Nachdem Anna sich dem Geheimbund der Zeitwächter angeschlossen hat, lässt das nächste Abenteuer nicht lange auf sich warten. Mitten in ihrer Abiturprüfung ereilt sie eine Schreckensnachricht aus Paris: Sebastiano ist verschollen – und zwar im 17. Jahrhundert! Anna begibt sich auf eine gefährliche Reise und findet ihren Freund tatsächlich in Paris wieder. Doch es gibt ein neues Problem: Er hält sich für einen Musketier und hat keine Ahnung, wer Anna ist. Schafft sie es, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen?


Triggerwarnung
Unreflektierte Queerfeindlichkeit, Suizid

MEINE GEDANKEN

Nach “Die magische Gondel” habe ich natürlich als Vorbereitung auf die neuen Bücher rund um Anna und Sebastiano auch den zweiten Band der “Zeitenzauber”-Reihe noch einmal gelesen. Und ich muss sagen, dass für mich “Die goldene Brücke” nicht nur der schwächste Teil der Reihe ist, sondern auch eins der unrealistischsten Jugendbücher, die ich je gelesen habe – und das liegt nicht daran, dass es Fantasy ist.

Das muss man sich mal geben: Anna, gerade achtzehn, fährt während des Abiturs beinahe jedes Wochenende nach Italien, um ihren Freund Sebastiano zu besuchen. Als sie beschließt, mal eben spontan übers Wochenende nach Paris zu fliegen, fragt ihr Vater nicht einmal nach, was das soll, sondern schenkt ihr auch noch das Geld für den Flug. Wie reich sind die bitte und wieso sind Annas Eltern, die in Band Eins noch so besorgt wirkten, plötzlich völlig okay damit, dass ihre Tochter ständig nach Venedig abzwitschert, während sie mitten im Abitur steckt? Ja, klaro doch.

Generell gibt es in “Die goldene Brücke” für Anna einfach mal so überhaupt keine Probleme, sie darf alles, hat Geld für alles, das Abi scheint trotzdem zu laufen, tutti paletti.

SO GEHT LIEBE NICHT, SCUSA

Auch ihre Beziehung zu Sebastiano ist so dermaßen glatt gebügelt, dass die Liebesgeschichte keinen Spaß gemacht hat. Anna betont mehrmals, dass sie und Sebastiano niemals streiten, dass immer alles schön ist, es ist halt wahre Liebe. Aber mal ehrlich, das ist nicht nur langweilig zu lesen, ich finde es auch etwas gefährlich, jungen Leser.innen vorzugaukeln, dass wahre Liebe keine Konflikte kennt und immer alles reibungslos verläuft, denn so läuft das einfach nicht.

Romantisches Wunschdenken hin oder her, so glatt läuft keine Beziehung. Dazu kommt, das Anna am Rande der Selbstaufgabe tanzt: Nach dem Abi will sie in Italien studieren, damit sie mit Sebastiano zusammenwohnen kann. Das ist ihr einziger Grund, an die Uni Venedig zu gehen. Eigene Zukunftsziele, eigene Wünsche, was ist das? Natürlich will sie auch Familie und Freunde zurücklassen, Sebastiano ist ja alles, was sie braucht… Als Anna dann glaubt, Sebastiano verloren zu haben, denkt sie ernsthaft darüber nach, sich in der Seine zu ertränken.

Alter, Leute. Natürlich kann man im ersten Freund schon den Partner für’s Leben finden, darum geht es mir nicht, aber können wir mal geschlossen aufhören, so zu tun, als wäre das eigene Leben nichts mehr wert, wenn der erste Freund weg ist? Anna ist gerade mal achtzehn (nicht, dass es besser wäre, wenn sie älter wäre) und anscheinend bedeutet “waaaahre Liebe”, sich dafür komplett aufzugeben, das ganze Leben danach auszurichten, was der Freund gerade macht, und in die Seine zu springen, sobald die Beziehung vorbei ist. Toll, echt.

Ansonsten hatte ich mit “Die goldene Brücke” dieselben Probleme, wie mit “Die magische Gondel”. Diesmal verschlägt es Anna ins Paris des frühen siebzehnten Jahrhunderts, doch auch dieses Paris bleibt blass und kulissenhaft, man kann es sich kaum vorstellen. Diesmal benehmen sich die historischen Figuren außerdem viel zu modern, was mich richtig gestört hat. Besonders die Darstellung der Cécile, die schon fast an slut shaming grenzt, fand ich daneben.

