Ich wollte “Die Gärtnerin von Versailles” unbedingt sehen. Nicht nur spielt der Film in einer meiner liebsten Epochen, dem späten siebzehnten Jahrhundert, er wartet auch noch mit gleich mehreren Schauspieler.innen auf, die ich sehr mag: Kate Winslet, Jennifer Ehle, Alan Rickman, Helen McCrory… Die High Society des britischen Kostümfilms gibt sich hier die Ehre und die schauspielerische Leistung ist auch durch die Bank weg sehr gut. An sich hat der Film mich aber ein bisschen kalt gelassen.

SCHÖNE LIEBESGESCHICHTE MIT ABSTRICHEN

Die Geschichte war interessant: Die bürgerliche Gärtnerin Sabine de Barra (Kate Winslet) soll den Garten von Versailles neu gestalten und wird dabei in die Geschehnisse am französischen Königshof unter dem Sonnenkönig Louis XIV. (Alan Rickman) gezogen. Sie verliebt sich in den Landschaftsarchitekten André Le Nôtre (Matthias Schoenaerts), doch dieser ist bereits verheiratet…

“Die Gärtnerin von Versailles” ist ein Drama und mich konnte besonders Sabines Geschichte und ihre Leidenschaft für Botanik überzeugen. Auch André war eine überzeugende Figur und die Liebesgeschichte habe ich gern gesehen und den Figuren auch abgenommen. Obwohl André eine reale historische Persönlichkeit ist und Sabine fiktiv funktioniert die Romanze und die beiden Figuren haben eindeutig Chemie.

Sabine und Louis unterhalten sich

Leider fand ich den Rest des Films aber etwas lauwarm und klischeebelastet. Sabine ist die schöne Bürgerliche, die den Hof aufmischt. König Louis wirkt unnahbar, gibt dann aber sein Herz aus Gold Preis. Andrés Frau Françoise (Helen McCrory) ist die kalte Eiskönigin, die zwar selbst andere Liebhaber hat, aber trotzdem auf die Beziehung von Sabine und André neidisch ist. Der Film hätte mir ohne diese Histo-Klischees deutlich besser gefallen, denn die ungewöhnliche Geschichte selbst kann durchaus überzeugen und besonders die Landschaftsaufnahmen sind wirklich schön.

“Die Gärtnerin von Versailles” bietet spannende Figuren und eine intensive, schöne Liebesgeschichte, doch das Potential wird nicht komplett ausgeschöpft. Ich hätte gern viel mehr von Jennifer Ehle als Madame de Montespan gesehen und besonders hätte ich mir für Françoise ein bisschen mehr Verständnis und ein bisschen weniger Klischee gewünscht. Sabine brauchte keine Gegenspielerin, besonders nicht die Frau ihres Love Interests. Schön fand ich jedoch, dass Philippe d’Orléans (Stanley Tucci) in dieser Verfilmung offen schwul und eine durch und durch positive Figur sein durfte.

Ein bisschen unglücklich fand ich jedoch das Casting von König Louis und seinem Bruder Philippe. So sehr ich Alan Rickman mochte, er war Mitte sechzig, als “Die Gärtnerin von Versailles” entstand. Er spielt den Sonnenkönig, der eigentlich erst Mitte Vierzig war. Auch Stanley Tucci ist mit Mitte Fünzig ein bisschen alt für einen Philippe d’Orléans, der eigentlich auch erst Anfang Vierzig sein sollte. Darüber hinaus spielen beide ihren Rollen aber sehr gut. Als großer Fan dieser Epoche ist mir das jedoch unangenehm aufgefallen, besonders, da es den Altersunterschied zu Louis’ Mätresse Madame de Montespan, der eigentlich nur ein paar Jahre betrug, unnötig riesig macht.

PLUS FÜR DIE GESCHICHTE, MINUS FÜR DIE KOSTÜME

Auch mit den Kostümen war ich eher unterdurchschnittlich zufrieden. Oh Mann, die Kostüme… Kostümbildnerin Joan Bergin hat ebenfalls bei “The Tudors” gearbeitet, das sowieso nicht für seine Authentizität bekannt ist – und einige Kostüme, ohne sie groß zu ändern, einfach wiederverwendet. Ich darf erinnern: “The Tudors” spielt Mitte der 1500er in England, dieser Film in den 1680ern in Frankreich. Warum das nicht funktioniert hat Kendra von Frock Flicks mit vielen Beispielbildern erklärt. Andere Kostüme sehen ein bisschen “billig” aus. Sie sind knittrig oder man kann die Unterröcke durch den Stoff sehen.

