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Historische Romane

“Die Tote mit dem Diamantcollier” von Eve Lambert

Monaco 1920: Der attraktive englische Adlige Christopher besucht eine Party an Bord einer mondänen Yacht. Die Gäste tanzen zu den Klängen einer Jazzband, trinken Champagner – doch plötzlich wird eine Leiche entdeckt, und ein kostbares Diamantcollier ist spurlos verschwunden. Die Polizei ruft Jackie Dupont zu Hilfe, Privatdetektivin mit Vorliebe für glamouröse Abendroben, schnelle Autos und ungewöhnliche Ermittlungsmethoden. Einer der Gäste muss der Täter sein, somit steht auch Christopher unter Verdacht. Und tatsächlich hütet er ein dunkles Geheimnis …


Triggerwarnung
Diskussion des Ersten Weltkriegs und durch ihn ausgelöster psychischer Probleme , Suizid

MEINE GEDANKEN

Ich war so aufgeregt, als ich “Die Tote mit dem Diamantcollier” entdeckt habe, denn 1920er-Jahre-Krimis sind eine Leidenschaft von mir. Ich habe mir von dem Roman etwas in Richtung von “Miss Fishers mysteriöse Mordfälle” erhofft: Die schicke, clevere Detektivin, die Mordfälle in der High Society löst. Und dann das Setting: Monaco ganz zu Beginn der goldenen Zwanziger! Ich liebe diese Zeit, fast noch mehr als die Zwanziger selbst, denn der Übergang von den konservativen, “traditionellen” 1910ern in die Party-Epoche 1920er ist so, so, so spannend.

Wir sind hier noch nicht ganz bei kurzen Flapperkleidern, Jazzpartys und gebobbtem Haar, aber fast und meistens fängt Eve Lambert diesen Zeitgeist zwischen alt und neu auch wunderbar ein. Sie hat sich hier eine Epoche ausgesucht, die eher seltener im historischen Roman behandelt wird, aber man merkt dem Roman an, dass die Autorin diese Zeit sehr zu mögen scheint. Ein bisschen übertrieben fand ich vielleicht Jackie Dumonts ersten Auftritt im Herrenanzug mit extra kurzem Bob, weil das 1920 eben noch nicht wirklich Trend war.

Aber Jackie ist ungewöhnlich, wunderbar exzentrisch, und deshalb passt das schon irgendwie, dass sie eine der ersten ist, die die Flappermode mitmacht. Generell versammelt die Autorin die Epochen-Archetypen auf der Jacht, auf der vor der Küste Monacos der Mord an Gesellschaftsdame Clara Tush geschieht: Kit, der attraktive, schnelllebige, aber vom Krieg versehrte Adelige. Anne, seine unscheinbare, aber intelligente Verlobte. Maya, die amerikanische Hollywoodschauspielerin, die beschrieben wird, als könnte sie Lillian Gish oder Mary Pickford sein. Obwohl es eben Archetypen sind, gibt die Autorin jeder Figur genug Tiefe, um sie interessant zu machen. Und das macht einfach Spaß.

Für mich als Nerd für diese Zeit war es richtig schön zu lesen, wie gut der drastische gesellschaftliche Wandel dieser Zeit herauskam: Es gibt immer mal wieder Rückblicke in die frühen 1910er und es ist Eve Lambert meiner Meinung nach wunderbar gelungen zu zeigen, wie sehr die Welt sich in diesen knapp acht Jahren verändert hat und wie der Erste Weltkrieg dazu beigetragen hat. Für Leser.innen, denen etwas an historisch authentischem Settings und Stimmung liegt, ist “Die Tote mit dem Diamantcollier” wirklich wie gemacht. Auch Informationen zu den politischen Events der Epoche fließen wie nebenbei ein, ohne störend zu wirken.

DIAMANTEN, ABENDKLEIDER & EIN HUND ALS HIGHLIGHT

Links: Mary Pickford und Douglas Fairbanks, 1920 | Mitte: Aus einem Modekatalog, 1921 | Rechts: Norma Talmadge, ca. 1920

Der Roman hat zwei Erzählperspektiven: Kits Sicht auf die Geschichte wird über einen personalen Erzähler geschildert, der sich mit Jackie selbst als Ich-Erzählerin abwechselt. Dazu gibt es Briefe aus den frühen 1910ern, die helfen die Entwicklungen besser einzuschätzen. Obwohl ich Kit nicht wirklich sympathisch finden konnte, gelang es der Autorin doch mich mit ihm mitfühlen zu lassen und ihm gleichzeitig das beste zu wünschen und zu hoffen, dass seine Vergangenheit ihn einholt. Und Jackie… Mann, Jackie ist großartig. Sie ist ein bisschen Miss Fisher: Exzentrisch, liebt Mode und schnelle Autos, hat ungewöhnliche Ermittlungsmethoden. Aber sie ist außergewöhnlich genug, um nicht wie eine Kopie zu wirken.

