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“Enola Holmes”: Victoriana und Feminismus in historischen Medien

Netflixs großes Victorianaspektakel “Enola Holmes”, das Ende September auf der Streamingplattform angelaufen ist, wird von vielen als frischer Wind im historischen Genre wahrgenommen, sogar als feministischer Erfolg. Im Vergleich zu düsteren, brutalen Victoriana-Hits der letzten Zeit wie “The Alienist” (2018-) ist die quirlig-bunte Krimikomödie rund um Enola Holmes, die kleine Schwester des berühmten Meisterdetektivs, tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung, denn der Film stellt die Selbstfindung der Titelheldin und die feministische Befreiung von gesellschaftlichen Normen in den Vordergrund, ohne sie (allzu sehr) dafür leiden zu lassen, diesen Schritt weg vom Idealbild zu wagen.

Die 16-jährige Enola (Millie Bobby Brown) ist ignoriert von ihren älteren Brüdern Mycroft (Sam Claflin) und Sherlock (Henry Cavill) auf dem vernachlässigten Anwesen der Familie aufgewachsen und lernt von ihrer unkonventionellen Mutter (Helena Bonham Carter) Bogenschießen, Naturwissenschaften und sogar Kampfsport. Als ihre Mutter verschwindet, macht sich Enola auf nach London um sie zu finden. Der Film streift das typisch düstere Bild der viktorianischen Epoche gekonnt ab, tappt aber trotzdem in einige Genreklischees, die einer feministischen Erweiterung des Sherlock-Holmes-Kanons nicht allzu gut stehen, besonders, was das Frauenbild der Epoche – und das moderne – angeht.

Feminismus?: Nicht wie die anderen Damen

Bei ihrer Mutter lernt Enola Kampfsport, Bogenschießen und Naturwissenschaften

Während “Enola Holmes” in vielem tatsächlich frischen Wind in das Genre bringt, ist der Film in einigen Dingen überraschend altbacken, denn er bedient Genreklischees, die bereits aus historischen Jugendbüchern der 1990er und frühen 2000er bekannt sind. Inwiefern das daran liegt, dass der Film tatsächlich auf der gleichnamigen Jugendbuchreihe von Nancy Springer basiert, die ab dem Jahr 2000 erschienen ist, weiß ich nicht. Sehr unangenehm fand ich jedoch besonders das allseits spürbare “Nicht wie die anderen Mädchen”-Klischee und die Abwertung von feminin konnotierten Interessen und Tätigkeiten. Enola sagt klar heraus, dass sie von ihrer Mutter hinsehen und zuhören gelernt hat, nicht sticken oder Muscheln auf eine Schnur fädeln.

Besonders im Kontrast zu anderen modernen Victoriana-Filmen mit feministischem Anspruch ist es irritierend, dass “Enola Holmes” sich für dieses Klischee entschieden hat. Greta Gerwigs “Little Women” (2019) zeigt die Wertigkeit des Häuslichen, des weiblich konnotierten, während er seinen weiblichen Figuren aber auch andere Möglichkeiten aufzeigt. “Enola Holmes” hingegen lässt seine Titelheldin weibliche Mode als Gefängnis bezeichnen, über Interesse an Mode und Handarbeiten lachen und Kampfsport betreiben. Das rote Seidenkleid, in dem Enola den Großteil des Films verbringt, ist nur eine Verkleidung, bei ihrer Mutter stehen wildes, unfrisiertes Haar und simple Leinenkleider für Feminismus. All das wirkt am Ende sehr performativ, beinahe oberflächlich.

Auch der Kontext hilft nicht, diesen Eindruck loszuwerden: Das Drehbuch zu “Enola Holmes” wurde von einem Mann geschrieben und auch die Regie lag in männlicher Hand. Das macht den Film am Ende leider einmal mehr zu Feminismus erklärt von cis Männern. Die Botschaft soll zwar sein: “Sei du selbst”, ist am Ende aber eher: “Sei wie Enola.” Die wilde, kämpferische Mädchenfigur, die sich aus Mode und ihrem Aussehen nichts macht, ist nichts Neues und ebenfalls nur ein weiteres Idealbild, in das Frauen und Mädchen passen sollen. Wäre Enola komplexer geschrieben, wäre sie mehr gewesen als ein Klischee, das man schon um 2000 im Jugendbuch gelesen hat… Doch das ist sie nicht.

