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Historienromane

“Die stillen Gefährten” von Laura Purcell

England, 1866: Als Elsie den reichen Erben Rupert Bainbridge heiratet, glaubt sie, nun ein Leben im Luxus vor sich zu haben. Doch nur wenige Wochen nach ihrer Hochzeit ist sie bereits verwitwet. Und dazu schwanger. Elsie bezieht das alte Landgut ihres verstorbenen Mannes. Da ihre neuen Diener ihr gegenüber äußerst reserviert sind, hat Elsie nur die ungeschickte Cousine ihres Mannes zur Gesellschaft. Zumindest glaubt sie das. Doch in ihrem neuen Zuhause existiert ein verschlossener Raum. Als sich dessen Tür für sie öffnet, findet sie ein 200 Jahre altes Tagebuch und eine beunruhigende, lebensgroße Holzfigur – eine stille Gefährtin …


Triggerwarnung
Sexualisierte Gewalt, Rassismus

Meine Gedanken

Klassische Gothic-Geschichten findet man heute nicht mehr so oft – umso froher bin ich, Laura Purcell entdeckt zu haben. Die britische Autorin legt mit “The Silent Companions” atmosphärischen Grusel vor, der alles mitbringt, was man von einem Schauerroman nur wollen kann: Ein Herrenhaus, das dem Zerfall nahe ist, mitten in der Einsamkeit des herbstlichen Englands, spannende, vielschichtige Figuren und ein großes Rätsel. Zudem ist Elsie eine ungewöhnliche Histo-Heldin: Sie ist bereits Mitte 30 und sie ist abgebrüht und manchmal auch ein bisschen selbstsüchtig, was mir sehr gefallen hat, da sie mir authentisch vorkam.

Gemeinsam mit Elsie konnte ich das alte Anwesen The Bridge erkunden – und nach und nach an ihm und seinen merkwürdigen Vorkommnissen verzweifeln. “The Silent Companions” spielt 1865 und ich habe es selten erlebt, dass es einem Roman gelungen ist, eine Epoche so authentisch lebendig werden zu lassen. Das ist meiner Meinung nach auch die große Stärke, die “The Silent Companions” innerhalb des Genres zu etwas Besonderem macht. Die viktorianische Ära ist nicht bloßer Hintergrund, sie ist Hauptkomponente dieser Geschichte und sie ist in “The Silent Companions” wunderbar düster und lebendig.

Ich und mein Holz bekommt eine neue Bedeutung

Als ich diesen Roman begonnen habe, dachte ich noch: “Was soll denn bitte an ein paar Holzbrettern so gruselig sein?” Jetzt vertraue ich Holz nicht mehr. Im Mittelpunkt stehen die titelgebenden Silent Companions – stille Begleiter: Holzaufsteller, auf die lebensechte Figuren gemalt sind. Diese gab es wirklich: Sie waren im Amsterdam des 17. Jahrhunderts ein Trend. Als Elsie einen Silent Companion hinter einer verschlossenen Tür in The Bridge findet, beschließt sie, die Figur in der Halle auszustellen. Was dann folgt, ist eine düstere, mitreißende und manchmal blutige Horrorgeschichte voller Wendungen, die man nicht erwartet.

Das geradezu Geniale an “The Silent Companions” ist, dass der Horror eben nicht nur aus den übernatürlichen Vorkommnissen entsteht, sondern auch aus den dunklen Wahrheiten der Figuren selbst, die nach und nach ans Licht kommen. Das alte Herrenhaus The Bridge wäre auch ohne Spuk ein bedrückendes Gefängnis für Elsie, und die Vergangenheit, vor der sie wegläuft, ist beinahe unheimlicher, als die scharrenden Geräusche, die sie nachts hört, oder die Geschichten um rätselhafte Todesfälle in The Bridge.

