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Dress History

Dressing the Victorians: 5 modische Details aus dem 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert, besonders das viktorianische Zeitalter in Großbritannien, ist nicht nur eine der beliebtesten Epochen, sondern auch die, die am meisten Mode-Irrtümer und -Mythen mitbringt. Das ist auch kein Wunder, denn im 19. Jahrhundert beginnt Mode sich immer schneller zu verändern. Das hängt mit neuen, einfacheren Techniken zur Herstellung zusammen, die langsam aber sicher das Zeitalter der Fast Fashion einleiten. Zu Beginn des viktorianischen Zeitalters, um 1840, ist es noch ein Privileg der wohlhabenden Gesellschaft sich modisch zu kleiden. Um 1900 gibt es modische Kleidung “von der Stange” in jedem Kaufhaus zu erstehen.

Was die Mode des 19. Jahrhunderts ausmacht, ist ihre Struktur: Korsetts, verstärkte Mieder oder auch Unterbau wie Krinoline und Tournüre geben dieser Kleidung ihre berühmte Form, die für das moderne Auge streng und unbequem wirken kann und deshalb Dreh- und Angelpunkt vieler Irrtümer und Mythen ist. Diese und einiges mehr möchte ich mir heute mit euch anschauen, erklären und richtigstellen. Denn die Kleidung des 19. Jahrhunderts kann deutlich mehr als das und hält einige faszinierende Überraschungen, Fortschritte und Erfindungen bereit, sowie natürlich die berühmte komplizierte Kleideretikette, auf die wir ebenfalls einen Blick werfen werden.


Die Krinoline

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1857 | Mitte: Krinoline, ca. 1860 | Rechts: Abendkleid, amerikanisch, ca. 1858 (Met Museum)

Wenn es etwas gibt, das viele sofort mit dem viktorianischen Zeitalter in Verbindung bringen, dann sind es die weiten Röcke. Tatsächlich dominieren sie jedoch bloß die erste Hälfte der Epoche. In den 1830ern und 1840ern wird der Kuppeleffekt durch mehrere Lagen gestärkte Unterröcke, bereits als Krinolinen bekannt, erreicht. Erst 1856 wird in Paris die Käfigkrinoline patentiert – Ein käfigartiges Gestell aus Metall, Walbarten oder auch Kautschuk – das mit deutlich weniger Unterröcken getragen wird und die Röcke ausfüllt. Der Käfigvergleich fällt tatsächlich oft, wenn die Krinoline als einschränkend und kompliziert zu tragen beschrieben wird: Ein richtiges Folterinstrument. Oder?

Das ist direkt der erste Mythos, den ich heute aufklären möchte, denn tatsächlich war die Krinoline eine große Erleichterung für ihre Träger_innen: Sie entlastet die Hüften und sie ist deutlich leichter als mehrere Lagen dicker Unterröcke, die schwer auf den Hüften lasten. Denn die Krinoline darf man sich auch nicht als starres, hartes Gestell aus schwerem Metall vorstellen. Sie ist flexibel: Sie lässt sich einfach zusammendrücken und springt, wenn man sie loslässt, zurück in ihre alte Form. Man kann sich darin tatsächlich problemlos setzen, spazieren und tanzen – und durch jegliche Türen gehen.

Dass die Krinoline so lächerlich weit war, dass Träger_innen mit ihr dauernd in Türrahmen und Kutschenverschlägen steckenblieben, ist demnach also auch ein Mythos. Diese Idee basiert auf zeitgenössischen (oft sexistisch gefärbten) Karikaturen, die sich über die “alberne” neue Damenmode lustig machten. Die Krinoline erreichte ihre maximale Weite in der ersten Hälfte der 1860er Jahre und überschritt nur äußert selten einen Durchmesser von ca. 2 Metern. Ende der 1860er Jahre verlagert sich die Fülle nach hinten, sodass die Krinoline von der Tournüre abgelöst wird, die bis in die frühen 1870er und dann nochmal in den 1880ern getragen wird.


Synthetische Farben

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1863 | Mitte: Nachmittagskleid, amerikanisch, 1867 | Rechts: Abendkleid, britisch, ca. 1865 (Met Museum)

Etwas, das mir seit einiger Zeit immer öfter auffällt, nicht nur auf das 19. Jahrhundert bezogen, sind die oft knalligen Farben von Kostümen in modernen historischen Medien. Natürlich ist das ein toller Effekt, auf den Kostümbildner_innen nicht verzichten wollen oder sollen. Knalliges Pink und Lila schaffen einen schönen Kontrast zu Pastellfarben und man kann Figuren über die Wahl der Farben ihrer Kleider auch gut charakterisieren. Wenn wir jedoch nach historischer Authentizität streben, haben zu knallige Farben vor ca. 1860 nichts zu suchen, denn sie sind eine Erfindung des viktorianischen Zeitalters.

