Ich bin ehrlich, ich fand meinen ersten Blick auf die historischen Neuerscheinungen von 2020 sehr ernüchternd. Wieder werden nur die alten Themen bedient, viel neues, originelles habe ich leider auf den ersten Blick nicht entdecken können. Dass Geschichte – und vor allem moderne historische Fiktion – mehr kann als das, ist lange kein Geheimnis mehr und trotzdem schaffen es besonders die Geschichten von People of Colour und von queeren Menschen nicht allzu oft vernünftig aufgearbeitet auf den Buchmarkt. Schade.

Ich habe natürlich trotzdem eine Handvoll Romane gefunden, die mich sehr interessieren und die möchte ich euch vorstellen. Heute kommen erstmal die englischsprachigen Neuerscheinungen der ersten Hälfte von 2020, die etwas abwechslungsreicher aussehen als die deutschsprachigen, die ich mir nochmal genauer ansehen muss. Wie immer habe ich versucht nicht nur Romane auszusuchen, die mich interessieren, sondern die auch etwas abseits der typischen Histo-Muster funktionieren und andere Geschichten erzählen als die, die man gewohnt ist.


“Mexican Gothic” von Silvia Moreno-Garcia
Erscheint: 30. Juni 2020

“Mexican Gothic” steht ganz oben auf meiner Liste, denn die Autorin Silvia Moreno-Garcia nimmt den klassischen Plot des europäischen Schauerromans und verlegt ihn in das Mexiko der 1950er Jahre. Hier, in einem alten Herrenhaus, lebt die Cousine des It-Girls Noemí Taboada mit ihrem neuen Ehemann, einem rätselhaften Engländer. Doch als Noemí im Haus ankommt, häufen sich die unheimlichen Ereignisse und ihr wird bewusst, dass das Haus und die Familie furchtbare Geheimnisse haben, die sie aufdecken muss.

Ich möchte “Mexican Gothic” vor allem lesen, weil es den bekannten Schauerroman aus einer anderen Perspektive heraus bearbeitet und anklingen lässt, dass es auch die Probleme der Klassengesellschaft und Rassismus aus einer Own-Voices-Perspektive heraus behandeln wird. Und das vor der Kulisse eines unheimlichen alten Hauses im Mexiko der 1950er Jahre. Der Titel allein hat natürlich ausgereicht, um mich aufhorchen zu lassen, denn für Gothic Novels bin ich immer zu haben, doch hier ist es das Gesamtpaket, das mich sehr neugierig auf diesen hoffentlich schön gruseligen Krimi macht.


“The King at the Edge of the World” von Arthur Phillips
Erscheint: 11. Februar 2020

Auf “The King at the Edge of the World” bin ich sehr gespannt, doch ich sehe dem Roman auch gleichzeitig vorsichtig entgegen. Denn eine zentrale Figur in diesem Roman ist König James VI. von Schottland und ich wage kaum zu hoffen, dass ein Roman vielleicht seine Beziehungen zu Männern endlich vernünftig thematisieren könnte. Ich wurde da in der Vergangenheit zu oft enttäuscht, als dass ich mir da jetzt Hoffnungen machen würde, aber der König ist trotzdem eine meiner liebsten historischen Persönlichkeiten, also bin ich zumindest neugierig.

Gleichzeitig hat auch “The King at the Edge of the World” einen nicht-weißen Protagonisten, was in der Histo-Welt leider sehr selten ist. Mahmoud Ezzedine ist ein Arzt aus dem Osmanischen Reich, der im Jahr 1601 damit beauftragt wird, herauszufinden ob König James VI. von Schottland wirklich ein geeigneter Nachfolger für die sterbende Königin Elizabeth I. ist. Ich finde den Klappentext ein bisschen wirr und kann gar nicht genau sagen, was ich mir erwarte, aber das Buch klingt auch einfach ein bisschen anders, wie ein spannender Spionage-Roman aus den sehr späten Tagen des Tudorenglands.

Am Ende ist “The King at the Edge of the World” wohl der Roman 2020, auf den ich am gespanntesten bin. Er hat das Potential sehr viel richtig zu machen, aber natürlich kann man das vor dem Lesen leider nie wissen. Er verspricht jedoch spannende Figuren mitzubringen und einen interessanten Plot, den man im Genre nicht besonders oft sieht, vor der Kulisse eines sehr interessanten, oft übersehenen Abschnitts der britischen Geschichte: Den letzten Monaten der Tudor-Dynastie, bevor die turbulente Stuart-Ära anbricht.


“Cartier’s Hope” von M.J. Rose
Erscheint: 28. Januar 2020

M.J. Rose kenne ich bereits, da mir ihr Roman “The Witch of Painted Sorrows”, der im Paris der Belle Époque spielt, gut gefallen hat. In “Cartier’s Hope” geht es nach New York am Ende des Gilded Age. Hier kämpft die Journalistin Vera Garland in einer immer noch männerdominierten Gesellschaft um ihr Ansehen und ihren Beruf. Außerdem stehen der Hope-Diamant im Mittelpunkt, sowie das aufstrebende Luxus-Kaufhaus Cartier und das Rätsel um den Tod von Veras Vater.

