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Essays

Düstere Zeiten: Von Gothic Fiction zum modernen historischen Horrorroman

Gothic-Grusel ist eins meiner liebsten Genres und ich freue mich schon darauf, September und Oktober zu Gothicmonaten zu erklären, seit ich dieses Blog ins Leben gerufen habe. Ich möchte historische Romane, Serien und Filme vorstellen, die mit Schauer-Elementen spielen oder tatsächlich durch und durch Gothic sind.

Unter Gothic, Grusel- oder Schauerroman können sich die meisten etwas vorstellen: Alte Schlösser und Herrenhäuser, neblige Moore, Friedhöfe, grausame Hausherren und die Heldin – die gothic heroine – die bei Nacht im weißen Nachthemd aus dem Schloss flüchtet. Geister, Vampire und Monster, aber auch psychologische Abgründe. Diese “Ästhetik des Grusels” liebe ich sehr. Aber wo kommt sie her, wie hat sie sich entwickelt und welche historische Bedeutung hat sie?

Das Schloss von Otranto: Das 18. Jahrhundert

Als erster richtiger Gruselroman gilt “Das Schloss von Otranto” (1764) des britischen Autoren Horace Walpole. In seinem Roman vereinte Walpole die Eigenschaften des mittelalterlichen Höfischen Romans mit den modernen literarischen Traditionen seiner Epoche. Das war revolutionär, weil es einer großen literarischen Debatte des achtzehnten Jahrhunderts ein bisschen den Wind aus den Segeln nahm. Damals stellte sich die Frage, was Literatur eigentlich sein sollte: Romantisch phantasievoll wie die mittelalterlichen Romane, oder so realistisch wie möglich.

Walpole erzählte nun eine unheimliche Geschichte vor realem historischen Hintergrund, in der normale Menschen – keine idealisierten Held.innen – die Hauptrollen spielten und durch merkwürdige Ereignisse aus ihrem Alltag gerissen werden. Hier lieferte Walpole auch direkt die Vorlage für die Tropes des Genres, die bis heute beliebt sind: Ein finsteres Schloss, ein tyrannischer, düsterer Hausherr, die gutherzige Heldin, unheimliche Vorkommnisse… Auch in der Architektur begründete Walpole den neuen Gothic Trend: Sein Herrenhaus Strawberry Hill ist das erste neogotische Herrenhaus in Großbritannien.

Dass die Gothic Novel – der Schauerroman – sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bald größter Beliebtheit erfreute, hat mehrere Gründe. Einerseits war er einfach neu: Geschichten, die gruseln und schockieren sollten, wurden Mainstream. Die romantische, phantastische Gothic Novel wird jedoch auch als eine Art Gegenbewegung zu den rationalen, naturalistischen und vor allem realistischen Romanen der Aufklärung gewertet. Dem Genre wurde in seiner Anfangszeit keinerlei literarischer Wert beigemessen, denn die Romane widersprachen natürlich allen Idealen der Aufklärung. Genau das wird jedoch auch ein Grund gewesen sein, warum sie gern gelesen wurden.

Nach Walpole wurde das Genre besonders von zwei weiblichen Autorinnen vorangetrieben: Clara Reeve und Ann Radcliffe. Beide Autorinnen entwickelten Walpoles Idee weiter, den Realismus des 18. Jahrhunderts mit übernatürlichen und gruseligen Begebenheiten zu verbinden. Clara Reeve schrieb Romane, in denen die übernatürlichen Elemente immer im Bereich des möglich erscheinenden blieben. Wo Walpoles laufende Ölgemälde und geisterhafte Skelette oft zu abenteuerlich waren, als dass die Leser.innen sich wirklich gegruselt hätten, arbeiteten Clara Reeve und Ann Radcliffe viel subtiler und erschufen das, was wir heute als psychologischen Grusel kennen.

Hinzu kommt, dass Ann Radcliffe dem Genre das gab, was auch heute noch sehr beliebt ist: Gruselige Ereignisse, die übernatürlich wirken, am Ende aber ganz realistisch aufgeklärt werden können. Auch der launische Held mit düsterer Vergangenheit, der bis heute durch Horror- und Fantasyromane geistert, wurde von Radcliffe entwickelt. Bei Radcliffe beginnt auch der feministische Aspekt der Schauerliteratur: Sie richtete ihren Blick auf ihre Frauenfiguren, ihr Innenleben und ihre Rolle in der Gesellschaft, ähnlich, wie es später auch die Brontëschwestern taten. Ann Radcliffes bekanntester Roman ist “Die Geheimnisse von Udolpho” (1794).

