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“Lizzie” (2018): Die Lizzie-Borden-Geschichte aus einer neuen Perspektive

Dieser Film ist an mir vorbeigegangen und das irritiert mich, denn ich finde die Lizzie-Borden-Story ziemlich interessant und Kristen Stewart spielt eine der Hauptrollen in diesem Film, also wo war ich, als der Film letztes Jahr rauskam? Naja, jetzt habe ich den Film ja entdeckt und finde, dass er als Abschluss für die Histo-Halloween-Aktion perfekt ist. Ein bisschen True Crime, ein bisschen Horror und ganz viel historische Authentizität. Eins war von vorn herein klar und dafür bin ich auch sehr dankbar: “Lizzie” will kein campy Horror-Thriller sein, wie es “Lizzie Borden Took an Axe” (2014) mit Christina Ricci ist, sondern ein psychologisches Drama.

Die wahre Geschichte der Lizzie Borden liegt im Dunkeln: Angeblich ermordete die Tochter aus gutem Hause 1892 ihren Vater und ihre Stiefmutter mit einer Axt. Ob sie es wirklich getan hat, bleibt ein Rätsel. Die Geschichte ist mittlerweile eine Urban Legend: Das Borden-Haus in Fall River, wo die Morde geschehen sind, ist ein Bed-and-Breakfast, in dem es spuken soll – Hier hatte Produzentin und Hauptdarstellerin Chloë Sevigny die Idee für diesen Film, der es nicht leicht hatte: Als Miniserie wurde er abgesagt, weil im selben Jahr die Serie mit Christina Ricci herauskam, und der Film hatte nur ein geringes Budget zur Verfügung.


Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt, graphisch dargestellte Gewalt und Blut, Tod von Tieren, häuslicher Missbrauch

Blutiger Mord in echten Belle-Époque-Kleidern

Dieses nutzt er jedoch ausgezeichnet. Ich war besonders begeistert, als ich erfahren habe, dass Sevigny selbst Kleider aus dem 19. Jahrhundert sammelt und für die Kostüme dieses Films Originalstücke beigesteuert hat: Wir sehen besonders Lizzie (Chloë Sevigny) also in über hundert Jahre alten Kleidern auftreten. Authentischer geht es dann wirklich nicht mehr, oder? Generell hatten Sevigny und die Kostümbildnerin Natalie O’Brien ein gutes Auge für Details: Sevigny trägt als Lizzie auch oft die rosafarbene Blumenbrosche, die die echte Lizzie Borden auf dem berühmten Foto von ihr trägt. Ich als Fan von historischer Mode und Kostümdesign war natürlich hin und weg.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass der Film so toll aussieht. Die historischen “Fehlerchen” kann man deshalb auch sehr leicht verzeihen, besonders, wenn man bedenkt, wie wenig Budget der Film zur Verfügung hatte. Manche Statist.innen tragen eher abenteuerliche Kostüme, aber natürlich hebt sich der Film die authentischen und teils ja eben auch echten Stücke für die Hauptfiguren auf. Außerdem verlegt der Film die Handlung von Massachussetts nach Georgia, auch aus Budgetgründen. Das ist aber okay, weil das hier eben eine fiktionalisierte Version des Stoffes ist und der Film sich mit den wichtigen Details solche Mühe gibt.

Die dunklen Abgründe des Gilded Age

“Lizzie” macht aus dem Lizzie-Borden-Stoff eine Geschichte, die an die Nerven geht. Der Film ist voller psychologischer Abgründe. Es ist besonders furchtbar mit ansehen zu müssen, wie die Grausamkeiten von Lizzies Vater nicht nur Lizzie, sondern auch den Rest der Familie und Bridget zusetzen und bei einigen Szenen musste ich wirklich schlucken, weil sie mir so nahe gegangen sind. “Lizzie” erzählt von häuslichem Missbrauch, der sich hinter der Fassade der respektablen Familie abspielt, und von einer Frau, die durch ihren kontrollierenden, grausamen Vater ans Äußerste getrieben wird.

War das wirklich so? Das kann niemand mehr sagen, denn der Lizzie-Borden-Fall ist ein Mysterium. Diese Interpretation aber geht unter die Haut und selbst, wenn er nicht die wahre Geschichte der Lizzie Borden zeigen sollte, das, was Lizzie passiert ist so authentisch für diese Epoche. Nach außen hin mimen die Bordens die respektable, wohlhabende Familie, doch hinter verschlossenen Türen zeigt der “Hausherr” sein wahres Gesicht. Auch der sexuelle Missbrauch, den Bridget durch ihn erfährt, ist viel zu authentisch, denn oft waren Hausmädchen ihren Arbeitgebern schutzlos ausgeliefert.