Der Klappentext hat es mir noch nicht so klar gemacht wie das alles zusammenhängen wird, doch ich bin gespannt auf diese Geschichte, da ich von M.J. Rose sehr atmosphärische historische Romane gewöhnt bin und das zur Metropole wachsende New York der Titanic-Ära eins meiner liebsten Settings im historischen Roman ist. Außerdem deutet der Klappentext an, dass es in “Cartier’s Hope” auch um die großen sozialen Unterschiede zwischen arm und reich im New York dieser Ära gehen wird und darauf bin ich neben dem Rätsel um Cartiers Hope-Diamanten sehr gespannt.


“The Mercies” von Kiran Millwood Hargrave
Erscheint: 11. Februar 2020

“The Mercies” ist das Buch, auf das ich mich uneingeschränkt am meisten freue. Die Autorin hat mich schon mit ihren anderen Romanen überzeugt und “The Mercies” bringt ein Setting mit, dem ich niemals widerstehen könnte: Norwegen zu Beginn des 17. Jahrhunderts, ganz im Norden des Landes in der Finnmark-Region. Hier hat ein Fischerdorf in einem Sturm all seine Männer verloren. Zurück bleiben nur die Frauen, die das kleine und abgeschiedene Dorf Vardø allein führen müssen – Bis eines Tages ein unheimlicher Schotte nach Vardø kommt.

“The Mercies” ist eine Geschichte über Feminismus und die Auswirkungen von toxischer Männlichkeit, verspricht aber auch LGBTQ-Figuren mitzubringen, denn der Klappentext deutet an, dass sich Heldin Maren in die norwegische Frau des Schotten Absalom Cornet, Ursa, verlieben wird. “The Mercies” basiert auf der wahren Geschichte der Hexenprozesse von Vardø im Jahr 1620, sodass man sich schon denken kann wohin das Auftauchen des schottischen Hexenjägers Cornet führen wird. Genau das finde ich aber so spannend und ich freue mich sehr auf das Buch.

Es freut mich auch sehr, dass der deutsche Erscheinungstermin von “The Mercies” schon feststeht. Das Buch wird am 2. März 2020 als “Vardø: Nach dem Sturm” im Diana-Verlag erscheinen.


“The Intoxicating Mr Lavelle” von Neil Blackmore
Erscheint: 30. April 2020

Dieses Buch scheint die Art historischer Roman zu sein, von der ich gern mehr sehen würde: Es ist die Geschichte der britischen Brüder Edgar und Benjamin Bowen, die im 18. Jahrhundert auf eine Grand Tour nach Europa aufbrechen. Die Brüder wollen sich als Mitglieder der High Society etablieren, ecken jedoch überall an, weil sie doch nicht so sehr in die gehobenen Kreise passen, wie sie gedacht hätten.

Als Benjamin sich in den berühmt-berüchtigten Horace Lavelle verliebt, lernt er die Grenzen und die hässlichen Seiten seiner Gesellschaft kennen. Wie es aussieht ist “The Intoxicating Mr Lavelle” einer dieser historischen Romane, die nicht nur eine vergangene Gesellschaft porträtieren – in diesem Fall das Europa der 1760er Jahre – sondern auch sehr viel mit Parallelen zu unserer modernen Gesellschaft spielen. Ausgrenzung, Diskriminierung und Klassenunterschiede scheinen eine große Rolle in dieser Studie des europäischen 18. Jahrhunderts zu spielen.

Der Autor, Neil Blackmore, sagt auf seiner Website, dass er Romane über Ausgegrenzte schreibt und über “die andere Seite von Geschichte” und deshalb bin ich sehr gespannt auf diesen Roman, da er nicht nur sehr seltene LGBTQ-Repräsentation im historischen Genre verspricht, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte von marginalisierten Gruppen im historischen Europa.


Das sind also die historischen Romane vom englischsprachigen Markt, auf die ich mich zwischen Januar und Juni 2020 am meisten freue. Ich halte die Augen weiterhin nach deutschsprachigen Romanen offen, die vielleicht ein bisschen anders sind, und schaue mir bald natürlich auch an, was in der zweiten Jahreshälfte auf Englisch und auf Deutsch noch dazu kommen wird. Ich bin zwar etwas enttäuscht wie wenig Neues auch 2020 im Genre versucht wird, aber zumindest scheint sich ein bisschen was zu tun.

Aber was ist mit euch? Auf welche historischen Romane freut ihr euch 2020 am meisten? Wisst ihr von Neuerscheinungen, die Geschichte in den Vordergrund rücken, die zuvor im historischen Roman weniger oder gar nicht beleuchtet wurde? Lasst es mich gern in den Kommentaren wissen!