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Historische Romane

“Die Farbe von Glas” von Caroline Lea

Island 1686: Die junge Rósa leidet unter so bitterer Armut, dass sie befürchtet, den Winter nicht zu überleben. In ihrer Verzweiflung nimmt sie den Antrag des reichen Händlers Jón an, der eine Frau für Haus und Hof sucht. Rósa folgt ihm in sein Dorf und trifft bei den Einwohnern auf eine Mauer aus Argwohn und Ablehnung. Düstere Legenden ranken sich um Jón. Man erzählt sich, er habe seine erste Frau Anna umgebracht.

Jón schweigt dazu unerbittlich. Einziger Trost für Rósa ist eine kleine Glasfigur, die er ihr zur Hochzeit schenkte. Trotz aller Widrigkeiten erscheint sie unzerbrechlich, während das Böse um Rósa herum immer greifbarer wird. Als das Dorf eines Nachts von Schnee und Eis bedeckt wird, rückt die Bedrohung näher, und diesmal steht Rósa im Auge des Sturms.


Triggerwarnung
Queerfeindliche Tropes inkl. Bury Your Gays, Misogynie, Suizid, sexualisierte Gewalt, Tod eines Kindes, graphische Darstellung einer Geburt

MEINE GEDANKEN

Auf dieses Buch hatte ich mich sehr gefreut. Und wenn eine Rezension so anfängt, kann man ja meistens schon ahnen, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Leider ist das hier einmal mehr so, denn „Die Farbe von Glas“ will ein unheimlicher Gothicroman im Stil von „Jane Eyre“ sein, liefert am Ende aber leider nur eine ausgewalzte, nicht allzu spannende Geschichte und – noch schlimmer – eine Menge queerfeindlicher Tropes, die im Jahr 2019 eigentlich der Vergangenheit angehören sollten.

Der Roman ist interessant aufgebaut, doch die Umsetzung dieses Aufbaus funktioniert nicht richtig. Die Geschichte springt zwischen Rósas Vergangenheit und ihrer Gegenwart hin und her – und deshalb wirkt die Handlung künstlich in die Länge gezogen. Am Anfang geht es viel um Rósas Beziehung zu dem Bauernjungen Pall und warum sie nicht zusammen sein dürfen. Ehrlich gesagt hat mich das null interessiert, denn das ist nicht die Geschichte, für die ich hier war.

Ich war hier für Rósas neues Leben im kleinen Dorf am Eismeer, mit dem schweigsamen Ehemann, der angeblich seine erste Frau umgebracht hat und der unheimlichen Glasfigur, die sie zur Hochzeit bekommen hat. Die Gothic-Atmosphäre ist schon da: Der Roman ist hin und wieder richtig unheimlich. Meist wird das aber nicht genutzt und die Handlung besteht aus Erinnerungen an Rósas altes Leben und detaillierten Beschreibungen, wie sie den Haushalt macht und sich mit den Leuten aus dem Dorf unterhält. Es ist, und das muss ich leider so hart ausdrücken, langweilig.

DIESES ISLAND KÖNNTE ÜBERALL SEIN

Das historische Setting war originell, wurde aber kaum genutzt. Diese Geschichte hätte eigentlich überall und in jeder Zeit spielen können. Am Anfang ging es ein bisschen um den Konflikt zwischen dem „neuen“ Christentum in Island und der verbotenen Anbetung der Asen. Wie authentisch es ist, dass dieser Konflikt im 17. Jahrhundert – 700 Jahre nach der Christianisierung Islands – noch besteht, weiß ich nicht. Ich fand das ganz spannend, aber so richtig wichtig war es eben auch nicht.

Tatsächlich hätte Stykkishólmur am Eismeer ein einsames Dorf überall sein können. Der Roman hätte in jeder Zeit vor ca. 1900 – oder sogar noch danach – spielen können. Die Besonderheiten des Settings werden kaum genutzt und auch der Zeitgeist der Epoche ist nicht wirklich da. Der Spätbarock mit seiner Vanitasbewegung hätte einem Gothic-Roman wirklich viel geben können, aber na gut, was nicht ist, ist halt nicht. Und hier ist es nicht.

