Follow:
Filme & Serien

“Meine Cousine Rachel” (2017): Dunkles Drama mit Gothic-Atmosphäre

Die neuste Verfilmung von Daphne du Mauriers Gothic-Roman “Meine Cousine Rachel” (1951) hat mich vor allem wegen der düsteren Atmosphäre gereizt. Ein Herrenhaus im stürmischen Cornwall ist immer ein guter Ausgangspunkt, genauso, wie die Entscheidung, “Rachel” in die 1840er zu versetzen: Im Roman kommt nicht ganz raus, wann im 19. Jahrhundert sich die Ereignisse zutragen, der Film jedoch sucht sich das frühe viktorianische Zeitalter aus, die Ära der Brontës und die Hochzeit des proto-feministischen Schauerromans und sicherlich ist das auch kein Zufall.

Die Handlung folgt dem Landadeligen Philip Ashley (Sam Claflin), dem sein riesiges Herrenhaus langsam über dem Kopf zusammenzufallen scheint. Als sein geliebter Cousin Ambrose nach Italien reist, dort die Cousine der beiden, Rachel (Rachel Weisz), heiratet und kurz darauf verstirbt, ist Philip sicher, dass Rachel für Ambroses Tod verantwortlich ist und will das auf jeden Fall beweisen. Als Rachel kurz darauf nach Cornwall kommt, muss er jedoch feststellen, dass Rachel keinesfalls die böswillige Frau ist, für die er sie gehalten hat. Oder etwa doch?


Triggerwarnung:
Verborgener Inhalt

Feminismus und Gothic: Zwischen 1840 und heute

“Can’t you let me be a person in her own right? A woman who’s making her way in the world as she wishes to.“

Im Kern ist “Meine Cousine Rachel” eine Geschichte über eine Frau, die nicht ganz in das viktorianische Idealbild passt, aneckt und versucht sich der Bevormundung durch die Männer in ihrem Leben zu entziehen. Interessant ist das, wenn man bedenkt, dass die Romanvorlage aus den 1950ern stammt und die Ideen und Botschaften in “Meine Cousine Rachel” ziehen sich auch bis in unsere Gegenwart: Rachel wird für ihre Vergangenheit geslutshamed, sie ist eine Frau in den späten Dreißigern, die sich trotzdem von Männern sagen lassen muss, was sie darf und was nicht.

Erzählt wird diese Geschichte durch die Augen von Philip Ashley (Wie im Roman, der aus seiner Ich-Perspektive geschrieben ist), der Rachel als eine Art Femme Fatale sieht. Von Anfang an wird deutlich, dass der 24-jährige Philip sehr kindisch, naiv und aufbrausend ist und genau das macht es so unangenehm zusehen zu müssen, wie dieser Junge über das Leben der Frauen in seiner Umgebung bestimmen darf. Sei es Rachel, die Witwe seines Cousins, oder auch seine Freundin Louise (Holliday Grainger), die sich als deutlich scharfsinniger und vernünftiger herausstellt, als er, und sich trotzdem von ihm herumschubsen lassen muss.

Und das Perfide ist, dass Philip nicht wirklich unsympathisch ist. Er ist kein misogynes Monster, das man hassen möchte. Er ist einfach ein cis Mann, der nie gelernt hat, dass er kein Anrecht auf die Frauen in seinem Leben hat und der nicht unbedingt böse Absichten hat, aber trotzdem viel Unheil anrichtet und während der Film Rachel durch Philips Augen als eine Femme Fatale zeigt, wird durch ihre Reaktionen und das, was sie sagt, klar, dass sie eher eine Frau ist, die ihr Leben lang versucht hat aus den strengen Vorgaben, die das viktorianische Zeitalter ihr auferlegt, auszubrechen.

Trotzdem ist Rachel auch kein unschuldiges Opfer und genau das hat mir sehr gut gefallen. Sie ist eine sehr kantige Figur, die man nicht wirklich einschätzen kann und die tatsächlich ein paar dunkle Geheimnisse mit sich herumträgt. Rachel ist nicht das “perfekte Opfer”, das sich nichts zu Schulden kommen hat lassen und mit allem, was ihr passiert, richtig umgeht. Was dem Film wirklich gut gelingt, ist zu zeigen, dass sie trotzdem ein Anrecht auf ein freies Leben hat, das sie sich wünscht. Und obwohl sie durch Philips Perspektive oft verzerrt wird, in die eine und die andere Richtung, ist sie am Ende jemand, der versucht sich zu nehmen, was sie will und solche Frauenfiguren mag ich.

