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“Maria Stuart, Königin von Schottland” (2018): Modern am Thema vorbei inszeniert

In den letzten Jahrhunderten hat es die tragische Geschichte der Mary Stuart schon oft in Romane, Filme und Serien geschafft. Ob das nun Friedrich Schillers Bühnendrama “Maria Stuart” (1800) ist, oder die Teenie-Serie “Reign” (2013), es gibt viele Interpretationen des Lebens der schottischen Königin, die durch die Hand ihrer Cousine Elizabeth I. von England im Zuge politischer Intrigen und Konflikte stirbt. Der neuste Film dieser Art ist das groß angelegte Leinwandepos “Maria Stuart, Königin von Schottland”, das sich eine feministische Herangehensweise an den Stoff auf die Fahnen schreibt.


Triggerwarnung:
Brutaler Tod beider queerer Figuren, Darstellung einer Geburt, misogyne Sprache

Historisches Drama, überzeugend gespielt

Auf der einen Seite ist “Mary Queen of Scots” zumindest was die historischen Details angeht schön anzusehen. Diese Mary, die in Frankreich aufgewachsen ist, spricht Französisch mit ihren Hofdamen und scheint sich öfter in ihre Rolle als Königin von Frankreich zurückzusehnen. Saoirse Ronan ist die perfekte Besetzung für die rothaarige Königin. Noch besser gefallen hat mir Margot Robbie als Elizabeth I. Auch sie sieht der englischen Königin sehr ähnlich und gibt sie dazu wunderbar dramatisch und ein bisschen exzentrisch, was zur großen “Gloriana” sehr gut passt.

Überhaupt ist das Casting gelungen. David Tennant als unangenehmer Reformator John Knox überzeugt und die Art und Weise wie der Film BIPoC in Hauptrollen als englischer und schottischer Hochadel einbindet, steht dem historischen Genre sehr gut. Besonders Gemma Chan als Beth of Hardwick und Adrian Lester als Lord Randolph haben mir richtig gut gefallen. Ich hoffe, dass sich das Genre hier ein Beispiel an “Mary Queen of Scots” nimmt, denn Geschichte war niemals nur weiß, cis, hetero und es wird Zeit, dass Historienfilme das widerspiegeln.

Ein sehr großer Pluspunkt ist in meinen Augen ebenfalls, dass die schwierige Beziehung zwischen den Cousinen Mary Stuart und Elizabeth Tudor so gut herausgearbeitet wird. Die beiden Königinnen haben sich zwar niemals getroffen, wie es in diesem Film passiert, doch sie standen tatsächlich über Briefe in Kontakt, haben sich Porträts geschickt und hatten reges Interesse aneinander. Der Film rückt in den Mittelpunkt, dass Mary und Elizabeth als Cousinen Freundinnen hätten sein können, hätten die politischen Konflikte zwischen England und Schottland nicht einen Keil zwischen sie getrieben.

Der Film ist großartig inszeniert, wenn auch nicht immer authentisch. Doch die Unterschiede zwischen dem schottischen und dem englischen Hof helfen zu verstehen, wo die Unterschiede zwischen den beiden Königreichen und Gesellschaften lagen, und es sieht einfach wunderbar aus: Beinahe schon Shakespeare-esque Aufführungen an Marys Hof in Schottland, alte Schlösser und der Luxus am englischen Hof, immer wieder fährt die Kamera über karge und doch wunderschöne Landschaften. Hier trumpft der Film wirklich auf und bietet tolle Bilder, untermalt von melancholischer Geigenmusik mit Renaissance-Flair.

Feminismus, der am Ziel vorbeischießt

Elizabeth und Robert Dudley am englischen Hof

Auf der anderen Seite versucht der Film aber einfach zu viel und scheitert daran. “Mary Queen of Scots” möchte modern sein. Und zwar auf die eher unangenehme Weise, denn er präsentiert einen Feminismus, der leider nur auf den ersten Blick funktioniert. Der Film drängt beide Frauen in sehr extreme Rollen: Mary Stuart wird zur gutherzigen, aber starken Königin, die im gesamten Film keinen einzigen Fehler machen darf, sondern nur immer wieder versucht ihre eigene Freiheit zu sichern. Elizabeth I. hingegen wird als beinahe kindlich stur und schwach gezeigt, wenn sie sich von ihren (cis männlichen) Beratern die falschen Entscheidungen einflüstern lässt.

