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Historische Romane

“Melmoth” von Sarah Perry

Helen Franklins Leben nimmt eine jähe Wende, als sie in Prag auf ein seltsames Manuskript stößt. Es handelt von Melmoth – einer mysteriösen Frau in Schwarz, der Legende nach dazu verdammt, auf ewig über die Erde zu wandeln. Helen findet immer neue Hinweise auf Melmoth in geheimnisvollen Briefen und Tagebüchern – und sie fühlt sich gleichzeitig verfolgt. Liegt die Antwort, ob es Melmoth wirklich gibt, in Helens eigener Vergangenheit?


Triggerwarnung:
Der Roman behandelt den Holocaust und Antisemitismus, den armenischen Genozid und Rassismus. Es kommen sexualisierte Gewalt und andere graphisch dargestellte Gewalt vor, sowie Ableismus und ableistische Sprache und Queerfeindlichkeit, sowie Suizid und ein misogynes Hassverbrechen.

MEINE GEDANKEN

Schauen Sie! Es ist Winter in Prag; die Nacht erhebt sich über die Mutter aller Städte und hüllt ihre hundert Türme ein.”

“Melmoth” ist ein schwieriges Buch. Sarah Perrys neuer Roman ist ganz klar ein Schauerroman nach englischer Tradition und das nicht nur, weil er sich einen Titel und ein Motiv mit der gothic novel “Melmoth der Wanderer” von Charles Maturin aus dem Jahr 1820 teilt. “Melmoth” ist düster, auf psychologische Weise gruselig und behandelt Themen, die unangenehm sind: Grausamkeit, Schuld und die dunklen Abgründe seiner Figuren. Sarah Perry verbaut “Melmoth der Wanderer”, die Legende des Faust und die Geschichte des Ewigen Wanderers zur Figur der Melmoth, die dazu verflucht ist, auf ewig über die Erde zu wandern.

“Melmoth” ist eines dieser Bücher, die nicht an sich gruselig sind, aber eine Dunkelheit mitbringen, die einen nicht so schnell wieder loslässt. Es ist auch so ein Buch, das man nicht per se mag: Es ist schwierig zu lesen und hat mir viel abgefordert, aber es hat mir auch viel gegeben. Darauf muss man sich einlassen wollen und ich fand “Melmoth” hier und da sehr unangenehm, aber nicht auf negative Weise. Am Ende ist “Melmoth” ein Buch, das nicht nur unsere Geschichte, sondern auch unsere moderne Gesellschaft ungeschönt spiegelt. Und obwohl es hier und da Hoffnungsschimmer gibt, strahlt das Buch eine Dunkelheit aus, der man sich nicht entziehen kann.

WINTER IN PRAG

Handwerklich ist “Melmoth” wirklich genial. Die Beschreibungen von Prag im Winter beschwören eine kalte, unheimliche Atmosphäre herauf, die die Stadt sehr gut einfangen. Prag ist eine düstere und gleichzeitig wunderschöne Stadt mit einer auffallend blutigen Geschichte. Sarah Perry fängt diese Gegensätze genau so ein, wie ich Prag selbst erlebt habe und schafft damit ein Setting, das für eine Geschichte wie diese nicht perfekter sein könnte. Von der Altstadt über die Brücke der Legionen, die Festung, die klapprigen Straßenbahnen, ich habe es der Autorin abgenommen, dass “Heldin” Helen hier von dunklen Schatten verfolgt wird.

Auch die Figuren haben mir sehr gefallen. Sie sind alle eher unsympathisch, aber interessant. Helen ist Engländerin und seit 20 Jahren in Prag, wo sie ihn ihrem selbst auferlegten Exil lebt. Ihre einzigen Freunde sind der Dozent Karel und seine Lebenspartnerin Thea, die vor Kurzem einen Schlaganfall erlitten hat. Nicht so schön fand ich, dass kaum reflektiert wurde, dass Karel Thea nach ihrem Schlaganfall nicht mehr wirklich als Thea ansieht, nur, weil sie nun körperlich beeinträchtigt ist. Es kam schon raus, dass Karels Verhalten feige und falsch ist, aber bei so sensiblen Themen sollte man das meiner Meinung nach schonungslos aussprechen.