“Lizzie” gelingt es, dass diese Szenen wirklich betroffen machen und weh tun. Man kann sich vorstellen, dass es so wirklich gewesen sein könnte, auch, wenn man wohl nicht herausfinden wird, ob es nun tatsächlich so war, denn “Lizzie” zeigt historisch belegte Ereignisse und interpretiert sie in diese Richtung. Denn egal, was nun wirklich vorgefallen sein mag, die Geschichte ergibt unter dem Gesichtspunkt, dass Lizzie Angst vor ihrem Vater hatte, erschreckend viel Sinn: Als Geschichte funktioniert der Film voll und ganz.

Dass Lizzie und Bridget in diesem Film ein Paar sind, fand ich ebenfalls eine gelungene Interpretation, die auch nicht vom Team hinter “Lizzie” kommt, sondern von einigen Historiker.innen vorgeschlagen wurde. Auch hier gilt: Niemand weiß, wer diese Lizzie Borden wirklich war und über die irische Zofe Bridget Sullivan ist noch weniger bekannt. Lizzie und Bridgets Liebesgeschichte hat mir gut gefallen, ebenso der Umstand, dass Bridget nicht nur eine Nebenfigur ist, sondern im Fokus steht. Bridgets Rolle im echten Fall ist sehr mysteriös, was der Film schön herausarbeitet, und Kristen Stewart spielt das Hausmädchen, das keinen Ausweg aus ihrer Situation sieht, emotional und überzeugend.

Psychologisches Drama mit dunkler Atmosphäre

Dem Film gelingt es gut Horror- und Psychothriller-Elemente, wie die graphisch dargestellten Morde und ein paar unheimliche Begebenheiten in den Wochen davor, mit dem komplexen Drama zu verbinden. “Lizzie” ist die Geschichte von zwei gesellschaftlichen Außenseiterinnen – Lizzie selbst, die wegen ihrer Epilepsie, aber auch wegen ihrer Selbstbestimmtheit als merkwürdig angesehen wird, und die Zofe Bridget, die als Irin im Amerika des späten 19. Jahrhunderts nicht als Teil der Gesellschaft gilt – die am Ende an der Misogynie ihrer Epoche beinahe zerbrechen, aber beide auf ihre Weise doch noch ausbrechen können.

Das macht “Lizzie” am Ende nicht zu einer historisch authentischen Geschichte über Lizzie Borden, aber zu einem interessanten, authentischen Psycho-Drama über Frauen, die außerhalb der viktorianischen Gesellschaft leben, weil sie – ob wegen Verhalten, Krankheit, Herkunft oder Sexualität – nicht dem Ideal entsprechen. Darin brilliert der Film dann auch: Ja, die Morde sind grausam und blutig dargestellt. Aber der wahre Horror entsteht aus dem Verhalten der (cis) Männer, besonders Lizzies Vater, die ihre Macht gnadenlos ausnutzen. Ähnlich wie viele neuere Histo-Filme rückt “Lizzie” das Bild der schillernden Belle Époque ein bisschen zurecht und zeigt ihre Abgründe und dafür bin ich immer hier.

“Lizzie” ist ein sehr emotionaler, düsterer Psychothriller und eine Aufarbeitung des Lizzie-Borden-Stoffes, der einmal nicht die Morde selbst in den Vordergrund rückt, sondern versucht zu erörtern, was in der Psyche einer Frau wie Lizzie Borden passiert sein könnte, das zu einem grausamen Doppelmord führt. Vor allem ist “Lizzie” eine treffende Interpretation der dunklen Seiten des amerikanischen Gilded Age, in dem für Frauen wie Lizzie oder auch Bridget kein Platz zu sein scheint. Ob diese Interpretation historisch “korrekt” ist oder nicht ist dabei fast egal, denn der Film zeigt authentisch, was hätte sein können.

Da Lizzies Fall sowieso sehr mysteriös ist und es kaum klar überlieferte Fakten gibt, ist am Ende jede Aufarbeitung eine Interpretation. Und diese hier ist sehr gelungen. Mich hat die düstere, manchmal beinahe verträumte Atmosphäre rund um einen grausamen Mord ein bisschen an die Netflix-Mini-Serie “Alias Grace” erinnert, weshalb ich den Film allen Fans von kunstvoll inszenierten, düsteren Histo-Filmen mit emotionaler Wucht empfehlen würde. “Lizzie” funktioniert als blutiger Psychothriller genauso gut, wie als ernstes, emotionales Histo-Drama und gibt den Urban Legends und Gruselgeschichten rund um Lizzie Borden ein bisschen Komplexität zurück



Lizzie Borden: Mord aus Verzweiflung | USA, 2018 | Regie: Craig William Mcneill | Drehbuch: Bryce Kass | 105 Minuten | Originaltitel: Lizzi


Beitragsbild: Saban Films/Roadside Attractions, 2018

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