Mode war und ist viel mehr als bloße Kleidung. Trends, Stoffe und Accessoires verraten uns viel über politische und gesellschaftliche Ideen und Umstürze einer Epoche. Deshalb möchte ich mir in dieser Beitragsreihe anschauen, wie die Mode vergangener Epochen in Filmen, Serien und auch historischen Romanen dargestellt wird und was beliebte Anachronismen sind – Und woher sie kommen. Den Anfang macht, natürlich, das lange Mittelalter. Denn die Darstellung des “dunklen” Mittelalters ist ganz besonders interessant.

Das Mittelalter einzugrenzen ist nicht allzu leicht. Im europäischen Raum begrenzt man es grob auf die Jahre 500-1500. In Skandinavien ist das Mittelalter tatsächlich länger, in Italien dafür kürzer. Das Mittelalter an sich ist auch keine homogene Epoche: Es ist die Zeit zwischen der Antike und der Renaissance beziehungsweise der Frühen Neuzeit und wird anhand von gesellschaftlichen und besonders auch wissenschaftlichen Umschwüngen eingegrenzt. Das sind also mindestens 1000 Jahre Modegeschichte, die ich natürlich nicht in einem einzigen Post darlegen kann.


Das Mittelalter zwischen Klischee und Romantisierung

Links: Zwei Frauen, York Psalter, ca. 1170, England | Mitte: Frau des Manoach, Maciejowski-Bibel, ca. 1250, Frankreich | Rechts: Mutter und Tochter, Codex Manesse, ca. 1310, Deutschland

Zuerst müssen wir uns aber von der Idee des dunklen Mittelalters verabschieden, in dem es allen Menschen schlecht ging, Europa komplett rückständig und verroht war und alle nur braune Säcke trugen. Wir müssen uns auch bewusst machen, das Mode noch nicht globalisiert war und jede Kultur ihre eigenen “Trends” hatte: Man wird im Jahr 900 in Mitteleuropa deutlich andere Kleidung finden, als in Italien, in Großbritannien, oder im Byzantinischen Reich.

Selbst, wenn wir uns nur Großbritannien anschauen würden, würden wir feststellen, dass zwischen der Mode der Angelsachsen und der 1066 eintreffenden Normannen große Unterschiede bestehen. Ich bin heute nicht hier, um diese Unterschiede alle im Detail aufzuschlüsseln. Heute möchte ich mir eher ein paar Anachronismen in historischen Medien anschauen, die immer wieder aufkommen, wenn es um Das Mittelalter(tm) geht und erklären, warum ich – als Historikerin, aber vor allem auch als Konsumentin dieser Medien – diese Anachronismen störend finde.

Ich schaue mir dafür hauptsächlich das Hoch- und Spätmittelalter an, weil in diesen Epochen die meisten Serien und Filme spielen. Wenn man an diese Serien denkt – “Labyrinth” (2012), “The White Queen” (2013), vielleicht auch “Merlin” (2008) – fallen einem an Kostümen meistens lange Kleider mit Trompetenärmeln ein, langes Haar, das offen und frei im Wind flattert, und vielleicht ein bisschen mittelalterlich-mystischer Schmuck wie Stirnketten oder antik anmutende Ohrringe und Halsketten. Kurz gesagt, wir kommen meist ungefähr bei so etwas raus:

Jessica Brown Findlay in “Labyrinth” (2012) | Frankreich um 1200?


Rise, Barbette und Crespine: Das Haar im Hochmittelalter

Nicht bedecktes Haar ist im Hochmittelalter tatsächlich nicht komplett anachronistisch: Junge, unverheiratete Frauen trugen ihr Haar oft unbedeckt (Siehe oben rechts, die Tochter auf der rechten Seite). Verheiratete Frauen aber trugen ihr Haar bedeckt. Mittelalter-Serien sind, was Kopfbedeckungen angeht, oft sehr nachlässig: In “The White Queen” zum Beispiel sieht man alles vom frühmittelalterlichen Schleier bis hin zur französischen Haube des 16. Jahrhunderts. Aber wie wurde das Haar im Hochmittelalter denn wirklich getragen und bdeckt?

