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Historische Romane

“Leas Spuren” von Bettina Storks

Paris 2016. Ein lukratives Erbe winkt der Stuttgarter Historikerin Marie und dem französischen Journalisten Nicolas, wenn sie eine schwierige Aufgabe lösen: Gemeinsam sollen sie ein lang verschollenes Gemälde finden und es den möglichen Überlebenden einer jüdischen Pariser Familie zurückgeben. Ihre Suche führt sie nicht nur in die Wirren des Zweiten Weltkriegs und an die Abgründe der Besatzungszeit, sondern wird rasch zu einem atemlosen Ringen mit der Vergangenheit ihrer Familien. Im Dickicht des Kunstraubs der Nazis muss sich Marie einem schrecklichen Geheimnis stellen – und bald auch ihren Gefühlen für Nicolas.


Triggerwarnung:
NS-Zeit, Holocaust, antisemitische Figuren

Meine Gedanken

“Leas Spuren” setzt sich mit einigen schweren Thematiken auseinander, die im (halb) historischen Roman gern noch öfter vorkommen dürfen: Als die Historikerin Marie herausfindet, dass ihre bereits vor siebzig Jahren verstorbene Großtante Charlotte während der Besetzung von Paris durch die Nazis in der Deutschen Botschaft gearbeitet hat, sieht sie sich mit der dunklen Geschichte ihrer eigenen Familie konfrontiert. Anstatt wegzusehen, gräbt Marie tiefer: War Charlotte eine Nazi-Kollaborateurin? Und wenn ja, wie soll sie damit umgehen?

Im Kern des Romans steht ein Thema, das ich selbst als Historikerin extrem wichtig finde: Provenienzforschung und die Rückgabe der von Nazis gestohlenen oder als “entartet” eingeordneten Kunstwerke an die lebenden Verwandten der früheren Besitzer.innen. Marie und der Pariser Journalist Nicolas erben von Nicolas’ Großvater Victor eine Wohnung in Paris… Unter der Bedingung, dass sie herausfinden, was mit einem in den 1940er Jahren verschwundenen Gemälde des jüdischen Malers Jacob Stern geschehen ist.

Für Marie und Nicolas beginnt nicht nur die Suche nach Sterns Portrait seiner kleinen Tochter Lea – und nach Lea selbst, die mittlerweile eine alte Frau sein muss – sondern auch die Enthüllung alter Familiengeheimnisse, die zu lang totgeschwiegen wurden. Dabei trifft Marie immer wieder auf die Geschichten von Menschen, die auch in der Gegenwart noch von den Ereignissen in den 1940er Jahren geprägt sind. Und sie muss ebenfalls mit sich selbst ausmachen, was ihre Familiengeschichte für sie bedeutet.

Die Konfrontation mit der Vergangenheit

Das deutsche Volk hat Schuld auf sich geladen. Beim Zusehen. Beim Wegsehen. Beim Mitmachen.

Was mir an “Leas Spuren” am besten gefallen hat, ist die Konfrontation seiner Held.innen (und Leser.innen) mit dem Nationalsozialismus. Nicolas streitet mit seinem Vater Didier über die Arbeit seines Großvaters Victor in der Deutschen Botschaft, aber noch emotionaler und wirkungsvoller fand ich, wie Marie ihre Großmutter Fredi – Charlottes Schwester – konfrontiert. Fredi, die während des Zweiten Weltkriegs eine Jugendliche war, will ganz typisch “nichts gewusst” haben. Dass das nicht stimmt wird sehr schnell klar und Fredis Einstellung zum Thema ist sehr authentisch.

Fredi findet, man muss die Geschichte “endlich Ruhen lassen”, doch Marie hört nicht auf, ihre Oma zu konfrontieren, um die Wahrheit herauszufinden, auch, als es bedeutet, die Freundschaft ihrer Oma vielleicht zu verlieren. Meiner Meinung nach hätte das gern auch noch eine Spur weitergehen können, denn am Ende wird der Konflikt nicht wirklich zu Ende geführt. Generell liegen hier die Stärken von “Leas Spuren”, aber auch seine Schwächen, denn während der Roman die richtigen Fragen stellt, beantwortet er sie nicht immer.

