Ähnlich wie “The Favourite” stand auch “The Happy Prince” 2018 ganz weit oben auf meiner Liste, doch ins Kino habe ich es nicht geschafft. Jetzt habe ich den Film aber endlich gesehen und ich bin begeistert. Wer mich auch nur ein bisschen kennt, ist jetzt nicht verwundert, denn ich liebe Wilde und seine Epoche, das fin de siècle. Tatsächlich waren es Wilde und sein “Bildnis des Dorian Gray”, die vor über zehn Jahren meine Liebe für die Belle Époque in Gang gebracht haben und hier sind wir nun.

“The Happy Prince” ist wohl vorrangig ein Film für Leute wie mich. Wilde-Enthusiast.innen, Fans dieser Epoche und natürlich alle, die endlich mehr historische Dramen über queere Menschen und queere Geschichte sehen wollen. Und Wilde ist nicht nur eine interessante, tragische historische Persönlichkeit, sein Name steht heute für einen wichtigen Abschnitt queerer Geschichte: Die Wilde-Prozesse von 1895 und ihre Folgen, die bis heute nachhallen. “The Happy Prince” stellt weder die Prozesse in den Vordergrund, noch Wildes Glanzzeit in den Jahren davor, sondern seine letzten Lebensjahre am Ende des 19. Jahrhunderts.


Triggerwarnung
Thematisierung von Queerfeindlichkeit und Gebrauch queerfeindlicher Sprache (auch im Trailer), (tödliche) Krankheiten

MEINE GEDANKEN

Für Regisseur, Drehbuchautor und Wilde-Darsteller Rupert Everett war dieser Film ein Herzensprojekt, um das er lange kämpfen musste. Das merkt man dem Film auch an. Everett spielt Wilde gleichzeitig einfühlsam und charmant, ohne jedoch über seine Fehler hinwegzusehen oder unter den Teppich zu kehren, wenn er falsch handelt. Everett erhebt Wilde nicht zur erhabenen, schillernden Kunstfigur, sondern zeigt ihn als gebrochenen, kranken Mann, der sich nicht zu schade ist, alte Fans um Geld zu bitten.

Dieser Wilde ist immer noch der dekadente Ästhet, der er in den frühen 189oern war, er feiert Orgien und tanzt auf dem Tisch, er stellt sich in einer sehr nachdrücklichen Szene einer Gruppe queerfeindlicher Engländer, die ihn im Exil in Frankreich heimsuchen, er feiert gern und er ist nicht immer sympathisch. Zeitgleich zeigt der Film das Trauma, das die Prozesse, die Ablehnung einer Gesellschaft, die ihn zuvor geliebt hat und das Gefängnis bei Wilde hinterlassen haben.

Ebenfalls wunderbar gelungen ist das fin-de-siècle Setting. Das Paris der Belle Époque wird lebendig, mitsamt seiner queeren Nachtclubszene, aber auch das Italien dieser Zeit und vor allem der Zeitgeist, der immer mitschwingt. “The Happy Prince” gelingt es, das etwas Wundersame, Glitzernde dieser Epoche einzufangen und wer die Belle Époque liebt, wird hier voll auf seine Kosten kommen. In Kostümen, Dialogen und Figuren steckt ganz viel fin de siècle. So historisch authentisch habe ich die Epoche bisher selten in Szene gesetzt gesehen.

Selbiges gilt für Oscar Wilde und sein Umfeld. Robbie Ross (Edwin Thomas) und Reggie Turner (Colin Firth), die in Wildes letzten Monaten bei ihm waren, sind genial besetzt und gespielt. Es hat mich sehr gefreut, wie sehr der Film besonders Robbie Ross endlich mal in den Vordergrund rückt, während Bosie Douglas (Colin Morgan) eher eine Nebenrolle spielt. Colin Morgan als Bosie war zuerst gewöhnungsbedürftig, aber hat sich dann sehr bald ebenfalls als perfekte Besetzung herausgestellt. Und dann ist da natürlich Emily Watson als Constance, Wildes Ehefrau.

Constance fällt oft hinten über, wenn es um Oscar Wilde geht. Sie ist halt die Frau, die im Hintergrund verschwindet, sobald Wilde Bosie Douglas trifft und das Unglück seinen Lauf nimmt. Dieser Film stellt auch Constance in den Mittelpunkt, zeigt, was der Wilde-Skandal ihr und ihrer Familie angetan hat und vor allem ihre Zerrissenheit zu ihrem Mann zu stehen und den gesellschaftlichen Ruf noch weiter zu gefährden, oder Abstand zu nehmen. Vor allem unterschlägt der Film nicht, dass Wilde auch Constance geliebt hat.