Es gab tatsächlich verschiedene Optionen. Ein Muss war das Barbette (dt. Gebände*). Dieses unter dem Kinn getragene, meist weiße Band, konnte als einzige Kopfbedeckung getragen werden, wurde meist aber mindestens mit einer flachen Haube oder einem Stoffband getragen (Siehe oben rechts, die Mutter links im Bild, oder die erste Frau von links im Beitragsbild). Außerdem konnte ein Schleier hinzukommen, zum Beispiel eine Rise, wie sie die Frau des Manoach oben in der Mitte trägt. Besonders adelige Frauen trugen im frühen Mittelalter ein Haarnetz aus Metall- oder Goldfaden, das unter der Kopfbedeckung hervorschauen durfte: Das Crespine.

Im frühen Mittelalter wurde das Haar meist zu zwei langen Zöpfen getragen, die über die Schultern fielen und mit Bändern verziert sein konnten. Später wurden die beiden Zöpfe über den Ohren zu Knoten aufgerollt und vom Crespine gehalten. Unverheiratete Frauen trugen auch oft anstatt einer Kopfbedeckung ein Filet (dt. Schapel) zum Barbette: Ein Kopfband, aus Stoff, Metall oder Gold, wenn die Trägerin vermögend genug war, das natürlich ebenfalls auch mit Crespine, Schleier und/oder Haube kombiniert getragen werden konnte.

Links: Uta von Ballenstedt mit Barbette, Statue am Naumburger Dom, um 1200 | Mitte: Dame mit Barbette, Haube oder Stofffilet und Schleier, Codex Manesse, ca. 1310 | Links: Dame mit Hennin und mehreren Schleiern, ca. 1460, Frankreich

Während diese Kopfbedeckungen einerseits religiöser Motivation entsprangen, darf man sich das nicht im Licht des alten Mittelalterklischees von simpler, bescheidener Kleidung vorstellen, denn die Kopfbedeckungen sollten auch Charakter und Reichtum der Trägerin ausdrücken. Im späteren 13. und 14. Jahrhundert wurden Gold- und Juwelenverzierungen, oft im byzantinischen Stil, beliebt und im 15. Jahrhundert nhamen die Kopfbedeckungen wirklich extravagante Formen an: Der Hennin ist wohl den meisten ein Begriff – ein zylinderförmiger Hut mit einem oder mehreren Schleiern ausgestattet.

Der Hennin ist das Burgfräuleinklischee der Mittelalterfiktion, hat aber vor dem 15. Jahrhundert, also ganz am Ende des Mittelalters, nichts dort zu suchen. Der Hennin kommt außerdem in verschiedensten Formen: Der lange Zylinder war beliebt, es wurden jedoch auch Hennins mit zwei Zylindern getragen, die wie Hörner vom Kopf abstanden. Vor dem Hennin gab es jedoch bereits ähnliche Konstruktionen: Die Rise konnte auch mit einem Drahtgestell getragen werden, das Hörner oder andere Verzierungen bildete: Die Extravaganz dieser Looks war gewollt und kam nicht zufällig zustande.


Tunika, Cotte und Cyclas: Damenmoden des Hochmittelalters

Links: Frau in Cotte mit Gürtel, Codex Manesse, ca. 1310 | Mitte: Frau mit Barbette in Cyclas und Umgang, Codex Manesse, ca. 1310 | Rechts: Eine Magd mit einfachem Schleier frisiert das Haar einer Dame mit Crespine, Luttrell Psalter, ca. 1325, England

Neben offenen Haaren oder Hauben, die im falschen Jahrhundert gelandet sind, lassen sich Mittelalterserien sehr gern zu romantisierten Kleidern hinreißen. Meistens wird einfach ein langes Kleid mit Schleppe getragen, das natürlich Fledermausärmel mitbringt. Das ist dann aus irgendeinem nicht näher zu identifizierenden Stoff (Polyester, es ist oft Polyester), oder aus (falschem) Samt. Die Sache ist aber, dass sich Mode im hohen Mittelalter erst kaum verändert und dann schlagartig. Im 12. und 13. Jahrhundert sind bestimmte Trends zu beobachten, die sich nur sehr langsam und subtil verändern.

