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“Stolz & Vorurteil” (2005)

Bis 2019 die ITV-Serie “Sanditon” erschien, war “Stolz & Vorurteil” von 2005 wohl der am kontrovers diskutierteste Austenfilm des 21. Jahrhunderts. Denn Joe Wrights “Stolz & Vorurteil” ist keine klassische Austenverfilmung, sondern eine eigene Interpretation von Jane Austens wohl bekanntestem Roman “Stolz und Vorurteil” von 1813. Die romantische Eleganz, die wir mit Austen und der Epoche des Regency verbinden, sucht man hier vergebens. Stattdessen gibt es erdfarbene Kleider zu sehen, strähniges Haar und schlammverschmierte Säume und Schuhe. Und das ist meiner Meinung nach auch gut so.

Bis heute bestehen ungeschriebene Regeln, wie man Austen adaptieren darf. Diese Regeln bricht “Stolz & Vorurteil” reihenweise. Das fängt schon damit an, dass der Film nicht in der Epoche spielt, in der der Roman veröffentlicht wurde, sondern in der, in der Jane Austen ihn geschrieben hat: Ende des 18. Jahrhunderts. Wir befinden uns auf dem Land und genau diesen Umstand nutzt der Film in vollem Maße aus: “Stolz & Vorurteil” ist in gedeckten Farben gehalten und bietet deutlich mehr Aufnahmen von Natur und Landschaft als von luxuriösen Innenräumen und Anwesen.

Abseits von Austen-Tropes: Die Welt des Landadels zu Jane Austens Zeiten

Mr. und Mrs. Andrews vor ihren Ländereien, Thomas Gainsborough, ca. 1750 | Er stammte aus dem Landadel, sie aus dem gehobenen Bürgertum

Für viele Austenfans war eine Elizabeth Bennett in schlichten Kleidern, die in einem heruntergekommenen Gutshaus lebt, zu viel des Guten. Sie wollten ein stattliches Haus Longbourn sehen, weiße Empirekleidchen und vor allem einen eleganten, abweisenden Mr Darcy. Matthew McFadyens ungelenker, introvertierter Darcy und Keira Knightleys etwas abgerissen wirkende Elizabeth Bennett, die im Schlamm über die Ländereien wandert, entsprechen nicht dem typischen Bild der Austenromantik, das sich viele von diesem Film erwartet hatten. Aber müssen sie das? Schließlich gibt es viele andere klassische Verfilmungen des Stoffes, allen voran die Miniserie von 1995. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde es Zeit für einen neuen Blick auf Jane Austen.

“Stolz & Vorurteil” (2005) legt den Status der Bennet-Familie als verarmter Landadel sehr wörtlich aus: Die Bennets gehören zum niederen Landadel, haben Landbesitz und ein Herrenhaus, aber weder Titel noch Vermögen. Deshalb ist es auch Mrs Bennets höchste Priorität alle vier Töchter gut zu verheiraten, denn keine von ihnen kann Longbourn erben und stünde im Falle des Todes des Vaters mittellos da. Diese Interpretation des Stoffes ergibt aus historischer Perspektive Sinn und der Geschichte vor allem einen neuen Fokus, der diese Adaption bisher einzigartig macht. Die Bennets als verarmter Landadel, die im Alltag nicht viel auf soziale Gepflogenheiten geben, sind vor allem eines: Interessant.

Hier und da lehnt der Film sich etwas zu weit in diese Darstellung: Die strähnigen, unfrisierten Haare der Schwestern, die Kleider, die wie selbstgemacht aussehen, die fehlenden Manieren der Mädchen, all das ist selbst für verarmten Landadel ein wenig dick aufgetragen. Es schafft aber einen großartigen Kontrast zu Landadel mit Vermögen, wie zum Beispiel den Darcys, die ebenfalls zum titellosen Landadel gehören. Dieses soziale Gefälle innerhalb derselben gesellschaftlichen Gruppe ist für die Epoche sehr authentisch und vor allem auch im Roman ein großes Thema, wenn auch in “Stolz & Vorurteil” (2005) ein bisschen extrem dargestellt, ebenso wie der soziale Stand der Bingleys aus dem gehobenen Bürgertum, die den Bennets gesellschaftlich unterlegen sind, aber trotzdem ein deutlich größeres Vermögen haben.

Auch die ländliche Ästhetik des Films funktioniert aus denselben Gründen: Elizabeths Welt sind die Ländereien ihres Vaters, wo sie liest, spazieren geht und selbst bei Regen auf einer Schaukel spielt. Mr Darcys Welt sind die sauber angelegten Parkanlagen prächtiger Anwesen, eine Sammlung von antiken Marmorfiguren und luxuriöse Ballsäle. Dem Film gelingt es den großen gesellschaftlichen Unterschied zwischen Elizabeth und Darcy, der schließlich auch zu unzähligen Konflikten führt, für ein modernes Publikum verständlich zu machen. Eine schlammverschmierte Elizabeth, die unangekündigt bei Darcy auftaucht, ist vielleicht ein sehr extremes Bild, aber eines, das visuell (im Kontrast zur modisch gekleideten, sauberen Caroline Bingley) funktioniert und verständlich macht, wie diese Personen zueinander stehen.

