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Dress History

Dressing the Regency: Mode zu Jane Austens Zeiten

Der Begriff des “Regency” ist unter Fans von Historienmedien mit ganz bestimmten Bildern verbunden: Romantisch-pastorale Landschaften, Jane Austen, leichte weiße Kleidchen. Tatsächlich beschreibt der Begriff Regency die knapp zehn Jahre, in denen in Großbritannien der spätere George IV. als Prinz für seinen erkrankten Vater George III. regierte: 1811-1820. Oft wird der Begriff jedoch auf 1795-1820 ausgeweitet, um die modisch und politisch zusammenhängende Epoche abzugrenzen. Auf dem europäischen Kontinent beschreibt jedoch der Begriff des “Empire” diese Zeit, der das Direktorat nach der Französischen Revolution (1795-1799) einschließt, sowie natürlich die napoleonische Zeit von 1799-1815, nach der er benannt ist.

Man ahnt es schon: Die Epoche ist nicht so romantisch, wie man meinen möchte, sondern von Krieg, den Atlantischen Revolutionen und politischen Umwälzungen gezeichnet. Die Epoche hält noch die Ideale der Aufklärungszeit des 18. Jahrhunderts hoch: Rationalität, Nüchternheit und persönliche Individualität. Diese politischen und gesellschaftlichen Faktoren übten einen großen Einfluss auf die Mode der Epoche aus, die wir uns heute ansehen werden. Was waren die großen Trends dieser rund dreißig Jahre Modegeschichte? Und welche Mythen, Irrtümer und Klischees halten sich wacker, wenn es um Empire und Regency geht?


1. Das Empirekleid: Mode à la Grecque

Links: Kleid, ca. 1810 (Met Museum) | Mitte: Ida Brun, P.F. von Hetsch, 1803 | Rechts: Tageskleid, 1814 (Met Museum)

Das schlichte weiße Kleid mit der hoch sitzenden Taille ist wohl das bekannteste Symbol für die Epoche, das man in jeder Jane-Austen-Verfilmung sieht: Es war tatsächlich das modische Statement der Epoche. Das typische Empirekleid vereint alle gesellschaftlichen und politischen Impulse der Epoche: Die Taillennaht sitzt direkt unter – und manchmal auf – der Brust, sodass die Röcke natürlich fallen und Taille und Hüfte umspielen: Die natürliche Körperform wird idealisiert. Hier spiegelt sich einerseits das Gedankengut der Aufklärung, denn das Empirekleid hat mit den ausladenden und stark strukturierten Moden des 18. Jahrhunderts nichts mehr zu tun.

Mit dieser alten Mode verband man den alten Adel des Ancien Régime, der während der Französischen Revolution in Ungnade gefallen war. Ein wichtiger Einfluss war jedoch auch das neu erwachte Interesse an der griechischen und römischen Antike, deren Werte man erneut idealisierte. Um 1800 hat sich ein neues Schönheitsideal eingebürgert: Man möchte aussehen wie eine antike Statur, die zum Leben erwacht ist. Das ist das weiße Empirekleid: Nüchtern, rational und natürlich, aber auch inspiriert an die gewickelten Kleider und Togen antiker Menschen. Der antike Einfluss spiegelt sich auch in griechischen Mustern an Rocksäumen und Ausschnitten, sowie in antik inspirierter Frisuren.

Das Empirekleid trägt man niemals auf der bloßen Haut: Das typische weiße Empirekleid ist hauchdünn und oft sogar ganz bewusst durchsichtig, sodass ein Unterkleid aus kostbarem Stoff, das durch den durchsichtigen Musselin oder die dünne Seide schimmert, oft ein Muss ist. Unbedingt trägt man als Unterwäsche jedoch die weiße Chemise. Während die Schnürbrust des 18. Jahrhunderts durch die hoch sitzende Taillennaht nicht mehr benötigt wird um die Taille zu betonen, werden zum Stützen von Brust und Rücken neue Schnürbrüste getragen, die die Brust auch oft hochschnüren, damit die sehr hoch angesetzte Taillennaht nicht auf der Brust sitzt.


2. Wie farblos waren Regency und Empire wirklich?

Links: Tageskleid aus Baumwolle, ca. 1810 – 1815 | Mitte: Abendkleid aus Baumwolle und Metallfaden, ca. 1810 | Rechts: Gesticktes Detail am Saum des Abendkleides, ca. 1810 (Met Museum)

Sehr viele historische Medien, die in dieser Epoche spielen, präsentieren uns genau diesen Look: Frauen in hauchdünnen weißen, knöchellangen Kleidern, die über Tanzflächen oder durch die Natur schweben. Tatsächlich ist das dünne weiße Musselinkleid aber niemals Alltagsbekleidung gewesen, sondern wurde für besondere Anlässe aufgehoben. Es war das modische Highlight der Epoche, weshalb es größtenteils wohlhabende Gesellschaftsdamen in Metropolen wie London oder Paris zu formellen Anlässen getragen haben. Das weiße Kleidchen ist also ein modisches Statement, das nur für höchst formelle Anlässe getragen wird.

