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“Maria Stuart, Königin von Schottland” (2018)

Die Geschichte der Mary Stuart (1542-1587) hat es in den letzten Jahrhunderten schon oft in historische Medien geschafft: Ob Schillers Bühnendrama “Maria Stuart” (1800) oder die Drama-Serie “Reign” (2013-2017), das Leben der schottischen Königin wird immer wieder neu interpretiert. Eines bleibt immer gleich: Mary Stuarts Tod durch die Hand ihrer Cousine, Königin Elizabeth I. von England (1533-1601), im Zuge politischer Intrigen und Konflikte. “Maria Stuart, Königin von Schottland” (2018) ist das neuste opulente Leinwandepos über die Queen of Scots, das sich zudem eine feministische Aufarbeitung des Stoffes auf die Fahnen schreibt.

Von vorn herein schlägt der Film historische Authentizität in den Wind und das ist auch gut so: Das hier ist Mary Stuart für eine neue Generation, nicht ganz so modern inszeniert wie “Reign”, aber modern genug: Mary Stuart (Saoirse Ronan) als rothaarige Kriegerin in Rüstung, der eine fast schon arrogante, exzentrische Elizabeth Tudor (Margot Robbie) gegenüberseht. Was man hier nicht erwarten darf, ist eine historisch informative Darstellung des Konflikts zwischen den beiden Renaissance-Königinnen. Viel eher nutzt der Film die historische Vorlage, um eine feministische Tragödie zu erzählen, die ihr Ziel aber leider öfter verfehlt als trifft.


Triggerwarnung:
Brutaler Tod beider queerer Figuren, Darstellung einer Geburt, misogyne Sprache

Feministisches Epos, das über das Ziel hinausschießt

Elizabeth und Robert Dudley (Joe Alwyn) am englischen Hof | Quelle: Giphy

“Maria Stuart, Königin von Schottland” rückt einen Konflikt in den Mittelpunkt, der sich durch die europäische Geschichte zieht wie ein roter Faden: Zwei mächtige Frauen, die jedoch trotzdem von den Männern in ihren Leben definiert und gelenkt werden, weil sie zwar Königinnen sind, aber Königinnen in einer patriarchalischen Gesellschaft. Im wahren Leben haben sich Mary und Elizabeth niemals getroffen: Sie schrieben sich als junge Frauen Briefe und tauschten Porträts aus, hatten ein gutes Verhältnis zueinander, bis Mary Stuart zur Gefahr für Elizabeths Platz auf dem englischen Thron wurde.

Der groß beworbene Feminismus, der den Film auszeichnen sollte, funktioniert jedoch leider nur auf den ersten Blick, denn “Maria Stuart, Königin von Schottland” möchte unbedingt eine Antagonistin haben und sucht sich dafür Elizabeth Tudor aus. Der Film drängt beide Frauen in zu extreme Rollen: Elizabeth als die kindlich sture, verwöhnte Königin, die sich von männlichen Beratern die falschen Entscheidungen einflüstern lässt, die die echte “Gloriana” niemals war. Im Gegensatz dazu Mary Stuart als kämpferische, gutherzige Queen of Scots, die keinen einzigen Fehler machen darf. Beide Frauen verkommen beinahe schon zu Karikaturen.

Unter den Tisch fällt, dass auch Mary Stuart, bereits als Königin geboren, politisch engagiert war, Intrigen spann und auf ihren eigenen Vorteil aus war. Unter den Tisch fällt auch, wie schwer es sich für Elizabeth Tudor gestaltete, sich als Königin von England zu beweisen, nachdem der Thron ihr – der Tochter der in Ungnade gefallenen Anne Boleyn – nach dem Tod ihrer älteren Geschwister Edward VI. und Mary I. unverhofft zufiel. Kurz gesagt, beiden Frauenfiguren fehlen die Nuancen. Der Film steckt beide Frauen in recht gefällige Rollen: Mary, die “gute Feministin”, die nicht auf Männer hört. Und Elizabeth, die sich von Macht korrumpieren lässt und beider Schicksal besiegelt.

Spannende Handlung und müde Genre-Klischees

Elizabeth nach ihrer Erkrankung, im Film grotesk inszeniert | Quelle: Giphy

Ein gutes Stück weit büßt der Film seine Glaubwürdigkeit ein, denn er stellt es so dar als hätte Elizabeth ihr Schicksal für ihre Arroganz und ihren Verrat an Mary Stuart verdient: Sie ist es, die am Ende nicht nur einsam und unglücklich ist, sondern auch “hässlich”. Nach einer Pockenerkrankung trägt sie groteske, weiße Schminke und eine rote Perücke, wirkt fast schon wie ein Clown, während Mary Stuart auch nach 18 Jahren Haft noch jugendlich schön ist: Mary, die “gute Frau”, hat Kinder, Verbündete und wird geliebt. Elizabeth hingegen wird als kinderlos, unglücklich und vereinsamt dargestellt. Hier nimmt mir der Film eindeutig zu viele Klischees mit.

