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“The Limehouse Golem” (2016): Gothic-Horror zwischen dunklen Gassen und bunter Music Hall

Der “Limehouse Golem” war eine richtige Überraschung für mich. Denn der Roman, auf dem der Film basiert, von Peter Ackroyd aus dem Jahr 1994 hatte mir zwar gut gefallen, doch dies ist ein Fall, in dem ich den Film tatsächlich noch besser gelungen finde. Das liegt vor allem an den wunderbaren Bildern, die der Film liefert: Ein dunkles viktorianisches London in den 1880ern, das Armutsviertel Limehouse, steht im Kontrast zur bunten Szenerie der Music Halls, die viktorianisches Theater erneut aufleben lassen.

Im Zentrum der Handlung steht der Music-Hall-Star Elizabeth Cree (Olivia Cooke): Als sie angeklagt wird ihren Mann ermordet zu haben, versucht der Polizist John Kildare (Bill Nighy) zu beweisen, dass Elizabeths Mann der “Limehouse Golem”, ein Serienmörder, der für einige grausame Morde in Limehouse verantwortlich gemacht wird, war. Darüber hinaus bindet der Film historisch belegte Figuren ein, wie den Music-Hall-Sänger Dan Leno (Douglas Booth) oder auch Karl Marx (Henry Goodman), und verbindet einen spannenden Thriller mit gruseligem Gothic-Horror.


Triggerwarnung:
Graphisch dargestellte Gewalt, Blut, psychischer, körperlicher und sexualisierter Missbrauch

Horrorgrusel mit ernsten Untertönen

Der Film arbeitet, ähnlich wie die Romanvorlage, mit Rückblenden, die die Geheimnisse der Figuren nach und nach enthüllen und das fand ich sehr gut gemacht. Denn besonders Elizabeths Geschichte ist düster, aber spannend. Ihr Aufstieg von der Tochter einer in Armut lebenden Mutter, die Elizabeth körperlich und seelisch misshandelt, zum gefeierten Theaterstar war hart anzusehen, stellt aber das in den Mittelpunkt, was der Film sowieso immer betont: Wie sehr Gewalt gegen Mädchen in Frauen im viktorianischen Zeitalter normalisiert und auch akzeptiert war.

Elizabeth erfährt Gewalt immer und immer wieder: Durch ihre Mutter, durch ihren Ehemann, aber sogar im Theater, wo Gewalt gegen Frauenfiguren auf der Bühne für ein paar billige Lacher genutzt wird. Obwohl ich die Triggerwarnung für dieses Thema noch einmal betonen möchte, denn es ist der rote Faden, der sich durch den Film zieht, ergeht der Film sich nicht in dieser Gewalt, sondern prangert vor allem die Normalisierung an, die heute sicherlich subtiler ist, aber eben immer noch da. “The Limehouse Golem” ist so ein Film, dem es gelingt authentisch zu zeigen, wie selbst das Leben einer Frau wie Elizabeth, ein Theaterstar, von ihrem Ehemann und anderen Männern abhängig ist.

Was dem Film gut gelingt, ist die Doppelstandards der Epoche aufzuzeigen: Auf der Bühne wird Lizzie angebetet und verehrt, doch hinter geschlossenen Türen wird sie herumgeschubst. Von ihrem Mann, aber auch von “Uncle”, dem übergriffigem Besitzer des Theaters. Genauso sind queere Themen und das Abweichen von den strengen Geschlechterrollen auf der Bühne in Ordnung, während Inspector Kildare, der schwul ist, seine Sexualität nicht offen aussprechen kann, um seinen Ruf – und seine Freiheit – nicht zu gefährden. Sehr erfrischend fand ich, dass Kildares Sexualität kein Problem für ihn selbst ist und auch eigentlich keine Rolle für die Handlung spielt, er ist halt einfach nebenbei schwul.

Mir hat sehr gut gefallen, wie der Film diese sozialen Themen, die auf andere Weise bis heute relevant sind, in die Thriller/Horrorhandlung einbindet. “The Limehouse Golem” ist kein Slasher-Film, doch die Morde werden trotzdem sehr graphisch und blutig dargestellt. Teilweise passiert das aber so dramatisch, dass es fast wie ein Augenzwinkern in Richtung der dutzenden anderen Filme wirkt, die von Jack the Ripper handeln oder eben von Serienmördern wie dem Golem, die eindeutig auf den Ripper-Morden basieren. Der Film dreht viele Genre-Klischees auf den Kopf und zeigt das sonst eher (cis)männlich dominierte Genre aus einer weiblichen Perspektive.

