Island 1686: Die junge Rósa leidet unter so bitterer Armut, dass sie befürchtet, den Winter nicht zu überleben. In ihrer Verzweiflung nimmt sie den Antrag des reichen Händlers Jón an, der eine Frau für Haus und Hof sucht. Rósa folgt ihm in sein Dorf und trifft bei den Einwohnern auf eine Mauer aus Argwohn und Ablehnung. Düstere Legenden ranken sich um Jón. Man erzählt sich, er habe seine erste Frau Anna umgebracht.

Jón schweigt dazu unerbittlich. Einziger Trost für Rósa ist eine kleine Glasfigur, die er ihr zur Hochzeit schenkte. Trotz aller Widrigkeiten erscheint sie unzerbrechlich, während das Böse um Rósa herum immer greifbarer wird. Als das Dorf eines Nachts von Schnee und Eis bedeckt wird, rückt die Bedrohung näher, und diesmal steht Rósa im Auge des Sturms.


Inhaltswarnung
Queerfeindliche Tropes inkl. Bury Your Gays, Misogynie, Suizid, sexualisierte Gewalt, Tod eines Kindes, graphische Darstellung einer Geburt

Meine Gedanken

Im Nachhinein betrachtet war “Die Farbe von Glas” leider meine größte Enttäuschung von 2019. Was habe ich mir erwartet? Einen spannenden Roman über das Leben einer jungen Frau im Island des 17. Jahrhunderts. Ein bisschen den Flair von Klassikern wie “Jane Eyre” von Charlotte Brontë. Eine dichte Geschichte über Kälte, Einsamkeit und Frausein in einer abgeschiedenen, rauen Gemeinde. Irgendwo im Kern versteckt sich diese Geschichte auch tatsächlich. Aber “Die Farbe von Glas” gelingt es nicht, sie gut zu erzählen.

Ich möchte mich heute einmal kurz fassen, da mich der Roman nicht nur enttäuscht hat, sondern auch traurig gemacht. Eigentlich wollte ich auch gar keine Rezension schreiben, aber dann habe ich mir gedacht, dass man die Probleme, die der Roman mitbringt, ansprechen sollte. Ich werde mit dem Handwerklichen beginnen, das mir ebenfalls nicht so gut gefallen hat, aber der Großteil der Rezension wird sich um etwas anderes drehen: Die Rezeption von LGBTQ-Geschichte in historischen Romanen und warum Bücher wie “Die Farbe von Glas” Vorurteile weitertragen, anstatt sie zu bekämpfen.

Wenn Island überall sein könnte

Ich hatte große Probleme mit dem Aufbau des Romans. Die Handlung ist schnell erzählt: Rósa heiratet den verschwiegenen, unheimlichen Jón, um ihre kranke Mutter finanziell unterstützen zu können. Jón nimmt sie mit in sein Heimatdorf am Eismeer, wo sich erzählt wird, Jón hätte seine erste Frau umgebracht. Rósa wird von unheimlichen Vorkommnissen geplagt und beginnt zu ermitteln. Eine klassische, aber immer wieder interessante Handlung für einen historischen Mysteryroman. Eigentlich.

Denn der Roman verwendet sehr viel Zeit auf Rückblenden über eine verbotene Romanze zwischen Rósa und dem Bauernjungen Pall, die mich, wenn ich ganz ehrlich sein soll, nicht interessiert hat. Immer, wenn Rósas neues Leben als Jóns Ehefrau im Dorf Stykkishólmur am Eismeer spannend zu werden droht, folgt eine weitere Rückblende, in der noch einmal erzählt wird, was man schon wusste: Rósa liebt eigentlich Pall, aber sie können aus gesellschaftlichen Gründen nicht zusammen sein. Das hat dafür gesorgt, dass ich sehr schnell begonnen habe, den Roman nur noch zu überfliegen.

Auch das Setting, das so viel Potential hatte, hat mir nicht besonders gut gefallen, denn diese Geschichte könnte überall spielen, in jeder Epoche. Island, das Eismeer, das 17. Jahrhundert, das sind besondere Ideen, die nun wirklich nicht in jedem historischen Roman vorkommen. Aber sie bleiben größtenteils ungenutzt. Man erfährt keine Details über den Ort und die Epoche und man müsste nicht viel ändern, um die Handlung zum Beispiel in ein norwegisches Dorf um 1800 zu verlegen oder in den Schwarzwald im Jahr 1764. Schade.

