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“The Living and the Dead” (2016): Viktorianischer Gothic-Horror in Bestform

Du magst deine Kostümdramen gruselig und im Stil der Schauerromane des 19. Jahrhunderts? Dann habe ich heute etwas für dich. Die Miniserie “The Living and the Dead” der BBC ist mir zufällig über den Weg gelaufen und angesehen habe ich sie mir hauptsächlich, weil Colin Morgan die Hauptrolle spielt, den ich schon seit “Merlin” (2008-2012) sehr mag. Bereut habe ich keine Sekunde dieser sechs Stunden langen Serie, in der es vor gruseligen Vorkommnissen und wunderschönen Landschaftsaufnahmen nur so wimmelt.


Triggerwarnung:
Graphische Darstellung von Gewalt, Tod und Suizid, Psycho Lesbian Trope in einer Folge

Colin Morgan spielt den jungen Farmer Nathan Appleby, der mit seiner Frau Charlotte (Charlotte Spencer) aus London zurückkehrt, um die Familienfarm im ländlichen England zu führen. Nathan und Charlotte sind motiviert und voller Tatendrang, doch die Farm ist immer wieder Schauplatz unheimlicher Ereignisse, die Nathan und Charlotte an den Rand ihrer Kräfte treiben. In jeder der sechs Folgen steht ein anderer Spuk im Mittelpunkt, doch alles hat mit der dunklen Geschichte des Landes zu tun.

Das kann “The Living and the Dead” sowieso sehr gut: Die Serie spielt viel mit düsterem, uraltem Aberglauben, der tief in den Menschen der Gegend, die vom Land und der Landwirtschaft leben, verwurzelt ist. Da ist die Serie pure gothic: Die Landschaft – Riesige Felder, raue Felsenlandschaften, tiefe Wälder – ist nicht nur eine Kulisse, sondern scheint ein Eigenleben zu haben und wirkt fast feindlich, sodass selbst Vogelscheuchen, Volksfeste und ländliche Traditionen einen dunklen Anstrich bekommen.

SPUK ZWISCHEN TRADITION UND MODERNE

Charlotte und Nathan auf ihrem Feld

Ich mag bei Miniserien zwar persönlich lieber, wenn sich eine Handlung durch die gesamte Serie zieht, habe hier aber auch die Herangehensweise gemocht, dass Nathan es in jeder Folge mit neuen Geistern zu tun bekommt, die eng mit seinen Ländereien verbunden sind. Das geht auf, weil es trotzdem eine Hintergrundgeschichte gibt, die sich durch die Staffel zieht, und Nathan und Charlotte als Hauptfiguren so gut funktionieren. Was die Serie dann wirklich einzigartig macht, ist ein riesiger Plottwist ungefähr nach der Hälfte der Serie. Dazu werde ich jetzt nichts weiter sagen, aber es war genial.

Ich möchte auch Charlotte als Figur positiv hervorheben, denn obwohl sie eine typische Histo-Figur Marke “fortschrittliche Frau im 19. Jahrhundert” ist, ist sie authentisch geblieben. Sie setzt sich für die Modernisierung der Farm ein, will Maschinen kaufen, und verscherzt es sich deshalb mit einigen der Arbeiter.innen auf der Farm und im Dorf. Der Konflikt alt gegen neu, Tradition gegen Fortschritt, kommt in Charlottes Handlungsfäden immer gut heraus und sowieso hat mir gut gefallen, dass sie eben nicht nur die Ehefrau im Hintergrund ist, sondern fast noch mehr als Nathan daran interessiert scheint, die Farm am Laufen zu halten.

Über die Serie lernt man außerdem die Menschen im Dorf gut kennen. Von den Dienstbot.innen der Applebys zur Pfarrersfamilie Denning, die Gemeinschaft dieser Menschen spielt eine große Rolle, sowie die Geschichte des Ortes, die immer wieder für den Spuk sorgt. Und natürlich gibt es auch eine Handlung, die sich durchzieht, die mit dem Tod von Nathans erster Frau und seines Sohnes zu tun hat. Deshalb konnte ich auch gut hinnehmen, dass es in jeder Folge einen neuen Geist gab, denn Nathans eigene Geschichte hält die Serie zusammen und je mehr Folgen man gesehen hat, umso klarer wird, wie sehr tatsächlich.

DER VIKTORIANER IM H&M-MANTEL?