Manchmal war mir Jackie doch ein bisschen zu außergewöhnlich: Sie sagt, sie hätte den Bob erfunden und kennt wirklich jede Berühmtheit, die man sich vorstellen kann. In Monaco wohnt sie natürlich bei ihrem Freund, dem Fürsten, im Palast. Dieses Überzeichnete funktioniert aber meistens, weil es gut zum Roman passt: “Die Tote mit dem Diamantcollier” ist ausgezeichnet recherchiert und bringt eine Geschichte voller dramatischer und unerwarteter Wendungen mit, aber es nimmt sich irgendwie auch selbst nicht allzu ernst. Der Roman bietet einige Gelegenheiten zum Lachen und ist schön locker erzählt, weshalb ich ihn in zwei Tagen eingesogen habe.

Ein Highlight ist unbedingt auch Jackies Hund Sargent. Ich will jetzt nicht zu viel erzählen, weil es bei diesem Roman wirklich Spaß macht die Figuren, ihre Merkwürdigkeiten und ihre Beziehungen untereinander zu entdecken. Aber so viel: Wenn Sargent dabei war, hatte ich viel zu lachen. Aber auch Jackies trockene Art war toll zu lesen und eben vor allem der Fall, der einfach gut geplant wirkt. Man kann mitraten, aber wer am Ende Carla ermordet hat, ist nicht offensichtlich. Die fast schon überzogene Dramatik einiger Wendungen und Enthüllungen habe ich auch sehr gemocht, es passte einfach alles zusammen. “Die Tote mit dem Diamantcollier” ist einfach kein herkömmlicher historischer Krimi.

ICH BRAUCHE MEHR JACKIE

Alles, was mich davon abhält, dem Roman wirklich eine Empfehlung plus Lieblingsbuchstatus auszusprechen, ist die Auflösung am Ende. Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass ich sie nicht an sich problematisch fand, aber auch nicht unbedingt allzu sensibel behandelt. Das hat mich gewundert, weil ich Lamberts Umgang mit anderen sensiblen Themen wie Homo- und Bisexualität sehr gelungen fand. Eine Figur ist schwul und damit haben weder Jackie noch Kit ein Problem. Auch Ettore Bugatti wird von der Autorin ganz nebenbei als bisexuell dargestellt, jedenfalls liest es sich so. Ob das historisch authentisch ist, keine Ahnung, aber ich fand das normalisierende Einbinden dieses Themas wirklich schön gelöst.

Gerade deshalb habe ich bei einigen Aussagen dann doch ein bisschen zusammengezuckt. Wer einen leichten Spoiler vertragen kann, markiert die nächste Zeile mit der Erklärung einfach mit der Maus: Zum Beispiel, wenn die Aussage “Ein Mann bleibt immer ein Mann” fällt, die im Kontext, in dem sie geäußert wird, einfach… unglücklich wirkt.  Ich fand leider, dass sich einiges ein bisschen transfeindlich las. Ich gehe stark davon aus, dass das ungewollt passiert ist, da in diesem Roman keine trans Personen auftreten oder erwähnt werden. Und doch blieb bei dieser und einigen anderen ähnlichen Aussagen wegen des Kontexts zur Romanhandlung ein übler Nachgeschmack zurück. | Spoiler Ende.

Darüber hinaus war “Die Tote mit dem Diamantcollier” eigentlich der perfekte historische Krimi für mich. Das historische Setting ist wunderbar authentisch und bildgewaltig beschrieben, der Fall ist spannend und voller unerwarteter Wendungen. Die exzentrische Jackie und ihre Methoden sind ein absolutes Highlight und auch die anderen Figuren mochte ich sofort, sodass ich den nächsten Band am liebsten sofort haben würde. Ich hoffe ja, dass wir in Band 2 ein paar Figuren aus diesem Buch wiedersehen werden, aber selbst, wenn es nur Jackie ist, die mit neuen Personen zu tun bekommt, ich brauche es. Jetzt. Denn es scheint über Jackie noch einiges herauszufinden zu geben und darauf freue ich mich genauso, wie auf einen weiteren Fall mit ihr.


Vielen Dank an den Penguin-Verlag und BloggerPortal für das Rezensionsexemplar. 


Die Tote mit dem Diamantcollier | Jackie Dupont #1 | Penguin, 2019 | 978-3-328-10375-2 | 368 Seiten | Deutsch

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