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Historienromane

“Die Sturmhöhe” von Emily Brontë

Liebe, Leidenschaft, Eifersucht, Rache und Haß. Bis heute ist Emily Brontës dramatische Liebesgeschichte von Heathcliff und Catherine eines der mireißendsten und weltweit meistgelesenen Werke der englischen Literatur. In der Abgeschiedenheit einer rauhen Moorlandschaft spielt sich das Drama zwischen dem zügellosen und aufbrausenden Heathcliff und seiner großen Liebe Catherine ab. Heathcliff hat mit überwältigenden Dämonen zu kämpfen: Durch seine unversöhnliche Rache und rasende Eifersucht reißt er nicht nur seine Geliebte mit in einen unaufhaltsamen Strudel aus Leidenschaft und Zerstörung…


Triggerwarnung
Ungesunde Beziehungen, psychischer Missbrauch, Tierquälerei

Meine Gedanken

Die “Sturmhöhe” ist ein schwieriges Buch, heute vielleicht noch mehr als damals im viktorianischen Zeitalter, als Autorin Emily Brontë den Roman unter dem Pseudonym Ellis Bell veröffentlichte. Versteht mich da nicht falsch. “Die Sturmhöhe” hat die Leser_innen von Anfang an gespalten. Viktorianische Kritiker_innen lobten entweder die rohe Kraft, die in der Geschichte steckte, oder sie waren schockiert von den menschlichen Abgründen, die sich im Verlauf des Romans auftun. Emily Brontë war ihrer Zeit ein Stück weit voraus: Ihre Darstellungen der Abgründe der menschlichen Psyche, von Liebe, Hass und zwischenmenschlichen Problematiken ist so komplex wie verstörend, auch heute noch.

Sie muss eine faszinierende Person gewesen sein, wirklich. Übermäßig intelligent, begabt und kreativ, eine Ausnahmeschriftstellerin, die leider nur einen einzigen Roman veröffentlicht hat und in der viktorianischen Gesellschaft immer wieder aneckte. Und ihr Roman hat es in sich. Noch heute sind viele Leser_innen geschockt von den Darstellungen von seelischer und körperlicher Gewalt in “Sturmhöhe”, davon, wie Heathcliff und Catherine von ihrer ungesunden Liebe zueinander zerfressen werden. Viele Leute glauben, “Die Sturmhöhe” wäre “nur” eine viktorianische Liebesgeschichte, doch das ist sie nicht.

Verregnete Moore, alte Herrenhäuser

Ist “Die Sturmhöhe” eine Liebesgeschichte? Ja. Aber keine romantische. “Die Sturmhöhe” zeigt auf was passieren kann, wenn Liebe zur Obsession wird. Dieses Thema war 1847 (und Ende der 1700er, der Zeit, zu der “Die Sturmhöhe” spielt) natürlich noch um einiges aktueller, als heute: Die Klassengrenzen waren viel strikter und Catherine, als Mädchen aus der gehobenen Mittelklasse, und Heathcliff, ein Waisenjunge und Diener, kein Paar, das eine einfache Zukunft vor sich hatte. Dieser Konflikt zwischen Liebe und Standesbewusstsein spielt eine große Rolle in “Die Sturmhöhe” und Brontës Kritik an den menschengemachten Grenzen schwingt immer deutlich mit.

Genau dafür liebe ich die “Sturmhöhe”. Sie ist ein schlauer, wenn auch düsterer Roman, der so atmosphärisch daherkommt, dass man den kalten Wind auf den Mooren von Yorkshire beim Lesen beinahe auf der Haut spüren kann. Das alte Farmhaus Wuthering Heights, oder auf Deutsch eben Sturmhöhe, wird lebendig. Altes Holz knarrt, Wind dringt durch die undichten Fenster, der Regen Nordenglands klopft aufs Dach. Der Roman ist unheimlich und düster. Nicht etwa, weil Geister durch die alten Anwesen Wuthering Heights und Thrushcross Grange spuken würden. Das Unheimliche kommt aus den Figuren selbst, ist psychologisch und so real, dass es unangenehm ist.