Thea selbst mit ihrer schlagfertigen und intelligenten Art aber war eine tolle Figur und wahrscheinlich meine Lieblingsfigur im Roman, neben der 90-jährigen Albína, mit der Helen zusammenwohnt. Albína ist eine grimmige, gemeine alte Frau, hinter deren Fassade sich aber Einsamkeit und eine spannende Lebensgeschichte verbergen. Ich habe gern über diese Figuren gelesen, obwohl sie alle etwas sperrig waren, und obwohl ich ein paar Dinge voraussehen konnte, gab es noch genug Überraschungen, die dafür gesorgt haben, dass ich das Buch an zwei Nachmittagen durchlesen musste.

Ein bisschen gefehlt hat mir höchstens ein dichterer roter Faden. “Melmoth” erzählt viele Geschichten auf einmal. Die von Helen Franklin 2017, aber auch die von Josef Hoffmann im Prag der 1940er, die zweier türkischer Brüder während des armenischen Genozids, die einer jungen Britin in Kairo bis hin zu einer jungen Frau im 16. Jahrhundert während Mary Tudors Schreckensherrschaft in England. Ich hätte mir gewünscht, dass all diese Geschichten mehr Raum bekommen hätten, denn manche wirken doch sehr schnell herunter erzählt, obwohl sie hinterher alle auf ihre Art eine große Wirkung auf Helen und die Leser.innen haben.

MELMOTH DIE WANDERIN

Die Rahmenhandlung setzt im Winter 2017 in Prag ein: Die Übersetzerin Helen Franklin bekommt von einem Freund kurz vor dessen Verschwinden ein rätselhaftes Manuskript ausgehändigt, in dem Melmoth erwähnt wird: Die schwarz gekleidete Zeugin. Helen recherchiert und entdeckt immer weitere historische Dokumente, in denen eine Begegnung mit Melmoth geschildert wird, bis sie selbst zu glauben beginnt, dass Melmoth gekommen ist und sie verfolgt. Das ist gruselig, ja, aber nicht, weil Melmoth ein Schreckgespenst wäre, sondern viel eher, weil sie die Figuren und Leser.innen mit den dunkelsten Seiten unserer Geschichte konfrontiert.

Worin “Melmoth” am Ende nämlich wirklich gut ist, und was ich im heutigen politischen Klima auch wirklich wichtig finde, ist die Schuld derer anzukreiden, die zusehen und nichts tun. Wir sehen die Progrome in Prag durch die Augen eines deutschstämmigen Jungen, der nicht eingreift, obwohl er könnte. Auch der armenische Genozid wird durch eine Figur geschildert, die am Schreibtisch sitzt und wegguckt, während er aktiv Teil der Taten ist. Und selbst auf Helen Franklin, die eigentliche Hauptfigur, trifft das auf gewisse Weise zu, denn in einem entscheidenen Moment sieht auch sie weg und besiegelt damit großes Leid.

Das fand ich interessant und vor allem gut umgesetzt, wenn am Ende vielleicht auch ein wenig zu subtil. Dass nicht nur Täter.innen Schuld tragen, sondern auch die, die hinterher nichts gewusst haben wollen oder schweigend zugesehen haben, ist eine sehr wichtige Botschaft, die von mir aus noch viel stärker betont hätte werden dürfen. Aber generell ist “Melmoth” ein Roman über die dunkelsten Seiten des Menschseins und darin trotz der Rückbesinnung auf englische gothic-Romane des 18. und 19. Jahrhunderts sehr aktuell.

“Melmoth” ist ein traditioneller, unheimlicher Schauerroman, aber vor allem ist es ein Roman über die Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind, wenn sie glauben, Anspruch auf etwas zu haben, und die Konsequenzen dieser Grausamkeit, gefiltert durch die Zeugin Melmoth, die immer dann auftritt, wenn diese Grausamkeiten begangen werden. Der Roman ist ungewöhnlich, aber wunderschön erzählt, mithilfe alter Tagebücher und Briefe, und es ist eines dieser Bücher, über die ich noch lange nachdenken werde. Als nachdenkliches, düsteres Buch würde ich “Melmoth” allen Leser.innen empfehlen, die mit dieser Art von Geschichtsaufarbeitung umgehen können. Nehmt die TWs oben aber auf jeden Fall ernst.


Vielen Dank an Netgalley und den Eichborn-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Melmoth | Eichborn, 2019 | 978-3-8479-0664-3 | 332 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Eva Bonné | Britische OA: Melmoth, 2018

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