Mycroft und Sherlock: Feminismus definiert über männliche Figuren

Auch der Versuch von Intersektionalität gelingt nur leidlich. Enola besucht ein Teehaus, das von einer Schwarzen Frau, Edith (Susie Wokoma), geführt wird. Etwas später ist es Edith, die Sherlock in einem feministischen Monolog den Spiegel vorhält. Trotzdem ist Edith alles in allem keine zehn Minuten auf dem Bildschirm zu sehen, während den männlichen Figuren des Films, allen voran natürlich Mycroft und Sherlock, zu viel Zeit geschenkt wird. Besonders Mycroft als Symbol für die patriarchale Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts wirkt hohl, denn der Film traut sich nicht, ihn wirklich als komplexen Bösewicht zu zeigen, sondern lässt ihn den großen Bruder sein, der seine Schwester nicht versteht und zu sehr an konservativen Werten hängt, um sie kennenzulernen. 

Die wirklich bösen Figuren sind einmal mehr andere Frauen. Von den Mädchen, die sich im Mädchenpensionat über Enola lustig machen bis hin zur strengen Lehrerin Miss Harrison (Fiona Shaw), die Enola sogar schlägt und einsperrt, sind es andere Frauen die in “Enola Holmes” die misogynen Strukturen mit allen Mitteln aufrecht erhalten wollen. Selbst Enolas Mutter wird nicht unbedingt als positive Figur dargestellt: Sie wird als eher lieblose Mutter gezeigt und Enola findet bald heraus, dass sie einer feministischen Gruppe angehört, die einen Sprengstoffanschlag auf das britische Parlament plant. Dieser kalte, gewalttätige “Feminismus” wird Enolas Feminismus, bei dem sie misogyne Menschen austrickst und übertrumpft, gegenübergestellt. 

Das größte Problem aber ist, dass Enolas Feminismus und ihre Befreiung von gesellschaftlicher Unterdrückung nur gelingt, weil sie sich vor den Männern in ihrem Leben, Mycroft und Sherlock, beweist. Sie muss zeigen, dass sie schlauer und fähiger ist als ihre älteren Brüder, erst dann stehen sie ihr zu ihr eigener Mensch zu sein, der eigene Entscheidungen trifft. Diese Art des Feminismus ist und war schon immer problematisch, denn er stellt die Selbstbestimmtheit, die Enola am Ende des Films erlangt, als etwas dar, das eine Frau sich verdienen muss. Grob gesagt: Wer freiwillig modische Kleider trägt und Spaß daran hat, Muscheln auf eine Schnur zu fädeln, muss sich nicht wundern, wenn sie unterdrückt wird.

Diese Darstellung von Feminismus – das Ausspielen von “schwachen” Frauen mit traditionellen Werten gegen “mutige” Frauen, die aus diesen ausbrechen – findet sich auffällig oft in Victoriana-Medien, was irritierend ist, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit ein deutlich komplexerer, realerer Feminismus existiert hat, der sich nicht durch wild flatterndes Haar ausgedrückt hat, sondern zum Beispiel durch Fahrradfahren, Berufstätigkeit, Sporttreiben und vor allem auch durch das Einfordern von politischem Mitspracherecht. “Enola Holmes” ist ein interessanter Fall, denn all diese Dinge spielen durchaus eine Rolle, werden aber leider unter den alten Klischees begraben, anstatt wirklich genutzt. 

Victoriana: “Enola Holmes” im Kontext

Enola verkleidet sich als Dame, um von Mycroft und Sherlock nicht erkannt zu werden

Diese Klischees sind kein Problem, das nur in “Enola Holmes” auftritt. Viel eher sind dieselben Muster in historischen Jugendromanen und -filmen seit den späten 1990ern zu beobachten. Es ist dieser Kontext, der das Problem ist, denn die ständige Abwertung von “Mädchensachen” und das Aufwerten von Frauen und Mädchen, die Erfolg haben, weil sie “Männersachen” besser können als Männer, macht etwas mit uns, besonders mit jungen weiblichen Zuschauerinnen. Die “anderen Mädchen” tragen Ballkleider und besticken kichernd Taschentücher, während die Heldin zur Tat schreitet und sich selbst befreit. Sie ist stark, die “anderen” sind schwach, merken oft gar nicht, wie sehr sie unterdrückt werden.

