Die 17-jährige Anna verbringt ihre Sommerferien in Venedig. Bei einem Stadtbummel erweckt eine rote Gondel ihre Aufmerksamkeit. Seltsam. Sind in Venedig nicht alle Gondeln schwarz? Als Anna kurz darauf mit ihren Eltern eine historische Bootsparade besucht, wird sie im Gedränge ins Wasser gestoßen – und von einem unglaublich gut aussehenden jungen Mann in die rote Gondel gezogen. Bevor sie wieder auf den Bootssteg klettern kann, beginnt die Luft plötzlich zu flimmern und die Welt verschwimmt vor Annas Augen …


MEINE GEDANKEN

Ich habe die “Zeitenzauber”-Reihe vor Jahren bereits einmal gelesen. Doch als Vorbereitung auf die zweite Trilogie rund um Anna und Sebastiano, “Time School”, wollte ich die erste noch einmal lesen, denn vielleicht sehe ich die Geschichte ja jetzt ganz anders. (Spoiler: Nicht wirklich. Aber hätte ja sein können.)

“Zeitenzauber” ist für mich sowas wie ein guilty pleasure, obwohl ich den Begriff nicht mag. Ich kann nicht behaupten, dass ich die Reihe toll finde und mich stört unglaublich viel daran, aber irgendwie macht’s trotzdem auch Spaß. Sie ist kurzweilig, das muss man ihr einfach lassen. Aber was mir direkt aufgefallen ist, ist, dass “Die magische Gondel” irgendwie mittlerweile altbacken wirkt, obwohl es noch keine zehn Jahre alt ist. Die ganzen Anspielungen auf Jugendkultur sind sehr 2010 (die erste Ausgabe erschien tatsächlich 2011) und nicht mehr aktuell, was den Roman, der auf pfiffige, moderne Zeitreisegeschichte angelegt ist, irgendwie altmodisch wirken lässt. Schade.

ALLES DOOF, ALLES LANGWEILIG

Mit Anna, die ich bereits beim ersten Lesen nicht besonders mochte, hatte ich diesmal leider noch größere Probleme, denn sie wirkte auf mich durchgehend arrogant und besserwisserisch. Vielleicht werde ich ja doch zu alt für Young Adult, obwohl ich der Meinung bin, dass das Genre total auf Leser.innen aus allen Altersgruppen angelegt ist, aber die siebzehnjährige Anna ist mir teilweise wirklich auf die Nerven gegangen. Urlaub in Venedig? Langweilig. Sich mal mit anderen Jugendlichen unterhalten? Langweilig. Einen Archäologen als Vater haben? Überlangweilig.

Den letzten Punkt habe ich Anna als Archäologin besonders schwer genommen, aber auch so finde ich Annas Desinteresse an Geschichte total übertrieben dargestellt. Ihr Vater findet auf einer Ausgrabung ein Skelett und einen Brief aus dem fünfzehnten Jahrhundert (wie auch immer das Papier fünfhundert Jahre erhalten geblieben ist, aber gut), aber Anna findet das komplett öde. Ist es echt noch realistisch, dass sie selbst sowas komplett kalt lässt? Natürlich soll das ein Kontrast sein, der dann, wenn sie durch die Zeit gereist ist, für lustige Verstrickungen sorgen soll, aber so desinteressiert und platt – Anna hat weder Hobbies, noch interessiert sie sich für irgendwas – kann doch niemand sein.

Was man von Anna am laufenden Band hört, ist, dass sie aussieht wie “Miley Cyrus in blond” (also Hannah Montana, oder was?), dass die Vergangenheit ja total eklig und schmutzig ist und, dass sie – wie sollte es auch anders sein – keinen Bock auf Zeitreisen hat. Die Darstellung des Venedigs der Renaissance fand ich auch eher bescheiden. Alles angeblich voll schlimm da, alle unfreundlich. Und die historische Stadt selbst liest sich wie eine Kulisse und wird einfach nicht lebendig.

Von Eva Völler, die als Charlotte Thomas auch historische Romane für Erwachsene schreibt (unter anderem “Der König der Komödianten”, das ich liebe) hätte ich da einfach mehr erwartet. Wenn man nicht eh schon weiß, wie man sich dieses Setting vorstellen muss, wird man es nach “Die magische Gondel” leider auch nicht besser wissen.