Jane Austens Figuren, die meist zum englischen Landadel gehören, wären im Alltag also nicht im weißen Empirekleid aufgetreten. Auch für Bälle und andere formelle Anlässe bevorzugten viele Menschen andere Farben: Helles Pastell war für junge, modebewusste Frauen sehr beliebt, während ältere Frauen auch zu satten, dunkleren Farben griffen. Und auch das weiße Kleid wurde meist mit farbigen Akzenten kombiniert: Haar- und Taillenbänder, Schmuck und Schultertücher waren oft bewusst bunt und verspielt. Dass die Epoche ätherisch weiß und farblos war, ist also ein Mythos: Das Empire war bunt.

Zudem wurde viel Wert auf kostbare Details und Spielereien gelegt: Besonders in der Abendmode gehörten zu einem gelungenen Auftritt Edelsteine und Perlen, die auf die Kleider genäht waren, Stickereien und Borten aus Goldfaden, gefärbte Federn, Diademe oder Perlenschnüre in den Haaren. Die Epoche legt viel Wert auf Individualität, die durch diese Akzente ausgedrückt werden konnte. Auf der Straße gehörten zudem Handschuhe und eine Kopfbedeckung zum Ensemble. Im Sommer waren Hauben und Schuten aus Stroh und Seide, ebenfalls farbenfroh mit Bändern und saisonalen Blumen geschmückt.


3. Was trug man, wenn es kalt wurde?

Links: Alltagsoutfit mit Haube und Spenzerjacke, ca. 1814 | Rechts: Spenzerjacke, ca. 1820 (Met Museum)

Eine Frage stellen sich viele Leute zurecht, wenn sie die hauchdünnen Empiremoden sehen: Was trug man, wenn es kalt wurde? Besonders in Nord- und Mitteleuropa waren Herbst und Winter schließlich oft feucht und kalt. Die Antwort ist an sich simpel: Der Lagenlook war beliebt. Die Basis bildete wärmere Unterwäsche aus Wolle, sowie oft mehrere warme Wollstrümpfe. Im Alltag wurde, wenn es zu kalt wurde, auch nicht selten auf Musselin und Baumwolle verzichtet und eher zu wärmeren Stoffen gegriffen. Ein ständiger Begleiter gegen die Kälte war das bunte Schultertuch aus Seide oder Kaschmir, das mit Paisley- oder Blumenmuster verziert sein konnte, wie im Beitragsbild.

Über das Winterensemble trug man natürlich auch eine Jacke. Der Spenzer war die beliebteste Mantelform: Er endet unter der Brust und schließt so mit der hohen Taillennaht ab, sodass die modische Silhouette erhalten bleibt. Kräftige Farben waren beliebt, sowie Puffärmel und Stehkragen. Wem der Spenzer zu kühl war, trug eine Pelisse: Dieser Mantel war bodenlang und verfügte ebenfalls über die beliebte hohe Taille und den Stehkragen. Diese Mäntel und Umhänge waren oft aus Samt oder dicker Merinowolle. Hinzu kamen gefütterte Mützen und Hauben aus Bieber-, Bären- oder Fuchsfell, sowie knöchelhohe Stiefel oder gefütterte Lederslipper.

Dass die Menschen, besonders Frauen, zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Mode wegen auf warme Winterkleidung verzichtet hätten, ist also ebenfalls ein Mythos. Besonders das Schultertuch kam zudem nicht nur im Winter im Einsatz, denn in dieser Epoche waren besonders größere Herrenhäuser schwer zu beheizen und konnten selbst im Sommer klamm und zugig sein. Schultertücher, Spenzer und Umhänge kamen daher in verschiedenen Ausführungen daher und konnten leicht und dünn sein – für laue Sommerabende – oder dick und warm gefüttert für die oft langen, kalten Winter, die in dieser Epoche häufig waren.


4. Die ungewöhnlichen Trends der Epoche

Links: Pelisse, ca. 1820 (Met Museum) | Mitte: Madame Fouler “à la Titus”, L. Boilly, 1810 | Rechts: Handtasche, ca. 1810 (Met Museum)

Nun kommen wir zu ein paar Trends der Epoche, die man in Historienmedien seltener sieht: Militärische Akzente, wie goldene Knopfleisten, Stehkragen oder Uniformjacken nachempfundenen Mänteln oder Spenzer waren im frühen 19. Jahrhundert sehr beliebt, eine direkte Folge der Kriegswirren der Napoleonischen Zeit. Einen weniger düsteren Hintergrund hat die Handtasche, die in dieser Epoche aufkam: Im Gegensatz zu den Kleidern des 18. Jahrhunderts, haben die dünnen, schmalen Kleider des Empire keine Taschen mehr. Persönliche Gegenstände wanderten also in kleine Beutel aus buntem Stoff oder Leder, der am Handgelenk befestigt wurde.

