doch “Die Nachtmalerin” ist so ein Buch. Die Autorin verwebt sehr geschickt die echte Geschichte der Judith Leyster mit fiktiven Versatzstücken, die auch nötig sind, da über Leyster und ihr Leben leider nicht mehr allzu viel bekannt ist. Dasselbe gilt für die zweite Protagonistin, die Malerin und Tochter von Judiths Lehrmeister Maria de Grebber.

Manchmal, besonders in Marias Fall, fand ich die fiktiven Entwicklungen zwar spannend, aber etwas weit hergeholt. Judiths Geschichte hingegen hat mich wirklich begeistern können. Nicht nur ihr historisch authentisch und gut recherchiert dargestellter Weg von der Schülerin zur Meisterin, auch die fiktiven Konflikte zwischen ihr und ihrem verantwortungslosen Bruder Abraham und dem mysteriösen Kriminellen Lachine fand ich spannend und dicht erzählt, sie haben sich in die wahren Begebenheiten nahtlos eingefügt.

Gekonnter Mix aus historischen Fakten und fiktiven Ideen

Detailansichten von drei Gemälden von Judith Leyster, die im Roman eine große Rolle spielen | Links: Pekelharing, 1629 | Mitte: Selbstportät Leysters, ca. 1630 | Rechts: Das Angebot, 1631

Auch der Schreibstil hat mich begeistert, obwohl ich mich zuerst an ihn gewöhnen musste. Carrie Callaghans Stil ist weit entfernt von dem oft gezwungen altmodischen Ton, der im Genre so beliebt ist. Sie schreibt nüchtern und schlicht und es gelingt ihr wunderschöne, klare Bilder von Haarlem mit seinem Kanal, seinen düsteren Spelunken und seinen vielen Kunstwerkstätten zu malen. Kleidung, Malwerkzeuge, Gemälde, alles wird gekonnt in Szene gesetzt, sodass der Roman für richtiges Kopfkino sorgt.

Auch die historischen Hintergründe sind wunderbar eingebunden. Ohne großes Vorwissen über die Epoche findet man sich in Haarlem im Jahr 1633 bald zurecht, versteht die Stellung des Kunstmarktes in der Stadt und kann Judith auf ihrem Weg zum eigenen Meistertitel und eigener Werkstatt begleiten. Das Auge der Autorin für historische Details und die gelungenen Beschreibungen, die auch den gleichzeitig schillernden und düsteren Zeitgeist der Epoche (Barock, Vanitas, Goldenes Zeitalter etc.) einfangen, sind großartig.

Hier und da nimmt sich die Autorin einige Freiheiten, die sie im Nachwort auch fast alle erklärt und die ich gelungen und sinnvoll fand, weil sie zum dichten roten Faden des Romans beitragen. Nur ein paar Kleinigkeiten fand ich nicht so überzeugend, besonders, dass Sara van Baalbergen nirgends erwähnt wird. Sie war die erste Frau, die in die Haarlemer Gilde aufgenommen wurde. Im Roman ist es Judith. Ich finde, es hätte von Judiths Mut und ihrer großen Leistung nichts weggenommen, auch die Leistung Saras zu ehren.

Auch sehr schade fand ich, dass man in die Gefühls- und Gedankenwelt beider Protagonistinnen kaum einen Einblick bekommt. Judith trifft im Verlauf des Romans Entscheidungen, die schlimme Konsequenzen haben. Was sie darüber denkt und ob es sie verfolgt wird leider nicht angesprochen. Und die gläubige Katholikin Maria verbringt den gesamten Roman damit, ihre Sünden mit guten Taten ausgleichen zu wollen, doch man erfährt als Leser.in bis zum Ende nicht, was genau sie überhaupt getan hat. Das bleibt ihr Geheimnis.

Zwei Kritikpunkte… 

Das ist auch einer meiner beiden Kritikpunkte am Roman: Maria de Grebber. Über die echte Maria ist wenig bekannt und ich fand Carrie Callaghans fiktive Version von ihr sehr interessant, konnte aber beim besten Willen nicht nachvollziehen, was sie antreibt und beinahe schon selbstzerstörerisch nach Vergebung suchen lässt. Was hat sie getan? Darüber hinaus fand ich ihren Handlungsstrang, der sie erst nach Leiden und dann nach Den Haag führt, leider etwas zu weit hergeholt. Hier hat mir einfach eine konsistente Motivation für ihre Handlungen gefehlt.

Mein zweiter Kritikpunkt ist, dass “Die Nachtmalerin” sehr lasch mit sexueller Gewalt umgeht. Das ist ein Problem, das viele Romane des Genres haben, und auch dieser ist leider keine Ausnahme. Es gibt einen Übergriff auf Maria in den ersten 10% des Romans und während sie hin und wieder darüber nachdenkt, was passiert ist, findet auch hier mal wieder keine sensible, angemessene Aufarbeitung eines solchen Erlebnisses statt, sodass ich mich frage, warum es überhaupt vorkommen musste und mir wünsche, es wäre einfach weggelassen worden.

Ein tolles Porträt einer Künstlerin und ihrer Epoche

Alles in allem hat mir “Die Nachtmalerin” jedoch sehr gefallen. Es ist ein ungewöhnlicher historischer Roman, der die wahre Geschichte von Judith Leyster und Maria de Grebber mit meistens interessanten, spannenden fiktiven Ideen vermischt. Daraus ergibt sich ein dichter, atmosphärischer Roman, der Haarlem im Goldenen Zeitalter, seine vielen Künstler.innen und seinen Kunstmarkt einfängt, aber darüber hinaus auch eine spannende Geschichte erzählt, in der sogar die ein oder andere unterhaltsame Intrige vorkommt.

Ich hätte mir gewünscht, einen größeren Einblick in die Gedanken beider Heldinnen zu bekommen, da ich oft nicht nachvollziehen konnte, warum Judith und Maria handeln, wie sie handeln, oder was genau sie fühlen und denken, doch trotzdem hat Carrie Callaghan mit “Die Nachtmalerin” eine tolle fiktive Aufarbeitung der Geschichte von Judith Leyster geschaffen, die nicht nur Judiths Werdegang erzählt, sondern auch authentisch und mit einem Auge für Details Haarlem im Goldenen Zeitalter einfängt.

Ich würde den Roman deshalb vor allem Leser.innen empfehlen, die sich für die Epoche oder für Kunstgeschichte interessieren, denn die Arbeit in den Werkstätten in den Niederlanden im 17. Jahrhundert wird regelrecht lebendig, aber natürlich nicht nur denen. Allen auf der Suche nach einem atmosphärischen, gekonnt erzählten historischen Roman, der nicht nur Biografie ist, sondern nebenbei auch eine packende Handlung zu bieten hat, würde ich das Buch auf jeden Fall ans Herz legen.


Vielen Dank an NetGalley und den HarperCollins-Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplars. 


Die Nachtmalerin | HarperCollins, 2020 | 9783959673648 | 384 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Sabine Schilasky | Originalausgabe: A Light of Her Own, 2018

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