Die Tropes sind hungrig

(Spoilerwarnung. Ohne geht es diesmal nicht.)

Wäre der Roman einfach nicht besonders originell und zu farblos gewesen, ich hätte ihn nicht rezensiert. Aber leider kommt etwas hinzu, das mich mittlerweile nur noch müde und traurig macht: Ich hatte es von Anfang an geahnt, doch leider hatte ich auch Recht. Es stellt sich natürlich heraus, dass der abweisende, grausame Jón schwul ist. Ich weiß, was Caroline Lea hier machen wollte. Sie wollte zeigen, wie seine diskriminierende Gesellschaft Jón bitter, einsam und kaltherzig hat werden lassen. Leider geht das nicht auf.

Denn am Ende gewinnen wieder die Unterdrücker. Ihr Leben geht einfach weiter, während Jón einsam und verbittert und am Ende tot ist. Wieso das so ein großes Problem ist, habe ich in meinem Essay zum Thema genauer erklärt. Kurz gesagt: Der Roman stützt das Vorurteil, dass LGBTQ-Menschen in der Vergangenheit immer ein grausames Ende nehmen mussten. Hinzu kommt das Trope, dass besonders gleichgeschlechtliche Liebe alle Figuren in den Ruin zerrt: Auch dieses Vorurteil steckt in “Die Farbe von Glas”.

Es wird so dargestellt, als wäre es Jóns Liebe zu einem Mann, die nicht nur ihn selbst unglücklich macht, sondern auch Rósa und die erste Ehefrau. Zudem wird Jóns Beziehung zu einem Mann als obsessiv und destruktiv dargestellt. Ich habe es einfach satt, dass es immer LGBTQ-Beziehungen sind, die als Beispiel für “Liebe, die zu weit geht” herhalten müssen. Dieses Trope steckt immer wieder in historischen Medien, auch 2019 noch, zum Beispiel im Film “Mary Queen of Scots” oder in “Das Blut von London” von Laura Shepherd.

Caroline Lea stellt Jóns destruktivem Schwulsein dann auch noch Rósas und Palls reine Liebe gegenüber. Ein Schelm der Böses dabei denkt, dass wieder einmal ein historischer Roman einen schwulen Mann als kalten Frauenhasser hinstellt, während der heterosexuelle Mann der Held und Retter sein darf. Die Liebe von Jón ist zerstörerisch und ruiniert Leben. Die Liebe von Rósa und Pall rettet sie am Ende, alles wird gut. Das ist nicht einmal mehr subtil. Und es ist keine Kritik an Diskriminierung, es unterstützt sie am Ende eher.

Abschließend… 

Ich unterstelle der Autorin nicht, dass das mit Absicht passiert ist. Aber diese Vorurteile und Klischees stecken nicht nur in zu vielen historischen Medien, sondern auch in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein fest. LGBTQ-Figuren leiden und sterben in historischen Medien zuhauf. Aber wo sind die Filme, Serien und Romane, in denen sie Held.innen sind und Happy Ends bekommen? Ein einzelner Roman wie “Die Farbe von Glas” ist nicht das Problem. Das Problem ist die Masse an ihnen, die nicht von positiveren Geschichten ausbalanciert werden.

LGBTQ-Geschichte kann mehr als das, viel mehr. Sie ist vielfältiger als das. Sie ist positiver und interessanter als das. Deshalb schreibe ich diese Rezension, weil ich darauf aufmerksam möchte, warum solche Klischees und Vorurteile in historischen Medien alles andere als harmlos sind. Es ist kein Zufall, dass Autor.innen immer queere Figuren einfallen, wenn sie jemanden brauchen, der leidet und/oder stirbt, aber nicht, wenn sie Held.innen und Happy Ends planen. Das muss sich ändern, denn das ist nicht in Ordnung.


Weitere Meinungen:

Histolicious | Abbruchbericht


Die Farbe von Glas | HarperCollins, 2019 | 9783959672948 | 416 Seiten | deutsch | Übersetzerinnen: Leonie von Reppert Bismarck & Anja Kirchdörfer | Britische OA: The Glass Woman, 2019