Der Begriff “Historischer Roman” umfasst einen sehr großen Bereich Unterhaltungsliteratur, denn damit ist schließlich jeder Roman gemeint, der auf irgendeine Weise in der Vergangenheit spielt. Deshalb ist natürlich klar, dass das Genre “Historischer Roman” dutzende Untergenres kennt, sodass eigentlich für alle Leser_innen etwas dabei sein sollte. Eigentlich. Denn natürlich gibt es auch im historischen Genre wechselnde Trends, die für gewisse Zeit das Angebot bestimmen.

Seit einigen Jahren sind im historischen Roman besonders Schicksalsromane im Trend, sowie Familiengeschichten, die oft auf mehreren Zeitebenen erzählt werden. Historische Krimis und Thriller sind ebenfalls nicht wegzudenken. Das frühe 20. Jahrhundert bestimmt das Genre, besonders die Jahre 1930 – 1960. Natürlich lese ich das auch gern, aber – wie immer, wenn es so viele Romane zu einem bestimmten Thema gibt – stellt sich irgendwann eine Art Übersättigung ein: Man möchte mal wieder etwas anderes lesen.

Deshalb stelle ich euch heute fünf Untergenres des historischen Romans vor, die ich sehr gern lese und von denen ich gern (wieder) mehr sehen würde. Hin und wieder findet man natürlich solche Romane, von der einen Sorte vielleicht eher als von der anderen, aber ich habe mich für Untergenres entschieden, die mir nicht so oft begegnen, wie mir lieb wäre. Verratet mir in den Kommentaren ruhig welche Untergenres des historischen Romans ihr am liebsten mögt oder ob ihr gute Bücher aus meinen oder euren Lieblingsgenres kennt.


1. Court Intrigue

“Szene am Hof von Christian VII.”, Kristian Zahrtmann, 1873

Court Intrigue ist tatsächlich das Untergenre des historischen Romans, das ich am liebsten lese, wenn es gut gemacht ist. Der Name ist Programm: Es geht um Intrigen, Ränkespiele und politische Verstrickungen am Königshof. Am besten funktioniert das Genre deshalb natürlich in der Frühen Neuzeit, zum Beispiel im Barock, aber natürlich kann man es in beinahe jeder historischer Epoche ansiedeln und auch ein bisschen loser definieren: Intrigen, Affären und Geheimnisse kann es zum Beispiel auch auf dem Landsitz eines Adeligen geben.

Court Intrigue ist ein bisschen historisches “Gossip Girl”: Man taucht in die schillernde Welt des Hochadels ein, die zuerst verlockend aussieht, doch dann erfährt man, dass alle Höflinge Geheimnisse haben und nicht jede_r mit offenen Karten spielt. Ob große Intrigen – wie Komplotte gegen den König – oder kleine, die nur einzelne Höflinge betreffen, ich liebe dieses Genre besonders, wenn es rasant zugeht und sich alle Figuren nach und nach in komplizierte Geheimnisse, Skandale und Intrigen verstricken.

In der Fantasy ist Court Intrigue weiterhin sehr beliebt, im historischen Roman oder generell in den historischen Unterhaltungsmedien kommt es leider in letzter Zeit seltener vor. Ein aktuelles Beispiel wäre zum Beispiel die Serie “Versailles” (2015-2018), die Mitte des 17. Jahrhunderts am Hof von Ludwig XIV. spielt. Auch die Bücher von Martha Sophie Marcus spielen immer mal wieder mit Court Intrigue. Mir hat zum Beispiel “Das blaue Medaillon” sehr gut gefallen, das am Hof des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg spielt.


2. Gesellschaftsromane

“Der Liebesbrief”, Jules Girardet, spätes 19. Jahrhundert

Hier war ich etwas unsicher, wie ich das Genre benennen soll, deshalb lasst es mich erklären: Ich liebe historische Romane, die sich – nuanciert und authentisch – mit vergangenen Gesellschaften auseinandersetzen, besonders, wenn sie ein bisschen Biss haben oder moderne Probleme spiegeln. In diesen Romanen stehen nicht unbedingt die Figuren im Mittelpunkt, sondern die Epoche, in der sie leben: Die Autor_innen werfen einen komplexen Blick auf negative und positive Aspekte und zeichnen ein interessantes Bild der Zeit.

Gesellschaftskritik – an der historischen Gesellschaft, aber auch sehr oft an unserer modernen – darf da kaum fehlen, ob spannend, düster, dramatisch oder auch lustig und ironisch. Ähnlich wie bei Court Intrigue kommen auch hier oft Skandale vor, oder vielmehr skandalöse Persönlichkeiten oder schwerwiegende Ereignisse, die die gesellschaftliche Ordnung herausfordern. Am liebsten mag ich persönlich diese Bücher, wenn sie mich gut unterhalten und ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass ich aus ihnen etwas mitnehmen konnte.

Mein Lieblingsbuch dieser Art ist “Friedhof der Unschuldigen” von Andrew Miller, das einen düsteren, intelligenten Blick auf die Pariser Gesellschaft am Vorabend der Französischen Revolution wirft. Ein eher humorvoller Roman dieser Art liegt noch auf meinem SuB: “Neu York” von Francis Spufford. Ein Filmklassiker dieses Genres ist “Gefährliche Liebschaften” (1988), in dem Glenn Close und John Malkovich zwei dekadente Adelige im 18. Jahrhundert spielen, deren Spiel mit den Konventionen einen tragischen Lauf nimmt.


