Ende des 18. Jahrhunderts auf den Weltmeeren: Seit ihre Eltern und mit ihnen die gesamte Geheimorganisation “Sturm” bei einem Angriff getötet wurden, sind Charlie, Sadie, Liu, Raquel und Ingela auf sich allein gestellt. Getarnt als gefährliche Piratinnen machen die Mädchen sich auf die Suche nach den Mördern ihrer Eltern. Doch auf den Weltmeeren treiben sich jede Menge böser Schurken herum, die ihre Verfolgung aufnehmen. Am meisten in Acht nehmen müssen sie sich jedoch vor einem Feind, dessen Existenz sie noch nicht einmal ahnen …


Meine Gedanken

Ich kann an Piratenromanen nicht vorbei, egal wie abstrus der Klappentext auch klingen mag. Und dieser hier klingt wirklich abstrus, das muss man einfach sagen. Aber Piratengeschichten sind selten geworden, ganz besonders welche mit weiblichen Hauptfiguren, und als mich dieses wirklich wunderschöne Cover auf Skoobe anlächelte, habe ich mir das Buch kurzerhand ausgeliehen. Und es ist ja so, dass Piratengeschichten nicht nur swashbuckling sein dürfen, sondern irgendwie sogar müssen, das gehört einfach dazu.

Aber ja. “Storm Sisters”. Hm. Gleich auf den ersten Seiten lernen wir Raquel kennen, die nach der Karte vorn im Buch zu urteilen aus Madrid stammt und Sachen ins Logbuch schreibt wie “Hoppla, sonst kriegt Charlie einen Anfall”, “Meine Locken drehen bei der Feuchtigkeit völlig durch” und “Bussi”. Sie macht dann auch ein kleines Herz hinter ihren Namen, als sie unterschreibt. Ende des 18. Jahrhunderts. Als mein Auge endlich aufhörte zu zucken, habe ich mir gesagt, dass ich jetzt wenigstens weiß, was auf mich zukommt, und weitergelesen.

Anne Bonny dreht sich im Grab um

Wie immer muss ich natürlich darauf hinweisen, dass ich nicht weiß, wie viel Recherche Mintie Das wirklich in dieses Buch gesteckt hat. Ich habe ihr beim Schreiben nicht über die Schulter gesehen und ich weiß nicht, wie viel Arbeit sie in das Buch gesteckt hat. Ich kann nur beurteilen, wie der Roman auf mich wirkt und das ist eben einfach kein sehr positiver Eindruck, denn das Buch liest sich leider, als hätte die Autorin einfach drauflos geschrieben und sich nicht wirklich um die historischen Fakten geschert.

Als Histoleserin fühle ich mich nicht besonders ernst genommen, wenn eine Autorin ihre jugendlichen Heldinnen in den späten 1780er Jahren nicht nur modern denken lässt, sondern auch noch sprechen. Da rollen sich mir echt die Nägel hoch. Von absolut vermeidbaren Ausrutschern, für die man nicht mal ein schlaues Buch lesen müsste, weil man sie schnell googeln kann, mal ganz zu Schweigen. Hier eine kleine Sammlung meiner persönlichen Highlights, weil “Storm Sisters” da einfach eine Glanzleistung ist:

Zu erst einmal heißt die Chinesin unter den fünf Mädchen Liu: Das ist ein chinesischer Nachname und kein weiblicher Vorname. Dann will Sadie in einem Brief erkennen, dass es sich um amerikanisches Englisch handelt und nicht um Britisches – Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als es diesen Unterschied in dieser Form schlicht und ergreifend noch nicht gab, was sogar Wikipedia weiß. (Ja, ich habe das schnell nachgeguckt, weil es mich hat stutzen lassen, und wenn ich das schnell googeln kann, können Autor.innen das doch wohl auch?).

Der absolute Volltreffer ist die Behauptung, dass die fünf Mädchen die allerersten Piratinnen überhaupt sind, weil es schlicht und ergreifend keine weiblichen Piraten gibt. Ich gehe mal davon aus, Anne Bonny, Mary Read, Ching Shi, Flora Burn, Rachel Wall und all die als Männer verkleideten Piratinnen, die sich nicht erkenntlich gegeben haben, rotieren gerade im Grab. Der Roman möchte feministisch sein, aber ist es noch feministisch, echte Frauengeschichte unsichtbar zu machen, damit die fiktiven Heldinnen besonderer wirken?

Viel Kulisse, wenig historische Details

Generell ist hier so viel Pseudogirlpower im Spiel. An einer Stelle tischt die Autorin auf, dass Frauen nur als Besitz und Gegenstände angesehen werden, während Männer ja sogar morden könnten, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, was nicht nur viel zu schwarzweiß gedacht ist, sondern auch schlicht und ergreifend nicht wahr. Dass Männer echt alles dürfen, hat den im achtzehnten Jahrhundert für kleinere Verbrechen wie Diebstahl gehängten Männern wohl einfach keiner rechtzeitig gesagt.

Was mich interessiert hätte, wären Details zum Leben auf See gewesen oder eine genauere Auseinandersetzung mit englischen, amerikanischen und chinesischen Frauenbildern der Zeit. Stattdessen liest sich der Roman leider, als hätte Mintie Das ein paar Fakten gegoogelt und als lange Infodumpblöcke in den Text gebaut. Lius gesamte Vorgeschichte zum Beispiel, in der sie daheim in Shanghai gehasste Teezeremonien durchführen muss und Schande über ihre Familie bringt, weil sie sich zu männlich gibt, liest sich, als hätte da jemand Disneys “Mulan” geschaut und nicht wirklich authentisch.