André und Sabine im Garten

Ich fand schade, dass besonders Sabines Kleider oft einfach nicht gut aussahen. Ja, sie ist arm und das muss sich in ihrer Kleidung spiegeln. Trotzdem muss sie nicht ständig braun und beige tragen, das sich einerseits über der Brust spannt und woanders dann wieder zu weit aussieht. Sehr oft sieht ihre Silhouette durch ein schlecht sitzendes Korsett merkwürdig und irgendwie gequetscht aus. Dass sie ihre Gartenarbeit im Mieder erledigt nehme ich hin, weil es ein sehr schönes Mieder ist, obwohl es so ist, als würden wir heute im BH im Garten schuften.

Das finde ich besonders schade, weil die Landschaftsaufnahmen so gelungen sind. Der Film spielt, wie sollte es anders sein, zum großen Teil in den ausschweifenden Gartenanlagen von Versailles, wo Sabine eine Art Ballsaal unter freiem Himmel, der ein bisschen aussieht wie ein Amphitheater, bauen soll. Die Gärten, Wälder und Ländereien sind wunderschön in Szene gesetzt, doch die Figuren in ihren unpassenden Kostümen stören das Bild dann beinahe.

Was ich dem Film aber wirklich nicht verzeihen kann, ist seine Darstellung von Liselotte von der Pfalz (Paula Paul), Philippes Frau. “Die Gärtnerin von Versailles” steckt sie in seit über hundert Jahren unmoderne Männerkleidung (auch vom Set von “The Tudors”) und lässt sie mit ungekämmtem, schlecht frisiertem Haar als Trampel mit, zumindest in der englischen Originalfassung, starkem deutschen Akzent auftreten. Es stimmt, dass Liselotte am Hof durch ihre ruppige Art auffiel – Aber eben auch durch ihre Intelligenz und ihren Humor. Liselotte von der Pfalz war eine faszinierende Frau und hat mehr verdient.

Liselotte von der Pfalz, unbekannter Maler, ca. 1670

Ich weiß nicht, wie das für Leute ist, die sich mit der Mode der Epoche nicht so gut auskennen oder einfach nichts darauf geben, aber für mich haben sie dem Film sehr viel Atmosphäre genommen, weil sie so wenig zueinander passten. Auch gut durchdachte anachronistische Kostüme können ein tolles Gesamtbild ergeben, aber hier kommen komische Farben, unvorteilhafte Passformen und zerknitterter Stoff zusammen und zerstören so ein bisschen die Illusion von Versailles im Jahr 1682 und von Glanz und Glamour dieser Epoche.

Und das ist dann eben das große Problem. Versailles in seiner Anfangszeit war glamourös, dekadent und schillernd. Wie das in echt ausgesehen hat, ist beinahe nebensächlich, was zählt ist, dass “Die Gärtnerin von Versailles” das für moderne Zuschauer.innen nicht einzufangen vermag und das nimmt der eigentlich sehr schönen Geschichte viel weg.

Anschauen? Vielleicht. “Die Gärtnerin von Versailles” erzählt eine schöne Liebesgeschichte zwischen zwei interessanten Figuren mit glaubhaften Geschichten und Balast, besonders im Falle von Sabine. Allein die Schauspieler.innen sind es wert, dem Film eine Chance zu geben, sowie die Landschaftsaufnahmen und das ungewöhnliche Setting: Der wachsende Garten von Versailles. Auch, wer schönere, authentischere Kostüme lieber hätte und auf die Klischees verzichten könnte, kann sich den Film gut ansehen, aber eben eher als kurzweilige Unterhaltung für nebenbei.


Die Gärtnerin von Versailles | GB, 2014 | Drehbuch: Allison Deegan, Alan Rickman, Jeremy Brock | Regie: Alan Rickman | Spielzeit: 117 Stunden | Originaltitel: A Little Chaos