Die junge Nella wird mit dem Amsterdamer Handelsmann Johannes Brandt verheiratet. Als sie sein herrschaftliches Haus an der Herengracht zum ersten Mal betritt, schlägt ihr kalte Abneigung von Seiten ihrer neuen Familie entgegen. Nur ihr Hochzeitsgeschenk spendet ihr Trost: ein Puppenhaus, das eine exakte Nachbildung ihres neuen Zuhauses ist. Doch bald werden Nella mysteriöse kleine Nachbildungen ihrer neuen Familienmitglieder geschickt – und Hinweise auf das, was diese verbergen. Nella beginnt zu ahnen, dass sich hinter der perfekten Fassade der Brandts tiefe Abgründe verbergen – sowie dunkle Geheimnisse, die sie alle in ihren Sog ziehen werden …


Triggerwarnung
Unreflektierte Repräsention von PoC und queeren Menschen, Reproduktion schädlicher Stereotype

MEINE GEDANKEN

Was für ein unglaublich schwieriges Buch. Nicht schwer zu lesen, keine Angst. Aber schwer zu bewerten. Als ich die rund hundert ersten Seiten von “Die Magie der kleinen Dinge” gelesen hatte, war ich absolut begeistert. Mit Amsterdam im goldenen Zeitalter der Niederlande hat sich Jessie Burton ein wunderbares Setting ausgesucht und sie schildert diese Zeit, die von Wohlstand und Dekadenz, aber auch von dunkleren Seiten geprägt ist, mit so magischen Worten, dass ich bereits dachte, eine neue Lieblingsautorin gefunden zu haben.

Tatsächlich ist um “Die Magie der kleinen Dinge” vor ein paar Jahren ein riesiger Hype entstanden, den es in der Histowelt wirklich nicht oft gibt. Mehrere große britische Verlage rissen sich um das Manuskript und die Geschichte war auch bald in mehrere Länder verkauft, unter anderem natürlich nach Deutschland. Eine TV-Adaption ist 2017 entstanden. Und am Anfang war ich vollkommen überzeugt, dass dieser Hype verdient ist. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

DIE MAGIE DER SCHÖNEN WORTE

Keine Frage: Burtons Setting ist lebendig und bunt, schwirrt regelrecht vor Leben. Obwohl die Niederlande im siebzehnten Jahrhundert so mächtig und wichtig waren, sind sie als Setting im historischen Roman doch eher selten, weshalb ich mich sehr gefreut habe, als ich “Die Magie der kleinen Dinge” entdeckt habe, denn für historische Romane mit ungewöhnlichem Setting bin ich immer zu haben. Und, ich kann es einfach nicht oft genug sagen, das Setting ist großartig umgesetzt in Jessie Burtons wunderschöner Sprache.

Man kann die auf Sümpfen errichtete Stadt förmlich vor sich sehen, die Kanäle und die Stadtpaläste der Händlerfamilien, das Gold anfassen, die Gewürze riechen, die in alle Welt verkauft werden, den Zucker schmecken, der in diesem Roman eine große Rolle spielt. Doch es sieht nicht nur hübsch aus: Burton hat sich auch mit ihrer Recherche durchaus Mühe gegeben und den Zeitgeist gut eingefangen, die religiösen Spannungen, die im Kontrast zum beinahe schon ausschweifenden Reichtum stehen, aber auch den Vanitasgedanken der Epoche.

Und auch die Figuren habe ich lieb gewonnen. Die achtzehnjährige Heldin Nella, die unbedingt eine richtige Ehefrau sein will und nicht weiß wie, die eigensinnige Magd Cornelia und den nachdenklichen Diener Otto, aber ganz besonders die Brandtgeschwister, die beide auf ihre eigene Art und Weise von der Abenteuerlust getrieben sind: Die strenge Madame Marin und ihr Bruder, der Kaufmann Johannes, mit dem Nella verheiratet wurde.

Was mir sehr gefallen hat war, dass Nellas Schicksal als junges Mädchen mit einem deutlich älteren Mann verheiratet zu werden, nicht so einseitig und schwarzweiß dargestellt wird, wie sonst oft. Nella ist einsam und unglücklich, doch sie sucht sich ihre kleinen Freiheiten wo sie kann, und Johannes mag Nella, das merkt man, und er versucht, sie glücklich zu machen.

Mein großes Problem mit “Die Magie der kleinen Dinge” ist der Versuch von Repräsentation, denn ich finde, dass dieser nicht so gut gelungen ist. Otto ist schwarz und erfährt viel Diskriminierung und auch die Diskriminierung queerer Menschen steht viel im Mittelpunkt. Burton versucht beides reflektiert darzustellen, doch am Ende wird aus Otto wieder nur der leidende Diener, der einfach nicht akzeptiert wird, und die queeren Figuren – Oh Mann.

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Mir gefällt die Darstellung von Queerness in “Die Magie der kleinen Dinge” überhaupt nicht. Sie ist nicht furchtbar und sie ist auch nicht total unakzeptabel, aber sie ist halt doch sehr eeeeeeh, denn irgendwie wird Queerness hier doch wieder sehr reduziert dargestellt und absolut führt auch in diesem Roman Queerness alle Figuren am Ende ins Verderben. Und ja, es ist nicht so subtil, dass die queeren Figuren das tun. Die Wurzel allen Übels ist tatsächlich Queerness selbst. Buh.

Man könnte jetzt argumentieren, dass es gar nicht die Queerness der Figuren ist, die hier für den tiefen Fall sorgt, sondern die homofeindliche Gesellschaft Amsterdams in den 1680er Jahren und das ist absolut ein gutes Argument. Ich glaube auch, dass Jessie Burton in diese Richtung wollte – aber es gelingt ihr nicht richtig. Denn ihre beiden queeren Männer sind dann irgendwo doch Klischees und zwar durch und durch negative.

