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Essays

Fünf viktorianische Modemythen in historischen Medien

Eigentlich wollte ich einen Guide zur Mode des 19. Jahrhunderts schreiben und gleichzeitig ein bisschen aufarbeiten wie besonders viktorianische Mode1 in Filmen, Serien und Romanen dargestellt wird. Dieser Beitrag lief dann aber, wer hätte es ahnen können, völlig aus dem Ruder. Ich habe es für euch versucht: Man kann nicht 70 Jahre Modegeschichte sinnvoll in einem Blogpost aufarbeiten, who knew, aber es gibt zu diesem Thema wunderbare Überblickswerke, von denen ich unten zwei vorstelle.

Ich habe mich daher entschieden, das Thema von einer anderen Seite aufzurollen und zwar im Stil meines Posts zu Kostüm-“Fehlern” die mich am ehesten in Serien und Filmen stören. Denn die Darstellung von viktorianischer Mode, also Mode von ca. 1830 – 1900 in Großbritannien, bietet sehr viel Fläche für mehr oder weniger gut gemachte Anachronismen, aber eben auch für ärgerliche Fehler, die vielleicht besonders die Autor.innen unter euch lieber vermeiden möchten.

Ganz allgemein wichtig ist: Zu Beginn dieser Zeit ist Kleidung noch etwas sehr Wertvolles, das handgemacht ist. Um 1900 ist die Zeit von Kaufhäusern, Mode von der Stange und teuren Designer.innen angebrochen. Der Anfang von “fast fashion” sozusagen. Westliche Pariser Mode verändert sich im 19. Jahrhundert mit einem Mal deutlich schneller als in den Jahrzehnten zuvor. Gab es noch im 18. Jahrhundert eine Handvoll großer Trends, kennt das 19. Jahrhundert in jeder Dekade mehrere eigene Trends und ihnen zu folgen wird für die High Society und die, die gern dazugehören möchten, immer wichtiger.


Die Krinoline

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1857 | Mitte: Krinoline, ca. 1860 | Rechts: Abendkleid, amerikanisch, ca. 1858 (Met Museum)

Die weiten Röcke sind etwas, das viele sofort mit den viktorianischen Jahren in Verbindung bringen. Tatsächlich dominieren sie auch die erste Hälfte der Epoche. In den 1830ern und 1840ern wird der Kuppeleffekt durch mehrere Lagen gestärkte Unterröcke erreicht. Erst 1856 wird in Paris die Krinoline patentiert – Ein käfigartiges Gestell aus Metall, Walknochen oder auch Kautschuk – das mit deutlich weniger Unterröcken getragen wird und die Röcke ausfüllt. Der Käfigvergleich fällt tatsächlich oft, wenn die Krinoline als einschränkend und kompliziert zu tragen beschrieben wird, ein richtiges Folterinstrument.

Das ist auch direkt der erste Mythos, denn tatsächlich war die Krinoline eine große Erleichterung für ihre Träger.innen: Sie entlastet die Hüften und sie ist deutlich leichter als mehrere Lagen dicker Unterröcke, die schwer auf den Hüften lasten. Die Krinoline darf man sich auch nicht als starres, hartes Gestell vorstellen, denn sie ist flexibel: Sie lässt sich einfach zusammendrücken und springt, wenn man sie loslässt, zurück in ihre alte Form. Man kann sich darin tatsächlich problemlos setzen, spazieren und tanzen – und durch Türen gehen.

Dass die Krinoline so lächerlich weit war, dass Träger.innen mit ihr dauernd in Türrahmen und Kutschenverschlägen steckenblieben, ist demnach also auch ein Mythos. Diese Idee basiert auf zeitgenössischen Karikaturen, die sich – oft auf misogyne Weise – über Damenmode lustig machten. Die Krinoline erreichte ihre maximale Weite in der ersten Hälfte der 1860er Jahre, ungefähr wie bei dem lila Kleid unten links. Ende der 1860er Jahre verlagert sich die Fülle nach hinten, sodass die Krinoline von der Tournüre abgelöst wird, die bis in die frühen 1870er und dann nochmal in den 1880ern getragen wird.


