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Sachbücher

“Modegeschichten: Die Damenwelt des 19. Jahrhunderts” von Sonja Duska

Wer heute die Mode des 19. Jahrhunderts betrachtet – das Sanduhrkorsett, den Hummerschwanz und die Käfigkrinoline, Schnürbrust und Keulenärmel –, bekommt zumindest eine Ahnung davon, wie die Frauen damals manchmal auch gelitten haben müssen, wenn sie gefallen wollten oder sollten. Man erkennt aber auch, wie schön und einzigartig diese Mode war. Rasch hat sie sich jedoch immer wieder verändert: Auf das Empire folgte das Biedermeier, dann die Viktorianische Ära mit Krinoline und Tournüre und darauf die Belle Epoque.


Meine Gedanken

Eines ist Sonja Duskas “Modegeschichten” auf jeden Fall: Ein liebevoll gestalteter Bildband, der besonders durch die Illustrationen der Autorin überzeugt. Wer hier jedoch Abbildungen von erhaltenen Kleidungsstücken erwartet, oder zeitgenössische Modezeichnungen, wird enttäuscht werden, denn das Buch arbeitet vollständig mit den Zeichnungen Sonja Duskas. Einerseits hat mir das gut gefallen: Ihre bunten Illustrationen fangen die großen Trends des 19. Jahrhunderts gekonnt ein. Andererseits hätte ich mir hier und da auch Fotografien gewünscht – ob von erhaltenen Stücken oder von Reproduktionen – um das Erklärte besser einordnen zu können.

Besonders textlastig ist “Modegeschichten” nicht: Man kann das Buch in 1-2 Stunden komplett auslesen. Duska deckt sozusagen die Basics ab, geht aber nirgendwo besonders in die Tiefe. Als Überblickswerk bietet das Buch durchaus einen ersten Einblick in Pariser Alltagsmode und große Trends. Abendgarderobe, Reformkleidung oder auch die im 19. Jahrhundert sehr wichtige Sportbekleidung werden allerdings nur am Rande erwähnt. Das größte Manko des Buches ist allerdings, was sich im Klappentext schon andeutet: Die Basis bildet erneut der Mythos, Frauenkleidung des 19. Jahrhunderts wäre unbequem und lästig gewesen. Und das finde ich sehr schade.

Verwirrende Epocheneinteilung und Modegeschichte ohne Details

Hier und da klärt Sonja Duska diese Klischees auf, geht aber auch hier meiner Meinung nach nicht genug in die Tiefe. Was fehlt, ist ein Überblick darüber, wie Korsett, Krinoline oder Tournüre tatsächlich getragen wurden. Da das Buch ein Überblickswerk sein möchte, ist es natürlich in Ordnung, dass nicht für jedes Detail Platz ist, aber dennoch haben mir oft die Zusammenhänge und die großen modehistorischen Eckpunkte gefehlt. Der Wandel von Mode als Statussymbol zur Fast Fashion, Einflüsse durch die im 19. Jahrhundert entstehenden Modehäuser wie Worth, oder der Einfluss der sich ab den 1860ern entwickelnden Frauenbewegung fallen hintenüber.

Ein weiteres Manko des Buches ist die willkürliche Epocheneinteilung, die kaum einen Sinn ergibt. Die Autorin teilt in Empire (europäisches Festland), Biedermeier (Deutschland), viktorianisches Zeitalter (Großbritannien) und Belle Époque (Frankreich/Mitteleuropa) ein, was mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet, da diese Epochen sich auch überschneiden: Der deutsche Biedermeier (1815-1845) fliest ins britische viktorianische Zeitalter (1837-1901), das wiederum die Belle Époque (ca. 1871 – 1914) einfasst, genauso wie das ebenfalls britische edwardianische Zeitalter (1901-1910), das ebenfalls erwähnt wird.

Das Buch springt ruckartig zwischen kontinentaler und britischer Geschichte hin und her und deckt deshalb nur einen kleinen Bruchteil Gesellschafts- und Modegeschichte ab. Ein richtiger Überblick über nord- und mitteleuropäische Geschichte, die auch die Mode beeinflusst hat, entsteht so leider nicht. Sehr ärgerlich fand ich zudem einige leicht zu vermeidbare Fehler, die sich in das Buch geschlichen haben. Die Belle Époque beginnt 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg, nicht 1890, wie hier behauptet wird. Auch das edwardianische Zeitalter beginnt nicht 1890, sondern 1901 mit dem Tod Königin Victorias und der Krönung von Edward VII.

Toller Exkurs: Stoffe, Nähmaschinen und mehr

Ein kleines Highlight ist jedoch der Exkurs in die Herstellung von Kleidern im 19. Jahrhundert. Sonja Duska gibt hier Leser_innen, die selbst mit dem Hobby Kostümschneiderei beginnen möchten, erste Tipps und Techniken mit auf den Weg und erklärt dabei auch welche Materialien im 19. Jahrhundert gebräuchlich waren und weshalb ein Kleid in der Mitte 19. Jahrhunderts ein solch kostbares Statussymbol war. Ein Buch über Nähtechniken und die Geschichte des Handwerks der Kleiderherstellung im 19. Jahrhundert hätte mir nach diesem Exkurs tatsächlich besser gefallen, denn hier scheint die Expertise der Autorin durch.

So bleibt “Modegeschichten” aber leider ein zwar schön geschriebener und liebevoll illustrierter erster Überblick über das sehr komplexe Thema Kleidung und Mode im 19. Jahrhundert, hält aber besonders für Fortgeschrittene leider keine neuen Informationen bereit. Leider beinhaltet das Buch zudem ärgerliche Fehler, die nicht hätten sein müssen, und tappt doch etwas zu oft in die Klischeefalle. Der Exkurs zur praktischen Herstellung von Kleidung ist unbedingt einen Blick wert, nicht nur, aber vor allem für Leser_innen, die selbst historische Kleidung nähen möchten. Leider handelt es sich jedoch nur um einen kurzen Exkurs.

Ich würde das Buch deshalb vor allem Anfänger_innen ans Herz legen, die sich mit dem Thema noch kaum auskennen und einen Startpunkt brauchen, um in das Thema einzutauchen. Das Buch liefert durchaus erstes, kompaktes Basiswissen über elf Jahrzehnte Modegeschichte, doch es geht leider nirgendwo in die Tiefe und stellt sich durch seine willkürliche Epocheneinteilung auch ein Stück weit selbst ein Bein, denn was auf der Strecke bleibt, sind die politischen und gesellschaftlichen Einflüsse auf Kleidung und Mode, ohne die unverständlich bleibt, weshalb Mode sich so entwickelt hat, wie sie es tat.


Vielen Dank an den Morio-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Modegeschichten: Die Damenwelt des 19. Jahrhunderts | Morio, 2019 | 978-3-945424-73-5 | 128 Seiten | deutsch

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