“Mary Queen of Scots” macht etwas, das Historienfilme selten machen: Er zeigt uns zwei Frauen mit Macht, die sich dagegen wehren, von Männern abhängig zu sein. Leider macht der Film das aber nicht immer gut. Er nimmt besonders Mary Stuart ihre Komplexität als historische Persönlichkeit und das nehme ich dem Film übel. Denn die echte Mary war keine herzensgute Kämpferin, der übel mitgespielt wurde. Sie war politisch engagiert, hat Intrigen gesponnen und nicht danach gehandelt, was ihr richtig erschien, sondern genau wie Elizabeth zu ihrem Vorteil.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Mary in die Ermordung ihres zweiten Mannes Henry Stuart, Lord Darnley verwickelt war. Sie hat keinen Hehl daraus gemacht, dass sie den englischen Thron wollte. Im Film möchte Mary nichts weiter, als im Falle von Elizabeths Tod als Thronfolgerin eingesetzt zu werden und das wird als richtig und logisch präsentiert. In Wahrheit hat sich Mary von Schottland aus als englische Königin inszeniert. Sie hat deutlich gemacht, dass sie die protestantische Elizabeth nicht für die rechtmäßige Herrscherin hielt. Das zeigt der Film nicht. Und es nimmt Mary Stuart ihre Ecken und Kanten.

Auch lässt der Film unter den Tisch fallen, wie schwer es Elizabeth Tudor fiel, sich als unverhoffte Königin von England zu beweisen. Als Tochter der in Ungnade gefallenen Anne Boleyn, als protestantische Nachfolgerin ihrer katholischen Halbschwester Mary Tudor, als Frau. Mary Stuart hingegen wurde bereits Königin von Schottland, als sie nicht einmal eine Woche alt war und heiratete als Teenager den französischen König. Sie war es, die Anspruchsdenken auf den Thron hatte. Elizabeth war diejenige, die eher ungewollt Königin von England wurde.

Der Film dreht sich hier zwei sehr komplexe, historische Frauen so zurecht, dass sie in eine recht simple Formel passen: Mary, die gute Feministin, die nicht auf Männer hört und tut was richtig ist. Und Elizabeth, die von ihrer Macht und ihren männlichen Beratern korrumpiert wird. Die “schlechte” Feministin, die eine andere Frau verrät. Und hier verliert der Feminismus des Films seine Glaubwürdigkeit, denn er stellt es am Ende so dar, als hätte die alte Elizabeth ihre Narben, ihre “Hässlichkeit” und ihre Bitterkeit verdient, weil sie Mary verraten hat. Und das vereinfacht mir diesen religiösen, politischen Konflikt viel zu sehr.

Einmal Bury Your Gays hätte gereicht… 

Liebesdreieck oder politische Intrige? | Links: David Rizzio, Datum unbekannt | Rechts: Henry Stuart, Lord Darnley und Mary Stuart, ca. 1565

Auch die Einbindung queerer Themen hat mir nicht gefallen, denn sie wird sehr stark instrumentalisiert. Während Elizabeth am englischen Hof wegen ihrer Krankheit und politischen Schwierigkeiten zusammenbricht, tollt Mary in Schottland mit Höfling und Musiker David Rizzio durch’s Schloss und erklärt ihm, dass es für sie natürlich okay ist, dass er queer ist. Rizzio ist hier am Ende wirklich nur ein Plot Device, über den wir nochmal gezeigt bekommen, wie tolerant und gutherzig diese Mary Stuart ist. Und über Rizzio bedient der Film dann eben auch das Bury Your Gays Trope, denn er wird – historisch authentisch – vor Marys Augen brutal ermordet.