Synthetische Farben

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1863 | Mitte: Nachmittagskleid, amerikanisch, 1867 | Rechts: Abendkleid, britisch, ca. 1865 (Met Museum)

Etwas, das mir seit einiger Zeit immer öfter auffällt, nicht nur auf das 19. Jahrhundert bezogen, sind die oft knalligen Farben von Kostümen in modernen historischen Medien. Natürlich ist das ein toller Effekt, auf den Kostümbildner.innen nicht verzichten wollen. Knalliges Pink und Lila schaffen einen schönen Kontrast zu Pastellfarben und man kann Figuren über die Wahl der Farben ihrer Kleider auch gut charakterisieren. Wenn wir jedoch nach historischer Authentizität streben, haben zu knallige Farben vor ca. 1860 nichts zu suchen.

Die chemischen Färbemethoden, die starke, auffällige Farben möglich machen, wurden nämlich erst im Jahr 1856 entdeckt und gaben die Trendfarben der 1860er vor: Violett, Pink und Magenta, strahlendes Blau, Cassis, Himbeere, Orange, tiefes Rostrot… Auch zuvor war es natürlich möglich gewesen mit natürlichen Farben dunkle Farbtöne wie Rot oder Blau zu erreichen. Doch die strahlenden, knalligen Farben, besonders Lilatöne, waren vor 1856 schlichtweg nicht möglich. Deshalb müssen sie für das Auge der Menschen der 1860er wirklich unglaublich grell und spannend gewesen sein.

Natürlich kann man von Kostümbildner.innen aber nicht erwarten, dass sie komplett auf chemische Farben verzichten, wenn sie Kostüme für Settings vor ca. 1860 entwerfen. Trotzdem sind allzu knallige, schillernde Farben vor 1856 ein No-Go, ganz besonders tiefe Lilatöne. Das ist wahrscheinlich so eine Sache, über die sich auch viele Autor.innen von historischen Romanen nicht allzu große Gedanken machen. Besonders in den 1860ern und 1870ern sind die neuen Modefarben aber ein schönes Detail, das der Atmosphäre viel geben kann.


Tages- und Abendmode

Links und Mitte: Kleid mit Tages- und Abendmieder, amerikanisch, Mme. Olympe, ca. 1865 | Rechts: Dinnerkleid, amerikanisch, ca. 1880 (Met Museum)

Dieser ist mit Abstand der wohl beliebteste Anachronismus (oder Fehler, je nach dem) der das historische Genre heimsucht: Welches Kleid wird wann getragen? Grob ist das eigentlich sehr einfach: Ein Kleid mit langen Ärmeln ist sehr wahrscheinlich ein Tageskleid, das man trägt um Freund.innen besuchen zu gehen oder selbst zu empfangen. Ein Kleid mit kurzen Ärmeln hingegen ist eigentlich immer ein Abendkleid. Trotz dieser eigentlich eher simplen Tatsache wird das in historischen Filmen, Serien und Romanen am laufenden Band verwechselt.

Und natürlich ist es am Ende doch nicht ganz so einfach, wie gedacht, denn im 19. Jahrhundert gibt es dutzende Kategorien an Kleidern, an die sich Träger.innen halten sollten: Tageskleider sind oft hoch geschlossen (aber der “typisch viktorianische” Kragen, der direkt unter dem Kinn abschließt, kommt erst in den 1870ern auf!), Abendkleider – Ball- und Opernkleider –  haben einen großzügigen Ausschnitt. Das Dinnerkleid wird abends getragen, da Dinners aber oft weniger prunkvoll ausfallen als Bälle und Opernbesuche hat es meistens lange oder halblange Ärmel und ist in gedeckten Farben gehalten.

Außerdem müssen wir uns hier daran erinnern, was ich in der Einleitung geschrieben habe: Kleider waren teuer, kostbar und keine Wegwerfware wie heute. Viele Kleider wurden daher mit zwei Miedern hergestellt: Eins für tagsüber, eins für abends. Nur die aller reichsten Mitglieder der High Society konnten sich den Luxus erlauben, mehrere Abendkleider zu besitzen, die tatsächlich nur als Abendkleider fungierten. Das wohl formellste, extravaganteste Kleid ist auch nicht etwa das Ballkleid, sondern das Opernkleid: Opern waren soziale Großevents und wer etwas auf sich hielt trug die neuste Mode, prunkvoll in Szene gesetzt.

