Enola Holmes, die jüngere Schwester des Meisterdetektivs Sherlock Holmes, hat erst vorgestern ihr Filmdebüt auf Netflix gegeben. Gespielt von Millie Bobby Brown macht sich die intelligente Sechzehnjährige auf die Suche nach ihrer verschwundenen Mutter (Helena Bonham Carter) und widersetzt sich nicht nur ihren älteren Brüdern Sherlock (Henry Cavill) und Mycroft (Sam Claflin), sondern auch den ungleichen Geschlechterrollen des späten viktorianischen Zeitalters. Eine feministische Botschaft möchte “Enola Holmes” auf jeden Fall mitgeben. Aber wie gelungen ist der Film in dieser Hinsicht und allgemein?

“Enola Holmes” liefert dieselbe Art von Victoriana wie zum Beispiel Guy Ritchies “Sherlock Holmes”-Filme von 2011 und 2013: Die Handlung ist rasant, die Kampfszenen sind toll choreografiert und ein bisschen Witz schwingt immer mit. Enola wendet sich zum Beispiel oft direkt an die Zuschauer_innen oder wirft ihnen verschwörerische Seitenblicke zu. Manchmal fand ich den Film schon beinahe zu lustig, denn wirklich emotionale Szenen oder nachdenkliche Momente gibt es so gut wie gar nicht und vor allem Enola wirkt manchmal fast emotionslos, was jedoch am Skript liegt, nicht an der Hauptdarstellerin.

Enola Holmes und die Victoriana-Klischees

Schade finde ich, dass auch “Enola Holmes” wie so viele historische Medien der letzten Zeit nur auf Hochglanz polierten Hollywood-Feminismus präsentiert: Enola ist nicht wie “andere Mädchen” und das wird immer wieder betont. Sie hat, wie sie selbst sagt, nicht gelernt wie man stickt oder Muscheln auf eine Schnur fädelt, sondern hinzusehen und zuzuhören. Die Abwertung der weiblich konnotierten Hobbys schwingt immer mit, besonders, wenn es um Kleidung und Trends der Epoche geht, gegen die “Enola Holmes” besonders gern Seitenhiebe verteilt.

Zudem gibt es auffällig viele missgünstige oder unsympathische Frauenfiguren. Der Feminismus konzentriert sich einmal mehr darauf, dass andere Frauen Enola ausgrenzen, weil sie anders ist, weniger auf die tatsächliche systematische Unterdrückung von Frauen in dieser Epoche. Bedenkt man, dass der Film von einem Mann geschrieben wurde, ist das besonders unangenehm. Ein schöner Ansatz, der aber leider kaum Raum fand, war der feministische Teesalon von Edith (Susie Wokoma). Edith ist es auch, die den einzigen feministischen Monolog des Films hält, der wirklich in die Tiefe geht. Leider sieht man sie wenn es hochkommt nur für fünf Minuten Spielzeit.

Darüber hinaus nimmt “Enola Holmes” so einige Victoriana-Klischees mit, die fast schon ein bisschen angestaubt wirken, weil sie vor rund zwanzig Jahren in historischer Jugendliteratur sehr beliebt waren. Damenmode ist ein Gefängnis, das Korsett ein Symbol der Unterdrückung, Mädchenschulen sind streng und steif. Diese Klischees sind heute größtenteils widerlegt und vor allem ist moderne historische Jugendliteratur mittlerweile weiter als das, weshalb “Enola Holmes” zumindest im Vergleich zu anderer YA-Victoriana irgendwie abgehängt wirkt, obwohl der Film so neu ist.

Mein größtes Problem mit “Enola Holmes” ist aber, dass der Film mir nicht besonders gut geschrieben vorkommt. Nach ungefähr der Hälfte verliert Enola die Suche nach ihrer Mutter aus den Augen und kümmert sich stattdessen um den jungen Lord Tewksbury (Louis Partridge), dem ein Auftragsmörder folgt. Was sie über ihre Mutter herausgefunden hat, kommt gar nicht mehr vor und das Verschwinden ihrer Mutter wird am Ende nur halbherzig aufgeklärt, was ich sehr enttäuschend fand, selbst, wenn das auf einen zweiten Teil hinauslaufen sollte.

Enola Holmes und Mode als Gefängnis

Die Kostüme von Consolata Boyle sind leider nichts Halbes und nichts Ganzes und wirken oft auch leider nicht sehr liebevoll gemacht. Anstatt separater Kleidungsstücke (Unterrock, Rock, Mieder etc.), streift Enola sich ein einteiliges Kleid über, in das sogar der Unterrock fest eingenäht ist. Als sie sich als Dame verkleidet, um in London nicht aufzufallen, trägt sie das rote Kleid vom Filmplakat, das zwar vage viktorianisch aussieht, aber sich nicht hier und nicht da richtig zuordnen lässt, und im Vergleich zur oft authentischeren Kleidung von Nebendarsteller_innen und Statist_innen komplett fehl am Platz wirkt.