Der Mönch und Kloster Northanger: Horrorschocker und Parodien

Gothic, oder “Schwarze Romantik” in der Kunst | Links: “Prozession im Nebel”, E.F. Oehme, 1828 | Mitte: “Besucher auf einem Friedhof im Mondlicht”, Philip James de Loutherbourg, 1790 | Rechts: “Der Nachtmahr”, J.H. Füssli, 1790/91 | Alles Detailansicht

Auf dem Kontinent entwickelte sich der Schauerroman Ende des 18. Jahrhunderts in eine etwas andere Richtung. Wo eine Anne Radcliffe geschickt Angst und das Unsichere (“Terror”) mit romantischer Atmosphäre verband, waren die Schauerromane aus Frankreich und Deutschland deutlich gruseliger und blutiger (z.B. E.T.A. Hoffmann, Sophie Albrecht). 1796 lieferte Mathew Lewis mit “Der Mönch” den ersten Skandalhorrorroman: Die Leser.innen waren geschockt, nicht nur durch Lewis’ ungewöhnlich blutige und brutale Darstellungen, sondern auch durch seine sehr negative, kritische Darstellung der katholischen Kirche. “Der Mönch” war ein riesiger Skandal, hatte aber großen Einfluss auf das Genre.

Als sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts langsam die Romantik durchsetzte, die das Pittoreske, Romantische in den Vordergrund rückte, ging auch der Schauerroman in eine neue Phase, die weniger das Brutale, Blutige hervorhob, sondern das Makabere, Wunderliche. Hier sind Lord Byron, Percy Byshe Shelley, Mary Shelley und John W. Polidori zu nennen, die im Jahr 1816 am Genfersee zusammenkamen und für das Genre wichtige Schauerromane wie Frankenstein (Mary Shelley, 1818) oder “Der Vampyr” (Polidori, 1819) hervorbrachten.

Byron selbst hatte auch auf andere Weise Einfluss auf das Genre: Sein launisches, dramatisches, düsteres Wesen beeinflusste das Trope des Gothic-Helden stark. Seine Exfreundin Caroline Lamb verarbeitete ihre Erfahrungen mit Byron in ihrem eigenen Gruselroman “Glenarvon” (1816), in dem eine junge Frau durch die Willkürlichkeit ihres Ehemanns und ihres Liebhabers (diese Figur beruht auf Byron) in den Ruin getrieben wird. “Glenarvon” wurde zum Skandalroman und festigte die Rolle des “Byronschen Helden” als Genretrope.

Das Genre, das mittlerweile sehr beliebt geworden war, rief natürlich auch einige Parodien auf den Plan. Tatsächlich steckt auch in “Der Mönch” schon viel Pastiche und sogar in Walpoles “Das Schloss von Otranto”, obwohl der Roman der erste seiner Art war. Doch selbst Jane Austen hat einen Roman irgendwo zwischen Parodie und richtiger Gothic Novel geschrieben: “Kloster Northanger” (1817) ist eine Parodie auf Ann Radcliffes Roman “Die Geheimnisse von Udolpho”.

Heathcliff, Dracula und Dorian Gray: Die Hochzeit der Gothic Novel

Fin de Siècle Gothic: Romantisch makaber | Links: “Il Bacio”, Lionello Balestrieri, um 1900 | Mitte: “Der Tod und der Totengräber”, Carlos Schwabe, 1895 | Rechts: “Der Visionär”, Serafino Macchiati, 1904

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich der Hype rund um den Schauerroman abgekühlt: Die nüchterne, auf Sicherheit und gutbürgerliches Leben fokussierte Gesellschaft des Biedemeier und des frühen viktorianischen Englands betrachtete die Schauerromane nun als wenig mehr als reißerisch-kitschige Groschenliteratur. Das kommt auch nicht von Irgendwoher: Nach der unruhigen Zeit – Revolutionen in Amerika und Frankreich, die Napoleonischen Kriege – wünschte man sich Ruhe und Beschaulichkeit und las Geschichten, in denen diese neuen Ideale hochgehalten wurden.

Das Genre schlief jedoch nicht: In den Vereinigten Staaten trug Edgar Allan Poe viel zur Entwicklung des psychologischen Horrors bei, der weniger auf gruselige Außeneinwirkungen aufbaute, und mehr auf das Innenleben der Figuren und ihre psychische Verfassung. Hier baute Poe nicht von ungefähr auf dem auf, was Ann Radcliffe begonnen hatte: In seinem “Das ovale Porträt” (1842) wird die Autorin sogar erwähnt.