Richtig stark, wenn auch schwer zu lesen, fand ich Laura Purcells Schilderung des Lebens als Frau in den 1860er Jahren. Sie nimmt Abstand von bekannten Klischees und lässt beinahe schon nebensächlich einfließen, was viele viktorianische Frauen Tag für Tag erlebt haben. Besonders intensiv kam das Gefühl der Machtlosigkeit durch, das sich bei Elsie und bei den Leser_innen langsam in Wut verwandelt. Selbst Elsie als wohlhabende Witwe eines angesehenen Mannes ist nicht Herrin über ihr Leben, wird nicht als erwachsener Mensch wahrgenommen, muss für jede kleine Freiheit kämpfen – und besonders die männlichen Figuren nehmen nicht einmal wahr, wie sie im Stillen leidet.

“The Silent Companions” bringt viele solcher Momente mit, in denen Purcell nicht nur historische Problematiken authentisch aufarbeitet, sondern ihre Leser_innen auch die Parallelen zu heute ziehen lässt. Obwohl dieser Roman 1865 spielt, hat Elsies Schicksal sofort resoniert. Denn Frauen, denen Furchtbares angetan wird, von dem sie niemandem erzählen können, gibt es leider auch heute noch zur Genüge. Und das macht Laura Purcell so richtig. Sie schaut nicht wie so viele andere Histo-Autor_innen mit erhobenem Zeigefinger auf die Vergangenheit und sagt: “Guck mal, wie schlimm es damals war, sei froh, dass du heute lebst”, sie schildert beinahe nüchtern diese Gesellschaft und die Parallelen entstehen von selbst.

Anne Bainbridge und der Wehrmutstropfen

Gerade, weil das so nah kam, dass es manchmal beinahe wehtat darüber zu lesen, fand ich schade, dass die zweite Perspektive – die von Anne Bainbridge, die zweihundert Jahre zuvor Herrin von The Bridge war, dann doch ein bisschen im Klischee ertrank. Anne ist kräuterkundig und die Leute im Dorf glauben, sie wäre eine Hexe. Hier kamen dann leider doch ein paar Klischees mit. Annes Ich-Perspektive, festgehalten in einem Tagebuch, das Elsie findet, war spannend und wurde zum Ende hin immer düsterer und gruseliger, was mir gefallen hat, aber ich hatte meine Probleme mit Anne, weil ihre Geschichte nicht nur ein wenig klischeebelastet war, sondern obendrein Anne selbst extrem unsympathisch.

Der Grund, warum der Roman kein Lieblingsbuch wird, liegt hier, denn Anne ist extrem rassistisch. Nicht nur wird ständig das g-Wort benutzt, das auch andere Auto_innen von historischen Romanen bitte gestern aus ihrem Vokabular streichen sollten, Anne spricht andauernd abfällig über die Roma, die in der Nähe von The Bridge leben. Dass Anne damit großes Unrecht tut, macht Laura Purcell sehr deutlich, aber trotzdem reproduziert sie eine ganze Reihe von Rassismen und Stereotypen, bis es soweit ist. Das liegt mir immer noch schwer im Magen, obwohl deutlich wird, was Laura Purcell hier machen wollte. Man muss nicht weiße Figuren aber nicht immer leiden lassen, um Diskriminierung aufzuzeigen.

Alles in allem ist “The Silent Companions” klassischer, aber ungewöhnlicher Gothic-Horror, der durch seine Figuren und ihre Abgründe glänzt, sowie durch einen authentischen Einblick in das Leben von Frauen im viktorianischen Zeitalter, der gerade so erschreckend wirkt, weil er nicht auf Schocktropes baut, sondern ganz nebensächlich auffächert, dass Elsie trotz ihres hohen Standes eine Gefangene ist. Ein weiterer Pluspunkt sind der dichte Aufbau und die unglaublich düstere Atmosphäre, die immer dunkler und bedrückender wird. Ich würde den Romans Fans von Gothic und viktorianischem Horror empfehlen, aber eben mit dem Hinweis, dass die Darstellung der Roma absolut nicht reflektiert genug erfolgt.


Diese Rezension erschien ursprünglich zu der englischsprachigen Originalausgabe und wurde 2021 nach Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe angepasst. 


Die stillen Gefährten | Festa, 2021 | 978-3-86552-878-0 | 448 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Eva Brunner | OA: The Silent Companions, 2017
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