Cécile stolziert im Jahr 1625 im knappen Nachthemd vor Männern herum und knutscht in aller Öffentlichkeit mit ihrem Freund rum… Ich kann natürlich nicht behaupten, dass es das 1625 nicht gegeben hat, aber es kam mir so unglaublich modern präsentiert vor – In Céciles Auftreten und Sprachweise – und Anna bewertet es zudem auch sehr negativ. Generell habe ich mich zu keiner Zeit in den Barock versetzt gefühlt, weil vieles zu modern wirkte und auch einfach die Beschreibungen sehr dürftig waren.

Während ich bei “Die magische Gondel” zumindest noch fand, dass man gemerkt hat, dass Eva Völler sich mit Venedig 1499 auskennt, kann ich dasselbe von Paris 1625 nicht behaupten. Es wirkt alles etwas wischiwaschi und oberflächlich.

ANNA UND DIE MUSKETIERE

Etwas, das mir aber richtig negativ aufgefallen ist, ist Völlers Umgang mit Queerness. Zuerst fand ich es gut, dass sie Ludwig XIII. als queer dargestellt hat, doch das schlug bald um und Schuld daran ist Anna. Anna ist ja sowieso ein bisschen eine Nuss (Sie ist jetzt schon über ein Jahr Zeitwächterin und kann immer noch nichts…), aber selbst sie sollte wissen, dass man nicht einfach Leute outet, schon gar nicht 1625.

Aber Anna erzählt jedem und seiner Oma, dass der König schwul ist und ist mal wieder ein richtig tolles Vorbild für junge Leser.innen. Später lacht sie noch Sebastiano aus, weil sein  Wams in ihren Augen eine “t*ntige” Farbe hat – weil es ja voll lustig ist, homofeindliche Schimpfwörter rumzuwerfen.

Ganz davon zu schweigen, dass Farben soweit ich weiß keine Sexualität haben. Aber ja, lasst mal homofeindliche Sprache verharmlosen und normalisieren und einfach so Leute outen. Mensch, Anna. Mensch, Eva Völler. Wenn ich nicht wüsste, dass sie es besser kann (ich verweise nochmal auf das großartige “Der König der Komödianten”, das sie als Charlotte Thomas geschrieben hat), würde ich mich darüber vielleicht weniger ärgern, aber es ist halt so oder so überflüssig und traurig.

Dass “Die goldene Brücke” dann auch noch eine Nacherzählung von “Die drei Musketiere” von Alexandre Dumas ist… naja, irgendwie auch nicht meins. Von einem Zeitreiseroman erwarte ich ja eigentlich, dass die Heldin in der Vergangenheit landet und nicht in einem beinahe komplett fiktiven historischen Roman, dessen Ereignisse niemals wirklich passiert sind. Interessant gewesen wäre es, mit Anna einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu erfahren, wie die historischen Hintergründe des Romans aussehen, aber Eva Völler erzählt eigentlich nur die Geschichte nach, mit denselben Bösewichtrollen und, wie gesagt fiktiven, Handlungspunkten und das reicht mir nicht wirklich.

All das macht “Die goldene Brücke” in meinen Augen zum schlechtesten Teil der Reihe. Gefallen haben mir wieder der Schreibstil und der Witz, doch Annas Besessenheit von Sebastiano, ihre Naivität und das schwammige barocke Paris haben mir einfach keinen Spaß gemacht. Auch die ganzen Anspielungen auf “Die drei Musketiere” fand ich eher schlecht als recht umgesetzt und Annas homofeindlicher Spruch war dann auch nur noch das Tüpfelchen auf dem i-Punkt, nachdem mit Ludwigs XIII. Homosexualität generell total unverantwortlich umgegangen wurde. Das war leider nichts.


Die Reihe:

1. Die magische Gondel | Rezension
2. Die goldene Brücke
3. Das verborgene Tor


Die goldene Brücke | Zeitenzauber #2 | Baumhaus, 2015 | 978-3-8432-1080-5 | 319 Seiten | deutsch