Eigentlich wurde über “Reign” schon alles gesagt. Dass die Teenie-Serie des CW nicht historisch authentisch ist und sein möchte, ist uns nach dem ungläubigen Spott, der die Serie 2013 aus der Histo-Community überspülte, wohl allen klar. Ich habe mich zuerst von “Reign” ferngehalten, da ich wusste, dass dieser Umgang mit Geschichte nichts für mich ist. Als die Serie 2017 aber auf Netflix landete und ich dank des norwegischen Winters nicht wirklich viel zu tun hatte, habe ich mir “Reign” mal angesehen. Und ich habe doch ein paar Dinge zu sagen, denn ich finde nicht okay, was “Reign” macht, aber es liegt nicht unbedingt an den Kostümen.

“Reign” präsentiert echte Geschichte als schillerndes Glitzerdrama für Jugendliche. Aus der knapp 1,80m großen, rothaarigen Mary Stuart wird ein zierliches, brünettes Mädchen, gespielt von Adelaide Kane. Der kränkliche Kronprinz François, der eigentlich im Jahr 1560 im Alter von nur 16 Jahren verstarb, wird durch Toby Regbo als schnittiger 20-jähriger dargestellt, in der Serie Francis genannt. Francis’ komplett fiktiver Halbbruder Bash (Torrance Combs) darf nur mitmachen, damit es ein Love Triangle geben kann und für eine halbgare Intrige, die historisch nicht haltbar ist. Aber kann “Reign” über diese eindeutigen Anachronismen hinaus etwas?


Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt, graphisch dargestellt, ebenso andere Formen von Gewalt, Hinrichtungen, Suizid und Mord

Renaissance-Traumwelt und historisch authentisch?

Mary und ihre Hofdamen | Eingebunden über WeHeartIt

Ich möchte hier heute gar nicht allzu sehr über die Anachronismen sprechen. Das wurde einerseits schon an anderen Stellen ausgiebig getan, es ist aber vor allem gar nicht mein größtes Problem mit “Reign”. Das ist viel eher der Umgang mit Geschichte, der sehr viel darüber aussagt, wie wir historische Ereignisse für Jugendliche aufarbeiten und wo die Probleme liegen. Denn im Kern hat “Reign” mit der Geschichte der Mary Stuart bis auf die gröbsten Eckdaten nicht mehr viel gemeinsam. “Reign” ist eine glitzernde Renaissance-Fantasy, die als reine Fantasy in einer fiktiven Welt meiner Meinung nach funktioniert hätte.

Gemeinsam mit Mary und ihren Hofdamen Greer, Lola, Kenna und Aylee kommen wir am Hof von Frankreich an und werden in eine glitzernde Traumwelt gestürzt, in der diese fünf Mädchen in Kleidern von Oscar de la Renta, Valentino und Alexander McQueen Prinzessin spielen und zu Folkpop tanzen. Natürlich gibt es düstere Machenschaften, Intrigen und romantisches Hin und Her zwischen Mary, Francis, Bash und den vier Hofdamen. Für eine Teenie-Serie fließt außerdem überraschend viel Blut. Verräter.innen werden hingerichtet, es wird vergiftet, erstochen, gemordet. Ein bisschen ist selbst in “Reign” der Einfluss von “Game of Thrones” auf das Genre zu erahnen.

Hässlich wird es meiner Meinung nach, wenn ausgerechnet “Reign” anfängt, Anspruch auf “historische Korrektheit” anzumelden. Als Mary in Staffel zwei von Feinden ihres Ehemannes Francis brutal und graphisch vergewaltigt wird, wurden Stimmen laut, die sagten: “Tja, damals war das halt so.” Und das sagt so viel darüber aus, wie wir historische Medien konsumieren. Selbst das goldglitzernde “Reign” mit Mary Stuart in Designerkleidern kommt mit der “Damals war das so”-Ausrede durch. Wo es bei jeder Kritik hieß “Das ist doch nur eine Serie und keine Geschichtsdoku”, heißt es hier plötzlich “So war das damals eben”.

Generell finde ich es paradox, dass von “Reign” historische Authentizität erwartet wird, die die Serie nicht liefern kann. Auch, was die blutig dargestellte Gewalt angeht, oder die Aufopferung der vier Hofdamen für ihre Königin, arrangierte Ehen, Intrigen und politisches Vorgehen, will “Reign” immer wieder als historisches Drama ernstgenommen werden. Das ist für mich bis heute das große Mysterium an “Reign”, über das ich hin und wieder nachdenke. Wieso möchte dieses Fantasy-Glitzerfest gleichzeitig goldene Alexander-McQueen-Kleider zeigen und The Lumineers, London Grammar und Bastille spielen, und “historisch korrekte” Gewalt, Intrigen und Politik einbinden?

Die romantische Renaissance und die Königin im Designerkleid

Links: Die echte Mary Stuart, unbekannter Maler | Mitte: Die französische Königin Elisabeth von Österreich mit ca. 17 Jahren, François Clouet, 1571 | Rechts: Ca. 16-jähriges Mädchen, Hans Eworth, 1565

Die Antwort, zu der ich gekommen bin, ist, dass “Reign” das macht, was eigentlich alle Histo-Medien machen, aber eben im Extremen: “Reign” zeigt eine durch und durch romantisierte Version der Renaissance am französischen Königshof, durchzogen von düsteren Ereignissen für den Drama- und Schockfaktor. Als reine Fantasy funktioniert das. “Reign” ist dramatisch, spannend, unterhaltsam und die goldene, schimmernde Ästhetik ist rund, sie sieht gut aus. Als historische Serie aber fällt “Reign” flach, vor allem, weil es seiner jungen Zielgruppe nicht zutraut, das echte 16. Jahrhundert zu verstehen und ansprechend zu finden.

