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Historische Romane

“Time School: Auf ewig dein” von Eva Völler

Zeitreisen kann ziemlich gefährlich sein. Das weiß Anna nur zu genau, denn seit sie auf ihrer ersten Zeitreise ihr Herz an den gut aussehenden Venezianer Sebastiano verloren hat, musste sie schon so manch brenzlige Situation bestehen. Von der Gründung einer eigenen Zeitwächter-Schule hatte sie sich eigentlich ein etwas ruhigeres Leben versprochen. Aber ihre frisch rekrutierten Schüler sind ausgesprochen eigensinnig, und schon beim ersten größeren Einsatz am Hofe von Heinrich dem Achten geht alles Mögliche schief. Und dann taucht plötzlich völlig unerwarteter Besuch aus der Zukunft bei Anna auf, der ihr komplettes Leben auf den Kopf stellt …


Triggerwarnung
Sexistische Sprache und Frauenbilder, queerfeindliche Sprache, Fatshaming (meistens gegen Heinrich VIII.), Othering der einzigen PoC-Figur

MEINE GEDANKEN

Hier sind wir wieder! Wie ihr vielleicht noch wisst, war die “Zeitenzauber”-Reihe eine Art Guilty Pleasure für mich: Sie war historisch fragwürdig und auch teilweise problematisch, aber irgendwie auch sehr unterhaltsam. Jetzt geht es mit Anna weiter: Sie ist älter und soll jetzt selbst junge Zeitreisende ausbilden. Eins muss man der Reihe natürlich lassen: Genau wie bei der ersten Trilogie sind die Cover wunderschön geworden und sicherlich ein Schmuckstück für’s Regal. Hier großes Lob an den Verlag für die Aufmachung.

So. Wahrscheinlich kann ich leider gar nicht viel mehr positives sagen, denn mein häufigster Gedanke während des Lesens war: Was zum Teufel (pun intended, dazu kommen wir noch) lese ich hier eigentlich? Ich wollte eine ältere Version der “Zeitenzauber”-Bücher. Anna ist jetzt erwachsen, alles klar, sie ist kein Teenie mehr. Ich hatte mir trotzdem erhofft, dass “Time School” sich die Quirligkeit von “Zeitenzauber” bewahren würde, aber nichts da. Der erste Band der neuen Reihe, “Auf ewig dein”, ist ein Hot Mess wie es im Buche steht.

PROBLEMATISCHES UND DER PLOT, DER KEINER WAR

Ich bin es von “Zeitenzauber” ja schon gewohnt, dass die Bücher es mit Geschichte nicht so genau nehmen und auch einfach ein bisschen problematisch sind. Aber was Eva Völler hier abliefert geht irgendwie mal gar nicht. Gleich auf den ersten Seiten droppt sie einfach mal homofeindliche Sprache, ein fettes Slur von einer der Hauptfiguren, als wäre das lustig. Spoiler: Es ist nicht lustig. Genauso wenig wie der völlig verharmloste Sexismus. Fatima kann gut kämpfen, aber sie ist ja trotzdem “nur ein Mädchen”. “Für ein Mädchen” ist Anna sehr mutig. Solche Späße. Ständig.

Am schlimmsten fand ich Ole, den “Wikinger”, der einfach das Inbild von toxischer Maskulinität ist: Gewalttätig, will keine Gefühle zeigen, hält sich für schlauer und besser als die Frauen in seinem Umfeld, obwohl er die Obernuss ist. Er hat ein sehr frauenfeindliches Weltbild, das überhaupt nicht reflektiert wird. Er droht Fatima zum Beispiel an, sie zu verprügeln und das wird gar nicht kommentiert. Er ist übergriffig und als Fatima das kritisiert, wird wieder sie als Problem hingestellt, weil “er meinte es ja nicht böse”. Dabei schwingt immer ein bisschen mit, das er “halt so ist”, weil er aus einer Zeit kommt, wo “das halt so war”. Und das ist so übel problematisch.

Und dann ist da Fatima. Fatima ist die einzige WoC im gesamten Roman und sie ist ein wandelndes Klischee: Die 17-Jährige, die Anna und Sebastiano in einer vorherigen Novelle (die ich nicht gelesen habe) aus einem Harem des osmanischen Reiches befreit haben. Fatima wird komplett sexualisiert (Ihre einzige Aufgabe bei beinahe allen Zeitreisen ist es, Männern den Kopf zu verdrehen und zu flirten, damit die Infos raushauen. Sie ist, ich wiederhole, 17) und obendrein als totale Zicke dargestellt, die ständig grundlos gemein ist und nur “oberflächliche” Interessen hat. Thanks, you can keep your casual racism.

