Seventeen-year-old Louisa Cosgrove longs to break free from her respectable life as a Victorian doctor’s daughter. But her dreams become a nightmare when Louisa is sent to Wildthorn Hall: labeled a lunatic, deprived of her liberty and even her real name. As she unravels the betrayals that led to her incarceration, she realizes there are many kinds of prison. She must be honest with herself – and others – in order to be set free. And love may be the key…


Eine deutschsprachige Ausgabe erschien 2010 unter dem Titel “Mein Herz so wild” und übersetzt von Ingrid Weixelbaumer bei dtv. Sie ist jedoch nur noch antiquarisch erhältlich.


Triggerwarnung
Ableismus, psychische Probleme

MEINE GEDANKEN

Ich wusste, dass ich einen historischen Roman mit einer lesbischen Protagonistin unbedingt lesen muss. Ich hatte auch eigentlich gar nicht allzu hohe Ansprüche an “Wildthorn”, denn historische Fiktion mit queeren Helden ist selten und welche mit queeren Heldinnen ist nochmal seltener.

Alles, was ich wollte, war gute historische Unterhaltung. Leider hat das Buch aber nicht immer Spaß gemacht. Hart gesagt, kann man sich “Mein Herz so wild” eigentlich sparen, wenn man Sarah Waters’ “Solange du lügst” gelesen hat, denn es ist beinahe dieselbe Geschichte und “Solange du lügst” ist eindeutig der bessere Roman, was die historischen, sowie die queeren Themen angeht, weshalb “Mein Herz so wild” irgendwie wirkt wie die weniger gut durchdachte kleine Jugendbuchschwester.

ANNO ACHTZEHNHUNDERTDRÖLF

Was “Mein Herz so wild” aber absolut ist, ist voller Klischees und das fand ich sehr schade. Das viktorianische Setting ist leider nur eine blasse Kulisse und es ist sogar schwer festzulegen, wann genau der Roman spielen soll. Irgendwann zwischen 1840 und 1900 würde ich sagen, aber die Beschreibungen von Louisas Leben, ihrer Umgebung und ihrer Welt sind so selten und vage, dass man das einfach nicht festlegen kann. Das könnte Absicht ein, aber mir gefällt es nicht so gut.

Ich lese historische Romane, weil ich es mag, wenn historische Epochen zum Leben erwachen, was hier komplett ausbleibt. Die Geschichte wird dann im Weiteren auch durch die typischen Klischees ausgebremst, die besonders aus historischen Romanen für Jugendliche anscheinend nicht rauszukriegen sind: Louisa will als Frau Ärztin werden, alle sind total empört und erzählen ihr, dass sich das als Frau nicht schickt und stecken ihr Geld lieber in Louisas Flop von einem Bruder, als in sie als durchaus talentierte und wissbegierige junge Frau. Ist ja alles schön und gut, aber einfach so schwarzweiß gedacht.

Louisa erwähnt im Roman sogar, dass es bereits Schulen für Krankenschwestern in London gibt und natürlich steht ihre angesehene, wohlhabende Familie nicht drauf, dass die Tochter dort lernen will, anstatt zu heiraten und den Mund zu halten, aber der Umgang von Louisas Familie mit ihren Wünschen und ihr im Allgemeinen ist komplett übertrieben und klischeebelastet dargestellt.

Es ist das alte Vorurteil, dass damals Jungs alles durften (Ihr Bruder kommt mit allem davon, selbst, wenn klar ist, dass er Schuld ist und nicht Louisa), und Mädchen gar nichts und dieses Schwarzweißdenken in historischen Romanen, wo dann für Frauen das Leben ein langes trauriges Dahinsiechen ist und für Männer eine einzige Party, auf der sie der Ehrengast sind, ist so unglaublich überholt.

Und mittlerweile auch einfach total langweilig. Hab ich jetzt schon zwanzig Mal gelesen, können wir mal was anderes machen? Dazu kommt, dass ihre Familie regelrecht Angst davor zu haben scheint, dass Louisa intelligent ist und dieses Klischee ödet mich ebenfalls einfach nur an. Nein, die Viktorianer hatten keine Angst vor schlauen Frauen, sie hatten auch kein Problem mit lesenden Frauen, was ja auch immer wieder gern mal hergenommen wird, auch hier.

Ich finde es einfach schade, dass Autor.innen sich immer wieder auf Klischees verlassen, die nicht nur falsch, sondern auch mittlerweile einfach total langweilig sind, anstatt mal ein nuancierteres Bild zu zeigen, das auch direkt spannender ist, weil authentischer und polarisierender. Aber gut, “Wildthorn” macht also Standardviktorianerzeug: Louisa ist zu schlau und liest Bücher und deshalb ist sie ihrer Familie unheimlich und keine Frau Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durfte jemals einen Beruf ergreifen, nicht einmal einen damals als Frauenberuf angesehenen Beruf wie Pflege, weil sonst direkt Pandämonium ausgebrochen wäre.

Jane Eagland schmeißt dann auch direkt das “Frauen, die anders gedacht haben, wurden alle sofort eingewiesen”-Klischee mit in den Topf, was ich auch schade finde. Es stimmt natürlich leider, dass besonders Frauen oft in Sanatorien gelandet und dort missbraucht wurden und das nicht selten wegen falscher Diagnosen, die aus Unwissen und einem sexistischen Frauenbild entstanden sind.

Aber diese Darstellung in Romanen, dass das mit jeder passieren konnte, die mal ein falsches Wort gesagt hat, ist halt wieder total schwarzweiß und lässt durchblicken, dass sich jemand mit der Geschichte von mental health im neunzehnten Jahrhundert und dem Frauenbild dieser Zeit und besonders mit dem Zusammenspiel dieser beiden Themen nur peripher beschäftigt hat.