Der eine kann nicht treu sein, ist unvorsichtig und stürzt mit seiner Libido alle ins Verderben. Der andere ist sowieso hinterhältig und bedient das psycho gay Trope wunderbar. Von queerer Zuneigung, Liebe und Vertrauen weiß auch “Die Magie der kleinen Dinge” nichts zu erzählen, es geht nur um Lust, Sex und Geld und das finde ich sehr schade und auch irgendwie problematisch. Wären diese beiden Männer ein liebendes Paar gewesen, hätte Burton wirklich aufzeigen können, was historische Diskriminierung bedeutet.

Burton gießt alte Klischees wie Teesatz auf, wenn sie uns queere Männer präsentiert, die am Ende ja doch irgendwie selbst Schuld sind, weil nicht aufgepasst und nicht treu gewesen und zu gierig gewesen. Ihr Herz scheint am rechten Fleck zu sein, klar, aber das hilft nichts, wenn Queerness wieder als etwas Verruchtes und Übersexualisiertes präsentiert wird, als tragische Existenz, in der richtige Liebe nicht möglich zu sein scheint und ein Happy End erst recht nicht. Sie ist hier in Gesellschaft von dutzenden weiteren historischen Geschichten und was soll das für eine Botschaft senden? Da denke ich lieber nicht weiter drüber nach.

MAGISCHES MELODRAMA

Leider verliert sich der Roman dann auch bald komplett im Melodrama. Am Anfang ist “Die Magie der kleinen Dinge” ein spannendes Familiendrama mit düsteren Untertönen: Nellas neues Leben als Kaufmannsfrau, ihre Konflikte mit Johannes und Marin, das fand ich interessant.

Am Interessantesten fand ich allerdings das Puppenhaus. Nella bekommt von Johannes zur Hochzeit eine Miniaturversion ihres Hauses geschenkt, das sie mit kleinen Möbeln, Figuren und anderen Dingen füllen soll. Dafür kontaktiert sie einen mysteriösen Miniaturisten, der ihr bald ungefragt exakte Minikopien von Gegenständen aus ihrem Haus schickt, obwohl er gar nicht wissen kann, wie es bei Nella zuhause aussieht.

Nella will natürlich herausfinden, wie das sein kann und wer dahinter steckt – ich habe gespannt Seite um Seite verschlungen, wollte unbedingt wissen, was es damit auf sich hatte… aber was soll ich sagen. Es ist denke ich kein Spoiler, etwas zu verraten, das nicht passiert, denn es gibt einfach keine Auflösung. Die Geschichte verschwimmt immer weiter und wandelt sich vom düster-magischen Abenteuer zu einem kitschigen Melodrama, was mich vor allem gestört hat, weil einige Fragen, die hier aufgeworfen werden, gar nicht beantwortet werden.

Das ist schade, denn der Roman ist inspiriert vom Puppenhaus der echten Petronella Ortman, die tatsächlich mit einem Kaufmann namens Johannes Brandt verheiratet war. Das Puppenhaus ist heute im Rijksmuseum in Amsterdam untergebracht. Ich liebe die Idee, aus einem bloßen Ausstellungsstück im Museum einen ganzen Roman zu spinnen, aber ich finde es einfach schade, dass Burton ihre eigentliche Geschichte – das Puppenhaus, den rätselhaften Miniaturisten und Nellas Suche nach Antworten – komplett aus den Augen verloren hat, um stattdessen ein kitschiges Familiendrama zu schreiben, das man so oder so ähnlich auch einfach schon kennt.

Am Ende bleibe ich mehr als zwiegespalten zurück. Ich schreibe an dieser Rezension jetzt seit knapp einer Woche, weil es mir so unglaublich schwer fällt in Worte zu fassen, was ich von “Die Magie der kleinen Dinge” denke. Der Roman ist wunderschön erzählt, entführt ins Amsterdam des späten siebzehnten Jahrhunderts und lässt so gekonnt dunkle, dekadente Bilder im Kopf entstehen, wie ich es bei historischen Romanen erst selten erlebt habe. Jessie Burton hat großartig recherchiert, die Figuren sind interessant und man gewinnt sie lieb genug, um unbedingt wissen zu wollen, was aus ihnen wird.

Aber nach ungefähr der Hälfte verliert der Roman seine eigentliche Handlung ziemlich aus den Augen und verwandelt sich in ein kitschiges Melodrama, das nicht einmal Antworten auf die Fragen liefert, die einen wirklich interessieren. Dazu kommt der in meinen Augen nicht gelungene Versuch der Repräsentation von queeren Menschen und PoC.

Es tut mir schon irgendwie weh, diesem sprachgewaltigen, wunderbar erzählten Roman mit dem unglaublich atmosphärischen Setting nur eingeschränkt empfehlen zu können, aber da war einfach zu viel, das ich nicht gut genug gemacht fand und ja, das finde ich selbst total schade. “Die Magie der kleinen Dinge” ist unbedingt lesenswert. Es beinhaltet aber auch Muster und Klischees, die weh tun können und das sollte man wissen, bevor man sich an diesen Roman macht.


Die Magie der kleinen Dinge | Blanvalet, 2016 | 978-3-7341-0307-0 | 480 Seiten | Deutsch | Übersetzerin: Karin Dufner | Britische OA: The Miniaturist, 2014

Diese Rezension erschien ursprünglich am 04. November 2017 auf “Stürmische Seiten”.