Die chemischen Färbemethoden, die starke, auffällige Farben möglich machen, wurden erst im Jahr 1856 entdeckt und gaben die Trendfarben der 1860er vor: Violett, Pink und Magenta, strahlendes Blau, Cassis, Himbeere, Orange, tiefes Rostrot… Auch zuvor war es natürlich möglich gewesen mit natürlichen Farben dunkle Farbtöne wie Rot oder Blau zu erreichen. Doch die strahlenden, knalligen Farben, besonders Lilatöne, waren vor 1856 schlichtweg nicht möglich. Deshalb müssen sie für das Auge der Menschen der 1860er wirklich unglaublich grell und spannend gewesen sein.

Natürlich kann man von Kostümbildner_innen aber nicht erwarten, dass sie komplett auf chemische Farben verzichten, wenn sie Kostüme für Settings vor ca. 1860 entwerfen, denn alles mit natürlichen Farben zu färben ist nicht nur viel zu aufwendig für diese Produktionen, sondern auch zu teuer. Trotzdem sind allzu knallige, schillernde Farben vor 1856 ein No-Go, ganz besonders tiefe Lilatöne. Das ist wahrscheinlich so eine Sache, über die sich auch viele Autor_innen von historischen Romanen nicht allzu große Gedanken machen. Besonders in den 1860ern und 1870ern sind die neuen Modefarben aber ein schönes Detail, das der Atmosphäre viel geben kann.


Tages- und Abendmode

Links und Mitte: Kleid mit Tages- und Abendmieder, amerikanisch, Mme. Olympe, ca. 1865 | Rechts: Dinnerkleid, amerikanisch, ca. 1880 (Met Museum)

Dieser ist mit Abstand der wohl beliebteste Anachronismus, der das historische Genre heimsucht: Welches Kleid wird wann getragen? Grob ist das eigentlich sehr einfach: Ein Kleid mit langen Ärmeln ist sehr wahrscheinlich ein Tageskleid, das man trägt um Freund_innen besuchen zu gehen, selbst zu empfangen, im Park zu spazieren oder in der Stadt einen Einkaufsbummel zu machen. Kurz: Es ist ein Alltagskleid. Ein Kleid mit kurzen Ärmeln hingegen ist eigentlich immer ein Abendkleid für formelle Anlässe wie Bälle. Trotz dieser eigentlich eher simplen Merkregel wird das in historischen Filmen, Serien und Romanen am laufenden Band verwechselt.

Und natürlich ist es am Ende doch nicht ganz so einfach, wie gedacht, denn im 19. Jahrhundert gibt es dutzende Kategorien an Kleidern, an die sich Träger_innen halten sollten: Tageskleider sind oft hoch geschlossen, Abendkleider – Ball- und Opernkleider –  haben einen großzügigen Ausschnitt. Das Dinnerkleid ist zwar auch ein Abendkleid, da Dinners aber oft weniger prunkvoll ausfallen als Bälle und Opernbesuche hat es meistens lange oder halblange Ärmel und ist in gedeckten Farben gehalten. Um Kosten zu sparen, wurden viele Kleider mit austauschbaren Miedern für verschiedene Anlässe hergestellt: Eine komplette Garderobe mit dutzenden Kleidern war ein Privileg der Reichsten.

Ähnliche Regeln gibt es übrigens auch in der Herrenmode. Für den Großteil der Epoche waren Abendanzüge schwarz mit weißer Weste, während Morgen- und Tagesanzüge heller ausfielen und mehr individuellen Spielraum bei der Farbwahl ließen: Grau- und Brauntöne waren jedoch beliebt. Was man wann trug war also sehr kleinlichen gesellschaftlichen Regeln unterworfen, deren Nichteinhaltung einen je nach Schwere als exzentrisch gelten ließ oder zur Witzfigur machte. Ein Mann, der im braunen Tagesanzug zu einem Ball erscheint würde wohl als geschmacklos gelten, eine Frau im pastellrosa Abendkleid mit Ausschnitt und kurzen Ärmeln nachmittags im Park ebenso.


Trauermode

Links: KEIN Trauerkleid, sondern ein schwarzes Dinnerkleid, amerikanisch, Mrs. Arnold, ca. 1894 | Mitte und Rechts: Trauerkleid, französisch, und Detail des Kragens, ca. 1874

Dieser Punkt ist eigentlich ganz schnell abgearbeitet: Nicht jedes schwarze Kleid ist ein Trauerkleid. Das ist ein Fehler, der mir weniger in historischen Medien begegnet und eher in der Einordnung erhaltener Kleider, aber er passiert auch in historischen Medien, wenn trauernde Figuren einfach in das nächstbeste schwarze Kleid gesteckt werden, das am besten zuvor ein Abendkleid war und einfach umfunktioniert wurde. So funktioniert Trauermode zumindest in der High Society auf keinen Fall. Tatsächlich war klassisches, elegantes Schwarz jedoch eine sehr beliebte Farbe für Dinnerkleider, die, wie bereits erwähnt, in dunklen, schlichten Farben gehalten sein sollten.