Schöne Kostüme und kleine Details

Darüber hinaus ist der Film ebenfalls sehr gelungen. Die Landschaftsaufnahmen von Cornwall, der Küste und dem Meer sind wunderschön, ebenso das Herrenhaus und auch die Aufnahmen in Italien zu Beginn des Films. “Meine Cousine Rachel” ist eine düstere Geschichte, ein tragisches Drama, und obwohl die Geschehnisse selbst nicht unbedingt unheimlich sind, ist die Atmosphäre oft sehr spooky. Der Film würdigt hier nicht nur Gothic- und Horrorautorin Daphne du Maurier, sondern auch die Schauerromane des frühen viktorianischen Englands. Ein richtiger Halloweenfilm ist “Rachel” damit nicht, aber das Düstere, Traurige passt gut in die dunkle Jahreszeit.

Die Kostüme sind ebenfalls gelungen. Rachel ist Witwe und trägt für den Großteil des Films nachtschwarze Trauerkleidung, die sie von den anderen Frauenfiguren in ihren geblümten, hellen Kleidern deutlich unterscheidet. Mir hat gut gefallen, dass der Film die Trends und Schnitte der 1840er recht authentisch wiedergibt , aber eben doch ein bisschen damit spielt. Rachel in Schwarz, Louise in hellen Kleidern mit Blumen an der Haube, aber schlicht frisiert, die Pascow-Schwestern in extravaganten Kleidern und Frisuren – Aber einfach ein bisschen altmodisch, eher 1830er als 40er. Hier macht der Film etwas, das ich sehr mag. Die Kostüme sagen etwas über die Figuren und ihre Umstände aus.

Rachel ist Gesellschaftsame und hat lange in Italien gelebt, sie trägt sehr modische Kleidung, während die Frauen in Cornwall zwar gut angezogen sind, aber sehr unmodern. Ich liebe es, wenn Filme und Kostümdesigner.innen sich trotzdem solche Mühe bei den Details geben. Ja, manchmal ist es ein bisschen unglaubwürdig, dass zum Beispiel die Pascow-Mädchen fast ein ganzes Jahrzehnt zurück sind was Mode angeht, aber ich akzeptiere das, weil gerade das durch die extrem unterschiedlichen Schnitte und Stile auch Zuschauer.innen, die mit historischer Mode nichts am Hut haben, hilft zu erkennen, dass Rachel anders (angezogen) ist.

Gothic-Tragödie mit ernstem Kern

Darüber hinaus ist “Meine Cousine Rachel” ein ruhiger Film, dessen Spannung aus den Konflikten zwischen den Figuren und aus Philips verzerrter Idee von Rachel entsteht. Da ist der Film ein klassisches Kostümdrama. Man darf hier keine große Action erwarten, sondern eben wirklich eher gut gemachte Gothic: Als Philip beginnt, Rachel in einem eher negativen Licht zu sehen, wirken sogar Alltagssituationen plötzlich bedrohlich und auch Wetter und Landschaft spiegeln in bester Schauerromanmanier die Launen der Protagonist.innen. Ich denke, dass der Film allen Fans der Brontë-Schwestern gefallen dürfte, vor allem, wenn euch die 2011er Verfilmung von “Jane Eyre” gefallen hat.

Im Kern ist “Meine Cousine Rachel” ein emotionales Histo-Drama, das einerseits recht komplex die engen und einschränkenden Gender-Rollen für Frauen im 19. Jahrhundert darlegt, aber auch unsere moderne Gesellschaft spiegelt. Denn Philip glaubt ein Anrecht auf Rachel zu haben, die er sich im Kopf erst zur perfekten Frau idealisiert und dann, als sie nicht tut, was er will, zur Femme Fatale. Als eines sieht er sie aber nie wirklich: Als eigenen Menschen, den man nicht kaufen oder besitzen kann. Das ist ein Problem, das bis heute besteht und ich fand dieses Thema sehr gut aufgearbeitet. Das ist es auch, was “Rachel” ein bisschen anders macht als andere Kostümdramen. Ich würde den Film allen Interessierten auf jeden Fall empfehlen.



Meine Cousine Rachel | USA, UK 2017 | Regisseur: Roger Michell | Drehbuch: Roger Michell | 106 Minuten | Originaltitel: My Cousin Rachel

Share on
Previous Post Next Post

Das könnte dir auch gefallen:

No Comments

Leave a Reply