Was man hier bekommt, ist historisches Schwarzweißdenken auf höchstem Niveau, fünf jugendliche Piratinnen, die sich durchgehend ausdrücken und benehmen wie moderne amerikanische High-School-Mädchen, wilde Vermischung von Versatzstücken aus dem gesamten Piratenzeitalter und ständige historische Patzer, die mit einer einfachen Googlerecherche schon hätten vermieden werden können. Das ist einfach sehr schade, weil in “Storm Sisters” eine Menge Potential für eine aufregende Abenteuergeschichte steckt.

Viel gewollt, viel verspielt

Plottechnisch fand ich “Storm Sisters” nämlich durchaus interessant. Die fünf Mädchen, Charlie, Raquel, Sadie, Liu und Ingela, sind die einzigen Überlebenden der Geheimorganisation “Sturm”, deren Aufgabe es ist, die Weltmeere zu beschützen. Ein unbekannter Widersacher hat nun aber alle Mitglieder von “Sturm” töten lassen und nur die fünf Mädchen sind übrig geblieben. Jetzt suchen sie als Piratinnen getarnt nach Antworten. An sich spannende, wirklich, aber in der Praxis leider vollkommen unausgegoren.

Hier ergibt sehr vieles keinen Sinn, besonders vor dem historischen Hintergrund. Zum einen leiht Lius Vater den Mädchen aus nicht näher erläuterten Gründen eines seiner Schiffe, damit sie in der Weltgeschichte rumsegeln und Piraten spielen können und ich musste mich einfach fragen, in welchem Universum es Sinn ergibt, dass dieser strenge chinesische Vater, der seine Tochter zur gehorsamen Ehefrau erziehen will, ihr ein Schiff überlässt, damit sie auf Beutefahrt gehen kann.

Diese Vorkommnisse häufen sich. Figuren handeln völlig widersprüchlich und alles wirkt sehr konstruiert. Die Mädchen jagen vom Himmel gefallenen Hinweisen hinterher und begegnen dabei einem Widersacher nach dem nächsten, manchmal überschlagen sich die Ereignisse, dann gibt es trockene Längen. Generell scheint sich “Storm Sisters” nicht so wirklich sicher zu sein, wen es denn nun ansprechen will. Der Verlag vermarktet den Roman als Jugendbuch ab vierzehn Jahren und es gibt auch einige harte Inhalte, wie sexuelle Gewalt und Sklaverei.

Ich fand gelungen, dass Mintie Das diese Realitäten des achtzehnten Jahrhunderts angesprochen hat, aber dann wiederum liest “Storm Sisters” sich stilistisch und auch von der Handlung her eher wie ein Kinderroman. Die fünf Mädchen, von denen alle bis auf Ingela mindestens fünfzehn sind, sind sehr kindlich gehalten, was sich besonders mit ihrem Piratendasein beißt, und ihnen fällt auch viel in den Schoss, wie es 1780 im Leben nicht wirklich passiert wäre, wie zum Beispiel das geliehene Schiff oder ganz zu Anfang der bemerkenswert einfache Einbruch in einen Palast in Shanghai, der völlig ohne Konsequenzen bleibt.

Keine Konkurrenz für Elizabeth Swann

Am Ende frage ich mich einfach, was “Storm Sisters” überhaupt will. Der Prolog klingt danach, als wollte Mintie Das eine Geschichte über starke Mädchen schreiben, die nur auf See, wo Geschlecht, Hautfarbe und sozialer Hintergrund (laut diesem Roman) keine Rolle spielen, wirklich frei sein können, aber das verwäscht sich komplett zwischen den abstrusen Plotsträngen zur Geheimorganisation “Sturm” und dem völlig übertrieben dargestelltem Frauenbild der Epoche.

“Storm Sisters” bietet einige interessante Ideen, scheitert aber an Unzulänglichkeiten, die leicht zu vermeiden gewesen wären, wie dem schwammigen und oft einfach mit falschen Fakten gespicktem historischen Hintergrund, den vage charakterisierten Figuren und der Handlung, die mal in diese und dann in jene Richtung zieht und dabei ihren Sinn verliert. Ganz ehrlich muss ich sagen, dass mir “Storm Sisters” am Ende irgendwie nichtssagend vorkommt, weil zwar viel passiert, aber sehr wenig Konsequenzen hat.

Der Roman hat mir einfach nichts gegeben. Hier steckt nicht viel Neues oder Aufregendes drin. Der Roman will dem Piratengenre zeigen, wie starke weibliche Frauenfiguren gehen, bleibt dabei aber weit hinter anderen Geschichten zurück, die das längst getan haben, nicht zuletzt hinter “Fluch der Karibik”. “Fluch der Karibik” ist eins der beliebtesten und bekanntesten Franchises überhaupt und hat uns mit Elizabeth Swann vor bald fühnfzehn Jahren längst eine wirklich nuancierte junge Frau in der Piratenwelt des achtzehnten Jahrhunderts präsentiert.

Natürlich darf und sollte es im Genre nicht nur eine solche Figur geben, aber “Storm Sisters” möchte etwas Neues machen, wärmt am Ende aber nur alte Klischees auf und präsentiert Heldinnen, die keinerlei Entwicklung durchmachen und das, was Mintie Das vorhatte – Einen feministischen Roman über junge Piratinnen schreiben – nicht liefern können. Dann lieber Elizabeth Swann. Dann lieber noch einmal “Fluch der Karibik” schauen. Mir hat “Storm Sisters” leider nicht gefallen, aber alle Interessierten sollten sich natürlich ihre eigene Meinung bilden.


Die Reihe:

1. Die versunkene Welt
2. The Frozen Seas


Die versunkene Welt | Storm Sisters #1 | BeBeyond, 2016 | 978-3-7325-1695-7 | 357 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Nina Restemeyer | Amerikanische OA: Storm Sisters: The Sinking World, 2016