Ähnliche Regeln gibt es übrigens auch in der Herrenmode. Für den Großteil der Epoche waren Abendanzüge schwarz mit weißer Weste, während Morgen- und Tagesanzüge heller ausfielen und mehr individuellen Spielraum bei der Farbwahl ließen. Was man wann trug war also sehr kleinlichen gesellschaftlichen Regeln unterworfen, deren Nichteinhaltung einen je nach Schwere als exzentrisch gelten ließ oder zur Witzfigur machte. Ein Mann, der im braunen Tagesanzug zu einem Ball erscheint würde wohl als geschmacklos gelten, eine Frau im pastellrosa Abendkleid mit Ausschnitt und kurzen Ärmeln bei einem Dinner ebenso.


Trauermode

Links: KEIN Trauerkleid, sondern ein schwarzes Dinnerkleid, amerikanisch, Mrs. Arnold, ca. 1894 | Mitte und Rechts: Trauerkleid, französisch, und Detail des Kragens, ca. 1874

Dieser Punkt ist eigentlich ganz schnell abgearbeitet: Nicht jedes schwarze Kleid ist ein Trauerkleid. Das ist ein Fehler, der mir weniger in historischen Medien begegnet und eher in der Einordnung erhaltener Kleider, aber er passiert auch in historischen Medien, wenn trauernde Figuren einfach in das nächstbeste schwarze Kleid gesteckt werden. Tatsächlich war klassisches, elegantes Schwarz jedoch eine sehr beliebte Farbe für Dinnerkleider, die, wie bereits erwähnt, in dunklen, schlichten Farben gehalten sein sollten.

Das Trauerkleid, das im Falle eines Todes in der Familie getragen wird, ist ebenfalls schwarz, unterliegt aber noch einigen weiteren “Regeln”, zum Beispiel bei der Auswahl des Stoffes. Trauerkleider sind aus tiefschwarzem Stoff, der nicht glänzt, sehr oft aus Krepp oder Bombasin. Dekorationen waren erlaubt, mussten aber ebenfalls aus mattschwarzem Material bestehen. Wer es sich leisten konnte wählte Gagat, ansonsten waren schwarz gefärbte Glasperlen und -knöpfe beliebt, wie an dem Kleid oben in der Mitte und rechts.

Trauerkleider lassen sich also mit etwas Übung recht leicht von normalen schwarzen Kleidern unterscheiden. Ich finde persönlich, dass Trauerkleider oft etwas sehr Makaberes haben, das gewöhnliche schwarze Kleider der Epoche nicht haben. Sie schlucken förmlich das Licht und das ist ja auch Absicht: Sie sollten die Träger.innen auf den ersten Blick als Trauernde ausweisen. In der Herrenmode spiegelt sich Trauer ähnlich in schwarzen Anzügen, Westen, Hüten, Krawatten und Handschuhen. Ein viktorianischer Mann komplett in Schwarz trauert.


Die Wespentaille

Links: Polaires berühmte Wespentaille, ca. 1900 | Mitte: Detailansicht | Rechts: Korsett, Worcester Corset Company, amerikanisch, 1893 (Met Museum)

Über das Korsett und seinen unverdienten Ruf als Folterinstrument habe ich letztes Mal schon geschrieben. Heute geht es um einen Trend der 1890er und frühen 1900er, der gerade so noch viktorianisch ist, aber sehr viele Mythen und Missverständnisse hervorgerufen hat. Die Wespentaille. Es ist wahr, dass das sogenannte “tight lacing” – also das besonders enge Schnüren des Korsetts – ein Trend der 1890er war. Aber wir stellen ihn uns heute viel zu extrem vor und denken an unglaublich winzige Taillen, die es so nie gegeben hat.