Dabei ist Fatima ohne Übertreibung die einzige scharfsinnige Figur in diesem Roman. Sie ist die einzige, die einfachste logische Zusammenhänge (gemeinsam mit den Leser.innen) sofort kapiert, während Anna und Sebastiano wie die Ochsen vorm Berge stehen. Sebastiano ist eifersüchtig auf sein drei Jahre älteres Ich, das aus der Zukunft gekommen ist, Anna ist und bleibt eine Nuss, die wirklich die einfachsten Rätsel nicht lösen kann und 50 Seiten für Probleme braucht, die man als Leser.in schon längst gelöst hat. Eva Völler erklärt dann auch jede kleine Sache im Detail, als würde sie annehmen, die Leser.innen könnten das nicht von sich aus verstehen. Danke?

Deshalb ist es praktisch, dass Anna die Informationen ständig im Traum zukommen. Ihr erscheint dann ein kleines, blondes Mädchen aus der Zukunft, das ihr ähnlich sieht und sie als “tollsten Mensch der Welt” bezeichnet und erklärt ihr, was zu tun ist. Wer dieses Mädchen sein könnte? Anna braucht das halbe Buch, um darauf zu kommen. Wenn das Mädchen mal keine Zeit hat, kribbelt Annas Nacken praktischerweise immer, wenn Gefahr lauert, oder der Alte José, der das halbe Buch abwesend ist, wobei nie geklärt wird, warum, kommt mit der Zeitmaschine vorbei und sagt ihr einfach was sie zu machen hat.

Denn lustigerweise gilt “Ich darf dir nichts über die Zukunft verraten” nur, wenn José Anna die Lösungen zu den schwierigen Rätseln vorenthalten muss, damit der Plot nicht auseinander fällt. Eva Völler strapaziert die Regeln ihrer eigenen Zeitreisen am laufenden Band über. Dinge, die angeblich überhaupt nicht niemals gehen, gehen plötzlich doch. José darf Anna das eine über die Zukunft erzählen, aber nicht das andere, völlig wahllos ohne Logik dahinter. Wenn Zeitreisende eine Zeit verlassen, vergessen alle Menschen dort, sie jemals gekannt zu haben – Komischerweise werden Anna und Sebastiano in ihrer Gegenwart aber nie vergessen, egal, wie lang sie weg sind.

DAS HABE ICH IN EINEM FILM GESEHEN!

Dazu kommt, dass dieses Tudor-England, in das Anna und Sebastiano mit ihren Schüler.innen Ole, Fatima und Walter diesmal reisen, eine einzige Farce ist. Ich bin von “Zeitenzauber” gewohnt, dass die Vergangenheit kulissenhaft bleibt und voller Klischees steckt, aber das hier? Eva Völler lässt erkennen, woran das liegt, denn ständig sagt Anna, etwas sähe genauso aus wie in einem Film, den sie gesehen hat, namentlich “Ritter aus Leidenschaft” (2001) und “Die Schwester der Königin” (2008). Aber, quelle surprise, beide diese Filme sind alles andere als historisch authentisch und Spielfilme gucken ist keine Recherche.

Das ist halt besonders albern, weil Anna immer wieder betont, dass man in der Vergangenheit nicht auffallen darf und alles so authentisch sein muss wie möglich. Dann geht sie aber mit offenen Haaren auf einen königlichen Ball in Hampton Court, weil sie das in “Die Schwester der Königin” so gesehen hat. Das ist lachhaft. Es ist ein riesiger gesellschaftlicher Faux Pas, genauso wie “Zofe” Fatima, die im tief ausgeschnittenen Kleid und mit offenen Haaren mit Heinrich VIII. flirtet. Man muss auch als Histo-Autor.in nicht alles “richtig” machen, aber das ist halt schon peinlich, in einem Buch, dessen Heldin ständig darauf rumreitet, wie viel sie über die Vergangenheit(tm) weiß und, dass alles authentisch sein muss.

Heinrichs fünfte Frau, die 17-jährige Catherine Howard, im wahren Leben eine Überlebende von sexualisierter Gewalt, die auf Geheiß ihrer Familie (Sie war eine Cousine von Anne Boleyn) in eine Ehe mit dem ca. 50-jährigen Heinrich gedrängt wurde, verkommt dann zur “Gespielin” des Königs, die an Königin Anna von Kleves “Thron sägt” und wird ebenso sexualisiert und als böse Schlampe dargestellt wie Fatima. Ehrlich, Catherine war ein Opfer ihrer machthungrigen Familie und eines tyrannischen Königs und sie hat als historische Persönlichkeit mehr verdient als diese Darstellung als machtgeile “slut”, die natürlich immer negativ ausfällt.