Dafür erfährt man sehr viel darüber, was Anna alles doof findet und das ist jetzt ein ganz persönliches pet peeve von mir, aber ich mag es nicht, wenn Zeitreiseheldinnen wirklich alles blöd finden. Ich frage mich dann immer, wie man Leser.innen, die mit Geschichte nichts am Hut haben, für sein Setting begeistern will, wenn man es als doof und “Bloß schnell wieder weg” darstellt. Klar will Anna nachhause, würde ich auch wollen, aber muss man das so übertreiben?

SCHÖN GESCHRIEBEN, ABER ZU SCHWAMMIG

Gefallen hat mir allerdings der Schreibstil. Anna klingt wie eine Siebzehnjährige und auch, wenn mich die vielen Anspielungen auf Sänger, Bands und Filme, die 2011 halt gerade in waren, irgendwann genervt haben, ist es ja schon irgendwie realistisch, dass Anna sich damit auskennt. Ich fand Völlers Schreibstil auch durchgehend sehr angenehm und flüssig zu lesen, was einfach ein Riesenplus ist, weil es mir gerade bei YA oft passiert, dass ich die Schreibe hölzern finde.

Eva Völler schreibt schön, witzig und mitreißend – mir haben aber eben einfach ein paar mehr Beschreibungen zum Venedig von 1499 gefehlt, um mich wirklich in die Geschichte eintauchen zu lassen. Und ganz klar auch ein paar mehr Gefühle, denn auch die Liebesgeschichte zwischen Anna und Sebastiano hat mich einfach nicht vom Hocker gerissen. Anna trifft Sebastiano vielleicht eine Handvoll Male, wechselt noch weniger Worte mit ihm und ist ab einem bestimmten Punkt schlagartig in ihn verliebt. Basierend darauf, dass er richtig gut aussieht halt, denn sie kennt ihn ja gar nicht.

Ich mochte Sebastiano ganz gern, jedenfalls das wenige, das ich von ihm mitbekommen habe, aber es hat mir einfach nicht gereicht um nachvollziehen zu können, wieso Anna plötzlich von Verliebtsein spricht.

Viel lieber hatte ich die etwas überhebliche Clarissa, die Anna im Jahr 1499 kennenlernt, und die zwar eine Menge Lügen erzählt, aber einfach interessant ist. Mir hat Spaß gemacht, Clarissas Geheimnisse nach und nach zu erfahren. Auch die eigentliche Geschichte hat mir gefallen, sie kam nur einfach ein bisschen zu kurz. Der Plot setzt erst kurz vor Ende ein und obwohl es dann richtig rasant vorangeht, fängt das einfach zu spät an, sodass alles ein bisschen zu kurz kommt.

Ich hätte einfach gern mehr über die Motivation der Antagonisten erfahren, über die Zeitreiseorganisation, der Sebastiano angehört und darüber, wie die Zeitreisen eigentlich funktionieren, denn das bleibt alles sehr schwammig, aber stattdessen wird Annas Eingewöhnungszeit in die Vergangenheit viel Platz eingeräumt, was zwar auch interessant zu lesen ist, aber nicht so interessant, wie die Zeitreisen und die Antagonisten. Es fehlen einfach einige Erklärungen, die die Zeitreisen, sowie Sebastianos Organisation runder und “realistischer” erscheinen lassen, wenn man bei Zeitreisen davon sprechen kann.

Das alles macht “Die magische Gondel” zu einem einerseits unterhaltsamen, kurzweiligen und auch schön geschriebenem Jugendroman, den man sich für ein bisschen Lesespaß zwischendurch schon gönnen kann, der aber einfach auch deutliche Schwächen aufweist, auf die man sich einstellen sollte. Er ist eigentlich ein klassischer Zwischendurchroman für mich: Unterhaltsam, aber mehr leider auch nicht.


Die Reihe

1. Die magische Gondel
2. Die goldene Brücke | Rezension
3. Das verborgene Tor


Die magische Gondel | Zeitenzauber #1 | Baumhaus, 2014 | 978-3-8432-1070-6 | 336 Seiten | deutsch