Regency- und Landadelästhetik: Zwischen 1797 und 2005

Übergangsmode des späten 18. Jahrhunderts weist bereits die Empiretaille auf, aber auch noch Überbleibsel aus dem 18. Jahrhundert, wie die volleren Röcke und stärker verzierten Stoffe | Tageskleid, britisch, ca. 1800 (Met Museum)

Auch in den Kostümen von Jacqueline Durran zeigt sich das und auch hier werden extreme Bilder genutzt, um diesen Kontrast zu erzeugen. Die Bennets tragen Kleider, die oft sogar wie selbstgemacht wirken: Durran hat sich Gedanken darüber gemacht, welche Resourcen diese Frauen aus dem Provinzadel überhaupt zur Verfügung gehabt hätten, um Kleidung herzustellen und zu tragen. Im Gegensatz dazu trägt Caroline Bingley oft Kleidung, die eine Frau aus dem britischen Wirtschaftsbürgertum sicherlich nicht getragen hätte: Ihr kurzärmliges weißes Kleidchen auf dem Netherfieldball zum Beispiel wäre die Kleidung einer Pariser Gesellschaftsdame gewesen. Trotzdem funktioniert der Kontrast natürlich und das ist auch die Absicht dahinter.

Schön ist auch, dass die Bennetschwestern für den Ball ihren bäuerlichen Look ablegen und das anziehen, was wahrscheinlich ihre besten Kleider sind. Hier liefert der Film dann auch die Austenromantik, die er ansonsten abstreift: Weiße Empirekleider, griechisch inspirierte Frisuren und Perlen im Haar – Das Problem ist nur, dass das eben doch der Look der 1810er ist, nicht der der 1790er, in denen der Film spielt. Ist das ein großes Problem? Nein. Es ist wahrscheinlich eine bewusste Designentscheidung, um doch ein bisschen typisches Austenflair in den Film zu bringen. Trotzdem ist es merkwürdig inkonsequent, denn auch die Abendmode der späten 1790er lieferte bereits den Empirestil – Und da man diese Epoche auf der Leinwand nicht so oft sieht, wäre sie deutlich spannender gewesen.

Schade sind eigentlich vor allem die Versuche, die Epoche zu modernisieren, denn jetzt, fünfzehn Jahre später, sehen Wet Look, fransige Ponys und vor allem auch die cardiganähnlichen Oberteile an Keira Knightley deutlich mehr nach 2005 aus, als nach dem späten 18. Jahrhundert. Generell macht der Film viel, was andere Historienfilme auch machen und was selten wirklich funktioniert: Moderne Frisuren und Make-Up, ein beinahe kompletter Verzicht auf Hauben und Kappen und das Anpassen historische Silhouetten an moderne Ideale. Zumindest mich hat das aus der eigentlich sehr gelungenen ländlichen Ästhetik oft rausgeholt. Woher hat die verarmte Landadelige Jane Bennett im Jahr 1797 modernen Lipgloss?

Das unkonventionelle Historiendrama

Am Ende ist “Stolz & Vorurteil” (2005) aus genau den Gründen sehenswert, aus denen der Film bis heute viel kritisiert wird. Er tauscht die altbekannte Austen-Romantik gegen eine Ästhetik, die überspitzt den verarmten britischen Landadel in den Mittelpunkt rückt, und kontrastiert das Ganze mit dem Luxus, in dem Mr. Darcy und die Bingleys leben. Der Film konzentriert sich hier auf die Aspekte von sozialen Unterschieden und der Wichtigkeit von Geld und Ansehen in der Epoche, die im Roman eine große Rolle spielen, und die durch die überspitzte Darstellung auch für moderne Zuschauer:innen sichtbar werden. Nicht umsonst erschien “Stolz & Vorurteil” zum Beginn einer Entwicklung, die sich bis heute vollzieht.

Historienfilme, besonders auch Neuverfilmungen von Klassikern, werden ungezwungener und trauen sich oft Neues. Das kann aufgehen, wie hier, es kann aber auch schiefgehen. Das Genre lotst nun seit rund zwanzig Jahren neue Möglichkeiten und Grenzen aus und in diesen Kontext würde ich auch Joe Wrights “Stolz & Vorurteil” einordnen, das einmal nicht die typische Austenästhetik zeigt, die man schon kennt, sondern etwas neues versucht. Ich denke, “Stolz & Vorurteil” (2005) hat beeinflusst, wie moderne Historienfilme und -serien funktionieren und bleibt auch rund fünfzehn Jahre nach seinem Erscheinen ein sehenswerter Film, der einen etwas unkonventionelleren Umgang mit seiner Epoche und seinem Quellmaterial bietet.



Stolz und Vorurteil | F, GB 2005 | Regie: Joe Wright | Drehbuch: Deborah Moggach | 127 Minuten


Beitragsbild: Modezeichnungen, ca. 1800 – 1805

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