Emmett Farmer arbeitet auf dem Hof seiner Eltern, als ein Brief ihn erreicht. Er soll bei einer Buchbinderin in die Lehre gehen. Seine Eltern, die wie alle anderen Menschen Bücher aus ihrer Welt verbannt haben, lassen ihn ziehen – auch weil sie glauben, dass er nach einer schweren Krankheit die Arbeit auf dem Hof nicht leisten kann.

Die Begegnung mit der alten Buchbinderin beeindruckt den Jungen, dabei lässt Seredith ihn nicht in das Gewölbe mit den kostbaren Büchern. Menschen von nah und fern suchen sie heimlich auf. Emmett kommt ein dunkler Verdacht: Liegt ihre Gabe darin, den Menschen ihre Seele zu nehmen? Nach dem plötzlichen Tod der Buchbinderin erkennt der Junge, welch Wohltäterin sie war – und in welche Gefahr er selbst geraten ist.


CW:
Suizid, sexualisierte Gewalt, Kindstod, Queerfeindlichkeit, Tierquälerei

Meine Gedanken

Es fällt mir sehr schwer diesen Roman zu rezensieren. Im Gesamtbild hat er mir sehr gefallen: Bridget Collins’ malerische, dichte Sprache beschwört ein alternatives Nordengland irgendwann in der Mitte des 19. Jahrhunderts herauf, in dem Bücher gleichzeitig wertvoll und gefährlich sind. Der ungewöhnliche Aufbau des Romans – er ist in drei Teilen erzählt, die nicht chronologisch aufeinander folgen – zieht einen in die Geschichte und zwingt einen förmlich weiterzulesen.

“Die verborgenen Stimmen der Bücher” ist außerdem ungewöhnlich emotional und zumindest mir nahe gegangen. Auf der anderen Seite gab es aber auch einiges, das mir nicht so gut gefallen hat, weshalb ich jetzt sehr zwiegespalten bin. Ich mochte den Roman. Aber ich mochte längst nicht alles an ihm, denn obwohl “Die verborgenen Stimmen der Bücher” so originell und außergewöhnlich ist, ruht sich Bridget Collins auf ein paar Klischees zu viel aus und auch handwerklich haben mich einige Dinge sehr gestört, sodass ich den Roman irgendwie lieben will, aber es einfach nicht kann.

Viktorianisches Drama mit Klischees vermengt

Beginnen wir mal mit dem Elefanten in der viktorianischen Teestube: “Die verborgenen Stimmen der Bücher” ist im Kern eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jungen, doch obwohl diese Romanze so viel Raum einnimmt – beinahe den kompletten Teil 2 und 3 – kann ich nicht allzu viel darüber sagen, weil das ein Spoiler wäre und das finde ich schade. Hier kommen dann auch die erwähnten Klischees ins Spiel, denn obwohl Bridget Collins mit viktorianischer Diskriminierung recht nuanciert und sensibel umgeht, rückt das Drama um die verbotene, geheime Liebesgeschichte viel zu sehr in den Vordergrund.

Ich hätte persönlich lieber rundere Figuren gelesen und erfahren, weshalb genau diese beiden Figuren sich ineinander verlieben, denn das passiert recht plötzlich. Stattdessen liefert Bridget Collins für meinen Geschmack zu viel Angst und Leid: Die Figuren leiden, weil sie queer sind. Einer von beiden bezeichnet sich selbst als verdorben, weil er bisexuell ist. Alle anderen Figuren tun furchtbare Dinge, keine einzige zeigt Verständnis oder versucht es wenigstens, als wäre damals tatsächlich die ganze Welt schlecht gewesen. Das fand ich einfach zu deprimierend, da es keinen einzigen Hoffnungsschimmer gab.

Das Ende hat zumindest mich mit einigen dieser Klischees versöhnt, aber dafür, wie viel Raum diese Romanze einnimmt, war sie mir einfach nicht interessant genug, was größtenteils daran liegt, dass die Figuren es nicht waren. Ich-Erzähler Emmett habe ich sehr gern gemocht. Sein Love Interest jedoch war mir extrem unsympathisch, da er seine Ignoranz und Arroganz bis zum Ende nicht ablegt, nur um sich auf den allerletzten Seiten plötzlich doch noch in einen “besseren Menschen” zu verwandeln. Was Emmett an ihm findet war mir schleierhaft.

Schade fand ich auch, dass Bridget Collins die Balance zwischen der Geschichte um die magischen Bücher und Emmett, der zum Buchbinder geboren ist, und der Liebesgeschichte einfach nicht gelingt. Der erste Teil hat mir außerordentlich gut gefallen: Emmett geht bei der rätselhaften Buchbinderin in die Lehre und erfährt, was Bücher wirklich sind: Die gebundenen Erinnerungen von Menschen, die diese unbedingt vergessen wollten. Seredith’ Geheimnisse, Emmetts widersprüchliche Gefühle gegenüber dem Buchbinden und die dunklen Machenschaften des Buchbinders de Havilland fand ich unglaublich spannend.