Wenige Anachronismen, aber gut eingefangener Zeitgeist

Theater- und Music-Hall-Stars: Links Connie Gilchrist, 1880er | Mitte: Kitty Lord, ca. 1900 | Rechts: Marie Lloyd, 1890er

Im Kern stellt der Film alle Versatzstücke einer guten viktorianischen Schauergeschichte vor: Die grausamen Morde, die gutherzige Heldin, den bärbeißigen, aber fähigen Ermittler. Und dann stellt er sie alle bewusst auf den Kopf. Er zeigt einerseits diese schillernde Idee vom viktorianischen London und legt langsam sehr authentische Geschichten von Missbrauch, Gewalt, Doppelstandards und anderen gesellschaftlichen Problemen darüber, bis das Setting beinahe unangenehm surreal und verzerrt wirkt, die viktorianische Epoche mit ihren zahlreichen düsteren Abgründen, die im Geheimen akzeptiert waren, aber so authentisch darstellt, wie man es selten sieht.

Die Geschichte wirkt durch die Rückblenden und die vielen verschiedenen Handlungsstränge leider manchmal ein bisschen konfus und man muss genau aufpassen, um nichts wichtiges zu verpassen. “The Limehouse Golem”s Spannung reißt nie ab, aber manchmal wünscht man sich schon fast ein paar ruhigere Szenen um zu verschnaufen. Schlimm fand ich das nicht, aber manchmal ist es leider schwer der Handlung zu folgen, auch, weil die Rückblenden mit der Gegenwart verschwimmen und dazu noch kommt, dass Kildares Überlegungen und Spekulationen zum Fall ebenfalls gezeigt werden, auch, wenn sie vielleicht nie so passiert sind.

Darüber hinaus fand ich schade, dass es einige Anachronismen gibt, die nicht nötig gewesen wären. Schlimm ist das aber nicht, weil der “Limehouse Golem” darüber hinaus ein umwerfendes Bild vom viktorianischen London zeichnet, besonders natürlich von der Theaterwelt und davon, wie die Welten der ärmeren Bewohner.innen von Limehouse mit denen von Schauspieler.innen und der höher gestellten Gesellschaft immer wieder kollidieren. Darin ist der Film sehr authentisch. Hier und da stimmen ein paar Sachen nicht, aber im Großen und Ganzen gelingt es dem Film Zeitgeist und Atmosphäre der Epoche und vor allem der Music Hall und ihrer Menschen einzufangen.

Dasselbe gilt für die Kostüme von Claire Anderson. Es gibt ein paar Ausrutscher – Avelines (Maria Valverde) Bühnenkostüm ist ein Korsett auf bloßer Haut anstelle der oft aufwendigen, wenn auch knappen, Kostüme echter Music-Hall-Darstellerinnen. Einige Kostüme sehen auch eher nach den 1890ern aus, obwohl der Film zu Beginn der 1880er spielt, aber alles in allem ist das Gesamtbild gelungen und das zählt. Der Film sieht gut und authentisch aus, viele kleine Details stimmen, sodass die bunte und gleichzeitig dunkle Welt von Limehouse und seinen Theatern und Music Halls in den 1880er Jahren bildgewaltig lebendig werden kann.

Dunkel-bunte Victoriana mit Tiefgang

“The Limehouse Golem” gelingt es gleichzeitig spannender Thriller und blutiger, unheimlicher Horrorfilm zu sein, aber auch ein Portrait einer Epoche zu schaffen. Die Music Hall hängt eng mit Ausdruck von Gender, Queerness und gesellschaftlichen Themen zusammen und deshalb passt es auch so gut, dass dieser Film nicht nur Horrorthriller ist, sondern dieselben Themen ebenfalls behandelt. Darüber hinaus fängt der Film die Atmosphäre von Limehouse, der Music Hall und London im späten 19. Jahrhundert beinahe perfekt ein und liefert tolle Bilder irgendwo zwischen buntem Treiben und düsterem Grauen.

Ich würde den Film daher allen Fans des viktorianischen Londons empfehlen, aber auch allen auf der Suche nach einem etwas anderen Horrorfilm, der ein paar Genretropes auf den Kopf stellt und neue, interessante Perspektiven einbringt. Die Triggerwarnungen sollten allerdings ernst genommen werden, denn der Film behandelt harte Themen und beinhaltet auch so einige sehr blutige Szenen. Die Geschichte mag etwas wirr wirken, doch, wenn man bereit ist, gut aufzupassen, ist “The Limehouse Golem” eine spannende, komplexe Geschichte, die viele Genre-Tropes mal von einer anderen Seite beleuchtet, und beinahe perfekt gemachte Victoriana, die das Gothic-Genre gleichzeitig bedient und ein bisschen auf’s Korn nimmt.



The Limehouse Golem | UK, 2016 | Regie: Juan Carlos Medina | Drehbuch: Jane Goldman | 105 Minuten

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