Im 12. Jahrhundert werden in Mitteleuropa Tuniken über Chemisen getragen und tatsächlich kommt hier das Bild der weiten Fledermausärmel her. Schon hier wird meist ein dünner, reich verzierter Gürtel über der Hüfte geknotet getragen und der bleibt dem Mittelalter auch lang erhalten. Im 13. Jahrhundert kommt der Cyclas (dt. Suckenie*) auf: Ein Obergewand ohne Ärmel, das von Männern und Frauen getragen wird. Unter dem Cyclas trägt eine Dame ein figurbetontes Kleid (Cotte oder Cotardie genannt), das am Ausschnitt und manchmal in der Taille geknöpft ist, mit Gürtel. Oben links seht ihr so eine Cotte-Gürtel-Kombi, während die Dame in der Mitte Cyclas und Mantel mit Fellbesatz über ihrem Kleid trägt.

Dieser “Lagen-Look” ist für das 13. und 14. Jahrhundert sehr typisch, schafft es aber selten in Mittelalter-Medien. Dabei hat diese Mode, wie immer, politische und gesellschaftliche Bedeutung, denn wer sich mehrere Lagen Kleidung aus feinster Wolle leisten kann, ist sehr wohlhabend und will das auch zeigen. Tatsächlich lässt sich sagen, dass sich das Verständnis von Kleidung als Mode in dieser Zeit entwickelt. Der Übergang der einfachen Tuniken des 11. und 12. Jahrhunderts zu den komplizierten und reich verzierten Kleidungsstücken und Kopfbedeckungen des 13. und 14. Jahrhunderts ist einem neuen Bewusstsein für Kleidung, die etwas ausdrückt, geschuldet.

Das triste Mittelalter mit seinen braunen und schwarzen Sackkleidern, das man immer wieder zu sehen bekommt, hat es so also nicht gegeben: Auch im Mittelalter wurde die Kleidung wohlhabender Menschen bereits bunt gefärbt und mit edlen Stickereien verziert. Die beliebten Farben könnt ihr auf den Bildern sehen: Rot, Grün, Blau und Goldgelb. Das neue Bewusstsein für Mode als Ausdruck von Stand und Reichtum hängt mit politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen des Hochmittelalters zusammen. Das auszuführen würde jetzt zu weit gehen. Tatsächlich gäbe es über das 15. Jahrhundert und die extravagante Mode am Hof von Burgund noch viel zu sagen, aber das hebe ich mir für ein anderes Mal auf.


Keine Lederjacken: Herrenmoden des Hochmittelalters

Links: Mann in Tunika und Chaperon, Maciejowski-Bibel, ca. 1250 | Mitte: Herr Gottfried von Neifen in langer Tunika und Cyclas/Surcot, Codex Manesse, ca. 1310 | Rechts: Herr Hawart in kürzerer Tunika mit bunt gefärbter Strumpfhose, Codex Manesse, ca. 1310

Ich gebe offen zu, dass ich mich für Männermoden noch nie so sehr interessiert habe, wie für Damenmoden, aber für ein vollständiges Bild sollte ich natürlich auch die Herrenmoden nicht außen vor lassen. Denn Männer in Mittelalterfiktion sind ein weites Feld. Wo Damenmoden oft romantisiert daherkommen, sind Herrenmoden… ein Kapitel für sich. Wir kennen sie alle, die mittelalterliche Lederjacke, den coolen Typen in Lederhose, Reitstiefeln und Umhang, der mit zerzaustem Haar und Bart auftritt. Das könnte nicht weiter von der Realität entfernt sein.