Ein Plot wie eine kaputte Trompete

Leider fällt das alles ab Teil Zwei beinahe komplett unter den Tisch und es geht nur noch darum, ob Emmett und sein Love Interest wieder zueinander finden werden oder nicht. Viele der Rätsel aus Teil Eins werden gar nicht oder sehr unbefriedigend gelöst und – das fand ich besonders schade – die ethische Frage ob das Buchbinden in Ordnung ist oder ob man mit seinen schlimmen Erinnerungen nicht besser leben lernen sollte, verliert sich komplett und auch Emmetts Berufung zum Buchbinder kommt so gut wie überhaupt nicht mehr vor, obwohl es im ersten Teil wirkte, als könnte er ihr gar nicht entkommen.

Generell schien sich der Roman nicht sicher zu sein, was genau er jetzt aussagen möchte. Natürlich braucht nicht jedes Buch eine wichtige Aussage. Aber “Die verborgenen Stimmen der Bücher” tanzt gekonnt um mehrere Botschaften herum, sendet am Ende aber keine davon und wirkte hier und da auch ein bisschen unangenehm, wenn Sätze fielen wie “Books want to burn” – Im Kontext der Geschichte, in dem Bücher die weggesperrten Erinnerungen von Menschen sind, die freigesetzt werden, wenn das Buch verbrennt, mag das passend erscheinen, aber dieser Roman existiert außerdem im Kontext zu unserer sehr realen jüngeren Geschichte.

Es ist ein bisschen so, als würde das Buch Anlauf nehmen um einen großen Knall zu liefern, der nie folgt, wie jemand, der Luft holt um in eine Trompete zu pusten, aber es kommt kein Ton raus. Alles ist irgendwie sehr gradlinig und schwarzweiß: Buchbinden ist eigentlich etwas Schlimmes, weil es den Menschen einen Teil von sich selbst wegnimmt. Damit setzt Emmett sich aber kaum auseinander. Nebenfiguren leiden am laufenden Band, ohne, dass das die Hauptfiguren wirklich betrifft oder Auswirkungen hat. Die Bösen scheinen mit ihren Machenschaften durchzukommen, denn darauf wird auch kaum eingegangen. Viel wird angeschnitten, aber nicht zu Ende gedacht.

Gute Ansätze, die im Sand verlaufen

So zum Beispiel auch das alternative viktorianische Setting: An sich hat mir das sehr gut gefallen, denn die Autorin trifft den viktorianischen Zeitgeist zielsicher. An sich ist das hier ein recht authentisches Nordengland irgendwann im 19. Jahrhundert, nur, dass Bücher eben magisch sind. Statt in Fabriken werden Arbeiter.innen in Buchbindereien ausgenutzt. Überall gibt es zwielichtige Buchläden, in denen die Ärmsten ihre Erinnerungen für Geld verkaufen können, denn reiche Menschen sammeln Bücher zur Unterhaltung – Je skandalöser, umso besser. Das fand ich spannend. Ich hätte nur gern deutlich mehr darüber erfahren.

Am Ende wirkte alles irgendwie ein bisschen unfertig. Das Setting, die Figuren und vor allem, was der Roman überhaupt sein möchte. Die Geschichte von Emmett als Buchbinder oder eine Liebesgeschichte? Beides wäre natürlich auch gegangen, aber die Balance ist irgendwie kaum gegeben. Am Ende ist “Die verborgenen Stimmen der Bücher” ein schön geschriebener Roman mit dichter Atmosphäre und vielen tollen, spannenden Ansätzen, die aber leider selten zu Ende gedacht werden. Ich habe ihn gern gelesen, aber leider konnte er mich dennoch nicht so richtig überzeugen.

Das finde ich besonders schade, weil historische Romane mit positiv dargestellten LGBTQ-Figuren so selten sind, weil mir der Schreibstil und der Anfang so gut gefallen haben und, weil die Thematik an sich so viel Potential hatte, das kaum genutzt wird. Das Buch ist wunderschön und macht auch nachdenklich, bedient aber leider auch in meinen Augen zu viele trostlose Klischees und führt vieles nicht zu Ende. Trotzdem würde ich allen Leser.innen, die sich für das Buch interessieren, raten, ihm unbedingt eine Chance zu geben.


Weitere Meinungen:

I am Jane | Positive Rezension


Die verborgenen Stimmen der Bücher | Rütten & Loenig, 2019 | 978-3-352-00921-1 | 467 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Ulrike Seeberger | Britische OA: The Binding, 2019