England,1895: Die 16-jährige Gemma wird auf einem Internat für höhere Töchter, der ›Spence-Akademie‹, zur heiratsfähigen jungen Dame erzogen. Hier sollen ihr die Aufsässigkeit und sonstiges unziemliches Betragen ausgetrieben werden. Gemeinsam mit drei anderen Mädchen gründet Gemma, den strengen Regeln der Akademie zum Trotz, einen geheimen Zirkel. Das neu entstandene Kleeblatt Felicity, Pippa, Gemma und Ann trifft sich heimlich nachts, um dem Schulalltag zu entkommen, verbotenen Alkohol zu probieren und über Übersinnliches zu spekulieren. Dann entdeckt Gemma das Tagebuch eines Mädchens, das 20 Jahre zuvor auch Schülerin von Spence war…


Inhaltswarnung
Rassismus: Unreflektierte Repräsentation basierend auf Stereotypen

Meine Gedanken

Das Problem mit „Gemmas Visionen“ liegt nicht an der Geschichte selbst, sondern am gesamten Drumherum. Ich kann euch gleich von Anfang an sagen, dass mir der Roman nicht besonders gut gefallen hat und das wohl großteils damit zusammenhängt, dass er in einer Epoche spielt, die ich sehr liebe. Ich habe öfter Probleme mit Romanen, die in England um 1900 angesiedelt sind, einfach, weil mir historische Fehler sehr viel eher auffallen, als anderen. Das kam mit dem Studium.

Wenn ein Buch gut ist, dann sehe ich darüber einfach hinweg. Wenn es kleine Fehler sind sowieso, denn diese lassen sich einfach nicht vermeiden. Aber „Gemmas Visionen“ war von Anfang bis Ende so unrund, dass ich Probleme damit hatte, das auszublenden. Gemma ist eine Feministin, wie sie im Buche steht, was ich natürlich eigentlich begrüße. Allerdings ist sie außerdem im Jahr 1895 sechzehn Jahre alt und nicht 1995, was man vielleicht annehmen könnte, wenn man liest, wie sie über Frauenrechte spricht. Gemma findet ihre gesamte Gesellschaft albern und bemitleidenswert.

Aus der Zeit gefallen?

Gemma liest sich, um es knapp zu sagen, nicht wie jemand, der im 19. Jahrhundert geboren ist. Sie ist nicht fortschrittlich für ihre Zeit, sie vertritt keinen viktorianischen Feminismus, sondern sehr modernen. Libba Brays Recherche war aufwendig, das merkt man. Doch es scheint ihr nicht gelungen zu sein, ihr Wissen aus modernen Fachbüchern und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zum Thema Frausein im viktorianischen England, in eine glaubhafte historische Erzählung zu übersetzen.

Und das ist für mich ein ziemlicher Logikbruck, denn Gemma kennt doch nichts anderes als das Leben um 1900. Sie erlebt die Erfolge der Frauenrechtlerinnen doch aktiv mit und lebt so gesehen eigentlich in einem sehr fortschrittlichen Zeitalter, wenn man nur das vorangegangene neunzehnte Jahrhundert zum Vergleichen hat, redet über ihre Zeit und ihre Zeitgenossen allerdings trotzdem, als wäre jeder Aspekt ihres Lebens von Unterdrückung gezeichnet, was so einfach auch nicht stimmt. Und das obendrein mit dem Holzhammer.

Gemmas Geschichte ist ein unterhaltsamer Fantasyroman, schön gruselig und atmosphärisch erzählt, aber, wenn man sich mit dem fin de siècle ein wenig auskennt, ist sie ein Graus. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt gefühlt, als würde der Roman wirklich 1895 spielen. Gemma trifft sich mit ihren Freundinnen heimlich zum Alkoholtrinken und feiern, widersetzt sich ständig ohne größere Konsequenzen ihren Lehrerinnen und benimmt sich einfach durchgängig wie ein moderner Teenager. Sicherlich haben auch viktorianische Schülerinnen rebelliert, aber doch nicht so.

Ich kann diese ganzen Geschichten Marke “Damals war alles so schrecklich und nur unsere Heldin ist intelligent und durchschaut ihre furchtbare Gesellschaft” einfach nicht mehr sehen. Ich möchte keine historischen Romane lesen, die mir die Zeit, in der sie spielen, als durch und durch dunkel und rückständig präsentieren. Nicht nur, weil das wenig differenziert und nicht authentisch ist, sondern vor allem, weil es mir keinen Spaß macht. Ich möchte in die Belle Époque auch mal abtauchen können, ohne auf’s Brot geschmiert zu bekommen, wie fürchterlich sie war.

Klischees, Klischees, Klischees

Der historische Teil des Romans ist also für Leser.innen, die sich in der Epoche ganz gut auskennen oder sie einfach mögen, kein Genuss. Gemma denkt und handelt viel zu modern, hat einen Überblick über die Ungerechtigkeiten und sozialen Missstände ihrer Gesellschaft, wie man ihn eigentlich nur haben kann, wenn man sich intensiv mit historischer Genderforschung beschäftigt hat und benimmt sich zudem einfach für ihre Epoche mehr als unrealistisch. Dazu kommt, dass Libba Bray die 1890er einfach nicht gut darstellt.

