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“The Favourite” (2018): Düstere Tragikkomödie & eigenwilliger Umgang mit Geschichte

“The Favourite” ist neben Colette der Film, den ich 2019 unbedingt im Kino sehen wollte, aber verpasst habe, weil die großen Kinos ihn nicht im Programm hatten. Jetzt habe ich mir den Film auf DVD angesehen. Wir befinden uns im Jahr 1708, Großbritannien steckt mitten im Krieg mit Frankreich und am Hof bekriegen sich die Herzogin von Marlborough, Sarah (Rachel Weisz), und die Dienstmagd Abigail Hill (Emma Stone) um die Gunst der Königin Anne (Olivia Colman).

Obwohl Anne Stuart eine interessante und tragische Gestalt gewesen ist, hat man ihre Geschichte noch nicht oft im Mittelpunkt eines Kostümdramas gesehen. Sie ist oft Nebenfigur, oft Witzfigur, selten eine komplex dargestellte Frau, auch nicht in “Das Glas Wasser” (1960), in dem Liselotte Pulver sie platinblond in Silberlamé spielt. Deshalb war ich umso gespannter auf diese Königin Anne, die mit Olivia Colman brillant besetzt und, wenn mich nicht alles täuscht, die erste Anne auf der großen Leinwand seit Jahrzehnten ist.


Triggerwarnung
Sexualisierte Gewalt, Fehlgeburten und Kindstod, Suizid, psychische Probleme

MEINE GEDANKEN

Obwohl “The Favourite” auf einer wahren Geschichte beruht, der der letzten Stuartkönigin Anne, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf dem englischen Thron saß, nimmt der Film sich einige Freiheiten heraus. Und das muss er auch, denn über Annes Kammerzofe Abigail, die zur Gegenspielerin von Annes Freundin Sarah, mit der sie schon seit Kindertagen befreundet ist, wird, ist nicht sehr viel bekannt, außer, dass sie ihre Zeit bei Hof tatsächlich als Zofe ihrer einflussreichen Cousine Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough begann.

“The Favourite” zeigt Abigail als verarmte Adelige, die auf der Suche nach Arbeit nach Kensington Palace kommt und sich durch Tricks und ein paar Betrügereien von der Küchenmagd bald zur Kammerzoge Queen Annes hocharbeitet. Warum Abigail Sarah als Favoritin der Königin ablösen will, wird nach und nach klar: Sie hat viel Missbrauch erlebt und wurde als Frau schon jung herumgereicht wie ein Gegenstand. Annes Favoritin zu sein, bedeutet Sicherheit und am Ende geht es Abigail, genau wie eigentlich allen Figuren in diesem Film, um sich selbst.

Aber so einfach ist das dann auch wieder nicht, denn Abigail und Sarah sind beide sehr opportunistische Figuren, die ich beide nicht unbedingt mögen konnte, aber interessant fand. Wo Abigail sich durch Schmeichlereien und Tricks bei Anne beliebt macht, wirkt Sarah herrisch und gemein, schubst die unsichere und durch ihre Krankheit geschwächte Anne herum und versucht der Königin ihre eigenen politischen Ziele aufzudrängen, die Anne nicht immer teilt.

Und dann ist da natürlich Anne selbst, hervorragend gespielt von Olivia Colman. Anne ist eine Figur der britischen Geschichte, die selten gut wegkommt, doch “The Favourite” wirft einen sympathisierenden Blick auf die Königin, die durch den Verlust von 17 Babys ein schweres Trauma erlitten hat und deren Gesundheit sich rapide verschlechtert. Königin Anne ist in diesem Film manchmal lustig, aber sie ist keine Witzfigur.

Stattdessen zeigt “The Favourite” durch die Linse einer schwarzen Komödie eine unglückliche Königin, traumatisiert, mit ihren psychischen Problemen allein gelassen, irgendwie charmant und irgendwie bricht es einem das Herz. Olivia Colman hat den Oscar für ihre Darstellung der Königin Anne Stuart wirklich zurecht bekommen, denn obwohl auch die anderen Darsteller.innen grandios sind, spielt sie sie alle unter den Tisch. Ihre Figur ist jedoch auch sehr gut geschrieben und verzichtet auf die üblichen Klischees, um eine zerbrochene Frau zu zeigen, die ihren Aufgaben kaum gewachsen scheint.

Queen Anne vor ihrem Hof

“THE FAVOURITE” ZEIGT HERSTORY

Im Kern ist “The Favourite” ein Film über Frauengeschichte und dafür liebe ich ihn. Es geht um Anne, aber auch um Abigails Vergangenheit als herumgeschubste und machtlose junge Frau, die mit allen Mitteln versucht, sich eigene Entscheidungsmacht zu erkämpfen, und natürlich um Sarah, Herzogin von Marlborough, eine begabte Politikerin, die im Geheimen in Annes Namen die Geschicke Englands und den Krieg mit Frankreich regelt. Der Film tut nicht so, als wären diese drei Frauen irgendwie sympathisch gewesen, doch genau das macht ihn so gut.