Misst man erhaltene Korsetts aus kommt man im Durchschnitt auf eine Taille von ca. 60cm – 65cm. Selbst heute wäre das an einer schlanken Frau noch nicht auf der extremen Seite und dazu kommt, dass die meisten Frauen damals im Durchschnitt unter 1,60m groß waren. Die Taille wurde reduziert, aber eben nicht extrem. Das Klischee der extremen Wespentaille verdanken wir Schauspielerinnen und It-Girls wie zum Beispiel der französischen Tänzerin Polaire, die angeblich eine 35cm-Taille hatte. Die Betonung liegt auf angeblich, denn die Bilder von extrem schmalen Taillen sind in 99% bearbeitet.

Ob mit Lichteinfall getrickst wird, um die Taille schmaler aussehen zu lassen, oder mit klassischer Bildbearbeitung, diese Taillen sind nicht echt. Oben habe ich euch auf dem wohl berühmtesten Bild dieser Art markiert (Polaire während einer Tour, ca. 1900), wo mit weißer Farbe nachgeholfen wurde. Die Umrisse von Polaires echter Taille schimmern besonders auf der rechten Seite noch durch die Farbschicht, während links so dick Farbe aufgetragen wurde, dass es im Kontrast zum restlichen Hintergrund auffällt.

Es ist also an sich genau wie heute: Stars werden mit Bildbearbeitung in ein Ideal verwandelt, dass niemand im wahren Leben erreichen kann. Damals war jedoch relativ bekannt und auch nicht berühmte Damen konnten sich im Fotostudio bearbeiten lassen, wenn sie denn wollten. Auf Redthreaded wird genauer erklärt, wie Fotobearbeitung im späten 19. Jahrhundert funktionierte. An einem modernen Beispiel zeigt die Bloggerin außerdem, wie der Effekt entsteht und warum er für das ungeübte Auge nicht sofort als “Fake” zu erkennen ist.


Ich hoffe, euch hat der Beitrag gefallen und er hilft euch vielleicht in Zukunft sogar bei euren eigenen historischen Projekten, die mit dem 19. Jahrhundert zu tun haben. In den nächsten Wochen werde ich mir einzelne Aspekte von Mode im 19. Jahrhundert noch einmal genauer in eigenen Beiträgen anschauen. Wer auf der Suche nach einem ersten Überblick über die Modegeschichte dieses Jahrzehnts ist, sollte sich unbedingt zwei Bücher anschauen, die ich nur empfehlen kann:

“The Victorian Lady’s Guide to Fashion and Beauty” (2018) von der Bloggerin und Autorin Mimi Matthews erläutert mit vielen Bildern und unterhaltsam geschrieben die Entwicklung der Mode zwischen 1840 und 1900. Darüber hinaus bietet “The Art of Dress” (1996) von der Modehistorikerin Jane Ashelford einen Überblick über westliche Modegeschichte zwischen 1500 und 1914. Der Bildband ist nicht nur informativ, sondern beinhaltet auch viele tolle Beispielbilder und Detailansichten.


1) Die Mode des 19. Jahrhunderts ist bereits sehr globalisiert und geht besonders was Damenmode angeht stark von Paris aus. Trotzdem gibt es besonders im frühen 19. Jahrhundert noch regionale Unterschiede. Die Basics sind gleich, aber zum Beispiel die Biedermeiermode im deutschen Raum unterscheidet sich schon von britischer viktorianischer Mode. Recherchiert also nicht nur Ära, sondern immer auch Ort.


Beitragsbild: “Annie Gambart”, William Powell Frith, 1851

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2 Comments

  • Reply Daniela, der Buchvogel

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich hab mich mit viktorianischer Mode noch gar nicht so befasst, aber ich liebe deinen Blog. Ich hab ihn jetzt auch korrekt auf https://buchvogel.blogspot.de verlinkt, hatte noch den alten URL drin.
    Denkst du eigentlich über ein Buchprojekt nach?
    LG
    Daniela

    29. November 2019 at 15:02
    • Reply Katriona

      Hallo Daniela! Erst einmal vielen Dank für die Verlinkung. Ich denke tatsächlich über ein Buch nach, bin aber sehr unsicher, wie ich so ein Projekt angehen sollte, deshalb ist es bisher wirklich nur ein Gedanke. Wer weiß was daraus wird.

      lG, Kat

      29. November 2019 at 17:51

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