Selbst Autor_innen (und natürlich auch ganz generell Leser_innen), die einerseits nicht anzweifeln, dass es nicht-weiße oder LGBTQ Menschen in der Vergangenheit gegeben hat, bauen sie nur allzu selten in ihre historischen Romane ein. Oft passiert das mit einer von zwei Begründungen: “Es ist ja doch trotzdem unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet in meinem Setting People of Colour oder LGBTQ Menschen gegeben hat” und “Aber wenn ich sowas einbauen würde, müsste ich mich daran halten, wie das Leben damals halt für diese Menschen war und das will doch keiner lesen!”

Dass ich mit diesem generellen “damals” so meine Probleme habe, wissen wir ja bereits. Warum diese Aussagen für mich aber auch darüber hinaus nicht funktionieren, möchte ich heute genauer erläutern, denn ich glaube, dass bei vielen Autor_innen gar kein böser Wille hinter solchen Aussagen steckt, sondern doch eher eine gewisse Ignoranz, die gar nicht sein muss. Aber generell gilt: Ihr wollt einen diversen historischen Roman schreiben? Dann traut euch einfach! Wie? Naja, vielleicht so:

Unmöglich ist am Ende gar nichts

Zuerst einmal muss gesagt werden: Wir schreiben alle Fiktion. Ob es nun historische Fiktion ist, historische Phantastik oder sogar Fantasy in einer historisch inspirierten Welt. Wir schreiben keine Tatsachenberichte, wir schreiben Fiktion. Das, wovon wir erzählen, ist so sowieso niemals wirklich passiert und selbst, wenn wir uns an die wahren Geschichten historischer Persönlichkeiten wagen, können wir nur eine fiktionalisierte Version der Ereignisse schaffen. Und das ist auch gut so, denn wir wollen mit unseren Romanen am Ende ja unterhalten und dafür muss man Geschichte auch manchmal verbiegen – oder sich eben einfach eingestehen, dass sie sehr viel flexibler ist, als man zuerst annehmen möchte.

Sicherlich bin ich da in einer privilegierten Position, denn ich habe nicht nur Geschichte studiert, sondern mich im Studium auch viel mit LGBTQ Geschichte und generell mit der Geschichte unterdrückter Minderheiten auseinandergesetzt. Natürlich fällt es mir deshalb wohl leichter, das alles in einem anderen Licht zu sehen, als jemand, der Geschichte zwar liebt und einen historischen Roman schreiben möchte, aber vielleicht erst einmal vor einer Wand aus Informationen und Ansatzpunkten steht und nicht weiß, wo er_sie nun beginnen soll.

Aber ich mache mir da auch nichts vor, denn dieses Problem betrifft auch Autor_innen, die Abschlüsse in Geschichte haben und theoretisch wissen, dass sie nicht so glasklar zu durchschauen und einseitig ist, wie sie oft dargestellt wird. Aber jetzt mal zu unseren beiden Argumenten, denn gleich das erste hängt damit fest zusammen. “Natürlich wird es diese Minderheiten ganz generell gegeben haben, aber in meinem Setting?” Und das klingt für mich immer so ein bisschen, als hätte man als Autor_in einer fiktiven Geschichte nicht selbst in der Hand, wer im eigenen Setting vorkommen darf und wer nicht. Als seien einem da durch geschichtliche Umstände, die wir in den meisten Fällen gar nicht so genau kennen, die Hände gebunden.

Wir schreiben Fiktion. Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen. Was in unseren Roman passiert, wer darin vorkommt und wie wir das darstellen, ist allein uns überlassen. “Aber mein Roman spielt am Hof von Versailles im Jahr 1726 und für diese Zeit habe ich keine belegten LGBTQ oder nicht-weißen Personen gefunden!” höre ich genauso oft, wie das noch weniger angenehme “Mein Roman spielt in der Oberschicht des viktorianischen Londons und da ist es doch wirklich unwahrscheinlich, dass…”

Let me stop you right there. Seit wann bedeutet unwahrscheinlich unmöglich? Besonders, was LGBTQ Figuren im historischen Roman angeht, sind das sowieso alles nur Ausreden, um es mal deutlich auszudrücken, denn LGBTQ gewesen sein könnte wirklich jede_r in jedem Jahrhundert und in jede_r Gesellschaftsschicht, ob heimlich oder offen, jede_r. Aber auch auf nicht-weiße Figuren, Figuren mit Beeinträchtigungen oder andere Minderheiten, die es selten in historische Romane schaffen, trifft das zu. Denn am Ende ist das deine Geschichte. Und, wenn du divers schreiben möchtest, dann hält dich da nichts auf.

