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Essays

Warum faszinieren uns Gruselgeschichten so sehr?

Der Frage danach, wie Horror – besonders Grusel – funktioniert, bin ich 2017 schon einmal auf meinem alten Blog nachgegangen. Ich finde das Thema aber besonders im Zusammenhang mit historischen Settings interessant, weshalb ich es heute noch einmal von dieser Seite beleuchten möchte. Denn irgendwas gibt es da, das historische Stoffe mit Geistergeschichten untrennbar zu verbinden scheint. Selbst in Geschichten, die in unserer Gegenwart spielen, sind Geister oft schon sehr alt: Im neuen Haus der Protagonist.innen spukt nur selten jemand, der nicht schon seit Jahrzehnten tot ist.

Und besonders beliebt sind natürlich viktorianische Geister: Die junge Frau im langen, weißen Kleid ist ein absolutes Muss im Gruselroman. Heute möchte ich diesen Geistergeschichten ein bisschen nachgehen, mir ansehen, warum wir ausgerechnet das 19. Jahrhundert so sehr mit Geistererscheinungen in Zusammenhang bringen und auch ein Stück weit aufschlüsseln, warum wir Geistergeschichten, besonders historische oder solche mit historischen Anleihen, überhaupt so gern mögen.


Triggerwarnung:
Ich bespreche in diesem Text das Thema Tod und andere Themen, die mit Grusel und Horror zusammenhängen

Viktorianischer Gruseltrend & “Memento Vivere”

Ein Medium beschwört einen Geist bei einer Séance | Aus: Frank Leslie’s Illustrated Newspaper, 12. Mai 1888

Und das geht nicht, ohne einen Blick auf das späte 19. Jahrhundert zu werfen, denn während es Geistergeschichten natürlich schon immer gab, revolutioniert diese Epoche, wie wir bis heute Geistererscheinungen verstehen und behandeln. Denn das Ende des 19. Jahrhunderts hat, bedingt durch verschiedenste Entwicklungen in den Jahrzehnten zuvor, die ich jetzt nicht alle aufzählen kann, eine ganz eigene Herangehensweise an den Tod. Vereinfacht gesagt, dreht die Belle Époque den frühneuzeitlichen Vanitas-Gedanken auf den Kopf: Im 17. Jahrhundert war das berühmte “Memento Mori” eine düstere Warnung: Bedenke, dass du sterblich bist und alles vergänglich ist.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Rückbesinnung auf diesen Gedanken, doch diesmal lachten die Menschen den Tod ein Stück weit aus. Der Gedanke an den eigenen Tod war keine Ermahnung mehr, sondern ein Grund, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Dieser “Sieg über den Tod”, auch als “Memento Vivere” bezeichnet, ist im späten 19. Jahrhundert allgegenwärtig und Grusel und Horror werden endgültig zur Mainstream-Unterhaltung. Das geht von den Pariser Horrorcafés, in denen Särge standen und Knochenkronleuchter von der Decke hingen, über das Revival der Gothic-Literatur bis zu Séancen und der Beschwörung der Toten als gelungene Abendunterhaltung.

Tatsächlich sind Medien im späten 19. Jahrhundert en vogue: Menschen, die behaupteten einen Draht in die Welt der Toten zu haben und diese anrufen zu können. In abgedunkelten Salons ließen sie Tische schweben, Ektoplasma erscheinen oder sogar Geister umherwandern. Natürlich war das alles ein großes Geschäft – und ein großer Betrug. Das Ektoplasma war aus Stoff oder Papier, die Geister verkleidete Mitarbeiter.innen, und auch ansonsten gab es viele Tricks, mit denen Geistererscheinungen vorgetäuscht wurden. Haben die Menschen damals tatsächlich an diese Medien geglaubt? Ja und nein.

Die Schwelle zum 20. Jahrhundert ist eine spannende Zeit voller wissenschaftlicher Fortschritte. Und die Frage, ob es mithilfe der Wissenschaft nicht auch möglich sei, mit den Toten zu kommunizieren, stand im Raum. Viel wichtiger für diesen Post ist aber etwas anderes: Und zwar der oben angesprochene “Triumph über den Tod”: Im späten 19. Jahrhundert suchten die Menschen noch intensiver als zuvor nach dem Unterhaltsamen im Schaurigen, das durch das Wissen ausgelöst wird, dass das, was man auf den Bühnen von Horrortheatern sieht oder im Schauerroman liest nicht echt ist. So ähnlich schauen wir auch heute Horrorfilme: Es macht Spaß, weil es nicht echt ist.

Was Horror und Grusel uns geben können

Grusel und Horror erlauben uns, uns mit schrecklichen, unheimlichen Dingen auseinanderzusetzen, ohne sie wirklich erleben zu müssen. Auf diese Weise können wir mit Themen, die uns Angst machen, ein bisschen besser umgehen lernen. Deshalb sind Geister auch so ein beliebtes Element in diesen Geschichten, denn der Tod ist etwas, vor dem die meisten Leute Angst haben. Geister – Tote, die trotzdem noch irgendwie da sind – funktionieren als unheimliche Antagonist.innen, die den Held.innen die eigene Sterblichkeit vor Augen führen, aber auch als Helfer.innen, die ihnen aus dem Jenseits zur Seite stehen.

