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Historische Romane

“Träume von Freiheit: Flammen am Meer” von Silke Böschen

An einem sonnigen Wintermorgen 1875 herrscht großer Andrang im Hafen von Bremerhaven. Gleich wird die »Mosel« ablegen. Ihr Ziel: New York. Plötzlich zerreißt ein Knall die Luft. Menschen, Tiere, ganze Fuhrwerke werden durch die Luft geschleudert. Eine Dynamit-Explosion mit vielen Toten und Verletzten. Die »Thomas-Katastrophe« macht weltweit Schlagzeilen. Beim Begräbnis stehen sich zwei Frauen gegenüber. Die eine hat gerade fast ihre gesamte Familie verloren. Die andere ist die Ehefrau des »Dynamit-Teufels«. Beide Frauen beginnen ein neues Leben, bis die eine, Jahre später, unvermittelt in New York vor der Tür der anderen steht …


Inhaltswarnung:
Blut/Gore (graphische Beschreibung von Explosionstoten in den ersten Kapiteln), PTBS, suizidale Gedanken, Tod/Trauer, häusliche Gewalt

Meine Gedanken

Dieses Buch ist mir ins Auge gefallen, weil ich über die Thomas-Katastrophe im Rahmen meiner Masterarbeit (zur Auswanderung über Bremerhaven im 19. Jahrhundert) etwas gelesen hatte. Für meine Arbeit konnte ich zum Thema weniger schreiben, aber es hat mich interessiert, weshalb ich dieses Buch bei NetGalley angefragt habe. Titel und Cover haben mich eine Familiengeschichte erwarten lassen, doch tatsächlich verbirgt sich dahinter die gut recherchierte, dicht erzählte Geschichte zweier interessanter, historisch belegbarer Frauen.

Auf der einen Seite steht die zum Zeitpunkt der Katastrophe 20-jährige Johanne Claussen, die bei der Explosion im Hafen ihre Eltern, beide Brüder und ihren Ehemann verliert und sich allein mit ihrer Babytochter Elsie widerfindet. Auf der anderen Seite steht Cecilia Thomas, die Frau von William King Thomas, der für die Katastrophe verantwortlich ist. Sie muss herausfinden, was William ihr alles nicht erzählt hat, und plötzlich ein Leben navigieren, in dem sie von ihrer Gesellschaft als Frau eines Attentäters geächtet wird.

Ernste Themen historisch authentisch aufgearbeitet

Tatsächlich ist der Roman sehr gut recherchiert. Es gibt ein langes Nachwort, in dem Silke Böschen die wahren Hintergründe ihrer Figuren erklärt und auch aufführt, was sie sich selbst ausgedacht hat, weil sich die wahre Geschichte natürlich irgendwo verliert. Man merkt dem Roman an, wie viel Recherche und Arbeit in ihn geflossen ist. Nicht nur die Figuren selbst wirken lebendig, sondern auch die Epoche und die historischen Stadtbilder – Bremerhaven, Dresden, New York -, sowie natürlich der Anschlag auf das Auswandererschiff “Mosel”.

Böschens angenehmer Schreibstil und die vielen gekonnt eingebundenen historischen Details und Informationen sorgen dafür, dass der eigentlich sehr ruhig aufgebaute Roman immer spannend und interessant bleibt. Viel Action gibt es nicht. Nach dem Anfang, in dem die furchtbare Katastrophe im Hafen von Bremerhaven sehr graphisch beschrieben wird, beruhigt sich die Handlung und verfolgt seine beiden gegensätzlichen Heldinnen durch die nächsten rund fünf Jahre nach dem Verbrechen, das ihre beiden Leben grundsätzlich verändert.

Ein bisschen schade finde ich, dass der Klappentext mal wieder viel voraus nimmt. Ich finde es faszinierend, dass der Roman die Geschichten von Johanne und Cecilia parallel erzählt, ohne, dass sie sich kennen. Das Treffen in New York, das im Klappentext erwähnt wird, findet tatsächlich erst in der letzten Szene des Romans statt und bietet den, wie ich finde, leider etwas lauwarmen Höhepunkt. Das ist auch meine größte Kritik an diesem Roman: Die Handlung ist interessant, aber einen roten Faden gibt es in dem Sinne nicht und es fehlt der Abschluss.

