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“The Living and the Dead” (2016)

Für mich war “The Living and the Dead” eine kleine Überraschung, denn von der BBC-Serie, die bereits 2016 erschien, hatte ich bis dieses Jahr gar nichts gehört. Dabei ist eine Miniserie, stark inspiriert vom Schauerroman des späteren 19. Jahrhunderts, natürlich genau meine Kragenweite. Im Kern ist “The Living and the Dead” eine Gothic-Horror-Serie, wie ich sie mir öfter wünsche: Im Mittelpunkt steht der Farmer Nathan Appleby (Colin Morgan), der mit seiner Frau Charlotte (Charlotte Spencer) aus London zurückkehrt, um die Familienfarm im ländlichen England zu führen. Doch die Farm wird immer wieder zum Schauplatz unheimlicher Ereignisse.

In den sechs Folgen, die jeweils eine knappe Stunde Spieldauer haben, steht zwar jedes Mal ein neuer Spuk im Fokus, doch die Verbindung zum Land, zu alten Erntemythen und zur Dorfgemeinschaft sorgt für einen roten Faden, der die Geschichte zusammenhält. Die Figuren, allen voran Nathan und Charlotte, ihre Konflikte und ihre meist dunklen Geheimnisse sind ebenso spannend, wie der “Spuk der Woche”. Die zweite Staffel wurde leider abgesagt, sodass die Serie auf einen Cliffhanger endet. Dieser steht jedoch für sich und kann gut ignoriert werden, da die eigentliche Handlung der ersten Staffel in sich abgeschlossen ist.


CW:
Graphische Darstellungen von Gewalt, Tod und Suizid, LGBTQ-feindliches Trope in Folge 4 (teilweise subvertiert), Auseinandersetzung mit Verlust und Trauer, Tod von Kindern

Spuk zwischen Tradition und Moderne

Erntebräuche spielen eine große Rolle in “The Living and the Dead” | Quelle: Giphy

“The Living and the Dead” spielt viel mit altem Aberglauben, der tief in den Menschen, die vom Land und der Landwirtschaft leben, verwurzelt ist. Englische Folklore rund um alte Volksfeste und Erntebräuche kann gespenstisch sein und genau das rückt die Serie in den Mittelpunkt und verleiht diesen Traditionen einen dunklen Anstrich, bis selbst Vogelscheuchen und die Herbsternte unheimlich sind. In bester Gothic-Manier hat das Land, auf dem die Farm steht, außerdem ein Eigenleben, das gegen die Applebys spielt: Riesige Getreidefelder, raue Felslandschaften und tiefe Wälder scheinen feindlich gestimmt und haben ihre düstere Geschichte nicht vergessen.

Der zentrale Konflikt, ebenfalls typisch für viktorianische Schauergeschichten, ist aber der zwischen Natur und Mensch und zwischen Tradition und Fortschritt. Das wird immer wieder ersichtlich, wenn die fortschrittliche Londonerin Charlotte Landmaschinen anschaffen möchte und dabei bei den Feldarbeiter_innen auf Gegenwehr stößt, aber ist auch auf subtilere Weise der immer noch aktuelle Grundkonflikt der Serie, der in einem Plot Twist gipfelt, über den ich gar nicht allzu viel verraten möchte, der mich aber voll und ganz überrascht und überzeugt hat und dafür sorgt, dass die Serie dem Gothic-Genre einen frischen Anstrich gibt.

Abgerundet wird die Serie durch die düstere, stimmungsvolle Musik von The Insects, von der mir besonders das Cover von “The Reaper’s Ghost” und natürlich das Titellied, die uralte Ballade “A Lyke-Wake Dirge“, unglaublich gut gefallen haben. Die Musik fängt die Stimmung der Serie perfekt ein. Überhaupt besticht die Serie durch eine unheimlich-düstere Oktober-Optik und eine dichte Atmosphäre, die in manchen Folgen auch über schwächere Plots hinweghilft. Deshalb würde ich “The Living and the Dead” allen Fans von typischem Gothic-Horror mit Folklore-Twist empfehlen, besonders für ein paar gemütliche Herbstabende im späten Oktober.


Dressing “The Living and the Dead”: Der Viktorianer im H&M-Mantel

Colin Morgan als Nathan Appleby | Quelle: Giphy

Die Kostüme von Phoebe de Gay spielen in das runde, ländliche Gesamtbild der Serie ebenfalls hinein, abstrahieren die 1890er Jahre aber ziemlich. Besonders Charlotte Applebys Kleider sind manchmal historisch authentisch gehalten und spiegeln oft besonders die männlich inspirierte Kleidung der “New Women” dieser Epoche, verfehlen das Ziel aber manchmal auch, weil sie zu modernisiert wirken. Die ärmellose Spitzenbluse, in der Charlotte auf dem Feld für ein Foto posiert, ist deutlich mehr 2016 als 1894 und ganz generell hätte ich mir für sie und Harriet Denning (Tallulah Haddon) mehr Haarnadeln gewünscht, beide Frauen lassen ihr Haar verdächtig oft offen im Wind flattern.

Während ich gut durchdachte, sinnvolle Anachronismen oft mag, wirkten sie hier leider oft etwas fehl am Platz, da die Serie besser aussieht, wenn die Stile der 1890er voll durchkommen. Das gilt auch für Nathan selbst, dessen Mäntel und Pullover manchmal ein bisschen aussehen, wie vor dem Dreh noch schnell im H&M gekauft. Trotzdem stimmt die Ästhetik immer: Für den Cottagecore-Trend kam die Serie etwas früh raus, doch das Konzept passt: Die Kleidung ist sehr rustikal, Grobstrick, Kord, in gedeckten Farben gehalten und so ahistorisch manches Stück auch ist, das alles sieht gut aus. Etwas anderes hätte man von Phoebe de Gay aber wohl auch nicht erwarten sollen.

Sehr gefallen haben mir vor allem die Kleider der Landarbeiter_innen und Dorfbewohner_innen, die oft sehr authentisch die Kleidung ärmerer Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts spiegeln. Lagen aus grober Wolle und Leinen, Schultertücher, Mützen und Hüte, und natürlich all das in der gedeckten, herbstlichen Farbpalette der Serie gehalten, geben der Atmosphäre fiel. Die Kostüme mögen hier und da etwas uninspiriert modernisiert wirken, treffen aber immer ins Schwarze was die Stimmung angeht, die die Serie umgibt. Vor allem die kleinen Details sind es dann, die beweisen, dass all das bewusst passiert und deshalb funktioniert es am Ende doch.


The Living and the Dead | GB, 2016 | BBC | Creator: Ashley Pharoah | Regie: Alice Troughton, Sam Donovan | 6 Folgen zu je 60 Minuten

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