DIE TROPES SIND HUNGRIG
(Leider kann ich diesen Teil nicht ohne leichte Spoiler bearbeiten, ihr seid gewarnt)

Mein größtes Problem mit diesem Buch – und dem Genre, wenn wir ehrlich sein sollen – waren aber die hungrigen Tropes, die mal wieder allgegenwärtig sind. Natürlich wird Gewalt gegen Frauen, auch sexualisierte Gewalt, mal wieder mit der Dampfwalze in die Handlung gepresst. Eine Geburt wird unnötig grausam und blutig im Detail geschrieben, Frau und Kind sterben. Dieselbe alte Leier, die wir aus dem Genre kennen, so sinnlos aufarbeitet wie immer.

Und dann sind da die queerfeindlichen Tropes. Und ich kann es nur immer wieder sagen: Leute, das ist nicht cute. Im Prinzip macht „Die Farbe von Glas“ genau dasselbe, was „Die Magie der kleinen Dinge“ von Jessie Burton gemacht hat: Sie stellt die weiße, heterosexuelle, cis Frau Rósa als am meisten unterdrückte Person ihrer Epoche dar. Das Symbol der kleinen unzerbrechlichen Glasfrau ist da dann auch deutlich mehr Holzhammer, als es das Puppenhaus in „Die Magie der kleinen Dinge“ war.

In der historischen Welt dieser Romane sind queere Männer immer Täter: Durch ihre Sexualität und die gesellschaftliche Ablehnung verdorben und verbittert. Queere Liebe ist immer das mahnende Beispiel dafür was passiert, wenn Liebe „zu weit geht“: Sie zerstört das Leben der armen cis, hetero Figuren, die ganz unschuldig alles mit ansehen müssen. Ich will darüber jetzt auch gar nicht zu viel reden, es ist eben auch hier so: Der queere Mann ist bitter, eiskalt und misogyn. Seine Beziehung zu einem Mann ist der Auslöser für alles Unheil.

Und während ich es begrüße, toxische Maskulinität im historischen Roman zu beleuchten, fällt mir dann doch auf, dass der brutalen, misogynen Männlichkeit des queeren Mannes die reine, gutherzige Liebe des cis, hetero Mannes Pall aus Rósas Vergangenheit gegenübergestellt wird. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wirklich, dass einmal mehr nur die Männlichkeit des queeren Mannes als toxisch und zerstörerisch dargestellt wird, während der cis, hetero Mann ein ganz Lieber ist.

Und ich betone das so, weil es eben nicht nur in diesem Roman passiert, sondern in so vielen historischen Romanen. Hier versteckt sich Queerfeindlichkeit unter dem Deckmäntelchen „Ich wollte doch nur aufzeigen, wie schlimm das damals für queere Menschen war“. Denn das ist es nicht, was Caroline Lea hier macht. Stattdessen lässt sie queere Männer erneut bis zum Tode leiden und davor als Antagonisten agieren. Sie zeigt keine authentische historische Diskriminierung. So, wie dutzende andere Histo-Autor.innen auch. Und ich bin das so leid.

KEINE EMPFEHLUNG

Deshalb kann ich es nicht über mich bringen, auch nur eine eingeschränkte Empfehlung für dieses Buch auszusprechen. Es gibt bessere historische Gruselromane da draußen. Und ich kann nur nochmal sagen: Wir müssen alle anfangen diese queerfeindlichen Tropes in historischer Fiktion zu bemerken und anzukreiden. Ich möchte das nicht immer wieder lesen müssen.

Und wer noch zögert, sollte einfach mal darüber nachdenken, warum queere Figuren als leidend, sterbend oder als Antagonist.innen immer wieder in Histos hergenommen werden, aber nie Hauptpersonen und Held.innen sein dürfen. Ja. Es reicht halt langsam mal. Das ist nicht okay, es wird nie okay sein, und deshalb fallen historische Romane, die diese Tropes bedienen, bei mir automatisch durch. Bei „Die Farbe von Glas“ kommen noch der schwammige historische Hintergrund und der merkwürdige Aufbau hinzu. Leider eine Enttäuschung auf ganzer Linie.


Weitere Meinungen:

Histolicious | Abbruchbericht


Die Farbe von Glas | HarperCollins, 2019 | 9783959672948 | 416 Seiten | deutsch | Übersetzerinnen: Leonie von Reppert Bismarck & Anja Kirchdörfer | Britische OA: The Glass Woman, 2019

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