Das Trauerkleid, das im Falle eines Todes in der Familie getragen wird, ist ebenfalls schwarz, unterliegt aber noch einigen weiteren “Regeln”, zum Beispiel bei der Auswahl des Stoffes. Trauerkleider sind immer aus tiefschwarzem Stoff, der nicht glänzt oder schimmert, sehr oft aus Krepp oder Bombasin. Dekorationen waren erlaubt, mussten aber ebenfalls aus mattschwarzem Material bestehen. Wer es sich leisten konnte wählte Gagat, ansonsten waren schwarz gefärbte Glasperlen und -knöpfe beliebt, wie an dem Kleid oben in der Mitte und rechts.

Trauerkleider lassen sich also mit etwas Übung recht leicht von normalen schwarzen Kleidern unterscheiden. Ich finde persönlich, dass Trauerkleider oft etwas Makabres haben, das gewöhnliche schwarze Kleider der Epoche nicht haben. Sie wirken trist und schwer und schlucken förmlich das Licht und das ist ja auch Absicht: Sie sollten die Träger_innen auf den ersten Blick als Trauernde ausweisen. In der Herrenmode spiegelt sich Trauer ähnlich in tiefschwarzen Anzügen, Westen, Hüten, Krawatten und Handschuhen. Ein viktorianischer Mann komplett in Schwarz trauert. Ein viktorianischer Mann in Schwarz mit bunter Weste oder Halsbinde jedoch wahrscheinlich nicht.


Die Wespentaille

Links: Polaires berühmte Wespentaille, ca. 1900 | Mitte: Detailansicht | Rechts: Korsett, Worcester Corset Company, amerikanisch, 1893 (Met Museum)

Über das Korsett und seinen unverdienten Ruf als Folterinstrument habe ich letztes Mal schon geschrieben. Heute möchte ich dabei noch etwas mehr ins Detail gehen. Es geht es um einen Trend der 1890er und frühen 1900er, der gerade so noch viktorianisch ist, aber sehr viele Mythen und Missverständnisse hervorgerufen hat: Die Wespentaille. Es ist wahr, dass das sogenannte “tight lacing” – also das besonders enge Schnüren des Korsetts – ein Trend der 1890er war, der scharf diskutiert wurde und wird. Aber wir stellen ihn uns heute viel zu extrem vor und denken an unglaublich winzige Taillen, die es so nie gegeben hat.

Misst man erhaltene Korsetts aus, kommt man im Durchschnitt auf eine Taille von ca. 60cm – 65cm. Selbst heute wäre das an einer schlanken Frau noch nicht auf der extremen Seite und dazu kommt, dass die meisten cis Frauen damals im Durchschnitt unter 1,60m groß waren. Die Taille wurde zwar durchaus auch reduziert, aber selten extrem und es war auch kein Muss: Auch ohne Einschnüren stürzt das Korsett und gibt die gewünschte Stundenglasform. Das Klischee der extremen Wespentaille verdanken wir Schauspielerinnen und It-Girls wie zum Beispiel der französischen Tänzerin Polaire, die angeblich eine 35cm-Taille hatte.

Die Betonung liegt auf angeblich, denn diese Bilder von extrem schmalen Taillen sind in 99% der Fälle tatsächlich bearbeitet. Ob mit Lichteinfall getrickst wird um die Taille schmaler aussehen zu lassen, oder mit klassischer Bildbearbeitung durch Pinsel und Farbe, diese Taillen sind nicht echt. Oben habe ich euch auf dem wohl berühmtesten Bild (Polaire, ca. 1900) dieser Art markiert, wo mit weißer Farbe nachgeholfen wurde. Die Umrisse von Polaires echter Taille schimmern besonders auf der rechten Seite noch durch die Farbschicht, während links so dick Farbe aufgetragen wurde, dass es im Kontrast zum restlichen Hintergrund auffällt. Auch die extreme Wespentaille ist also ein Mythos.


Wer mehr über die Mode des 19. Jahrhunderts im Detail erfahren möchte, darf mich immer gern auf meinem anderen Blog Paris 1899 besuchen: Hier hat sich über die letzte Dekade einiges zum Thema Mode im 19. Jahrhundert zusammengefunden.


Beitragsbild: “Saturnina Canaleta de Girona”, Federico de Madrazo, 1856

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3 Comments

  • Reply Daniela, der Buchvogel

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich hab mich mit viktorianischer Mode noch gar nicht so befasst, aber ich liebe deinen Blog. Ich hab ihn jetzt auch korrekt auf https://buchvogel.blogspot.de verlinkt, hatte noch den alten URL drin.
    Denkst du eigentlich über ein Buchprojekt nach?
    LG
    Daniela

    29. November 2019 at 15:02
    • Reply Katriona

      Hallo Daniela! Erst einmal vielen Dank für die Verlinkung. Ich denke tatsächlich über ein Buch nach, bin aber sehr unsicher, wie ich so ein Projekt angehen sollte, deshalb ist es bisher wirklich nur ein Gedanke. Wer weiß was daraus wird.

      lG, Kat

      29. November 2019 at 17:51
  • Reply Enola Holmes - Vergleich Buchreihe und Film | Ant1heldin

    […] und so Taillen extrem schmal aussehen lassen – lest dazu weiter beim Artikel “Fünf viktorianische Modemythen in historischen Medien” von […]

    25. September 2020 at 08:15
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