Der historische Hintergrund wirkt recht trocken und von der schillernden Extravaganz, die dem Jahrzehnt den Spitznamen „Naughty Nineties“ eingebracht hat, ist nichts zu spüren. Stattdessen hackt Bray immer mal wieder auf der angeblich so einschränkenden viktorianischen Moral rum. Und das im offensten, dekadentesten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Wie gesagt, die 1890er sind den Zeitgenossen mit ihrer gelockerten Moral und den neuen Strömungen in Kunst und Literatur so wild vorgekommen, dass sie Angst um ihre Gesellschaft hatten. Davon ist hier nichts zu spüren.

Direkt am Anfang gibt es eine klischeebelastete Szene, in der Gemma sich darüber lustig macht, dass der Anblick eines Frauenknöchels anstößig sei. Nur schade, dass das ein Klischee ist und Knöchel weder anstößig noch erotisch aufgeladen waren. Aber das ist halt “Gemmas Visionen”: Brays Darstellung der viktorianischen Zeit ist sehr klischeebelastet und geht einfach nicht in die Tiefe. Sie kratzt an der Oberfläche und macht es sich so gesehen ziemlich einfach, zeigt die Viktorianer als prüde und humorlos, weil das leichter ist, als alle Facetten der Epoche zu beleuchten.

Das finde ich einfach wirklich schade und habe ich im historischen Roman auch selten so extrem gesehen, wie hier, wo es nur schwarz und weiß gibt. Entweder man ist total prüde und fügt sich schweigend in die Unterdrückung ein, oder man ist wie Gemma, lehnt die gesamte Gesellschaft ab und bricht mit einem lauten Knall aus ihr aus. Ein Dazwischen, das für viele viktorianische Frauen realistisch gewesen wäre, gibt es einfach nicht. Ein paar Graustufen, ein bisschen Belle Époque abseits von Extremen? Fehlanzeige.

XY

Die Story an sich hat mir schon ganz gut gefallen, wurde nur oft überschattet. Leider war es mir auch alles ein bisschen zu viel. Der Roman ist auf der einen Seite ein klassischer Gruselroman, bei dem Gemma und ihre Mitschülerinnen herausfinden müssen, was vor zwanzig Jahren an der Schule geschehen ist. Dann kommt aber eine Parallelwelt hinzu, in die die Mädchen reisen können, eine groß aufgezogene Verfolgungsgeschichte und natürlich noch eine Liebesgeschichte und irgendwo dazwischen verliert sich die Handlung des Romans ein bisschen.

An sich war alles ganz spannend, aber kaum etwas davon bekam genug Raum um sich richtig aufzubauen und zu entfalten. „Gemmas Visionen“ ist mindestens zwei Romane in einem. Viktorianischer Gruselroman mit schrecklichem Geheimnis, das gelüftet werden muss und eine Geschichte über ein paar Internatsmädchen, die eine magische Parallelwelt vor der Antagonistin schützen müssen. Natürlich sind die beiden Plots ineinander verwoben, reiben sich aber trotzdem aneinander.

Auch erwähnen möchte ich gern, dass ich das Einbringen von indischen Figuren und Sinti und Roma wirklich unglücklich umgesetzt fand. Die Sinti und Roma sind ebenfalls reine Klischees. Sie campen im Wald neben dem Internat, klauen ständig und belästigen die Schülerinnen sexuell. Die indischen Figuren sind entweder zwielichtig und böse oder Kartik. Kartik ist Gemmas Love Interest und wird die ganze Zeit als geheimnisvoll, exotisch und einfach sehr stereotyp dargestellt. Das wäre sicherlich besser gegangen.

Mein Verdacht ist, dass der Roman Leser.innen, die sich mit dem späten viktorianischen Zeitalter noch nicht so viel auseinandergesetzt haben, gut gefallen könnte. Besonders die Gruselgeschichte fand ich doch ganz gelungen und obwohl die Figuren alle ihre Macken haben, sind sie im Großen und Ganzen interessant gestaltet. Wer sich für “Gemmas Visionen” hauptsächlich wegen der historischen Komponente interessiert, sollte sich vielleicht zweimal überlegen, ob der Roman der Richtige ist oder zumindest seine Erwartungen an die Darstellungen des späten viktorianischen Englands herunterschrauben.


Die Reihe:

1. Gemmas Visionen
2. Circes Rückkehr
3. Kartiks Schicksal


Gemmas Visionen | Der geheime Zirkel #1 | dtv, 2016 | 978-3-423-71683-3 | 480 Seiten | Deutsch | Übersetzerin: Ingrid Weixelbaumer | Amerikanische OA: A Great and Terrible Beauty, 2003