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Historienromane

“Das Geständnis der Frannie Langton” von Sara Collins

London, 1826: Das Dienstmädchen Frannie Langton ist eine ungewöhnliche junge Frau, außerordentlich gebildet – und eines brutalen Doppel-Mordes angeklagt. Londons brave Bürger sind in Aufruhr: Wer ist diese ehemalige Sklavin, die aus den Kolonien nach England kam, um ihre Arbeitgeber in den eigenen Betten zu meucheln? Die Zeugenaussagen belasten Frannie schwer. Eine Verführerin sei sie, eine Hexe, eine meisterhafte Manipulatorin. Doch Frannie erzählt eine andere Version der Geschichte, ihrer Geschichte …


Inhaltswarnung:
Der Roman thematisiert reflektiert und kritisch Themen wie Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Depressionen, Suizid, Klassenunterschiede, sexuelle Gewalt, den Verlust von Kindern und Missbrauch aller Art. Einiges wird graphisch dargestellt, anderes nur angedeutet.

Meine Gedanken

Diesen Roman zu rezensieren, fällt mir außerordentlich schwer. “Frannie Langton” ist ein wichtiges Buch, keine Frage: Im Mittelpunkt steht die junge Schwarze Frau Frannie, die in der Karibik in die Sklaverei geboren wird und bald als freie Dienstmagd mit ihrem Dienstherren nach England kommt. Frannie ist intelligent, wortgewandt und ambitioniert, wird jedoch immer wieder ausgebremst, weil ihr diese Eigenschaften nicht zugestanden werden. Im Kern geht es um die Rolle der Frau zu Beginn des 19. Jahrhunderts, intersektional aufgearbeitet, denn Frannies Identität als Schwarze Frau und als queere Frau wirken sich natürlich maßgeblich darauf aus, wie sie wahrgenommen wird.

Unglaublich gut gefallen hat mir der Schreibstil von Own-Voice-Autorin Sara Collins: Frannie berichtet aus der Ich-Perspektive und es gelingt Collins sehr gut ihren Wortwitz und ihre Intelligenz zu schildern. “Das Geständnis der Frannie Langton” ist ein sehr bedrückender Roman, denn Frannie steht für den Doppelmord an ihrem Dienstgeber und seiner Frau vor Gericht und erzählt ihre Geschichte an ihren Anwalt gewandt nicht immer chronologisch. Eine Frage schwebt über allem: Hat Frannie den Mord wirklich begangen? Wenn ja, wieso? Oder wird sie Opfer einer Gesellschaft, die sie nicht akzeptiert und ihr diese Rolle aufdrängt?

Moderne Probleme durch die historische Linse

What no one will admit about the anti-slavers is that they’ve all got a slaver’s appetite for misery, even if they want to do different things with it.

Als aktuelles und intersektionelles Porträt einer jungen Schwarzen Frau, die versucht aus der Diskriminierung und den Rollen, die ihr auferlegt werden, auszubrechen, funktioniert “Frannie Langton” wunderbar. Sara Collins’ Own-Voice-Blick auf die Geschichte der Sklaverei, aber vor allem auf die Geschichte freier Schwarzer Brit_innen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ist sehr wertvoll, besonders auf einem Histo-Buchmarkt, der bisher viel öfter die weiße Fremdbeschreibung veröffentlicht hat als Geschichten aus Schwarzer Perspektive. Auch der Gothic-Twist, der über allem schwebt, passt perfekt dazu und erschafft eine düstere, runde Atmosphäre.

Aber. Und dieses aber tut mir sehr leid, denn ich wollte dieses Buch lieben. Aber die Handlung ist nicht wirklich rund. Sara Collins hat sich viel vorgenommen und schneidet überall spannende Themen an, die aber auf nur 430 Seiten nicht zu Ende ausgeführt werden können, sodass viel am Ende auf der Strecke bleibt. Es spült Frannie hierhin und dahin, sie wird in frühe eugenische Experimente verwickelt, sie arbeitet für ein paar Kapitel als Sex Workerin (eindeutig inspiriert von “Fanny Hill” von John Cleland von 1749), sie verliebt sich in ihre Arbeitgeberin Marguerite Bentham (dazu gleich mehr), aber all das verwäscht die eigentliche Handlung rund um den Doppelmord und Frannies Prozess.

Auch Frannies Beziehung zu Marguerite, einer weißen, reichen Feministin, die jedoch von ihrem Ehemann klein gehalten wird, lag mir eher schwer im Magen. Es gelingt Collins hier sehr gut die Unterschiede zwischen Frannies und Marguerites Unterdrückung herauszuarbeiten und zu zeigen, dass Marguerite nicht immer versteht, dass Frannie noch andere Unterdrückung erfährt als sie. Gleichzeitig fand ich schade, dass die Beziehung so negativ dargestellt wurde und auch negativ endet – wir wissen schließlich von Anfang an, dass Frannie für den Mord an Marguerite und ihrem Mann George vor Gericht steht. Hier tappt der Roman eben auch in das “Bury Your Gays”-Trope, was ich sehr unangenehm und unnötig fand.

Genre-Bereicherung mit Gothic-Twist

Alles in allem ist “Frannie Langton” ein wunderbar erzählter Historienroman mit faszinierender Hauptfigur, der allein durch seine Own-Voice-Perspektive auf die Geschichte der Sklaverei und in Großbritannien lebende freie Schwarze Menschen eine wahre Bereicherung für das Genre ist. Auch der dichte, intelligente Schreibstil, der viele Anleihen bei Klassikern des 18. Jahrhunderts mitnimmt, und die düstere Gothic-Atmosphäre sind großartig. Leider verliert der Roman jedoch oft seine eigentliche Handlung aus den Augen, führt spannende Ideen und Gedanken nicht zu Ende und wirkt deshalb am Ende leider unfertig und verwaschen, sodass das Lesen manchmal sehr anstrengend war.

In “Das Geständnis der Frannie Langton” steckt sehr viel Wichtiges und Gutes, das jedoch leider oft unter all den Umwegen, die der Roman nimmt, verloren geht. Ich hätte mir gewünscht, dass Frannies Erfahrungen als Schwarze Frau am Rande der High Society des oft romantisierten Regency-Englands noch mehr im Mittelpunkt gestanden hätten, Marguerites Rolle als Opfer von Diskriminierung und gleichzeitig Täterin, die ebenfalls von Diskriminierung anderer profitiert, der unsichere Stand Schwarzer Brit_innen in einem Großbritannien, das gerade erst die Sklaverei verboten hat. All das ist da, geht aber leider oft unter. Trotzdem würde ich den Roman allen Gothic-Fans empfehlen.


Weitere Meinungen:

Rincey Reads | 3.5 Punkte (Youtube)


Das Geständnis der Frannie Langton | Droemer, 2019 | 978-3-426-28206-9 | 432 Seiten | deutsch | Übersetzer.innen: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann | Originaltitel: The Confessions of Frannie Langton, 2019

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