Jetzt muss ich doch nochmal zu den Kostümen kommen, denn die Entscheidung die Figuren in Designerkleidern mit Barocktouch auftreten zu lassen, erschließt sich mir bis heute nicht. Gepaart mit den immer perfekt frisierten Haaren, die immer in Richtung Mittelalter-Fantasy gehen, und dem Vintage-Chic-Schmuck sieht “Reign” zu seinen besten Zeiten aus wie ein sehr teurer Mittelaltermarkt und zu seinen schlechtesten wie ein Abschlussball mit dem Thema “The Tudors”. Man wollte wohl zeigen, dass Mary ein Teenager war, als sie Königin von Schottland und Frankreich wurde. Diesen Ansatz liebe ich.

Zeigt mir diese junge Frau, die selbst so viel Macht geerbt hat, wie sie zwischen die politischen Fronten des Europas des 16. Jahrhunderts gerät. Zeigt mir, wie es im 16. Jahrhundert aussah ein Teenager zu sein, wenn man bereits Königin zweier großer europäischer Mächte ist. Und zeigt mir das gern auch durch gewollte Anachronismen. Aber gebt euch ein bisschen Mühe und lasst mich vor allem nicht denken, ihr glaubt, ich würde Geschichte nur dann verstehen und nachvollziehen können, wenn sie so modern präsentiert wird, wie nur möglich.

Und nein, man konnte nicht alles historisch authentisch darstellen. Das ist an sich ein Ding der Unmöglichkeit und gewollte Anachronismen sind legitim. Wenn wir historische Fiktion konsumieren, sollte uns immer bewusst sein, dass es eben Fiktion ist. Natürlich konnten Marys Hofdamen nicht ebenfalls alle Mary heißen, obwohl das historisch authentisch gewesen wäre. Man hätte diesen vier Mädchen aber auch nicht Namen geben müssen, wie sie amerikanische Teenager 2013 haben. Greer, Lola, Kenna und Aylee. Hier überschreitet “Reign” zum ersten Mal die Grenze zwischen sinnvollem Anachronismus und kompletter Willkürlichkeit.

Echte Geschichte ist am Ende spannend genug

Links: Kleid der Eleanora di Toledo, ca. 1560, Museo di Palazzo Reale, Pisa | Mitte: Hercule-François, Duc d’Alençon, 1572 | Links: Wams, ca. 1570 (Met Museum)

Denn am Ende geht “Reign” einfach diesen einen Schritt zu weit. Es macht dasselbe wie eigentlich alle Histo-Dramen in Serienformat der letzten Jahre, aber es macht das zu extrem und auf eine Weise, die die Frage aufwirft, wie wir einerseits Geschichte und ihre Aufarbeitung in fiktiven Medien sehen, aber auch, wieso wir glauben Geschichte für Jugendliche (besonders Mädchen) als glitzerndes, modernes Melodrama präsentieren zu müssen. Ich glaube, wir haben ein bisschen aus den Augen verloren, was historische Fiktion eigentlich so reizvoll macht: Das Eintauchen in vergangene Zeiten, die wir im wahren Leben nicht berühren oder besuchen können.

Gewollte Anachronismen- aber noch viel eher fiktive Hinzudichtungen – können uns helfen, diese Geschichte besser zu verstehen. Sie sind oft notwendig, um historische Ereignisse als unterhaltsamen Plot einer Serie oder eines Romans aufzuarbeiten. Und das ist okay. Aber “Reign” nimmt so viel echte Geschichte aus der Geschichte der Mary Stuart, dass das, was übrig bleibt, eher wie ein Renaissance-Fantasy-Drama wirkt, als wie eine historische Serie. “Reign” hat aus den Augen verloren, dass echte Geschichte oft spannend genug ist. Dass fiktive Hinzudichtungen funktionieren, wenn man sie sparsam einsetzt, nicht, wenn 90% der Serie aus ihnen bestehen.

Deshalb funktioniert “Reign” als glitzerndes Fantasy-Epos voller Intrigen. Aber eben nicht als historisches Drama, das es manchmal sein möchte und manchmal nicht, immer so, wie es eben gerade passt. Die eher unreflektierte graphische Darstellung von sexualisierter Gewalt und Blutvergießen in einer Serie für eine junge Zielgruppe ist ein weiteres Problem, das mich am Ende ratlos zurücklässt, was “Reign” jetzt eigentlich sein will. Was auch immer es ist, es scheint funktioniert zu haben. Aber ich bleibe eher mit vielen Fragezeichen zurück und vor allem mit dem unguten Gefühl, dass wir “Reign”s Einfluss auf das Histo-Genre noch lange spüren werden.


Reign | USA, CAN 2013-2017 | Idee: Laurie McCarthy & Stephanie Sengupta | Network: The CW | Vier Staffeln | 78 Folgen zu je ca. 45 Minuten