Wirklich gute Figuren gibt es hier nicht, hier ist jede_r unsympathisch, allen voran Catherine Earnshaw selbst. Das Besondere an “Die Sturmhöhe” ist aber, dass man verstehen kann, wieso diese Figuren so sind, obwohl man sie nicht mag. Cathy kann kalt und berechnend sein, brutal sogar. Sie hat eine sehr dunkle Seite, die oft zum Vorschein kommt, sie ist jähzornig und eitel. Heathcliff auf der anderen Seite kommt als Waisenjunge nach Wuthering Heights und verroht dort über die Jahre durch die furchtbare Behandlung, die er erfahren muss. Emily Brontës Figuren sind nicht unbedingt sympathisch, aber sie sind komplex und interessant.

Die Tragödie, die sich über die Jahre anbahnt und dann über den Figuren zusammenschlägt, ist glaubhaft geschildert und tut weh, weil sie verhinderbar gewesen wäre und, weil sie irgendwie trotzdem passieren musste. Die “Sturmhöhe” wird von ihren Figuren vorangetrieben. Man möchte nicht unbedingt wissen, was mit ihnen passiert, denn das erfährt man bereits im Prolog des Romans, der einige Jahre später spielt. Viel eher möchte man herausfinden, wie es dazu gekommen ist und ja, irgendwie zieht einen auch das stete moralische Abwärts immer tiefer in den Bann des Romans. Es hat etwas Faszinierendes diesen Figuren dabei zuzusehen, wie sie immer weiter kaputt gehen und zerbrechen.

Klassiker-Check: Zeitlos wie die Yorkshire-Moore

Romane aus vergangenen Jahrhunderten kann ich nicht rezensieren wie moderne Romane, weshalb ich bei Klassikern gern auf ein paar Punkte eingehe, die auf moderne Bücher nicht zutreffen. Zum Beispiel, ob der Roman gut gealtert ist, ob er im Jahr 2018 noch aktuell genug und ansprechend ist, um den Klassikerhype zu rechtfertigen. Und bei “Sturmhöhe” kann ich nur aus voller Überzeugung “Ja” sagen. Irgendwie ist “Sturmhöhe” ein bisschen zeitlos und das macht das Setting, die wilden Moore von Yorkshire, wo die Zeit bis heute stillzustehen scheint, als könnte man hier selbst Cathys Geist begegnen, so wie Mr Lockwood es ganz am Anfang des Romans tut.

Alles an “Sturmhöhe” ist irgendwie rau und kalt wie das Moor selbst und das ist ein Reiz der Geschichte, dem ich mich nie entziehen kann. Man darf hier keine Wärme erwarten oder gute Taten oder, dass in diesen Figuren doch irgendwie was Gutes steckt, aber was man erwarten darf ist ein ehrlicher Blick auf eine Gruppe Menschen, die all diese Dinge fühlen und tun, die in Menschen eben drin stecken und vor denen wir Angst haben. Und ob sie das Ende des 18. Jahrhunderts tun oder heute ist dabei fast egal. Die “Sturmhöhe” gehört genau deshalb zu meinen Lieblingsbüchern: Sie ist düster, komplex und irgendwie zeitlos. Ihr Einfluss auf das Gothicgenre ist außerdem nicht wegzudenken.

Ich glaube, bei diesem Buch gibt es kein Dazwischen. Man liebt es oder man hasst es und beides ist valide. Ich würde den Roman allen, die neugierig auf die Ursprünge des Gothic- und Horrorgenres sind, auf jeden Fall empfehlen, denn für die Genreentwicklung hat er eine große Rolle gespielt und besonders in moderner Mystery steckt beinahe immer auch ein Stück “Sturmhöhe”. Auch wer Geschichten über menschliche Abgründe mag, sollte hier ruhig zugreifen. Aber unterschätzt den Roman nicht, nur, weil er 170 Jahre alt ist: Er ist düster, komplex und er nimmt mit und das mehr, als manch moderner Roman.


Die Sturmhöhe | Suhrkamp Insel, 2011 | 978-3-458-35718-6 | 454 Seiten | Deutsch | Übersetzerin: Grete Rambach | Britische OA: Wuthering Heights, 1847


Es gibt natürlich einige deutsche Ausgaben und Übersetzungen der “Sturmhöhe”, mir hat die von Grete Rambach jedoch am besten gefallen, nachdem ich ein paar Leseproben verglichen habe, weil sie zeitgemäß übersetzt und ihre Sprache nicht künstlich altbacken klingt, das ist sehr schön zu lesen. Das englische Original würde ich nur empfehlen, wenn ihr wirklich fließend Englisch sprecht, denn oft sind die Dialoge im Yorkshire-Akzent geschrieben und schwer zu entziffern, wenn man sich damit nicht gut auskennt.

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