Das 19. Jahrhundert reizt viele Autor_innen. Es ist eine Epoche der Extreme. Selten waren gesellschaftliche Regeln und Konventionen so streng wie im 19. Jahrhundert, doch gleichzeitig ist die Epoche von Aufbruchsstimmung, großem technischen und sozialen Fortschritt und aufblühender Kultur geprägt. Das 19. Jahrhundert fühlt sich für uns gleichzeitig “nah dran” an, ist aber auch weit genug weg, um verklärt und ein bisschen rätselhaft zu wirken. Deshalb wird es sicherlich auch so oft als Setting für historische Romane genutzt.

Leider existieren zum 19. Jahrhundert jedoch auch sehr viele Klischees und vor allem sehr viel Halbwissen, das das Geschichtsbild der Leser_innen deutlich verzerrt. Wir alle wissen ja: Das 19. Jahrhundert war eine prüde Zeit, in der Frauen keinerlei Rechte hatten, der Anblick eines Knöchels für Ohnmachtsanfälle sorgte und Korsetts Rippen und Lungen zerquetschten. Das ist Allgemeinwissen. Aber ist das “richtig”? Nein. Deshalb möchte ich heute eine kleine Recherchehilfe zum langen 19. Jahrhundert schreiben. Viel Spaß.

Tropes sind kein Ersatz für Recherche

Frauen und Sport, ca. 1890er & 1900er Jahre

Leider wird Recherche viel zu oft durch diese Art von Halbwissen ersetzt, das irgendwo aufgeschnappt wurde und für Fakten gehalten wird. Junge Frauen laufen in Scharen in Männerkleidung herum, um sich frei zu fühlen. Sie verhindern am laufenden Bann arrangierte Ehen mit älteren Männern, um die wahre Liebe zu finden. Sie wollen alle Ärztinnen werden und mögen keine Stickarbeiten. Und ich möchte das nicht mehr lesen, denn nichts davon ist für die Epoche auch nur im Ansatz authentisch.

Natürlich steckt in all diesen Klischees ein kleines Fünkchen Wahrheit. Es ist allerdings viel zu oft vergraben unter sehr viel Romantisierung und Verklärung und durch eine zu moderne Linse betrachtet. Deshalb würde ich allen, die über die Epoche schreiben möchten, zuerst einmal raten, sich von den Tropes – fürs Erste – komplett zu lösen. Das heißt nicht, dass niemand mehr diese Archetypen schreiben sollte, denn sie sind interessant, besonders die junge Frau, die sich aus den strikten Konventionen ihrer Zeit lösen möchte.

Nicht jede junge Frau, die ein Interesse an Medizin hat, muss gegen alle Konvention Ärztin werden wohlen. Sie könnte in den 1860er Jahren zum Beispiel unter Florence Nightingale Pflege lernen oder in den 1890er Jahren sogar studieren. Für nichts davon muss sie jedoch Männerkleidung anlegen, denn auch das Klischee von der unbequemen, einschränkenden viktorianischen Mode ist nur das: Ein Klischee. Männerkleidung an Frauen gehört im 19. Jahrhundert zur LGBTQ-Kultur: Wenn ihr über diese schreibt, go ahead, aber das tun leider die wenigsten.

Die Linie zwischen historisch authentischer Misogynie und einer überzeichneten Klischee-Darstellung ist sehr dünn. Hier sind Recherche und vor allem auch eine kritische Auseinandersetzung mit Quellen sehr wichtig. Denn die freiheitsliebende Heldin ist natürlich durchaus authentisch. Man muss ihre Lebensrealität aber nicht tragischer und einschränkender Darstellen, als es authentisch wäre. Ja, sie darf lesen. Sie darf reiten und Sport treiben, besonders im späteren 19. Jahrhundert.

Macht euch die Mühe und recherchiert was selbstständige Frauen in der Zeit, in der ihr schreibt, tatsächlich getan haben, anstatt euch auf alten Tropes auszuruhen, die wirklich kaum jemand noch aufregend findet. Ein Roman über eine junge Frau, die selbstständig sein möchte und auf eine der im 19. Jahrhundert neu gegründeten Pflegeschulen für Frauen geht, ist so viel interessanter als der zehnte Roman über eine Frau, die sich als Mann verkleidet und Arzt wird (BBC Sherlock lässt grüßen, wir haben viel geweint).

Die Heldin aus der Zeitmaschine

Ganz wichtig ist auch, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass man aus einer historischen Perspektive schreibt. Einige denken jetzt vielleicht: “Ja klar, ist doch logisch”, aber so oft, wie es moderne Sichtweisen auf die Epoche in historische Romane schaffen, scheint das nicht allen Autor_innen so klar zu sein. Hier gilt vor allem: Denk daran, dass dein Recherchematerial vorwiegend von modernen Menschen stammt. Übertragt den modernen Ton dieser Forschung nicht auf die Epoche.