Auch die Affäre mit Henry Stuart, Lord Darnley, Marys zweitem Ehemann, fand ich weniger gut umgesetzt. Ob sie stattgefunden hat: Das kann keiner mehr sagen, vielleicht. Aber ein Film, der ansonsten so inklusiv und fortschrittlich sein möchte, hätte diese Affäre zwischen Rizzio und Darnley nicht als Auslöser für die (tatsächlich geschehene) Ermordung beider queerer Figuren hernehmen müssen, die sie historisch gesehen auch einfach absolut nicht war. Dass Darnley im Film auch noch derjenige ist, der Rizzio ganz tragisch zitternd tötet – Was soll das? Kann ein Film, der progressiv sein möchte, wirklich nicht mehr als das?

Stattdessen präsentiert er uns – mal wieder – queere Männer, die sich nach einer kurzen Affäre gegenseitig zu erpressen versuchen und am Ende als schon irgendwie selbst schuld an ihrer brutalen Ermordung dargestellt werden, als alles den Bach runtergeht. Dass die Attentate auf David Rizzio und Lord Darnley beide mit den Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten, sowie England und Schottland, und den Intrigen der Feinde Mary Stuarts zusammenhingen… völlig egal, denn hier werden sie genutzt, um noch mehr Drama in die Handlung zu bringen und einmal mehr nicht nur doppelt das “Bury Your Gays”-Trope zu bedienen, sondern auch das alte Klischee, dass Queerness nur Unglück und Leid über alle Beteiligten bringen kann. Ein Flop auf ganzer Linie.

Kostüme zwischen Jeanskleidern und Eintönigkeit

Links: Mary Stuart, ca. 1560 | Mitte: Elizabeth I. in ihrem berühmten Phoenixkleid, ca. 1575 | Rechts: Eins der wenigen erhaltenen Originale aus der elisabethanischen Zeit, ca. 1600 (Victoria & Albert Museum, London)

Die Kostüme sind dann noch einmal eine Sache für sich. Ich finde, dass der Film gut aussieht. Alexandra Byrne gibt ihm einen eigenen Stil, der hier und da durchaus Anleihen aus der elisabethanischen Mode übernimmt. Manches funktioniert, aber manches fällt eben auch flach. Die Jeanskleider zum Beispiel verstehe ich einfach nicht. Wieso so eindeutig Jeansstoff für die Kleider des Hochadels des 16. Jahrhunderts? Auch die Bolerojäckchen und die einfarbigen, viel zu schlichten Kleider haben mir nicht so gut gefallen. Sie sind gewollte Anachronismen, um den Film an das moderne Auge anzupassen, und das ist okay, aber sie funktionieren nicht richtig.

Frisuren und Accessoires sind ebenfalls überhaupt nicht historisch authentisch, fangen aber die exzentrischen Stile der Epoche trotzdem gut ein. Der Film scheint das Merkwürdige, manchmal sogar Groteske der Epoche hervorheben zu wollen, was ich eine schöne Idee finde, aber auch das gelingt eben manchmal und manchmal nicht. Ich habe geliebt, dass die Männerfiguren die für die Epoche typischen großen Ohrringe und Schmuck tragen durften. Ich habe nicht geliebt, dass ich mal wieder unzählige Mittelalterliche Lederjacken und sehr moderne “Strubbelhaare mit Bart”-Frisuren gezählt habe.

An sich funktioniert die Ästhetik des Films für sich. Schwer im Magen lag mir jedoch die Darstellung Elizabeths nach ihrer schweren Krankheit. Wie in der Realität wird aus der schönen, jungen Frau eine schwer gezeichnete Königin, die sich unter Make-Up und Perücken versteckt. Dass man Margot Robbie aber eine sehr billig aussehende Perücke aufsetzt und ihr fast schon groteskes Make-Up antut, ist auf die falsche Art überzeichnet, denn es spielt in dasselbe Muster, das ich oben schon erwähnt habe: Während die “gute Feministin” Mary auch über zehn Jahre später noch jung und schön ist, ist aus Elizabeth wie zur Strafe eine groteske Karikatur ihrer selbst geworden.