Der Film tappt außerdem in eine Falle, in die Historienfilme oft tappen: Er mag im Ansatz feministisch sein, behandelt seine marginalisierten Figuren darüber hinaus aber nicht gut. Die Affäre zwischen David Rizzio (Ismael Cruz Córdova) und Henry Stuart, Lord Darnley (Jack Lowden), Marys zweitem Ehemann, ist reißerisch inszeniert und wird als Grund für die Ermordung beider Figuren dargestellt. Während beide Männer tatsächlich in die politischen Konflikte und Intrigen zwischen Schottland und England verwickelt und ermordet wurden, hatte das nichts mit ihrer Sexualität oder einer vermeintlichen Affäre zu tun. Anstatt die Politik hinter den Attentaten zu zeigen, fährt der Film die “Queer sein macht unglücklich”-Schiene, die im Historiengenre zu oft bedient wird.

Der Film funktioniert als historisches Epos irgendwo auf der Grenze zwischen historischen Tatsachen und Phantastik: Er ist spannend erzählt, bildgewaltig inszeniert – Karge britische Landschaften und Renaissance-Musik runden den Film ab – und liefert einige Szenen, die unter die Haut gehen. Man kann sich den Film gut ansehen, aber richtigen Feminismus darf man hier nicht erwarten, denn beide Frauenfiguren werden in recht klischeehafte Rollen gedrängt, die den historischen Vorbildern nicht gerecht werden. Am Ende ist “Maria Stuart, Königin von Schottland” bildgewaltig und emotional inszeniertes Popcorn-Kino, das am Ende besser gefahren wäre, hätte es seinen beiden Heldinnen mehr Nuancen, Grauzonen und Motivationen abseits der gängigen Klischees gelassen.


Dressing “Mary, Queen of Scots”: Die Kostüme

Mary Stuart reitet in die Schlacht | Quelle: Giphy

Über die Kostüme möchte ich diesmal gar nicht so viele Worte verlieren, denn der Film ist ganz bewusst anachronistisch und ein Vergleich mit richtigen britischen Renaissance-Moden würde keinen Sinn ergeben. Die Kostüme von Alexandra Byrne sind reine Fantasy, hier und da inspiriert von tatsächlicher britischer Mode des späten 16. Jahrhunderts. Die Ästhetik des Films als Ganzes funktioniert: Sie ist eher düster und simpel gehalten, besonders am schottischen Hof, während am englischen Hof ein bisschen Prunk und Glitzer schimmert. Historisch basiert ist das nicht, unterstreicht aber die Charakterisierung Marys und Elizabeths.

Der Film macht zudem etwas, das in den letzten Jahren bei Hollywood-Produktionen sehr beliebt geworden ist: Er passt das elisabethanische Großbritannien ganz bewusst an das moderne Auge an: Kleider sind aus dunklem Denim und besonders bei den männlichen Figuren sieht man oft die moderne “Tolle mit Dreitagebart”-Kombination, die Mitte der 2010er im Trend lag. Gemocht habe ich die Details: Männer tragen Ohrringe und Schmuck, wie es in der Epoche beliebt war, und die Frisuren der Frauenfiguren entbehren zwar jeglichem historischen Kontext, sehen aber großartig aus und bringen ein bisschen Exzentrik in den schlichten Look, der zur Epoche gut passt.

Enttäuschend fand ich die Flut an Mittelalterlichen Lederjacken an den Herren, die Wams, ausladende Hüte und die großen Halskrausen der Ära ersetzen, sowie die ungenutzte Chance die Kleider zu replizieren, die Mary Stuart und Elizabeth Tudor auf ihren zahlreichen Porträts tragen. Das ist natürlich eine bewusste Entscheidung, denn der Film setzt modernen Wiedererkennungswert und seine eigene Ästhetik eindeutig vor historische Details, schade finde ich es trotzdem. Alles in allem sind die Kostüme durchaus gelungen, wenn man bereit ist über sich häufende Anachronismen und die Modernisierungsversuche hinwegzusehen, was bei einem Film, der sowieso mit der dünnen Grenze zwischen historischer Aufarbeitung und reiner Phantastik spielt, nicht schwerfallen dürfte.



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Maria Stuart, Königin von Schottland | UK, USA 2018 | Regie: Josie Rourke | Drehbuch: Beau Willimon | 125 Minuten | Originaltitel: Mary Queen of Scots

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