Wenn ich an “The Living and the Dead” eines kritisieren müsste, dann leider die Kostüme. Teilweise sind sie gut gelungen, die Stile der 1890er kommen schon durch. Aber besonders bei Charlotte sind die Kostüme von Phoebe de Gaye hin und wieder ein bisschen “lazy”. Wir sollen gezeigt bekommen, dass Charlotte eine moderne Frau ist. Das funktioniert gut, wenn sie in Rock und Bluse mit Krawatte auftritt, und es funktioniert nicht gut, wenn sie mit offenem Haar über die Felder läuft oder in einer kurzärmeligen Bluse, die ehrlich gesagt wie ein Nachthemd aussieht, für ein Foto posiert.

Ich möchte de Gaye da jetzt nicht in die Pfanne hauen, weil Kostümdesigner.innen sich auch nach den Wünschen anderer Leute richten müssen (Regisseur.innen und Produzent.innen zum Beispiel), aber de Gaye hat eben auch “The White Princess” und BBCs “The Musketeers” gemacht und das, was sie hier macht, zieht sich auch da durch: Unnötige Anachronismen, die besonders bei einer Serie wie “The Living and the Dead” ein bisschen was wegnehmen. Das düstere Volksfest mit großem Lagerfeuer verliert halt ein bisschen seine Mystik, wenn Charlotte in einem Abendkleid, das aussieht wie ein Dirndl, daneben steht.

Auch Nathan tritt manchmal in Kleidung auf, die ihn nicht wirklich von modernen Männern unterscheidet. Besonders seine Mäntel sehen leider aus, wie schnell noch vor dem Dreh bei ASOS oder H&M gekauft. Sehr gelungen finde ich hingegen die Kleidung der ärmeren Landarbeiter.innen. De Gaye steckt sie nicht einfach in braune Lumpen, sondern lässt sie Lagen und gedeckte, herbstliche Farben tragen, was der Atmosphäre dann wieder viel zurückgibt. Dass Phoebe de Gaye historisch authentische Kostüme durchaus kann, hat sie bei ihrer Arbeit an “Die Forsyte Saga” (2002) gezeigt und auch hier merkt man das in den Details eben immer wieder. Warum es dann solche Ausreißer gibt, weiß ich nicht, aber es ist schade.

ERNTEMYTHEN UND OKTOBERSTIMMUNG

Unheimliche Erntebräuche und Gothic-Ästhetik stehen im Mittelpunkt

Abgerundet wird die Serie durch die düstere, stimmungsvolle Musik von The Insects, von der mir besonders das Cover von “The Reaper’s Ghost” und natürlich das Titellied, die uralte Ballade “A Lyke-Wake Dirge“, unglaublich gut gefallen haben. Die Musik fängt die Stimmung der Serie perfekt ein.

Bei “The Living & the Dead” passt einfach (fast) alles zusammen, was es noch trauriger macht, dass die geplante zweite Staffel niemals gedreht wurde. Allerdings lässt sich die Serie als Miniserie auch problemlos ohne zweite Staffel anschauen, denn die Geschichte der ersten Staffel ist in sich abgeschlossen, wenn man von einem nachgeschobenen Cliffhangerende absieht, das man aber ganz gut ignorieren kann, da es mit der Geschichte der ersten Staffel nichts mehr zu tun hat. (Auch, wenn ich mich öfter frage, was noch alles hätte sein können. Die Serie hatte das Potential, ihre Themen noch weiter aufzuarbeiten, es ist wirklich schade.)

Ich würde euch empfehlen, die Serie an einem oder zwei dunklen Herbstnachmittagen im Oktober zu schauen. Nicht nur passt diese Art von Gothichorror perfekt in den Herbst, die Serie selbst spielt auch zwischen Spätsommer und Winteranfang und Halloween bestimmt Folge Fünf. “The Living and the Dead” ist gruselig, sehr gruselig, aber doch auch ein bisschen gemütlich, sodass sie mit einer Tasse Tee und einer warmen Decke genau das Richtige für die dunkle Jahreszeit ist, und die Themen zwischen dem Konflikt zwischen Tradition und Moderne, englischen Ernte-Mythen, Aberglauben und spannenden Geistergeschichten bieten gute Gruselunterhaltung.

Allen Fans von viktorianischer Gothic und Mystery würde ich die Serie daher auf jeden Fall empfehlen und ich werde sie diesen Oktober auch selbst noch ein zweites Mal ansehen.


The Living and the Dead | GB, 2016 | BBC | Creator: Ashley Pharoah | Regie: Alice Troughton, Sam Donovan | 6 Folgen zu je 60 Minuten

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