Ungefähr zeitgleich schrieben die Brontëschwestern Charlotte, Emily und Anne Schauerromane mit Frauen in den Hauptrollen. Besonders “Die Sturmhöhe” (Emily Brontë, 1847), “Jane Eyre” (Charlotte Brontë, 1847) und “Vilette” (Charlotte Brontë, 1853) beschäftigen sich mit Frauenbildern, sozialen Ausbrüchen und gesellschaftlicher Isolation in der Epoche. Auch Elizabeth Gaskell und Charlotte Perkins Gillman schrieben “Female Gothic”, der sich mit diesen Themen befasste. Das Genre hatte sich längst für gesellschaftskritische Themen geöffnet und ließ auch Darstellungen von Frauen abseits der gesellschaftlichen Ideale und Queerness zu.

Die Hochzeit des Schauerromans setzt jedoch in den 1880er Jahren ein: Das fin de siècle bricht an, gekennzeichnet von Dekadenz, Weltuntergangsstimmung und der Faszination mit dem Tod. Schauerromane konnten kritisch sein, aber auch viktorianische Moral idealisieren: Während Oscar Wilde in “Das Bildnis des Dorian Gray” (1891) im Rahmen einer psychologischen Horrorgeschichte das spätviktorianische England und seine zweischneidige Gesellschaft aufs Schärfste kritisiert und queere Helden in den Fokus rückt, drückt Bram Stokers “Dracula” (1897) die Xenophobie seiner Epoche aus und zementiert viktorianische Frauenbilder.

Gothic heute: Zwischen gemütlichem Grusel und psychologischem Horror

Der Schauerroman war also zumeist in aufgewühlten, düsteren Zeiten beliebt: Er drückte die Angst der Menschen aus und lenkte sie gleichzeitig von ihren Sorgen ab. Hinzu kommt, dass er bald zum literarischen Medium unterdrückter Gruppen wurde, in dem subtile Gesellschaftskritik nicht selten war. Am Ende ist der Schauerroman jedoch ein Ergebnis der Faszination des Menschen mit dem Düsteren und dem Tod. Horace Walpole fügte die Stücke im Jahr 1764 zu einem Genre zusammen, doch die Faszination mit dem Unheimlichen, dem Grausamen, dem Emotionalen und Düsteren hat es schon immer gegeben.

Das lässt sich zum Beispiel an den Danses Macabres des Mittelalters erkennen, oder am Vanitaskult der Frühen Neuzeit – und vielleicht sogar schon in antiken Totenritualen. Das erklärt sicherlich auch, warum das Genre niemals nicht beliebt war. Denn die Gothic Novel verarbeitet nicht nur unsere Faszination und unsere Angst vor Themen wie Tod, Gewalt und Grausamkeit, sie unterhält uns auch und nimmt diesen Themen ein bisschen den Schrecken. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass moderner Horror meistens weiterhin viele Gothic-Tropes bedient, auch, wenn sich das Genre mittlerweile in dutzende Untergenres aufgeteilt hat.

Und jetzt schließt sich der Kreis, denn auch im historischen Roman spielt Gothic immer wieder eine Rolle. Historische Geister- und Vampirgeschichten sind beliebt, aber auch historische Romane mit düsterer Gothic-Atmosphäre ohne übernatürliche Begebenheiten. Ich liebe historischen Horror und Grusel genau dafür: Sie lassen das alte Gothic-Genre schillernd aufleben und vereinen es mit modernen Entwicklungen des Genres. Auch, wenn typische Gothic-Romane heute nicht mehr so beliebt sind, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, besonders im historischen Roman leben das unheimliche Herrenhaus, die nebeligen Moore und die mutige, gutherzige gothic heroine weiter.

Versatzstücke des Gothic finden sich aber auch heute in dutzenden Horrorromanen, in Thrillern und vor allem auch im momentanen Trendgenre der Familiengeschichten. Düstere Geheimnisse aus der Vergangenheit, geerbte Herrenhäuser mit dunkler Geschichte, Familiendramen und psychologische Abgründe, gepaart mit der düster-romantischen Ästhetik meist englischer Landschaften lassen sich zuhauf bei Bestseller-Autorinnen wie Kate Morton, Katherine Webb, Anna Romer oder Constanze Wilken finden. Hier tritt das Genre fast noch in seiner ursprünglichen Form auf.

Wie ist das bei euch? Mögt ihr Gruselromane oder die Gothic-Ästhetik? In welcher Form mögt ihr Gothic-Elemente am liebsten?


Im September und Oktober werde ich auf diesem Blog einige historische Romane, Serien und Filme vorstellen, die dem Gothic-Genre angehören. Noch sind meine “Horror“- und “Gothic“-Tags recht leer, aber ich wünsche allen, die schonmal gucken möchten, viel Spaß.


Beitragsbild: “Oktober”, James Tissot, 1877

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