(Anna erkennt Catherine übrigens, weil die Frau, die sie sieht, aussieht wie “die Portraits” von Catherine Howard, die sie gesehen hat. Das ist spannend, weil es kein Portrait von Catherine gibt, das 100% als sie identifiziert werden kann. Bei den meisten Portraits handelt es sich wahrscheinlich um Jane Seymour, Henrys dritte Frau. Das erwähne ich, weil ich a) kleinlich af bin, und b) weil es sehr viel darüber aussagt, wie dieser Roman mit Geschichte und Quellen umgeht und die gängigen “Fakten” kaum hinterfragt.)

Sehr gestört hat mich neben den historischen Patzern auch die Heteronormativität, die nur so aus den Seiten quillt. Anna ist 21 und sieht es als ihr größtes Lebensglück an, Sebastiano bald zu heiraten und Kinder mit ihm zu bekommen. Das ist an sich natürlich okay, wenn sie sich das wünscht, es wird aber eben als Nonplusultra dargestellt. Er ist das Zentrum ihres Lebens und sie sagt sogar, dass sie lieber sterben würde, als nicht mit ihm zusammen sein zu können. Alternativen werden in dieser “Liebesgeschichte” überhaupt nicht aufgezeigt und darüber hinaus fand ich die Glorifizierung von Annas und Sebastianos “Liebe” als beste und echteste Liebe ever sehr unangenehm zu lesen.

Als sie dann aus Plotgründen ein paar Wochen nicht miteinander schlafen dürfen (fragt nicht), ist das der Weltuntergang, weil sich romantische Liebe für diese zwei anscheinend nur durch Sex ausdrücken lässt und, wenn man sich nicht berühren darf ist es ja fast so, als wäre man überhaupt nicht zusammen. Was für ein engstirniges Bild von Liebe und Sexualität, ehrlich mal. (Und ich fand es obendrein lächerlich, dass sich die Handlung dieses Romans ständig um Sex dreht, aber Eva Völler es anscheinend nicht über sich bringt, das Wort zu nutzen und es ständig mit Umschreibungen andeutet, wie sie 12-Jährige benutzen. “Du weißt schon, das was wir nicht tun dürfen, kicher, kicher.”)

WAS BIN ICH LESEND?

So richtig wild wird es aber erst in der zweiten Hälfte des Romans. Ich werde vage bleiben, um nicht allzu viel zu verraten, aber ich muss ein bisschen was vorwegnehmen, um diesen sehr wichtigen Teil der Geschichte besprechen zu können. Falls ihr keine Spoiler lesen möchtet, egal wie vage, springt am besten zum letzten Absatz. Denn ungefähr in der Mitte des Romans… entdecken Anna, Sebastiano und die anderen ein Tor zur Hölle. Ja. Okay. Die Zeitreisegeschichte wird plötzlich zu einer lustigen Hatz, bei der es irgendwelche Dämonen auf Anna abgesehen haben und von ihrem dämonischen Helferlein, das sie zwischendurch aufgabelt, unschädlich gemacht werden müssen.

Ämm… Was? Was bitte? Wieso? Klar ist das auch Geschmackssache, aber ich will von einem Zeitreiseroman keine Hölle als Parallelwelt und keine Dämonen, die da plötzlich rumspringen, ohne, dass irgendwie erklärt wird, warum das jetzt nötig war. Generell war “Auf ewig dein” irgendwie mehrere Handlungen in 400 Seiten gequetscht, denn auch die Zeitreiseaufträge verändern sich ständig, eine Handlung beginnt, wird abgebrochen, es beginnt eine neue… Einen richtigen roten Faden gibt es nicht, eher viele kurze rote Fäden, die nicht richtig aneinanderpassen. Und dann eben Dämonen. Und Höllentore. Und diesen merkwürdigen Subplot mit dem Zukunfts-Sebastiano, der nie richtig aufgelöst wird.

Am Ende bleibe ich von “Time School” mehr als enttäuscht zurück und kann die Begeisterung für diese Reihe einfach nicht nachvollziehen. “Zeitenzauber” hat mir nicht immer gefallen, aber es hatte einen eigenen Charme und originellen Witz. “Time School: Auf ewig dein” ist eine Geschichte ohne roten Faden und voller problematischer Klischees, das viele seiner Rätsel nicht auflöst und stattdessen aberwitzige Fässer aufmacht, die besser verschlossen geblieben wären. Ich wollte eigentlich die gesamte Reihe lesen, bin aber im Moment nicht sicher, ob ich nochmal zu Anna und Sebastiano zurückkehren werde. Vielleicht irgendwann mal.


Die Reihe:

  1. Auf ewig dein
  2. Auf ewig mein
  3. Auf ewig uns

Auf ewig dein | Time School #1 | One, 2017 | 978-3-8466-0048-1 | 379 Seiten | deutsch

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