Zwischen Recherche und Lückenfüllen

“Zwei Damen im Garten”, Stephen Slaughter, 1740er

Diesen Abschnitt möchte ich mit einem Beispiel beginnen, der vielleicht hilft zu verdeutlichen, warum so viele Menschen glauben, besonders people of colour könnten im historischen Roman entweder gar nicht oder nur als Bedienstete vorkommen. Das Gemälde oben wurde lange Zeit als “Dame mit ihrer Dienerin” betitelt. Es zeigt neben der weißen Dame auch eine schwarze Frau, die sogleich in eine Kategorie einsortiert wurde. Hier hat der Bias, den alle Historiker_innen haben, zugeschlagen: Man glaubte nicht, dass eine schwarze Frau etwas anderes sein konnte als eine Dienerin.

Ignoriert wurde dabei aber das, was das Bild den Betrachter_innen so deutlich zu verstehen gibt: Die schwarze Dame ist modisch gekleidet und trägt kostbaren Schmuck, den eine Bedienstete niemals getragen hätte. Deshalb ist das Bild heute eher als “Zwei Damen im Garten” bekannt. Die Frauen werden endlich gleichgestellt betrachtet. Dieses Beispiel ist nur einer von vielen Fällen, in denen besonders BI_PoC von vorn herein in untergeordnete Rollen gezwungen wurden, die ihrer tatsächlichen historischen Existenz überhaupt nicht entsprachen.

Diese Idee, dass nur weiße Menschen im Europa und Amerika vor ca. 1960 wohlhabend oder sogar adelig gewesen sein könnten, ist also ein rassistisch gefärbter Fehlschluss, hält sich aber hartnäckig. Das erschwert die Recherche besonders für Autor_innen, die das Hintergrundwissen nicht mitbringen, um zum Beispiel Personen auf Gemälden richtig einzuordnen. Wichtig ist hierbei, immer im Kopf zu behalten, dass nicht nur die Autor_innen von Primärquellen einen Bias haben, sondern auch die von moderner Fachliteratur. Und oft ist dieser Bias -istisch.

Die meisten von uns schreiben außerdem keine großen politischen Epen, sondern so gesehen fiktive Mikrogeschichte: Geschichte im Kleinen, die Geschichte “einfacher Leute”, die oft übersehen und übergangen wird. Wir konzentrieren uns meist auf das Schicksal weniger Personen, die im historischen Roman auch oft fiktiv sind. Wir simulieren praktisch Mikrogeschichte, wir denken uns Menschen und Schicksale aus, die es niemals gegeben hat. Und genau diese Mikrogeschichte, Geschichte auf kleiner Ebene, ist in vielen Bereichen noch außen vor.

Aber da gibt es so viel zu entdecken – und, wenn man genug Recherche betreibt, auch so viel, das man sich problemlos aus dem recherchierten Kontext selbst zusammenspinnen kann. Und dann erscheint einem auch in der viktorianischen Oberschicht eine nicht-weiße Person absolut nicht mehr als unwahrscheinlich oder sogar unmöglich. Man stößt vielleicht auch auf Menschen wie die indisch-britische Adelige und Feministin Sophia Duleep Singh, Patentochter von Königin Victoria. (Das Wort unmöglich sollten wir als Histo-Autor_innen sowieso aus unserem Wortschatz streichen. Kaum etwas ist tatsächlich unmöglich.)

Marginalisiert bedeutet nicht unglücklich

Das andere Argument, das oft fällt, ist “Aber da müsste ich so viel recherchieren und ich müsste es ja schon auch historisch korrekt darstellen”. Das mit der historischen Korrektheit haben wir ja schon abgehakt. Es gibt sie in dem Sinne nicht und in einem historischen Roman über Menschen, die es nie wirklich gegeben hat, kann man sowieso alles machen. Der Punkt mit der Recherche überrascht mich jedoch immer wieder. Histo-Autor_innen, die keine Lust auf zu viel Recherche haben, haben sich vielleicht ganz generell im Genre geirrt, ich weiß es nicht.

Aber ganz ehrlich: Wir recherchieren im Bestfall sehr penibel unsere historischen Settings, die Gepflogenheiten unserer Epochen, Layouts unserer real existierenden Schauplätze… aber das historische Konzept von LGBTQ oder die Basis für nicht-weiße Figuren im historischen europäischen Setting geht dann zu weit? Wir leben in einer Zeit, in der diese Recherche relativ einfach zu bewältigen ist, denn uns steht das Internet zur Verfügung, das besonders auf als kontrovers erachteten Gebieten doch manchmal einiges mehr hergibt, als traditionelle Forschungsliteratur und auch reich an digitalisierten Quellen ist.

