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Historische Romane

“Die Farbe von Milch” von Nell Leyshon

Mary ist harte Arbeit gewöhnt. Sie kennt es nicht anders, denn ihr Leben auf dem Bauernhof der Eltern verläuft karg und entbehrungsreich. Doch dann ändert sich alles. Als sie fünfzehn wird, zieht Mary in den Haushalt des örtlichen Dorfpfarrers, um dessen Ehefrau zu pflegen und ihr Gesellschaft zu leisten – einer zarten, mitfühlenden Kranken. Bei ihr erfährt sie erstmals Wohlwollen und Anteilnahme. Mary eröffnet sich eine neue Welt. In ihrer einfachen, unverblümten Sprache erzählt sie, wie ihr Schicksal eine dramatische Wendung nimmt, als die Pfarrersfrau stirbt und sie plötzlich mit dem Hausherrn alleine zurückbleibt.


Triggerwarnung
Körperlicher, seelischer und sexueller Missbrauch, Tod, graphisch beschriebene sexualisierte Gewalt

MEINE GEDANKEN

Ich weiß nicht, was ich von “Die Farbe von Milch” erwartet habe, denn der Roman ist recht kurz und der Klappentext klingt nach einem recht gewöhnlichen historischen Roman. Das ist Nell Leyshons zweiter Roman aber wirklich nicht. Tatsächlich habe ich irgendwie mit einer fröhlicheren Geschichte gerechnet. Am Ende hat mich “Die Farbe von Milch” jedoch immer wieder an “Alias Grace” von Margaret Atwood (und die tolle Netflix-Verfilmung) erinnert. Es ist bei weitem nicht so düster und beklemmend, aber der Roman greift ähnliche Themen auf und geht unter die Haut.

EIN PORTRÄT DES 19. JAHRHUNDERTS

Wir schreiben das Jahr achtzehnhundertunddreißig nach der Geburt unseres Herrn. Mein Vater lebte auf einem Bauernhof und er hatte vier Töchter und ich bin die, die als Letzte geboren wurde. 

Besonders genial fand ich, wie oft ich zusammenzucken musste, weil sehr schlimme Dinge irgendwie nebensächlich erzählt werden. Weil sie für Mary im Jahr 1830 normal sind. Weil sie es so kennt. Im Kern ist “Die Farbe von Milch” die Geschichte vom Leben einfacher Frauen im neunzehnten Jahrhundert. Sie arbeiten hart und sind es gewohnt, als weniger wert angesehen zu werden, als Männer und sich unterordnen zu müssen. Marys Vater hat vier Töchter und lässt sie wissen, dass er Söhne wollte. Für Mary ist es normal, dass er sie schlägt und herumkommandiert.

Mit der 15-jährigen Mary schafft Nell Leyshon weniger eine Romanheldin, als ein Symbol für arme Frauen dieser Epoche, die still, isoliert und abhängig vom Wohlwollen von Vätern, Brüdern, manchmal Söhnen ihre Leben gelebt haben. Mit Mrs Graham, der Frau des Dorfpfarrers, gelingt es ihr außerdem aufzuzeigen, dass selbst privilegierte Frauen kaum ein anderes Schicksal hatten. Mrs Graham, die im Sterben liegt und trotzdem von ihrem Mann und ihrem verwöhnten Sohn Ralph als selbstverständlich wahrgenommen und ignoriert wird, hat mir das Herz gebrochen.

Was Nell Leyshon nämlich nicht macht, ist dieses “Guck mal, wie schlimm es früher war, sei froh, dass du heute lebst”-Ding, das viele historische Romane machen. Sie ist nicht reißerisch. Sie melkt die Tragik von Marys Situation nicht für den Schockeffekt aus. Sie stellt Marys Situation dar, sowie die von Marys Schwestern und ihrer Mutter, die von Mrs Graham, oder die von Edna, die zwanzig Jahre im Pfarrhaus arbeitet und trotzdem als austauschbar angesehen wird.

Hin und wieder war mir das doch ein bisschen zu schwarzweiß. Mit Ralph haben wir zum Beispiel auch einen privilegierten Mann, der nicht arbeiten muss, keine Konsequenzen fürchten muss, als er ein Dorfmädchen schwängert und dem Hausmädchen Mary aufs Brot schmiert, er würde nur für die Freude leben und nie arbeiten wollen, während er ihr zuguckt, wie sie sein Haus putzt. Nicht falsch verstehen: All das ist realistisch und Nell Leyshon präsentiert es ohne viel aufzubauschen, sehr sachlich, nuanciert, authentisch. Am Ende war es mir dann aber doch eine Spur zu viel unnötige Tragik.