Es ist erfrischend, ein historisches Drama zu sehen, in dem Frauenfiguren die politischen Fäden in den Händen haben, in denen die Intrigen, Machtkämpfe und Vertrauensbrüche, die die Zukunft eines Landes bestimmen können, mal nicht von Männern ausgetragen werden. Sarahs Ehemann, der Herzog von Marlborough (Mark Gattis), sowie Abigails “Love Interest” Samuel Masham (Joe Alwyn) stehen im Hintergrund, sind interessante Figuren, aber kaum in die Handlung verwickelt.

Nur Robert Harley (Nicholas Hoult), Anwärter auf den Posten des Premierministers hat eine etwas größere Rolle, denn “The Favourite” ignoriert die Politik hinter der Geschichte dieser drei Frauen nicht. England und Frankreich sind im Krieg und es gibt politische Spannungen zwischen Whigs und Tories, die auch die Freundschaft zwischen Anne und Sarah beeinflussen, denn Sarah ist eine Whig, Anne ist eine Tory, Abigail ist im Geheimen Harleys Verbündete und soll ihm helfen, Anne auf seine Seite zu ziehen.

Sehr gut gefallen hat mir auch, dass “The Favourite” sich traut alle drei Frauen als mehr oder minder queer darzustellen. Es gibt Historiker.innen, die Anne für queer halten und ihre Freundschaft mit Sarah für eine romantische Beziehung und obwohl es natürlich wieder viele Gegenstimmen gibt, fand ich es gelungen diese Möglichkeit im Film umgesetzt zu sehen, ob es nun so war oder nicht, es hätte so sein können. Und das ohne, dass die Queerness der Figuren problematisiert oder reißerisch dargestellt wurde, sondern beinahe völlig normalisiert.

SCHWARZWEIẞ MIT STIL

Anne und Abigail tanzen

Darüber hinaus ist “The Favourite” auch ein ungewöhnliches Kostümdrama, weil es sich um eine düstere Tragikkomödie handelt. Alles wirkt ein bisschen überzogen, ein bisschen verzerrt und manchmal sogar ein wenig wie skurriles Bühnentheater. Der Pomp in Kensington Palace wird gleichzeitig als dekadent und albern gezeigt und die übertriebenen Perücken- und Make-Up-Trends des Barocks noch ein wenig übertriebener dargestellt.

Auch die Kostüme von Sandy Powell sind stark stilisiert. Sie halten sich an die Formen und Schnitte von Mantuakleidern der Epoche, wirken aber raffinierter, geometrischer. Vor allem sind beinahe alle Kostüme in Schwarzweiß gehalten, bis auf ein paar Kleckse Rot und Königsblau hier und da. Zusammen mit den Setdesigns in Gold- und Brauntönen ergibt das eine sehr eigene, umwerfende Ästhetik, die zum bühnenhaften Charakter des Films noch beiträgt, genauso wie der Umstand, dass für die Beleuchtung kein künstliches Licht verwendet wurde, sondern nur Kerzen.

Die Kostüme sind nicht unbedingt historisch authentisch, aber sie sind umwerfend schön und vor allem wirken sie wie durchdachte Anachronismen, die das Überdrehte, leicht Skurrile des Films noch unterstreichen. Geliebt habe ich auch die Fontagnefrisuren, wie man sie oben an Rachel Weisz als Sarah sehen kann, und die kleinen Details in Verzierungen, Haaren und Make-Up, die ausgleichen, dass Sandy Powell (gegen alle Trends des späten Barocks) kaum Schmuck verwendet, um den minimalistischen schwarzweißen Charakter der Kostüme zu bewahren.

Und ansonsten? “The Favourite” ist tatsächlich eine bitterböse Tragikkomödie, die die Dekadenz des späten Stuart-Englands in den Vordergrund rückt und überspitzt – und unglaublich schön – darstellt. Im Fokus steht die Geschichte dreier Frauen und, ich würde sagen, vor allem von Königin Anne, nicht als die langweilige, prüde Frau, als die sie heute oft betrachtet wird, sondern als komplexe, traumatisierte Frau, die mit psychischen Problemen zu kämpfen hat und an ihren Aufgaben als Königin von England zerbricht.

Der Film nimmt sich einige historische Freiheiten, bleibt bei den großen Ereignissen aber nah genug an der Wahrheit, um nicht nur ein bildgewaltiges, gleichzeitig lustiges, derbes und trauriges Histo-Erlebnis zu sein, sondern auch einen Einblick in diesen seltener dargestellten Abschnitt englischer Geschichte zu gewährleisten, der Frauengeschichte in den Vordergrund rückt und komplexe Figuren mit komplexen Beziehungen und Motivationen vorstellt.

“The Favourite” ist ein ungewöhnlicher Historienfilm, der ungewöhnlich an Geschichte herangeht, doch am Ende geht das voll auf. Manchmal darf man laut lachen, manchmal muss man heftig schlucken, wenn plötzlich historische Wahrheiten auf den Tisch kommen, meistens ist der Film skurril, spannend und dank Kostüm- und Setdesign und der tollen Cinematographie von Robbie Ryan immer wunderschön anzusehen.


The Favourite | UK, USA, IRL, 2018 | Regie: Yorgos Lanthimos | Drehbuch: Deborah Davis, Tony McNamara | 120 Minuten

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