London, 1826: Das Dienstmädchen Frannie Langton ist eine ungewöhnliche junge Frau, außerordentlich gebildet – und eines brutalen Doppel-Mordes angeklagt. Londons brave Bürger sind in Aufruhr: Wer ist diese ehemalige Sklavin, die aus den Kolonien nach England kam, um ihre Arbeitgeber in den eigenen Betten zu meucheln? Die Zeugenaussagen belasten Frannie schwer. Eine Verführerin sei sie, eine Hexe, eine meisterhafte Manipulatorin. Doch Frannie erzählt eine andere Version der Geschichte, ihrer Geschichte …


Inhaltswarnung:
Der Roman thematisiert reflektiert und kritisch Themen wie Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Depressionen, Suizid, Klassenunterschiede, sexuelle Gewalt, den Verlust von Kindern und Missbrauch aller Art. Einiges wird graphisch dargestellt, anderes nur angedeutet.

Meine Gedanken

Ich finde es sehr schwer diesen Roman sinnvoll zu rezensieren. “Das Geständnis der Frannie Langton” ist ein intelligenter, wichtiger Roman, der eine altbekannte Geschichte – Die junge Frau, die für einen grausamen Mord vor Gericht steht – auf neue Weise erzählt. Den Vergleich mit “Alias Grace” von Margaret Atwood finde ich deshalb auch angemessen. Sara Collins’ Roman ist eine Own-Voices-Geschichte: Ihre Ich-Erzählerin Frannie ist als Sklavin in der Karibik aufgewachsen und erhofft sich von ihrem Umzug nach London die Freiheit.

Was sie vorfindet sind jedoch eine Anstellung als Dienstmagd, Rassismus und schlussendlich die Anklage den Hausherren und seine Frau Meg brutal ermordet zu haben. Im Stil von Frannies Lieblingsbüchern, “Moll Flanders” (1722) von Daniel Defoe und Rosseaus “Geständnisse” (1782), schreibt sie ihr Leben für ihren Anwalt nieder, während sie auf den Prozess wartet. Sara Collins’ Schreibstil hat mir tatsächlich auch am besten gefallen: Er ist sehr blumig und es gelingt der Autorin sehr gut Frannies scharfen Verstand wiederzugeben.

Moderne Probleme durch die historische Linse

What no one will admit about the anti-slavers is that they’ve all got a slaver’s appetite for misery, even if they want to do different things with it.

“Frannie Langton” ist dann am besten, wenn es sich auf Frannies Stellung als gebildete schwarze Frau im späten georgianischen England konzentriert. Collins’ Own-Voices-Blick auf Sklaverei, ihre Abschaffung und die weißen Menschen in Frannies Leben ist sehr wertvoll und voller kleiner Weisheiten. Sie kreidet nicht nur historischen Rassismus an, sondern auch modernen, und es gelingt ihr sehr gut zu zeigen, wie beides miteinander verbunden ist und warum die moderne Rezeption der Sklaverei so oft misslingt.

Leider fand ich, dass Sara Collins jedoch auch hin und wieder selbst in die Fallen tappt, die sie eigentlich umgehen wollte. Am Anfang schreibt sie, sie möchte Frannie  nicht auf ihre Vergangenheit als Sklavin reduzieren, tut am Ende aber genau das. Auf andere Weise als weiße Autor_innen es oft tun, aber eben trotzdem. Das ist auch ihr gutes Recht als Own-Voices-Autorin. Geschichten über die Sklaverei aus schwarzer Perspektive sind zu selten. Aber “Frannie Langton” existiert irgendwie zwischen den Stühlen, als wüsste der Roman nicht, was genau er jetzt sein möchte.

Das liegt auch daran, dass der Roman ein bisschen zu viel will. Er behandelt Rassismus und Sklaverei, die Anfänge von rassistischer Wissenschaft, vor allem Eugenik, und Klassengrenzen in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig hat er eine feministische Botschaft und versucht sich an einer LGBTQ-Liebesgeschichte zwischen Frannie und Meg, die ich leider überhaupt nicht gelungen fand. Nicht nur, weil wir von Anfang an wissen, dass Meg sterben wird, auch, weil die Machtverhältnisse zwischen Frannie und Meg nicht ungleicher sein könnten.

Am Ende liegt mir “Frannie Langton” etwas schwer im Magen, weil ich das Gefühl habe, der Romane wollte dutzende Ideen in seinen knapp 430 Seiten vereinen, aber dabei kommt alles ein bisschen zu kurz. Am besten gefallen hat mir das letzte Drittel, Frannies Prozess. Hier wurde der Roman richtig spannend und Sara Collins brachte präzise formuliert historische und moderne Missstände auf den Tisch. Davor gab es jedoch einige Längen und Exkurse, deren Zweck sich mir einfach nicht erschlossen haben, zum Beispiel Frannies Arbeit in einem Bordell, die sich liest, als hätten sich ein paar Seiten aus dem Skandal-Klassiker “Fanny Hill” (1748) dazwischen geschlichen.

Eine Bereicherung für das Genre

Ein weiteres Problem war für mich als Histo-Leserin, dass die Epoche sehr vage blieb. Ich mochte die Anleihen aus der Literatur des 18. Jahrhunderts sehr, habe in Frannies eigener Geschichte aber einfach nicht den späten Regency gespürt. Die Geschichte ist typisch konstruiert düster und schmutzig gestaltet, wie es Victoriana oft ist, entnimmt seine Anleihen und seinen Zeitgeist aber komplett aus der Epoche der Aufklärung. Hätte ich raten müssen, hätte ich auch geglaubt er müsste im späten 18. Jahrhundert spielen.

Wo der Roman aber wirklich gewinnt, ist seine Herangehensweise an die Sklaverei. Dieser Roman möchte nicht betroffen machen, sondern wütend. Über die Handlung staut sich in Frannie immer mehr die Wut darüber auf, wie sie und andere schwarze Menschen behandelt werden, und diese Wut springt auf die Leser_innen über. Man soll nicht bemitleiden oder bedauern, wie es viele Sklavereigeschichten aus weißer Perspektive tun, man soll genau wie Frannie wütend sein und verstehen, was dieses unmenschliche System aus Menschen macht.

Am Ende ist “Frannie Langton” trotz der Aspekte, die mir persönlich nicht gefallen haben, eine Bereicherung für das Genre. Sara Collins’ Own-Voices-Blick auf Sklaverei – und ihre Rezeption in modernen Medien – ist sehr wertvoll und sehr gelungen. Auch der blumige, sehr intelligente Schreibstil mit den Anleihen aus Literatur des 18. Jahrhunderts war eine Freude zu lesen. Nicht so gelungen fand ich jedoch den Aufbau, da das Buch zu sehr zwischen verschiedenen Themen hin und her schlingerte und auch einige Durststrecken mitbrachte.

Ich würde den Roman trotzdem empfehlen, für sein wichtiges Thema aus Own-Voices-Perspektive, und für den schönen Schreibstil, in dem viele Weisheiten stecken. Deshalb finde ich “Frannie Langton” so schwer zu rezensieren. Ich habe aus dem Roman viel mitgenommen, aber gleichzeitig kann ich nicht wirklich sagen, dass er mir gefallen hat. Ich würde unbedingt allen Leser_innen raten sich ein eigenes Bild zu machen, denn dieses Buch hat es auf jeden Fall verdient gelesen zu werden.


Das Geständnis der Frannie Langton | Droemer, 2019 | 978-3-426-28206-9 | 432 Seiten | deutsch | Übersetzer.innen: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann | Originaltitel: The Confessions of Frannie Langton, 2019