Hier und da gibt es ein paar tolle Stücke: Als Enola sich als junge Witwe verkleidet, trägt sie ein geniales Trauerkleid mit langem Schleier. Meistens sind die Kostüme aber eher uninspiriert und ein paar “Fehler” wirken fast schon schludrig, wenn vor einem Geschäft Krinolinen der 1860er ausgestellt werden, die offensichtlich keine der Damen im Jahr 1884, in dem der Film spielen soll, unter dem Rock trägt. Genauso sagt Mycroft Enola am Anfang deutlich, dass keine echte Dame je ohne Handschuhe und Hut aus dem Haus gehen würde. Bei Enolas “unauffälligem” Damenkostüm fehlt aber beides.

Genauso inkonsequent ist die Sache mit der angeblich unpraktischen Damenkleidung, die Enola am Anfang sogar als Gefängnis bezeichnet und die den gesamten Film über immer mal wieder ins Gedächtnis der Zuschauer_innen zurückgebracht wird. Wir sehen Enola aber mehrmals problemlos in einem Kleid mit Korsett, Unterröcken und/oder Tournüre laufen, springen, durch Fenster klettern und sogar kämpfen, was die gesamte These, die der Film in diese Richtung aufstellen möchte, komplett aushebelt. Wie gesagt: Der Film ist oft inkonsequent und wirkt in diesen Dingen nicht besonders gut durchdacht.

Auch die Reformmode fand ich leider nicht allzu gut dargestellt. Auch in Wirklichkeit war Reformmode um 1890 ein feministisches Statement. Das Weglassen von Korsetts und Unterröcken oder offen getragenes Haar gehörten aber nicht dazu. Hier wirft der Film irgendwie die feministisch inspirierte Reformmode und das Artistic Dress der Bohemien_nes, bei dem es eher um Ästhetik und Lebensstil ging, durcheinander. Es gibt einige Überschneidungen, also verstehe ich durchaus, woher das kommt, aber die beiden Bewegungen haben eben doch verschiedene Motivationen.

Enola Holmes und viktorianische Reform

Interessant fand ich, dass der Film überhaupt einbindet, was für eine bewegte Zeit das späte 19. Jahrhundert war, denn die vielen Reformen und gesellschaftlichen Umwälzungen der vorletzten Jahrhundertwende kommen in historischer Fiktion nicht allzu oft vor. “Enola Holmes” macht das sehr plakativ, aber deshalb nicht schlecht. Im House of Lords wird eine Reform diskutiert, von der wir nicht erfahren, was genau reformiert werden soll, doch besonders der privilegierte Adel ist dagegen und sieht Englands Traditionen und Ruf in Gefahr. Die Parallelen zum Brexit sind unübersehbar und gut eingebaut.

Veränderung und Reform, die erkämpft werden müssen, Privilegien und vorgeschriebene Rollenbilder sind Themen, die der Film zwar nicht allzu komplex behandelt, aber vor allem verständlich, auch für Zuschauer_innen, die sich mit der Epoche und ihren Umstürzen nicht so gut auskennen. Gemeinsam mit dem Witz des Films und vor allem den von den Darsteller_innen toll gespielten Figuren ist das der Punkt, der den Film meiner Meinung nach trotz seiner Schwächen sehenswert macht. Authentische Victoriana, die dem Genre etwas neues hinzufügt, darf man sich von “Enola Holmes” aber nicht erwarten.

Am Ende ist “Enola Holmes” typische Hollywood-Victoriana, die einen sehr auf Ästhetik und große Worte beschränkten Feminismus zeigt und sein Budget vor allem in detaillierte CGI-Bilder des viktorianischen Londons gesteckt zu haben scheint und weniger in gut recherchierte und angefertigte Kostüme (oder Haarnadeln für die Hauptfigur). Auch am Drehbuch hätte meiner Meinung nach noch ein bisschen gefeilt werden können, besonders das Ende ist enttäuschend, aber alles in allem kann “Enola Holmes” schon Spaß machen. Man darf sich aber wirklich nicht zu viel erwarten.



Weitere Meinungen:

Ant1heldin | Vergleich zwischen Buchreihe und Film


Enola Holmes | UK, USA 2020 | Regie: Harry Bradbeer | Drehbuch: Jack Thorne | 123 Minuten | Basierend auf: “The Enola Holmes Mysteries” von Nancy Springer