Immer wieder müssen junge Protagonistinnen in historischen Stoffen ihr Interesse am weiblich konnotierten ablegen, bevor sie nicht mehr als albern, schwach und unterdrückt wahrgenommen werden. Nicht selten tauschen sie symbolisch das schöne Seidenkleid gegen ein Paar Hosen, bevor sie sich frei bewegen und atmen können. In “Enola Holmes” ist das nicht anders: In Jungenkleidung kann Enola unerkannt reisen und sich austoben, Frauenkleidung ist immer nur ein Kostüm, in dem sie selten viel erreicht, und wird sogar wortwörtlich als Gefängnis bezeichnet – Das ist oben drauf inkonsequent, wenn man bedenkt, dass der Film Enola in Korsett und Tournüre rennen, springen und kämpfen lässt.

“Enola Holmes” beinhaltet einige gute Ansätze: Es geht im Kern darum, dass Veränderung etwas gutes ist und, dass die Verteidigung alter Traditionen oft schaden kann. Besonders im Hinblick auf den Brexit oder die letzten vier Jahre in den USA hat “Enola Holmes” etwas zu sagen. Deshalb ist der eher oberflächliche Umgang mit viktorianischem und modernem Feminismus besonders schade, vor allem natürlich das Abwerten von feminin konnotierten Interessen und Entscheidungen, die Enolas Prinzipien gegenüberstehen. “Enola Holmes” strebt mit großen Schritten in eine gute Richtung, nimmt dabei aber zu viele alte Genreklischees mit, um wirklich bahnbrechend zu sein.

Am Ende ist der Verzicht auf Korsett, Tournüre und Haarklammern, auf Muschelschnüre und bestickte Kissen, nicht wirklich ein feministisches Statement. Zumindest nicht, wenn all diese als weiblich verstandenen Dinge im gleichen Atemzug belächelt oder sogar als Symbole von Unterdrückung dargestellt werden. Besonders nicht, wenn dieser Verzicht auf diese Weise von Männern geschrieben wird. Es ist Zeit für eine deutlich komplexere Darstellung von viktorianischem und modernem Feminismus, der wirklich Raum für Selbstbestimmung und eigene Entscheidungen lässt, ohne gewisse Entscheidungen abzuwerten oder gar als schwach und unterdrückend darzustellen.



Beitragsbild: Herrenmoden, Modezeichnung, ca. 1880er | Damenmoden, Modezeichnung, Peterson’s Magazine, Dezember 1890 | Der Londoner Strand, ca. 1900 


Weitere Meinungen:

Ant1heldin | Vergleich zwischen Buchreihe und Film


Enola Holmes | UK, USA 2020 | Regie: Harry Bradbeer | Drehbuch: Jack Thorne | 123 Minuten | Basierend auf: “The Enola Holmes Mysteries” von Nancy Springer

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2 Comments

  • Reply Ascari

    Hi!

    Ich bin grad durch Sabines (Ant1heldins) Retweet auf deinen Text aufmerksam geworden. Nur eine Anmerkung dazu wegen des Datums, was mir – zugegeben – auch erst beim zweiten Mal Schauen aufgefallen ist: Enola ist 1884 geboren worden, ergo spielt der Film im Jahr 1900 spielen, wenn sie grad 16 geworden ist … Da ich mit der Mode aus der Zeit aber lange nicht so gut auskenne wie du, tue ich mich da wirklich schwer zu bewerten, wie akkurat die Kostüme wirklich sind. Trotzdem danke für diesen, deinen interessanten Blickwinkel auf den Film, mit dem ich übrigens auch nicht wirklich sehr zufrieden bin – schon gar nicht, wenn man die Bücher im Vergleich kennt.

    Liebe Grüße
    Ascari

    25. September 2020 at 17:14
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