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Historienromane

“Stalking Jack the Ripper” von Kerri Maniscalco

Seventeen-year-old Audrey Rose Wadsworth was born a lord’s daughter, with a life of wealth and privilege stretched out before her. But between the social teas and silk dress fittings, she leads a forbidden secret life. Against her stern father’s wishes and society’s expectations, Audrey often slips away to her uncle’s laboratory to study the gruesome practice of forensic medicine. When her work on a string of savagely killed corpses drags Audrey into the investigation of a serial murderer, her search for answers brings her close to her own sheltered world…


Inhaltswarnung
Graphisch dargestellte Gewalt in Text und Bildern, historische Bilder von Obduktionen

Meine Gedanken

An sich war Kerri Maniscalcos “Audrey Rose”-Reihe wie für mich gemacht: Eine junge Adelige löst mysteriöse Mordfälle im spät-viktorianischen London. An sich hat die Autorin aber auch wirklich alle Register gezogen, was Klischees angeht, die ich nicht mag. Deshalb muss ich an dieser Stelle zugeben, dass ich rund 70% des Romans nur überflogen habe. Machen wir es zu Beginn deshalb genauso kurz: “Stalking Jack the Ripper” ist ein Blick auf London 1888 und die Ripper-Panik durch eine extrem moderne, amerikanische Linse. Und das ist auch schon das größte Problem, denn tatsächliches Neo-Victoriana-Flair darf man sich hier nicht erwarten.

Das ist meine persönliche Meinung, aber besonders historische True-Crime-Fälle sollten im Roman respektvoll aufgearbeitet werden, denn es gibt schließlich reale Opfer und Überlebende, sowie in vielen Fällen noch Angehörige. Der Jack-the-Ripper-Fall wurde schon dutzende Male aufgearbeitet, mal mehr, mal weniger respektvoll. “Stalking Jack the Ripper” fällt leider eindeutig in die letzte Kategorie. Maniscalco hält sich bewusst nicht an historische Fakten, worüber man generell streiten kann, aber meiner Meinung nach nicht bei einem historischen Ereignis wie den Ripper-Morden. Schon deshalb hat der Roman bei mir leider verloren.

Nicht wie die anderen Damen

Links: High Holborn, London, ca. 1890 | Mitte und rechts: Nachmittagskleid, ca. 1885 (Met Museum)

“Stalking Jack the Ripper” ist ein Victoriana-London durch und durch amerikanisiert: Audrey verhält sich wie ein US-Teenager, alle Werte, Ideale und gesellschaftlichen Problematiken sind amerikanisch modern. Dass sich außerdem die Anachronismen häufen, muss man wohl kaum noch erwähnen. Am meisten habe ich mich an Audreys viktorianischem Fake-Feminismus gestoßen: Audrey fällt auf ganzer Linie in das “Nicht wie die anderen Mädchen”-Klischee: Sie ist die einzige in ihrem Umfeld, die keine Teepartys mag, nicht gern stickt und lieber in der Pathologie arbeitet als hübsche Kleider auszuführen. Dafür wird sie als wertiger dargestellt als die anderen Frauen.

Gleichzeitig hat Audrey angeblich Interesse an Mode, aber wer glaubt, dass es hier deshalb kein #KorsettGate gäbe, darf weiterträumen: Nicht nur das Korsett raubt Audrey den Atem, ihr Kleid ist auch viel zu eng, weshalb sie im Labor “einfache” Kleider ohne Korsett trägt. Müde Klischees rundherum. Leider ist selbst die Liebesgeschichte durch diesen Sexismus geprägt: Audrey verliebt sich in einen überheblichen Mann, der glaubt, Frauen hätten in der Medizin nichts verloren. Sie fasst es als großes Kompliment auf als er ihr zugesteht, sie sei genauso viel wert wie ein Mann. Thomas muss sich nicht ändern, das unterste Minimum an Respekt reicht anscheinend aus.

Ich möchte fast sagen, der Roman macht typischen Weißen Feminismus. Audrey hat zwar eine indische Mutter, doch die Autorin ist weiße Italo-Amerikanerin und geht auf Audreys Stand als indisch-britische Adelige (Die in der britischen High Society im späten 19. Jahrhundert tatsächlich einen besonderen Stand hatten) überhaupt nicht ein. Audreys indische Mutter ist tot, über sie findet dieses historische Detail also auch nicht in den Roman, und Audrey selbst erkennt – wie so viele Heldinnen im Historienroman – nur eine Art von Diskriminierung an: Die gegen Frauen, ohne intersektionelle Abstufungen zu berücksichtigen.

Jack the Ripper ohne Victoriana-Flair

Leider hat auch der Plot mich nicht abholen können. Wer Jack the Ripper ist, lässt sich leider relativ schnell erraten, da Maniscalco mit Hinweisen und Andeutungen von Anfang an nicht spart. Schlimmer finde ich jedoch, wie Audrey Rose ermittelt und da schließt sich der Kreis zum Anfang dieser Rezension: Der Respekt und das Verständnis vor und für die historischen Hintergründe des Ripper-Falls fehlen. Die Ripper-Morde sind deutlich misogyn gefärbt und stark vom Klassendenken der viktorianischen Gesellschaft beeinflusst: Die Opfer waren allesamt ärmste Londoner Frauen. Audrey hingegen ist adelig und verliert keinen Gedanken an diese ungerechten Klassengrenzen.

Tatsächlich verlässt Audrey ihre High-Society-Welt bei ihren “Ermittlungen” kein einziges Mal. Sie geht nicht nach Whitechapel, wo die Morde passieren, sie spricht nicht mit Arbeiter_innen, anderen Sex-Worker_innen oder gar Angehörigen der Opfer, sie löst den Fall, ohne ihre gesellschaftlichen Kreise hinter sich lassen zu müssen. Hier verliert der Roman für mich den letzten Rest seines Reizes, denn es wirkt als hätte die Autorin die Hintergründe und die gesellschaftlichen und historischen Zusammenhänge dieses Falles in dieser Epoche kaum verinnerlicht. Und was bleibt einem Neo-Victoriana-Krimi über Jack the Ripper noch, wenn weder die Epoche noch der Fall überzeugen?

Am Ende ist “Stalking Jack the Ripper” für mich daher leider eine Enttäuschung gewesen. Der Roman präsentiert ein viktorianisches London, das voller Anachronismen steckt und sehr amerikanisiert wirkt, eine “feministische” Heldin, die immer wieder selbst sexistische Dinge sagt, einen sehr vereinfachten Jack-the-Ripper-Fall und eben leider auch eine eher simple und vorhersehbare Geschichte. Der Roman wird als Horror gehandelt, aber auch das konnte ich nicht so richtig nachempfinden. Von mir gibt es daher leider keine Empfehlung, aber macht euch unbedingt ein eigenes Bild, wenn ihr euch für das Buch interessiert.


Stalking Jack the Ripper | Audrey Rose #1 | Jimmy Patterson, 2016 | 9780316273510 | 352 Seiten | Englisch

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