Desweiteren funktionieren Horror und Grusel wie kein zweites Genre als Ventil für gesellschaftliche Problematiken und Ängste. Schon im 19. Jahrhundert war der plötzliche Horrorboom auch auf die sich rasend schnell verändernde Gesellschaft zurückzuführen, die vielen Leuten Angst machte. Oscar Wildes “Das Bildnis des Dorian Gray” (1890) zum Beispiel spielt mit der Angst der Viktorianer vor gesellschaftlichem Verfall, “Dracula” von Bram Stoker (1897) steckt leider voller viktorianischer Fremdenfeindlichkeit. Auch heute nutzen wir Horror noch für politische Botschaften. In seinem Erfolgs-Horrorfilm “Get Out” (2017) verarbeitet Jordan Peele Amerikas Rassismusproblem.

Wenn die echte Welt uns Angst macht, suchen wir uns oft unheimliche oder schockierende Geschichten als Ventil, um mit unseren Emotionen auf sichere Weise fertig zu werden. So, wie die Menschen des 19. Jahrhunderts. Aber auch vor dem großen Horrortrend der späteren 1800er haben die Menschen das schon getan. Viel von dem ältesten erhaltenen Liedgut, sind schaurige Bänkellieder oder historische “true crime”-Geschichten und im französischen Mittelalter gab es einen regelrechten Trend hin zu Werwolfgeschichten, basierend auf uralten Geschichten von Wolfsmenschen.

Und auch die Geistergeschichte lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen, denn der Gedanke, noch einmal mit Verstorbenen in Kontakt treten zu können – egal auf welche Weise – oder nach dem eigenen Tod noch irgendwie da zu sein, hat die Menschen schon immer gereizt. Am Ende lässt sich das Horrorgenre also bis in die Antike zurückverfolgen, da Gruselgeschichten für die Menschen schon immer ein Weg waren, sich das Unerklärliche zu erklären oder mit unheimlichen und schlimmen Ereignissen fertigzuwerden. Unsere heutige Form von Grusel und Horror lässt sich auf das späte 19. Jahrhundert und seinen “Sieg über den Tod” zurückführen, natürlich stark beeinflusst durch die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.

Geister und Horror als Brücke in die Vergangenheit

“The past is a foreign country.” | L.P. Hartley

Warum so viele viktorianische Geister durch das Genre spuken, dürfte sich deshalb jetzt auch beinahe von selbst erklären: Wir verbinden das 19. Jahrhundert weiterhin mit Horror- und Gruselgeschichten, weil das Genre in dieser Zeit so einen Aufschwung erlebt und viele bis heute beliebte Gruselgeschichten hervorgebracht hat. Viele moderne Schauergeschichten spielen ja auch immer noch mit den Elementen, die im Schauerroman des 18. und 19. Jahrhunderts beliebt waren: Düsteres Wetter, unheimliche Landschaften, alte Häuser, in denen es auf die ein oder andere Weise spukt.

Darüber hinaus sind historische Geister in Mystery, Grusel und Horror sicherlich auch beliebt, weil sie Geschichte mitbringen. Sie sind eine Verbindung zwischen der Gegenwart der Hauptfigur und einer längst vergangenen Geschichte, die man nicht mehr richtig fassen kann, aber kennen möchte. Diese Faszination ist die gleiche, die von alten Häusern und Friedhöfen ausgeht, von alten, naturbelassenen Landschaften und Traditionen. Wenn etwas alt ist, ist es ein Stück weit eine Brücke in eine Zeit, die nicht mehr existiert und wir scheinen das sehr zu mögen. Denn die Vergangenheit ist etwas, das wir nicht wirklich berühren können.

Und ein Geist lässt uns genauso wie ein altes Haus einen Blick in diese Vergangenheit werfen. Deshalb konfrontieren so viele moderne Gruselromane auch oft das Alte mit dem Neuen: Einerseits ist auch das natürlich ein Zwinkern in Richtung des 19. Jahrhunderts, wo dieser Konflikt in Gesellschaft, Wissenschaft und allen Lebensbereichen so allgegenwärtig war. Andererseits ist es auch immer noch ein Konflikt, der uns beschäftigt, besonders heutzutage, wo wir einmal mehr nicht wissen, was die Zukunft bringen wird und sich Gesellschaft und Technik so rasant entwickeln, das wir kaum zusehen können.

Im Moment scheint der Geisterroman auch wieder im Kommen zu sein. Auf dem englischsprachigen Buchmarkt legen Autor.innen wie Laura Purcell klassische, viktorianische Horrorromane vor, die genauso funktionieren, wie die Schauerromane des 19. Jahrhunderts. Hier bei uns finden die Geister im Moment zurück auf den Jugendbuchmarkt. “City of Ghosts: Die Geister, die mich riefen” von Victoria Schwab und “Heaven’s End” von Kim Kestner sind zwei Jugendbücher aus diesem Jahr, in denen es moderne Teenie-Heldinnen mit uralten Geistern und Legenden zu tun bekommen. Geister und ihre Verbindung in die Vergangenheit faszinieren uns also immer noch.

Und damit wünsche ich euch ein schönes Halloween 2019, vielleicht ja auch mit einem Buch oder einem Film aus der Histo-Halloween-Aktion.


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Beitragsbild: “Geist”, George Roux, 1885

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1 Comment

  • Reply Fia

    Danke für den Artikel!
    Ich habe mich sehr gewundert, als ich erfuhr, dass Arthur Conan Doyle zu den Gläubigen gehörte und an Geister, Medien und Feen glaubte. (Das habe ich erst in einem Buch gelesen, dass sich mit Elfen, Feen und gefälschten Elfen-Fotos befasst.)

    17. November 2019 at 20:15
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