DIE PAPPKRONE WAR ZU VIEL DES GUTEN

Die Darstellung des “Irrenhauses” Wildthorn fand ich auch eher daneben, als gelungen, denn kaum ist Louisa angekommen, stellt sie fest, dass alle anderen Patientinnen dort total verrückt sind und nur sie als einzige nicht dort sein sollte. Wie gesagt: Nur peripher beschäftigt und so.

Ich hatte erwartet, dass der Roman vielleicht ein bisschen genauer auf die typischen Fehldiagnosen wie Hysterie eingeht und die falschen Behandlungsmethoden von Depressionen und dergleichen, aber anstatt uns ein authentisches viktorianisches Sanatorium zu zeigen, in dem Frauen mit Depressionen und anderen psychischen Problemen klein gehalten und brutal “therapiert” werden, stellt Eagland uns Louisa als einzig “normale” Person zwischen lauter “komplett Verrückten” vor, die sich für Königinnen halten und Pappkronen tragen und solche Späße.

Jane Eagland wollte einen feministischen Roman über viktorianische Sanatorien schreiben, aber das gelingt halt nicht, wenn man psychische Probleme total stigmatisiert und etwa überspitzt als lustig darstellt, oder eben auch als gefährlich. Anstatt mal Solidarität zwischen den Frauen im Sanatorium entstehen zu lassen, gibt sie uns die psychisch gesunde und irrtümlich eingewiesene Louisa auf der einen Seite und auf der anderen Seite die “Verrückten”, mit denen sie nichts zu tun haben will. Das finde ich richtig schade.

Gefallen hat mir Jane Eaglands Schreibstil und der Aufbau der Geschichte. “Wildthorn” ist anachronistisch erzählt und wechselt zwischen Louisas Zeit im Sanatorium und Rückblenden in ihre Kindheit und ihr Leben vor dem Tod ihres Vaters, der sie als einziger in ihren Träumen unterstützt hat (noch so ein Klischee…). Das Buch hat eine beinahe bedrückende düstere Atmosphäre, die ich sehr gelungen fand.

Handwerklich ist “Mein Herz so wild” ziemlich gut, doch zu einem gelungenen Roman gehört neben dem Handwerk auch einfach eine gut durchdachte Handlung und bei Histos ein gut recherchierter Hintergrund und da hapert es hier dann leider, weshalb mich der Roman erstmal ein bisschen zwischen den Stühlen hat hängen lassen. Es macht durchaus Spaß, den Roman zu lesen, weil er so gut erzählt ist, aber handlungstechnisch läuft zu viel nicht ganz rund, sodass ich mich am Ende gefragt habe, ob ich das Buch jetzt mochte oder nicht und es auch immer noch nicht ganz genau sagen kann.

Ein bisschen gerettet wird es dadurch, dass es ehrlich gesagt die einzige Jugendbuchhisto mit einer queeren Heldin ist, die ich kenne. Sicherlich gibt es noch andere, aber queere Held.innen, besonders weibliche, sind im Histogenre so selten, dass ich Jane Eaglands “Wildthorn” trotz der negativen Aspekte einfach dafür loben muss, dass es nicht nur eine lesbische Protagonistin hat, sondern das Thema auch sehr positiv, authentisch und ohne großes Trara behandelt. Mein einziges Problem ist hier, dass ich öfter das Gefühl hatte, Eagland bringt Louisas Queerness direkt damit in Verbindung, dass sie männlich konnotierte Interessen hat.

Louisa ist ein bisschen der viktorianische Beitrag zum Klischee, das alle lesbischen Frauen sich total männlich geben. Dazu kommt, dass Louisa nicht nur einmal äußert, dass sie sich wünscht, als Mann geboren zu sein und ich teilweise wirklich das Gefühl bekommen habe, dass Louisa ein trans Mann sein könnte und keine lesbische Frau. Leider hatte ich auch das Gefühl, dass Eagland das so nicht gewollt hat, weil es überhaupt nicht weiter behandelt wird und deshalb sehr unglücklich das alte Klischee bedient, dass Sexualität und Gender ein und dasselbe sind.

Am Ende hat Eagland sicherlich viel gut gemeint, aber die Umsetzung ist nicht immer gelungen. Ich bereue nicht “Wildthorn” gelesen zu haben und für Leser auf der Suche nach Histos mit queeren Held.innen ist der Roman für zwischendurch sicherlich nicht verkehrt. Aber leider muss ich sagen, dass die Ähnlichkeiten zu “Solange du lügst” von Sarah Waters so deutlich sind, dass man “Mein Herz so wild” auch eigentlich auslassen und stattdessen den Watersroman lesen kann, wenn einen die Thematik von viktorianischen Sanatorien mit queerer Heldin interessiert.

Meine Empfehlung ist daher stark eingeschränkt und ich würde sagen, dass der Roman wohl eher Leute anspricht, die noch nicht so viele historische Romane gelesen und die Klischees daher noch nicht über haben, oder eben Leute, die verzweifelt auf der Suche nach mehr queeren Held.innen im historischen Roman sind und bereit sind, das zu vage historische Setting und eine oberflächliche Beschäftigung mit psychischen Problemen im viktorianischen Zeitalter hinzunehmen.


Mein Herz so wild | dtv, 2010 | 978-3423248396 | 448 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Ingrid Weixelbaumer | Britische OA: Wildthorn, 2009 | nur noch antiquarisch