Das klingt simpel, aber das ist es eigentlich gar nicht: Behaltet im Kopf, dass eure Heldin, wenn sie im Jahr 1878 in London lebt, nur den Stand der Dinge von 1878 in England kennt. Sie weiß nicht, dass es eine Suffragettenbewegung geben wird. Sie weiß nicht, dass das Wahlrecht für Frauen noch zu ihren Lebzeiten Realität werden wird. Ihr wisst das und das ist gut. Aber wenn eure Heldin sich benimmt, als wüsste sie es ebenfalls bereits und ihr Blick auf ihre Zeitgenossen deshalb immer abwertend ist, ist das ein Problem.

Wir können unseren modernen Blick auf das 19. Jahrhundert natürlich nie komplett ausschalten. Aber wir können unsere Heldin 1878 auch feministisch sein lassen, ohne sie denken zu lassen, wie eine Frau aus dem 21. Jahrhundert. Recherchiert, welche Missstände es in den 1870ern gab, wie diese eure Heldin betreffen – Aber auch welche Fortschritte schon gemacht wurden, die auf eure Heldin, die ja nicht weiß, was noch alles kommen wird, deutlich bahnbrechender wirken, als auf uns heute.

Das bedeutet nicht, dass eure Held_innen nicht fortschrittlich denken dürfen, aber man sollte den Rahmen dessen, was authentisch wirkt, nicht überstrapazieren. Wenn eure Protagonist_innen nicht mehr wie Kinder ihrer Zeit wirken gibt das einen Bruch. Und nein, natürlich ist das niemals eine Entschuldigung für unreflektierte -ismen in historischen Romanen. Eure Figur darf so feministisch und fortschrittlich sein, wie ihr möchtet. Sie sollte aber keine Theorien kennen, die erst in den 1970er Jahren aufgekommen sind. Eigentlich doch simpel, oder?

Der Teufel steckt im Detail

Links: Amerikanisches Nachmittagskleid, ca. 1837 | Mitte: Amerikanisches Kleid, 1865 | Rechts: Amerikanisches Abendkleid, ca. 1893 (Quelle: Met Museum)

Ein weiterer “Fehler”, der mir oft begegnet, sind Aussagen wie: “Ich recherchiere das 19. Jahrhundert” oder: “Im 19. Jahrhundert war das so.” Macht euch am besten bewusst, dass es das einheitliche 19. Jahrhundert nicht gibt. Hundert Jahre sind eine lange Zeit und sie schließen riesige gesellschaftliche Entwicklungen, Umbrüche und gesellschaftliche Trends und Weltbilder ein. Von der späten Aufklärung über die Romantik, die strenge Mitte des Jahrhunderts bis in die schillernde Belle Époque: Das 19. Jahrhundert war lang.

Ein Roman, der 1840 spielt, erzählt (im Idealfall) von einer ganz anderen Welt, als einer, der 1890 spielt. Beschäftigt euch also vorrangig mit dem Jahrzehnt, am besten noch dem Jahr, in dem euer Roman spielt und betrachtet das Zeitalter nicht als ein homogenes Ganzes, das es nicht ist, denn so entstehen Tropes und Klischees überhaupt erst. Schaut euch dabei auch das Setting an: Das viktorianische England funktioniert anders als Deutschland im Biedermeier. London funktioniert 1880 anders als Berlin, Paris, New York, Moskau.

Oft steckt der Teufel, der eure Geschichte atmosphärisch dicht und lebendig macht – oder eben nicht – wirklich im Detail. In den kleinen Dingen, von denen ihr vielleicht denkt, sie sind nicht so wichtig. Mein Lieblingsbeispiel ist hier immer historische Mode, mein Steckenpferd. Denn natürlich ist auch die über die Jahrzehnte nicht gleich geblieben und was gerade modern ist, sagt viel aus über Weltbilder, Schönheitsideale und sogar Politik. Mode ist Zeitgeist.

Und natürlich gilt das auch für andere Themengebiete, die oft vernachlässigt werden: Architektur, Kunst, Theater, Musik… Das ist jetzt meine ganz subjektive Meinung, aber: Ihr könnt politische und gesellschaftliche “Fakten” noch so gut recherchiert haben, euer Roman wird nicht lebendig wirken, wenn Zeitgeist, soziale Details, Trends und dergleichen fehlen, die die Menschen im Alltag genauso beschäftigt und beeinflusst haben, wie die großen politischen Ereignisse des Jahrzehnts.

Historische Romane über das 19. Jahrhundert sind für mich persönlich am spannendsten, wenn sie die Epoche mit all ihren Merkwürdigkeiten widerspiegeln und auch das eben nicht zu sehr durch eine moderne Linse filtern. “Totenfotografie? Total makaber und gruselig, meine Heldin mag das nicht!” ist natürlich einfacher, als Verständnis dafür aufzubringen, warum die Menschen des 19. Jahrhunderts ihre Toten fotografiert haben, aber letzteres gibt den spannenderen, interessanteren und authentischeren Roman her.