Leider, und das ist am Ende mein größtes Problem mit “Mary Queen of Scots” kann sich der Film nämlich doch nicht komplett von den typischen Geschlechterrollen des Genres lösen. Denn am Ende zeigt er Elizabeth als verbittert und einsam – weil sie nie geheiratet und keine Kinder bekommen hat, während Mary öfter verheiratet war und Thronfolger gezeugt hat. Wie authentisch dieser Neid Elizabeths ist, ist umstritten. Der Film instrumentalisiert ihn jedoch, um diese beiden interessanten Königinnen doch wieder in das alte Bild von der guten Frau und Mutter und der traurigen, “kaputten” einsamen Frau ohne Kinder zu pressen, unterstrichen von Marys (Norm)Schönheit und Elizabeths grotesker Transformation.

Darüber hinaus hätte ich gern ein paar Replikationen der Kleider gesehen, die beide Frauen in echt besaßen. Ich hätte gern die Extravaganz von Kleidern wie dem auf dem Darnley-Portrait oder des Phoenix-Kleides, das ihr oben in der Mitte an Elizabeth sehen könnt, gesehen. Gern auch im Stil des Films abstrahiert, keine Frage, aber eben trotzdem da. Dass das geht hat schon 1971 die BBC-Serie “Elizabeth R” bewiesen und unter anderem das Phoenix-Kleid originalgetreu reproduziert. Dieser Glamour fehlt mir an Margot Robbies Elizabeth, die die Königin zwar gut spielt, aber nicht die passenden Kleider tragen darf.

Ein gutes, aber nicht immer gut umgesetztes Konzept

Mary reitet in die Schlacht

Am Ende lässt mich “Mary Queen of Scots” daher etwas zwiegespalten zurück. Als historisches Epos funktioniert der Film sehr gut. Er ist toll gespielt, erzählt eine spannende Geschichte und liefert wunderschöne Bilder und Szenen, die unter die Haut gehen. Die Kostüme sind manchmal spannende Anachronismen, manchmal wenig inspiriert und manchmal ein bisschen zu überzeichnet, ergeben aber am Ende eine historisch wenig authentische, aber funktionierende Ästhetik. Mir hat besonders gefallen, wie der Film die schwierige Beziehung seiner Hauptfiguren aufarbeitet.

Nicht so gut gefallen hat mir jedoch, dass “Mary Queen of Scots” die beiden Königinnen so sehr in bestimmte Rollen drängen möchte. Mary als die gute, unabhängige Kämpferin, die keinerlei Fehler macht, Elizabeth als eine von schlechten Entscheidungen und Schwäche gezeichnete Königin, die am Ende bitter und einsam zurückbleibt. Hier fehlt mir unbedingt die Komplexität beider Frauen und eben vor allem in Marys Fall mehr ihrer wirklichen Persönlichkeit. Der Film hätte seinen Feminismus deutlich überzeugender präsentieren können, hätte Mary dafür nicht zur perfekten Heldin ohne Kanten verdreht werden müssen.

Ich denke, dass der Film einen guten Ansatz verfolgt hat. Er wollte diese Geschichte für ein modernes, feministisches Publikum präsentieren. Das funktioniert in Dialogen zwischen den Frauenfiguren, im diversen Casting und in einigen schön inszenierten Szenen zwischen Mary und ihren Hofdamen. Es funktioniert aber eben nicht, wenn der Film die wahren Geschehnisse und beide Frauen zu sehr überzeichnet, die eine in die positive, die andere in die negative Richtung. Ich finde es ehrlich gesagt sogar irgendwie einen Bärendienst, Mary ihre negativen Seiten zu nehmen, denn auch Frauenfiguren sollten mal unsympathisch und egoistisch sein dürfen und trotzdem die Heldinnen ihrer Geschichten.


Maria Stuart, Königin von Schottland | UK, USA 2018 | Regie: Josie Rourke | Drehbuch: Beau Willimon | 125 Minuten | Originaltitel: Mary Queen of Scots

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