Im Kern ist die Aussage dieses Romans eine sehr wichtige: Wir sind zwar nicht für das, was unsere Vorfahr.innen getan haben, verantwortlich, aber wir sind dafür verantwortlich ihre Verbrechen anzuerkennen, aufzuarbeiten und nicht wegzusehen. Was Charlotte und Victor angeht, nimmt das Buch, ohne jetzt zuviel zu verraten, in meinen Augen leider den einfachen Ausweg, was diese Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte angeht. Sehr gut gefallen hat mir dieser Aspekt aber in Hinblick auf andere Figuren, denen Marie bei ihrer Suche nach der Wahrheit begegnet.

Hier und da war mir die Umsetzung eines so ernsten Themas also ein bisschen zu gefällig, aber am Ende lässt “Leas Spuren” einen mit wichtigen Fragen im Kopf zurück und mit einer wichtigen Botschaft: Die Aufarbeitung der Verbrechen der Nazis ist längst nicht abgeschlossen. Sieht man sich an, wie viel im Feld Provenienzforschung, die im Roman eine so wichtige Rolle spielt, noch zu tun ist, sieht es eher so aus als würde sie gerade erst richtig beginnen und das geht uns auch alle etwas an.

Pariser Geschichte zwischen Gegenwart und Heute

Darüber hinaus ist “Leas Spuren” einfach eine sehr gut erzählte Geschichte. Bettina Storks schreibt sehr schön und sie fängt diese Pariser Stimmung perfekt ein, irgendwas zwischen Leichtigkeit und Melancholie. Das gilt auch für das Buch selbst. “Leas Spuren” enthält zwei Liebesgeschichten, die ich beide sehr gern gelesen habe, weil alle Figuren mir so echt und interessant vorkamen. Marie und Nicolas im Jahr 2016, aber auch Victor und Charlotte in den 1940er Jahren waren greifbar und wirkten real.

Der Autorin gelingt es außerdem die Zeitebenen sinnvoll miteinander zu verbinden. Nicht nur erzählt sie auf beiden Zeitebenen spannende, ineinander verwobene Geschichten, sie schildert gut recherchiert Pariser Geschichte zwischen Gegenwart und Vergangenheit und bindet dabei auch echte Ereignisse, wie die Geschichte um die Rue Saint-Maurr oder den Kunsthändler Siegmund Hezel und seine jüdische Lebensgefährtin Selma Ruben, an die in Stuttgart ein Stolperstein erinnert, ein.

Sehr gelungen fand ich auch, dass sich Marie öfter fragt, inwieweit es ihr zusteht, nach Lea Stern zu suchen und ob es nicht falsch ist alte Wunden zu öffnen. Diesen Punkt finde ich besonders als Historikerin sehr wichtig und ich habe mich gefreut, dass der Respekt vor den Opfern und den Überlebenden des NS-Regimes immer wieder mal angesprochen wurde, dass Marie sich diese Fragen gestellt hat, dass der Roman mit jüdischer Geschichte respektvoll umgeht und Grenzen aufzeigt, die nicht Betroffene, auch, wenn sie es gut meinen, beachten müssen.

Am Ende ist “Leas Spuren” ein starker Roman, der wichtige Fragen stellt und trotz kleiner Schwächen mit einer wichtigen Botschaft endet, die das Zitat aus dem Roman oben gut zusammenfasst. Es ist ein Roman über die Verbrechen und Tragödien der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs, über Schuld, aber auch über Mut und vor allem darüber, wie wichtig Aufarbeitung und Erinnerung sind und immer sein werden. Diese Botschaft allein, die zu oft fehlt, macht “Leas Spuren” zu einem tollen Roman, aber auch darüber hinaus ist Bettina Storks hier ein komplexes Porträt eines Stücks Pariser Geschichte gelungen, das ich Interessierten nur empfehlen kann.


Vielen Dank an den Diana-Verlag und Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.


Leas Spuren | Diana, 2019 | 978-3-453-36046-4 | 464 Seiten | Deutsch

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