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Essays

Ich möchte keine Familiensagas mehr lesen

Seit einigen Jahren beherrscht die Familiensaga den Markt, wenn es um Historienromane geht, so sehr, dass sie den klassischen historischen Roman beinahe vollständig verdrängt hat. Neu war das Genre natürlich nicht als es nach dem Erfolg der britischen Serie “Downton Abbey” (2012-2015) langsam begonnen hat, den Mittelaltertrend und die “-innen”-Romane abzulösen, doch das Genre, wie es besonders auf dem deutschsprachigen Buchmarkt stattfindet, ist kaum noch mit älteren Familiensagas zu vergleichen. Jetzt hat längst eine Übersättigung eingesetzt, die den Strom an neuen als episch und dramatisch beworbenen Familiensagas aber nicht beeinflusst.


Inhaltswarnung
Ich spreche in diesem Artikel LGBTQ-feindliche und rassistische Tropes an, sowie sexualisierte Gewalt und Misogynie in der Literatur.

Die Epoche: Das endlose 20. Jahrhundert

Für Familiensagas gibt es mittlerweile eine Art Blaupause, an die sich auch die meisten Reihen halten: Sie müssen im frühen 20. Jahrhundert beginnen und arbeiten sich dann über die Bände hinweg an den beiden Weltkriegen und der Nachkriegszeit ab. Während besonders das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert eigentlich meine Lieblingsepoche sind, hat auch hier für mich längst Überdruss eingesetzt, denn Familiensagas geht es selten darum den historischen Hintergrund interessant und facettenreich darzustellen. Er ist im Regelfall die nostalgisch-verfärbte Kulisse für die kleinen Skandale und Dramen, die sich innerhalb der Familie abspielen, damit man über die Jahrzehnte mitverfolgen kann, wie sich Kinder, Enkel und Verwandte mit der Zeit entwickeln.

Die späte Kaiserzeit in Deutschland ist nur noch bedingt interessant, wenn sie in jeder Reihe gleich dargestellt wird: Als steife, strenge Zeit, die im Kontrast zu den Veränderungen in den 1920ern und später in der Nachkriegszeit stehen soll. Dabei wird sich generell auch eher auf Klischees verlassen als auf interessante Details zu Epoche und Schauplatz des Romans. Das ist natürlich kein Versehen, denn im Vordergrund soll ja die Familie stehen. Für Leser:innen wie mich, die Historienromane lesen um historische Welten mit all ihren Facetten zu entdecken, ist das jedoch keine Freude. Dieselben oberflächlichen Darstellungen derselben Epochen und Settings fühlen sich künstlich und leer an. Ich verbinde mittlerweile allein den Gedanken daran mit stumpfer Ennui.

Der Inhalt: Archetypen und Füllmaterial

Hinzu kommt, dass Familiensagas mittlerweile auch vom Inhalt her sehr leer und wiederholend wirken. Zum einen trifft man in beinahe jeder Reihe auf dieselbe Familienkonstellation: Das strenge Familienoberhaupt, die alte Matriarchin, die feministische Tochter und die loyale Tochter, der Sohn, der nicht dafür gemacht ist, das Familienunternehmen weiterzuführen, das schüchterne Dienstmädchen. So oder so ähnlich haben wir es bereits bei den Crawleys in “Downton Abbey” gesehen und davor bei den Bellamys in “Das Haus am Eaton Place” (1971-1975). Natürlich erwartet man gewisse Archetypen als Fan eines Genres, aber es wird zum Problem, wenn man schon nach den ersten zehn Seiten eines Romans raten kann, wie es mit den Figuren weitergehen wird und richtig liegt.

Hinzu kommt, dass viele dieser Romane zwar über 500 Seiten stark sind, aber eigentlich nicht viel zu sagen haben. Es fehlt ein roter Faden, die Konflikte und Skandale sind höchstens lauwarm. Auch hier spielt die Blaupause eine Rolle, denn viele Reihen benutzen dieselben Konflikte und Aufhänger, die man irgendwann einfach kennt. Tieferliegend wirkt es auch viel zu häufig als hätte man eine Geschichte, die mit 200 Seiten erzählt gewesen wäre, künstlich auf das Doppelte gestreckt. Das ist natürlich nur mein Eindruck, der nicht der Realität entsprechen muss, aber immer wieder stolpere ich über massig Füllmaterial, Szenen ohne jegliche Bewandtnis und Konflikte, die sich in Luft auflösen oder von vorn herein keine waren. Das ist ermüdend.

Die Konventionen: Wenig Spielraum, viel Gleiches

Zusammenfassend könnte man also sagen, dass das Genre sehr steifen Konventionen folgt, mit denen nicht oder sehr selten gebrochen wird. Das bezieht sich jedoch nicht nur auf Figuren, Epochen und Konflikte, sondern oft auch auf das vorgestellte Weltbild, das ich oft sehr bieder und irgendwie unreflektiert finde: Gesellschaftskritik findet man nur, wenn es um die auch aus moderner Sicht veralteten Konventionen geht, selten werden Missstände angesprochen, die auch heute noch existieren. Ein Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen ist den Figuren zum Beispiel oft nur im noch akzeptieren Rahmen erlaubt: Die feministische Heldin darf das Korsett ausziehen und Ärztin werden wollen, aber selten ist sie wirklich politische Aktivistin oder bricht tatsächlich komplett aus.