3. Heist-Romane

“Der Diebstahl der Mona Lisa”, Ausschnitt vom Titelblatt der italienischen Wochenzeitung “La Domenica del Corriere”, 1911

Leider kenne ich nur sehr wenige historische Heist-Romane, doch das wäre etwas, wovon ich nicht genug bekommen könnte. Vor allem, weil sich viele historische Epochen für Gentleman-Diebe oder elegante Betrügerinnen geradezu perfekt anbieten würden. Ich mag Heist-Geschichten am liebsten, wenn der Coup durch den cleveren Plan der Dieb_innen funktioniert, ohne, dass Gewalt angewendet wird. Was ich mir hier wünsche ist “Ocean’s Eleven”… Aber in historisch.

Ein Heist-Roman ist deshalb auch nicht mit Kriminalromanen gleichzusetzen, denn das Genre funktioniert nach einer bestimmten Formel: Es wirst erst ein großer Coup geplant – oft ein Geld- oder Kunstraub – und dann ausgeführt. Die Held_innen sind meist ein Team aus ganz verschiedenen Persönlichkeiten, die verschiedene Fähigkeiten mitbringen. Und, das mag ich besonders, das Genre liebt seine Plottwists, roten Heringe und überraschenden Enthüllungen, es wird nie langweilig.

Tatsächlich fällt mir hier tatsächlich nur ein historischer Roman sofort ein: “Der Kaffeedieb” von Tom Hillenbrand, den ich jedoch noch nicht gelesen habe. Doch diese Geschichte um einen Händler, der den im späten 17. Jahrhundert teuren Kaffee mithilfe einer zusammengewürfelten Gruppe Spezialisten nach Europa schmuggeln möchte, klingt stark nach einer historischen Heist-Geschichte und liegt auf meinem SuB deshalb auch sehr weit oben. Wer hier weitere Beispiele kennt: Sagt mir gern Bescheid!


4. Abenteuerromane

Straßenräuber Claude Duval überfällt eine Gruppe Reisende, William Powell Firth, 1860

Der historische Abenteuerroman gehörte lange Zeit fest zum Genre, doch in den letzten Jahren sieht man ihn immer seltener. Das finde ich sehr schade, weil ich aufregende Romane über lange Reisen und große Abenteuer im historischen Roman sehr mag. Je weiter weg von zuhause es die Held_innen verschlägt, umso besser. Auch Begegnungen mit Pirat_innen, Straßenräuber_innen und anderen Verbrecher_innen gehören natürlich dazu, genauso wie die beschwerlichen Reisebedingungen der jeweiligen Epoche.

Reise- und Abenteuerromane erlauben es ihren Held_innen oft über sich hinauszuwachsen und, wenn der Roman gut recherchiert ist, kann man als Leser_in ganze historische Welten entdecken. Ich mag es besonders, wenn spannende historische Abenteuerromane gleichzeitig eine Art “historischer Reiseführer” sind und mir auf interessante Weise zeigen, wie die Welt in dieser Epoche ausgesehen haben könnte. Ob anspruchsvoller Reiseroman oder rasantes Abenteuer, in dem eine Gefahr die nächste jagt: Dieses Genre kann so viel.

Der letzte klassische Abenteuerroman, den ich gelesen habe, war “Shadow on the Highway” von Deborah Swift, in dem eine junge Dienstmagd zwischen die Fronten des englischen Bürgerkriegs gerät und die berühmte Straßenräuberin Lady Katherine Fanshawe kennenlernt. Große Favoriten meiner Teeniejahre waren “Piraten!” von Celia Rees und “Boston Jane” von Jennifer L. Holm. Aktuell steht auf meiner Wunschliste “How Much of These Hills Is Gold” von C Pam Zangh ganz oben, ein Abenteuerroman zur Zeit des amerikanischen Goldrauschs.


5. Mystery & Gothic

“Das Grab der Schwester”, Thomas Brooks, 1857

Mystery- und Schauerromane sind im historischen Roman nicht per se selten, zumindest nicht auf dem englischsprachigen Buchmarkt. Die Art von Mystery, von der ich gern mehr sehen würde, ist es jedoch. Ich mag historische Romane mit klassischer Schauer-Atmosphäre: Dunkler Himmel, nebelige Moore, alte Friedhöfe und unheimliche Herrenhäuser. Diese Romane können einen übernatürlichen Twist haben, zum Beispiel Geister oder alte Legenden aus der Gegend, aber diese Gothic-Atmosphäre funktioniert natürlich auch mit anderen Geschichten.

Ich mag an Mystery und Gothic nicht nur das gemütlich-gruselige, sondern vor allem den Raum für komplexe Botschaften und zwischenmenschliche Konflikte, den das Genre erlaubt. Deshalb sind Mystery und Gothic wie geschaffen für dramatische, atmosphärische Tragödien, Liebesgeschichten oder auch Krimis, und obwohl das Genre erst im 18. Jahrhundert entstanden ist, macht es mir besonders Spaß, wenn seine Atmosphäre auf frühere Epochen übertragen wird. Leider sind diese Romane aber auch besonders selten.

Im deutschsprachigen Raum fällt mir zuerst Susanne Goga ein, die atmosphärische Gothic-Romane im fin de siècle schreibt, zum Beispiel “Der verbotene Fluss“. Ein sehr gruseliger Victoriana-Roman, in dem es nicht nur um Geister, sondern vor allem um das viktorianische Frauenbild geht, ist “The Silent Companions” von Laura Purcell. “Das Wunder” von Emma Donoghue kommt ganz ohne Übernatürliches aus: Es basiert auf wahren Begebenheiten und untermalt diese mit düsterer, irischer Gothic-Atmosphäre.


Beitragsbild: “Dolce far niente”, Auguste Toulmouche, 1877