WILDE-BIOGRAPHIE UND PORTRAIT EINER EPOCHE

Interessant, aber nicht negativ, fand ich, dass der Film zur Hälfte auf Französisch gehalten ist, zumindest im Original (Die deutsche Tonspur übersetzt das Französische leider einfach). Da der Film zwischen Paris, London und Italien spielt, fand ich das eine passende Umsetzung, die dem Film und seinem fin de siècle noch einiges an Atmosphäre gibt.

Hinzu kommen die verschiedenen Zeitebenen. Der Film beginnt mit einer Rückblende, wir sehen Wilde wie wir ihn kennen in seiner Wohnung in London, wie er seinen Söhnen Cyril und Vyvyan sein Märchen “The Happy Prince”, das dem Film den Titel gibt und als eine Art Rahmenhandlung dient, erzählt. Dann gelingt dem Film ein toller Kontrast, denn größtenteils sehen wir Wilde in den Wochen vor seinem Tod, mittellos und krank in Paris, oder kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, mit Robbie Ross und Reggie Turner in Frankreich und mit Bosie Douglas in Italien.

Was dem Film großartig gelingt ist immer wieder den Kontrast zwischen Wilde als gefeiertem Schriftsteller, den ganz London liebt, und Wilde als gebrochenem Mann im Exil zu zeigen. Und natürlich kommt eine Wilde-Biografie auch nicht um die Queerfeindlichkeit der Epoche herum, die überhaupt erst für seinen tiefen Fall gesorgt hat. Mir hat gut gefallen, dass der Film den Prozess nur am Rande einbezieht und sich auf Oscar Wilde konzentriert und darauf, wie das queerfeindliche England sein Leben zerstört hat.

“The Happy Prince” ist daher kein Film für Zuschauer.innen, die eine positive Geschichte über queere Figuren sehen möchten. Es ist eben doch eine wahre Geschichte, die respektvoll und authentisch aufgearbeitet wird, aber kein Happy End hat, denn Wilde ist am 30. November 1900 im Hôtel d’Alsace in Paris gestorben. Stattdessen ist es eben ein Film über die Belle Époque und ihre Schattenseiten und vor allem über Oscar Wilde und über queere Geschichte. Der Film schafft es jedoch, das alles zu sein, ohne die Tragik der Geschichte auszubeuten oder zu sensationalisieren.

DER BISHER BESTE WILDE? VIELLEICHT

Am Ende darf man sich hier weder Popcornkino erwarten, noch positive Botschaften oder allzu viel Wilde-Glamour, wie man ihn von anderen Darstellungen gewohnt ist. Stattdessen bietet “The Happy Prince” die respektvolle und authentische Aufarbeitung der letzten Jahre in Oscar Wildes Leben und eine treffsichere Charakterisierung der historischen Persönlichkeiten. Der Film ist traurig, aber setzt nicht auf billige Tragik, sondern hin und wieder auf subtilen Humor und vor allem auf überzeugende, schöne fin-de-siècle-Bilder und eine Ästhetik, die ein bisschen was von einem Kunstmärchen hat, wie Wilde sie selbst geschrieben hat.

Wird der Film allen Zuschauer.innen gefallen? Ich glaube nicht. Ich glaube, “The Happy Prince” ist wirklich was für Wilde-Fans und Zuschauer.innen, die die Ästhetik der Belle Époque mögen, oder mehr über queere Geschichte erfahren möchten. Der Film ist kein typisches Histo-Drama, sondern erzählt eine wichtige Geschichte, die andere Wilde-Filme, zum Beispiel auch “Wilde” von 1997 mit Stephen Fry, auslassen: Die Konsequenzen des Wilde-Skandals, nicht nur für Wilde selbst, sondern auch für die Menschen um ihn herum und tatsächlich für die gesamte britische Gesellschaft, natürlich besonders ihre queeren Menschen.

Ich würde den Film daher allen Zuschauer.innen empfehlen, die sich für diese Themen interessieren – Wilde, fin de siècle, queer history – oder etwas mit Kunstfilmen anfangen können. Mir hat der Film sehr gefallen und er dürfte sogar meine Lieblingsdarstellung Wildes im Film sein, da er Wilde, wie er wohl gewesen sein könnte, so unglaublich gut einfängt und seine Geschichte pointiert und traurig, aber auch mit leisem Humor, in gelungenen Bildern erzählt.


Du möchtest mehr über Oscar Wilde wissen? Eine Biographie findest du auf meinem Blog Gaiety Girl.



The Happy Prince | D, BEL, ITA, UK, 2018 | Regie: Rupert Everett | Drehbuch: Rupert Everett | 105 Minuten