BOTSCHAFTEN ZWISCHEN HEUTE UND DEM 19. JAHRHUNDERT

Und wir blieben dort sitzen bis ein Vogel auf dem Fensterbrett landete und Mr. Graham zeigte ihn mir. Was ist das für einer?, fragte er mich.
Das ist der Schwarze der das Korn frisst, sagte ich.
Das ist eine Krähe. Und kennst du den Unterschied zwischen einer Krähe einem Raben und einer Dohle?
Ja, sagte ich. Sie heißen verschieden.

Darauf kann ich gar nicht eingehen, ohne das Ende zu verraten, deshalb sei nur so viel gesagt: Mary trifft eine Entscheidung, die ich nicht nachvollziehen konnte, denn Mary ist von Anfang an ein einziger Ausbruch aus der Rolle, die ihr zugeschrieben wurde. Sie akzeptiert nicht, dass sie als Bauerstochter keinen Zugriff auf Bildung und ein besseres Leben hat. Sie weiß keinen Ausweg, sie sucht auch nicht aktiv nach einem, weil sie nur dieses Leben kennt, und das fand ich authentisch, aber sie bricht Klassengrenzen, gibt Widerworte und vor allem hält sie ihrer Gesellschaft immer wieder den Spiegel vor.

An sich ist “Die Farbe von Milch” aber ein schwieriges Buch und ich habe nicht immer verstanden, was die Autorin genau rüberbringen wollte. Das ist aber auch vollkommen okay, denn ich mag es, dass ich über das Buch noch ein bisschen nachdenken darf. Am Anfang hatte ich zum Beispiel mit dem Schreibstil große Probleme: Mary hat gerade erst schreiben gelernt. Sie nutzt einfache Sätze, kaum Satzzeichen, sie kennzeichnet wörtliche Rede nicht. Sobald man sich in Marys Stimme eingelesen hat, hat aber genau das etwas Besonderes, das alles noch authentischer wirken lässt.

Mir ist relativ früh aufgefallen, dass Marys Erzählstimme irgendwie etwas Biblisches hat und auch sonst finden sich hier und da ein paar biblische Anspielungen. Als mir bewusst wurde, woran das lag, war das einer von vielen Aha-Momenten des Romans. Auch der trockene Humor, der immer wieder besonders aus Marys Ich-Perspektive und ihren scharfzüngigen Antworten entsteht, hat mir sehr gut gefallen. Was am Ende bei mir hängen bleibt, ist deshalb auch nicht, wie furchtbar das 19. Jahrhundert für Frauen war, sondern wie Unterdrückung funktioniert, wie sie für ungleiche Chancen im Leben sorgt und wie sie unsere Sicht auf die Welt formt – Bis heute.

Denn immer wieder zeigt sich, dass Mary eine sehr intelligente Frau ist, der der Weg zur Bildung durch ihr Geschlecht, ihre gesellschaftliche Herkunft und ihre gesamten Umstände versperrt bleibt. Darin steckt die wahre Tragik des Romans. Darin und darin, dass das für Mary normal ist. Sie zweifelt es nicht an, sie kennt es nicht anders. Diese Nüchternheit macht betroffen. Nell Leyshon stellt in den Vordergrund was passiert, wenn ungleiche Machtverhältnisse bestehen – und von privilegierten Menschen ausgenutzt werden. Und das sitzt.

EINE KURZE GESCHICHTE MIT GROSSER WIRKUNG

In der Bibel, die in diesem Roman oft erwähnt wird, ist die Farbe von Milch ein Symbol für reine, einfache Wahrheit und ich denke nicht, dass das ein Zufall ist. Denn am Ende ist dieser Roman Marys Wahrheit, wie sie in kurzen Unterbrechungen ihrer Erzählung auch immer wieder betont, und ein sehr authentisches Bild vom Leben als einfache Frau im 19. Jahrhundert, das jedoch auch Bögen in die Gegenwart schlägt, nachdenklich macht und vor allem Ursachen in den Vordergrund rückt und anprangert: Ungleiche Machtverhältnisse und wie diese von Personen mit mehr Macht ausgenutzt werden.

Es ist aber auch eine Geschichte über Sexismus, über Klassenunterschiede und vor allem darüber, wie isoliert und ignoriert Frauen im 19. Jahrhundert besonders im ländlichen Umfeld oft gelebt haben. Mein Vergleich mit “Alias Grace” kommt ja nicht von irgendwoher. Ja, dieser Roman ist weniger düster – aber eigentlich nicht weniger beklemmend oder aufrüttelnd. Ich habe “Die Farbe von Milch” in knapp zwei Stunden am Stück durchgelesen. Seine Wucht hat mich erst hinterher getroffen. Ich bin sehr froh diesen Kurzroman gelesen zu haben und werde die Augen nach weiteren Büchern von Nell Leyshon offen halten.


Vielen Dank an den Heyne-Verlag und BloggerPortal für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars. 


Die Farbe von Milch | Heyne, 2019 | 978-3-453-42254-4 | 208 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Wibke Kuhn | Britische OA: The Colour of Milk, 2012

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