Diversity, Inklusion und Weltbilder des 19. Jahrhunderts

Links: Gesellschaftsdame Maud Shing, Australien, ca. 1905 | Mitte: Das Paar Anna Moore und Elsie Dale, ca. 1900 | Rechts: Sarah Forbes Bonetta, Patentochter von Königin Victoria, England, 1862

Über Diversity im historischen Roman habe ich schon einmal geschrieben, aber ich finde den Punkt gerade wichtig, wenn wir vom 19. Jahrhundert reden, denn es ist kein Geheimnis, dass besonders die europäischen und amerikanischen Metropolen (aber nicht nur die) des 19. Jahrhunderts sehr multikulturell waren. Dazu kommen Kolonialismus und Imperialismus, die im 19. Jahrhundert prägend waren und ebenfalls nicht weiße Menschen, leider nicht immer freiwillig, nach Europa und Amerika brachten.

Historische Romane aber kommen sehr oft sehr weiß daher und kehren nicht nur die Existenz von people of colour in Europa, Amerika und auch Australien unter den Teppich – wenn people of colour überhaupt mitspielen dürfen, werden sie oft als Opfer dargestellt, an denen entweder erklärt wird, wie diskriminierend diese Gesellschaften waren, oder die von weißen Held_innen gerettet werden müssen. Ebenbürtige Mitglieder der Gesellschaft sind sie selten und das muss sich ändern. Am besten schon gestern.

Auch Politiker_innen, Gesellschaftsdamen, Bühnenstars oder ganz gewöhnliche Mitglieder von Adel und gehobenem Bürgertum konnten people of colour sein. “Aber wieso hört man von denen nie was, wenn es sie angeblich gegeben hat, hä?”, mag jetzt der ein oder andere fragen. Behaltet hier bitte im Kopf, wer Geschichte schreibt und ob diese Person vielleicht ein Interesse daran gehabt haben könnte, nicht weiße Menschen unerwähnt zu lassen – oder zumindest nicht zu erwähnen, dass sie nicht weiß waren.

Im viktorianischen London gab es zum Beispiel einige indischstämmige Adelige und eine große schwarze Community, größtenteils Mitglieder des gehobenen Bürgertums. Asiatischstämmige Menschen fanden sich ebenfalls in allen Gesellschaftsschichten: Die Japanerin Sada Yakko war ein Star im Europa der Belle Époque, Maud Shing war eine beliebte Gesellschaftsdame in Australien um 1900. Frankreichs Kolonialismus brachte viele Menschen aus Nordafrika nach Paris. Ebenfalls in allen Gesellschaftsschichten.

Dasselbe gilt natürlich auch für LGBTQ Menschen, die sowieso in allen gesellschaftlichen Schichten überall existiert haben. “Das ist nicht historisch authentisch” kann ich in diesem Zusammenhang nicht mehr hören. Tatsächlich sind besonders große Metropolen des 19. Jahrhunderts komplett ohne people of colour (und LGBTQ Menschen) deutlich inauthentischer. Auch hier gilt: Macht eure Recherche, und das gründlich. Verlasst euch nicht auf alte Klischees und helft, die Geschichte dieser marginalisierten Menschen sichtbar zu machen.

Abschließendes

Ich habe jetzt natürlich nicht alles gesagt, was ich zum Thema sagen könnte. Betrachtet diesen Post vielleicht als eine Art Crashkurs zu einer im historischen Roman beliebten, aber stark verklärten und verdrehten Epoche, von einer Historikerin und Leserin, die von historischen Romanen in letzter Zeit immer wieder enttäuscht ist, besonders von welchen, die im 19. Jahrhundert spielen. Und natürlich muss ich auch dazu sagen, dass ich zwar behaupten kann, mich in dieser Epoche sehr gut auszukennen, aber auch nicht alles weiß.

Also, falls ihr noch Anregungen habt oder auch Fragen, würde ich mich über eure Kommentare sehr freuen. Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen Hilfestellung geben, falls ihr selbst über das 19. Jahrhundert schreiben möchtet und noch gar nicht wisst, wo ihr anfangen sollt, oder vielleicht seid ihr einfach geschichtsinteressiert und konntet hier ein paar neue Sachen mitnehmen. Mir hat es zumindest gefallen, mir das alles nochmal ausführlich von der Seele schreiben zu können und falls das darüber hinaus noch jemand hilfreich oder spannend findet, wäre das natürlich sehr schön.


Meine Rezensionen zu Romanen, die im viktorianischen Zeitalter spielen, findet ihr in der Kategorie Victoriana.

Beitragsbild: “Die Schwestern”, Berthe Morisot, 1869, National Gallery of Art, USA