Kurz gesagt, das Genre traut sich viel zu wenig. Es tanzt um das Brechen von gesellschaftlichen Erwartungen herum, wie es auch um das Brechen mit den Erwartungen der Leser:innen herumtanzt. Ich möchte jetzt keine Thesen dazu aufstellen woran das liegen könnte, denn ehrlich gesagt: Ich habe nicht die blasseste Idee. Doch mir fällt immer wieder auf, wie wenig sich besonders Familiensagas aus den hinlänglich bekannten Weltbildern und Genrekonventionen hinaustrauen, wie oft im Kern spannende Konflikte weit vor der Eskalation schnell gelöst und ausgebremst werden, wie oft das Potential da ist, aber ungenutzt bleibt. Und anstatt sich aufzulösen oder mehr zuzulassen, scheinen diese Konventionen immer enger zu werden.

Die Problematiken: Wenn Klischees gefährlich sind

Während viele meiner Kritikpunkte sicherlich Geschmackssache sind, fällt mir in letzter Zeit aber auch immer mehr objektiv Kritisches auf. Das war tatsächlich auch der Anstoß für mich, diesen Artikel zu schreiben. Denn nicht immer sind die Archetypen und Klischees, die ich oben erwähnt habe, harmlos. Ich habe den Eindruck, das zum Beispiel LGBTQ-feindliche Klischees im Genre in letzter Zeit zunehmen: Der Sohn der Familie wird oft als queer und daran zerbrochen dargestellt, die LGBTQ-Identität wird instrumentalisiert um noch mehr Skandal und Drama zu erzeugen. Warum das problematisch ist, habe ich letztes Jahr ausführlich erklärt. Ähnliches wird mit BIPoC-Figuren gemacht, wenn sie überhaupt vorkommen.

Auch die Darstellung von Feminismus bleibt meist oberflächlich und kritisch. Meistens ist die Protagonistin die einzige, die ihren Traum von Selbstbestimmung wirklich leben darf. Dieser besteht oft daraus, das Korsett abzulehnen und gegen den Willen der altmodischen Eltern einen Beruf zu ergreifen, meist Ärztin oder Lehrerin. Tatsächliche systematische Unterdrückung von Frauen in der Epoche wird selten behandelt, hinzu kommen viel zu häufig misogyne Klischees wie das Ablehnen von weiblich konnotierten Hobbys (Handarbeiten, Mode etc.). Am Schlimmsten finde ich jedoch das Instrumentalisieren von sexualisierter Gewalt. Selten werden die Folgen wirklich aufgearbeitet. Stattdessen gibt es reißerisch erzählte Szenen, die schockieren und Spannung generieren sollen.

Das sind Punkte, die sich der Familienroman natürlich nicht ausgedacht hat: Diese und andere problematische Klischees gibt es im Historienroman – und natürlich auch darüber hinaus – schon lange. Besonders im historischen Roman finde ich sie jedoch gefährlich, da sie unser Bild von der Vergangenheit stark beeinflussen und auch verzerren können. Viel zu oft hört man das Argument “Das war damals halt so“, das durch die immer gleiche negative Darstellung von Frauen, LGBTQ-Figuren, BIPoC oder auch Menschen mit Beeinträchtigungen noch verfestigt wird. Positive Darstellungen sind nicht “historisch nicht korrekt”, werden aber genau durch dieses ständige Wiederholen von Worst Case Scenarios in der Literatur dafür gehalten. Und das ist ein großes Problem.

Abschließend: Ich möchte etwas Neues lesen

Sicherlich hat es sich im Verlauf des Artikels schon herauskristallisiert: Es ist natürlich nicht das Genre “Familiensaga” an sich, dem ich so müde geworden bin, sondern vor allem die Umsetzung. Eine dicht erzählte Familiengeschichte mit interessanten Figuren vor komplexem, vielseitigem historischen Hintergrund würde ich wahrscheinlich sehr mögen. Entweder sind diese jedoch sehr selten oder ich habe bisher immer gezielt daneben gegriffen. Nicht jeder Roman muss vor “Anspruch” bersten, darum geht es mir nicht. Doch ich vermisse im Genre die Vielseitigkeit, die gut und spannend erzählten Geschichten, das Etwas Neues Probieren. Ich möchte wieder Bücher lesen, die mich begeistern, und nicht nur “ganz okay” sind oder irgendwie schon bekannt.

Ich fühle mich als Fan von Historienromanen nun schon lange wie der sprichwörtliche Fisch auf dem Trockenen: Mir wird immer wieder dasselbe angeboten, dieselbe Epoche, dieselbe Geschichte, dieselben Figuren und, ja, dieselben problematischen Inhalte, die zumindest meinem Empfinden nach sogar häufiger werden. Das Genre kann doch so viel mehr als (das immer gleich einfallslos dargestellte) 20. Jahrhundert, lauwarme Familienkonflikte und immer wieder die gleiche Leier. Weshalb bietet es mir im Moment nicht mehr als das an? Es ist nicht der Trend Familiensaga an sich, der mir zu schaffen macht, sondern die Übersättigung mit immer gleichen Geschichten. Ich möchte etwas anderes lesen. Aber im Moment gibt der Markt leider kaum etwas anderes her.


Beitragsbild: Englisches Familienporträt, ca. 1895| “Autumn Bramble Plaid Paper 09”, Jessica Dunn, via Pixelscrapper

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