Im frühen Hochmittelalter, im 12. Jahrhundert, ist Männermode in Nord- und Mitteleuropa ein wilder Mix aus antiken Stilen, die sich im Verlauf der Völkerwanderung vermischt haben. Männer trugen eine lange Chemise oder ein kürzeres Hemd unter einer langen Tunika, die mit einem Gürtel in der Hüfte eingenommen wurde. Eine frühe Form des Wams wurde auch oft bereits unter der Tunika getragen. Die Chausses (dt. Beinlinge*) – die berühmte Mittelalterstrumpfhose, die übrigens auch von Frauen getragen wurde – war oft bunt gefärbt und gemustert bedruckt und sieht aus wie zwei lange Strümpfe, die an der Unterhose festgemacht waren.

Mäntel und Umhänge wurden meist kunstvoll gewickelt und mit einer Fibel über der rechten Schulter festgesteckt. Auch oft getragen wurde der Chaperon: Ein Überwurf mit Kapuze, der sich im Verlauf der Zeit zu verschiedenen Hauben- und Hutformen weiterentwickelte. Männer trugen ihr Haar jedoch meist unbedeckt – und den verwegenen Mittelaltermann mit Bart und Strubbelfrisur müssen wir uns auch abgewöhnen. Kurze oder lange Haare waren dem Geschmack des Trägers überlassen, doch gepflegtes, sauberes Haar war wichtig. Auch deshalb ist offenes Haar bei Frauenfiguren so wenig authentisch, denn hochgestecktes oder zusammengebundenes Haar zerzaust deutlich weniger schnell und wird auch nicht so schnell schmutzig.

Im 13. und 14. Jahrhundert wurde der Cyclas ebenfalls von Männern getragen – die Version mit Ärmeln wird auch Surcot genannt. Im späteren Verlauf des 14. Jahrhunderts entwickelte sich ein Trend, der auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt: Männer trugen ihre Tuniken jetzt ohne Obergewand – und so kurz und eng wie möglich. Das sorgte für einige Aufreger, weil es als unmoralisch betrachtet wurde. In dieser Zeit trugen auch alle Geschlechter Schmuck und Juwelen, um ihren Stand auszudrücken. Die Kleidung und die Gürtel reicher Menschen waren ebenfalls bestickt oder mit Juwelen und Golddraht verziert: Das Verständnis von Geschlecht und Geschlechterrollen war ein vollkommen anderes als heute.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde die Tunika also kürzer, sodass die Chausses sich zur modernen Strumpfhose entwickelten. Sie wurden jetzt am Gürtel der Unterhose oder am Wams festgemacht. Was es, wie ihr bemerkt, nicht gab, waren aber Hosen im modernen Sinne: Die Lederhosen der Mittelalter-Serien und Filme sind also sowieso völliger Quatsch, aber auch die weniger aufdringlichen Stoffhosen, mit Lederstiefeln kombiniert, sind eine sehr moderne Idee vom Mittelalter, genauso wie die verstrubbelten Haare, mittelalterlichen Lederjacken und die langweilig schwarz, grau, braune Kleidung.


*Ich verwende die deutschen Begriffe ungern, weil sie manchmal nicht 1:1 den englischen/französischen Begriffen entsprechen, wenn es überhaupt eine treffende deutsche Bezeichnung gibt. Wo es geht, stehen die deutschen Begriffe jedoch dabei.


Da es nur sehr wenig Bildmaterial zur Veranschaulichung der mittelalterlichen Stile gibt, bin ich persönlich sehr dankbar für die Arbeit von Youtuber_innen wie Prior Attire, die mithilfe von selbst genähter Kleidung zeigt, was eine Dame zum Beispiel im 12. Jahrhundert oder im 14. Jahrhundert getragen hätte. Auf ihrem Kanal gibt es unzählige Videos zu allen möglichen Epochen. 


Beitragsbild: “Von Singenberg, Truchseß zu St. Gallen”, Codex Manesse, ca. 1310 | “Charity and Jean de Courcy”, Meister mit den weißen Inschriften, ca. 1480 | “Christus am Kreuz mit Maria und Johannes”, Rogier van der Weyden, ca. 1443 | “Dame in burgundischer Kleidung”, Petrus Christus, ca. 1450