Der Roman behandelt viele Fragen und Themen und er macht das gut: Johannes PTBS nach dem Unglück, den Umgang mit dem Attentat im Amerika und Deutschland des 19. Jahrhunderts, Cecilias Versuche den Mann und Vater, den sie kannte, mit dem Verbrecher, der er wirklich war, in Verbindung zu bringen, das hat mir alles sehr gut gefallen. Der Roman hat Nuancen, die man im Genre nicht so oft findet, er beleuchtet Situationen von allen Seiten und kaum jemand, auch nicht Johanne und Cecilia, sind nur gut oder nur schlechte Menschen.

Zeitsprünge und lose Enden

Leider fand ich das Ende genau deshalb so überstürzt und nicht überzeugend. Ich habe die letzte Szene gelesen und mich gewundert, dass es hier schon vorbei sein soll, dass da nichts mehr kommt, denn ich hatte das Gefühl, dass weder Johannes, noch Cecilias Handlungsstrang ganz zu Ende geführt wurde. Keiner der beiden Frauen gelingt es am Ende Frieden mit dem Unglück und allem, was ihnen zugestoßen ist, zu machen. Mehr möchte ich nicht verraten, aber ich war leider am Ende etwas enttäuscht, dass es keinen richtigen Abschluss gab.

Besonders im Falle von Cecilia fand ich das so schade, weil ich das Gefühl hatte, sie wird immer wieder in eine Antagonistenrolle gesteckt, die zumindest dieser fiktiven Version von ihr (über die echte Cecilia Thomas weiß ich nicht genug, um das zu beurteilen) nicht passt. Cecilia ist verschwenderisch und überheblich, aber am Ende ist sie selbst auch ein Opfer der Machenschaften ihres Mannes und ich hätte mir für sie einfach einen richtigen Abschluss gewünscht, genauso wie für Johanne, für die Cecilia der Inbegriff ihres großen Leids und Verlustes darstellt.

Auch der Aufbau hat mir nicht immer gefallen. Es gibt viele Zeitsprünge, da auf etwas über 400 Seiten fast fünf Jahre abgehandelt werden. Oft enden die Kapitel mit spannenden Cliffhangern, doch dann ist es im nächsten Kapitel ein paar Monate später und es wird nur schnell abgehandelt, was in der Zwischenzeit passiert ist. Manche Jahre bekommen nur ein einziges Kapitel, andere werden viel detaillierter beleuchtet, und vor allem verliert der Roman “über die Jahre” ein bisschen aus den Augen, was er am Anfang gemacht hat: Die Aufarbeitung des Verbrechens in Bremerhaven.

Trotz dieser kleinen Probleme gelingt Silke Böschen jedoch eine sehr nuancierte, historisch authentische “Biographie” eines Unglücks und zwei realer Frauen, die auf unterschiedlichste Weise von ihr betroffen sind. Ich bewundere die Autorin auch dafür, wie viel Recherche sie auf sich genommen hat, um Johanne Claussen und Cecilia Thomas so lebensecht wie möglich darzustellen. Im Nachwort schreibt Böschen sehr richtig, dass die Geschichte von Frauen wie diesen beiden sehr oft verloren geht. Mit “Träume von Freiheit: Flammen am Meer” gelingt es ihr, ein Stück dieser Geschichte wieder zurückzuholen und für moderne Leser.innen spannend aufzuarbeiten.

Ein unbekannteres Kapitel (Frauen)Geschichte

Ich würde diesen Roman daher allen Leser.innen wärmstens empfehlen, die sich für die Geschichte von Frauen, beziehungsweisen den Blick auf historische Ereignisse wie die Thomas-Katastrophe von 1875 oder auch Auswanderungsgeschichte aus weiblicher Perspektive interessieren. Darin brilliert der Roman auch wirklich mit seinen historischen Details, den lebendigen Settings und seiner gelungenen, nuancierten Charakterisierung beider Heldinnen, die beide gute und dunkle Seiten mitbringen.

Ich persönlich war vom Ende und vor allem vom Aufbau ein wenig enttäuscht, fand den Roman aber insgesamt trotzdem sehr spannend, interessant und sehr lesenswert. Der Roman ist ein bisschen anders und sticht zwischen den vielen Familiengeschichten und historischen Krimis, die gerade mehr im Trend liegen, heraus. Ich hoffe, dass Silke Böschen noch weitere historische Romane veröffentlichen wird und würde dieses Buch allen Fans von ruhigen, detailreichen historischen Romanen empfehlen, sowie Leser.innen auf der Suche nach Romanen über echte Geschichte, die noch nicht allzu oft im Roman aufgearbeitet wurde.


Vielen Dank an NetGalley und den Gmeiner-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Träume von Freiheit: Flammen am Meer | Gmeiner, 2019 | 978-3-8392-2464-9 | 439 Seiten | Deutsch

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