Und was den zweiten Teil angeht: Nein. Nein, du musst das nicht “historisch korrekt” darstellen und ich weiß, dass du damit meinst, dass deine marginalisierten Figuren unter Unterdrückung leiden und nicht glücklich werden können, weil ihre Gesellschaft sie nicht lässt, und nicht etwa, dass du historische Konzepte von LGBTQ oder Hautfarbe und Ethnie recherchieren möchtest, was ein guter Ansatz wäre. Dazu würde ich gern KJ Charles zitieren, die über dieses Problem im Library Journal gesprochen hat. Sie spricht hier über LGBTQ Figuren im Genre der historischen Romance, doch das Zitat lässt sich auch wunderbar auf andere Arten der historischen Fiktion übertragen:

A lot of what we read about LGBT people in history is appalling because the rec­ords we have are the legal documents, the newspaper reports, the accounts of people who were victimized. We don’t generally have the hidden stories of the people who lived under the radar…. But we know…people we’d now call gay, bi, trans have always existed and [that] as a matter of statistics plenty of them must have lived and died without ever coming to the law’s attention. | KJ Charles, Library Journal

An diesem Punkt sollte sich jede_r Autor_in von historischer Fiktion die Frage stellen: Wer schreibt Geschichte? Die Antwort lautet: Menschen mit Macht. Menschen, die selbst nicht marginalisiert sind und ihre Gründe haben, um marginalisierte Menschen aus ihren Schilderungen zu streichen. Diese Quellen sind beinahe immer außerdem in zeitgenössischen -ismen getränkt. Sie zeigen den rassistischen oder LGBTQ-feindlichen Bias der schreibenden Person. Das gilt übrigens leider auch für viel moderne Fachliteratur.

Fragt euch an diesem Punkt: Wer hat mir eigentlich beigebracht, das marginalisierte Menschen immer nur gelitten haben und niemals glücklich wurden? Entspricht das der Wahrheit oder nicht viel eher einem historischen Weltbild? Leider sind Quellen von Marginalisierten selbst deshalb auch selten. Ich würde allen Autor_innen deshalb raten, sich von diesen Klischees und oft auch problematischen Ideen von der Geschichte von LGBTQ Menschen oder people of colour komplett zu lösen. Das sind oft verzerrte Fremdbilder. Keine Spiegel historischer Realitäten.

Ein Schlusswort

Am Ende bleibt noch zu sagen, dass Ignoranz in meinen Augen niemals eine Entschuldigung dafür ist, dem historischen Genre zu unterstellen, es könnte von Natur aus einfach nicht divers sein. Dass Autor_innen vielleicht nicht wissen, dass es auch in Europa vor den 1950er Jahren nicht weiße und queere Menschen gab, die ihr Leben erfüllt leben konnten, ist schade, doch das liegt doch an euch, nicht am Genre. Das Genre kann deutlich mehr, als es im Moment den Anschein hat.

“Aber ich finde dazu kein Recherchematerial”, mögen einige jetzt sagen wollen. Die Antwort ist einfach: Schau ein wenig genauer, denn besonders in den letzten Jahren ist sehr viel Forschung zu diesen Themen dazugekommen. Und falls du tatsächlich überhaupt nichts finden solltest, dann denk daran, dass du historische Fiktion schreibst: Die Geschichte, die du erzählst, ist so oder so niemals wirklich passiert und du möchtest uns erzählen, wie es hätte gewesen sein können, nicht wie es wirklich 100% war, denn das geht sowieso nicht.

Das hier soll gar nicht wirklich ein Aufruf sein. Eher eine Erinnerung an alle Histo-Autor_innen, dass wir buchstäblich in der Hand haben, wie unsere Leser_innen Geschichte sehen. Wir formen mit unseren Romanen das Geschichtsverständnis unserer Leser_innen mehr, als wir oft glauben. Und das können wir aufgeschlossen machen und helfen unsichtbare Geschichte marginalisierter Menschen sichtbarer zu machen, oder wir können die alten, oft von -ismen beeinflussten Klischees und Fremdbilder weitertragen.

Wir haben als Autor_innen die Chance, LGBTQ Figuren, nicht weiße Figuren, andere marginalisierte Figuren in der Histo-Fiktion zu normalisieren. Die Geschichte(n), die wir erzählen, ist fiktiv und wer darin vorkommt, entscheiden wir. Die Mikrogeschichte, die wir rekonstruieren, gehört uns. Aber was wir damit machen, könnte, wenn wir endlich anfangen, unseren Horizont zu erweitern und uns einzugestehen, dass unser Bild von Vergangenheiten von Privilegien und ungleichen Machtverhältnissen geprägt ist, ein Genre revolutionieren, das es nötig hätte.


Beitragsbild: “Frau im blauen Turban”, Eugène Delacroix, 1827