Die Trendfrisuren der Epoche bevorzugten alle zu langen Locken gebranntes Haar, das zu antik inspirierten Frisuren hoch- oder zurückgesteckt wurde. Ebenfalls antik inspiriert ist ein sehr kontroverser Trend, der in den späten 1790ern einsetzt und die man ebenfalls selten in historischen Medien zu sehen bekommt: Die Frisur “á la Titus”: Ein lockiger Kurzhaarschnitt für Damen. Diese Frisur konnte aber nicht jede_r tragen: Kurze Haare an Frauen waren in der europäischen Modegeschichte um 1800 etwas komplett Neues und wurden kontrovers diskutiert.

Der “Titus” war deshalb das modische Statement von sehr adeligen, sehr modebewussten und vielleicht ein bisschen exzentrischen Frauen, das außerdem eine regionale Besonderheit war: Er wurde besonders im napoleonisch regierten Europa akzeptiert, in Großbritannien sah man ihn deutlich weniger: Eine Jane-Austen-Heldin aus dem britischen Landadel trägt also keinen Titus und auch nicht zwingend ein weißes Empire-Kleidchen. Aber Madame Fouler oben in der Mitte, eine französische Adelige, ist ihrer Stellung nach hochmodisch gekleidet: Titusfrisur und weißes Kleidchen, aber mit bunten Akzenten: Ein gelbes Band um die Taille und eine auffällige rote Halskette.


5. Herrenmoden

Links: Sommer-Gehrock mit Weste, ca. 1815 (Met Museum) | Mitte: Antoine Valedau, Adèle Romany, 1809 | Rechts: Weste, ca. 1800 – 1810 (Met Museum)

Auch die Herrenmode wird im späten 18. Jahrhundert schlichter und gesetzter und grenzt sich bewusst von Moden des Ancien Régime ab. Obwohl man es diesen Moden weniger ansieht, richtet sich auch die Herrenmode nach idealisierten Vorstellungen der Antike: Der modische Mann trug dunkle, satte, nüchterne Farben, die Trendfarbe für die knielangen und taillierten Gehröcke der Epoche war ein sattes Dunkelblau. Dazu wurde im Alltag ein weißes Hemd mit Stehkragen getragen, lange Hosen aus Baumwolle oder Wolle (meist in hellen Farben wie beige und hellbraun), eine auf der natürlichen Taille sitzende Weste und eine Halsbinde.

Die idealisierte männliche Figur betonte die Taille und die Brust. Auch hier kommt ein militärischer Einfluss durch, der natürlich ebenfalls auf die Napoleonischen Kriege zurückzuführen ist: Der Stehkragen konnte kaum hoch genug sein, und auch der “hessian boot” – ein hoher Reitstiefel aus poliertem Leder mit Zierquasten, der besonders von deutschen Soldaten getragen wurde – fand besonders in Großbritannien seinen Weg in die Herrenmode. Ein weiterer Einfluss war die frühe Dandybewegung, die Spielereien wie Rüschen und bunte Farben ablehnte und stattdessen auf qualitätvolle Kleidung setzte: Maßgeschneidert und strukturiert musste sie perfekt passen.

Es waren ebenfalls Dandys wie der Brite Beau Brummell, die dafür sorgten, dass antik inspirierte Kurzhaarschnitte die Langhaarfrisuren des 18. Jahrhunderts ablösten. So war der lockige, mit Absicht etwas strubbelige Titus natürlich auch bei Männern sehr beliebt. Beau Brummell trug den von hinten nach vorn gekämmten “Brutus”. Abgerundet wurde das Ensemble durch einen hohen, kegelförmigen Hut, wie er oben in der Mitte neben Antoine Valedau liegt. Im Winter trug man über den Gehrock noch einen gefütterten Redingote-Mantel oder den berühmten Garrick-Mantel mit mehreren am Mantel befestigten Capes.


Beitragsbild: “ Felicite-Louise-Julie-Constance de Durfort”, Merry Joseph Blondel, 1808

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3 Comments

  • Reply Fia

    Danke für den interessanten Artikel! Ich glaube, im Taschenmuseum Amsterdam habe ich so ein buntes Regency-Täschchen gesehen – aber der Zusammenhang zum Kleid war mir nicht klar.

    19. Januar 2020 at 17:14
    • Reply Kat

      Hi Fia! Da sprichst du was an. Historische Kleidung wird leider sehr oft ohne Kontext ausgestellt, das finde ich richtig schade. Danke für den Kommentar. Lg, Kat

      20. Januar 2020 at 11:59
  • Reply RECHERCHE | Die Mode im Zeitgeist von Whispering Waves

    […] Für einzelne Fragen musste ich wirklich sehr lang googlen, vor allem beim Thema Wäsche. Das war am Ende ein wilder Mix aus zig Blogartikeln, aus denen ich mir mühsam eine Zeittafel zusammengebastelt habe, um halbwegs nachzuvollziehen, wann man was wie übereinander getragen hat. Dafür garantierte ich aber wirklich nicht. Einer der prägnantesten und besten Blogartikel zum Einstieg stammt aber von Kalin Morris – Zeitfäden: Hier entlang! […]

    2. Februar 2022 at 18:01
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