“Love & Friendship” ist wohl der ungewöhnlichste Jane-Austen-Film, den ich jemals gesehen habe. Schon allein, weil er nicht im Hoch-Regency spielt, sondern im späten 18. Jahrhundert. Aber auch, weil er auf einem eher unbekannten Roman von Jane Austen basiert. “Lady Susan” ist einer von Austens frühen Romanen. Sie schrieb das Buch mit knapp 20 Jahren im Jahr 1794, doch es wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal veröffentlicht und bleibt bis heute oft im Schatten von “Stolz und Vorurteil” oder “Emma” zurück.

Dabei macht “Lady Susan” wirklich Spaß: Im Mittelpunkt steht Susan Vernon, um die 35 Jahre alt, die mit ihren Intrigen und Spielchen versucht die Menschen in ihrem Umfeld dazu zu bekommen, zu tun, was sie möchte, da sie Vermögen und Status für sich und ihre Tochter Frederica (Morfydd Clark) zu sichern versucht. Im Film wird Susan von Kate Beckinsale verkörpert und in Nebenrollen sind unter anderem Stephen Fry und Chloë Sevigny (als Mr und Mrs Johnson) zu sehen, sodass der Film sich wirklich sehen lassen kann.


Meine Gedanken

Was ich an “Love & Friendship” sehr mochte ist, dass der Film einen sehr ironischen Blick auf die Epoche und auf das Austen-Genre wirft. Es handelt sich hier um eine Komödie, die im Historiengenre leider sowieso selten geworden sind, die noch dazu subtil zynisch daherkommt. Zu Jane Austen, deren Romane auch immer ein gutes Maß an Gesellschaftskritik und Witz beinhalten, passt das sehr gut, ganz besonders zu “Lady Susan”, das manchmal in der Darstellung seiner Figuren recht böse sein kann.

“Love & Friendship” ist ein sehr wortgewaltiger Film. Es wird sehr viel gesprochen, die meiste Spielzeit besteht aus langen, aber auch oft lustigen Dialogen. Drehbuchautor und Regisseur Whit Stillman arbeitet viel mit leisem Wortwitz und cleveren Wiederholungen, sodass es Spaß macht den Dialogen gut zuzuhören, und vor allem treffen er und das Team hinter “Love & Friendship” den Zeitgeist von Jane Austens Epoche sehr gut. Auch ihr subtiler Witz und ihr intelligenter Schreibstil werden im Film sehr schön wiedergegeben.

Ein richtiges Highlight ist Tom Bennett als sehr naiver James Martin, der in Frederica verliebt ist und sich überall, ohne es zu merken, lächerlich macht. Aber auch Emma Greenwell als Catherine Vernon hat mir sehr gut gefallen. Der Film hat etwas sehr Leichtes, Charmantes, das man in historischen Filmen nicht mehr so oft sieht, nimmt sich aber auch gleichzeitig nicht so ernst und das Genre ein bisschen auf die Schippe. “Love & Friendship” erfüllt zwar die Genre-Klischees, kostet sie jedoch bewusst voll aus und das ist einfach tolle Unterhaltung.

Der Film lebt jedoch größtenteils von Kate Beckinsales Darstellung der Lady Susan Vernon. Susan ist eine attraktive, intelligente Frau, die Austens andere Heldinnen spiegelt: Auch sie möchte ihre Tochter gut verheiraten und vor allem selbst eine gute Partie machen, auch sie ist wortgewandt und schlau, aber im Gegensatz zu Elizabeth Bennett oder Emma Woodhouse ist sie nicht gutherzig und schert sich nicht um die Gefühle und Wünsche anderer. Kate Beckinsale spielt sie wunderbar sorglos, manipulativ und gemein, sodass es Spaß macht, ihr beim Intrigieren zuzusehen.

Xavier Samuel gibt einen überspitzt moralischen und sympathischen Reginald DeCourcy ab, der ebenfalls kein herkömmlicher Austen-Held ist. Es ist fast so, als hätte Austen in einem ihrer ersten Romane die Rollen vertauscht, in die sie später ihre Held.innen steckte: Lady Susan ist die ältere, attraktive Frau, die den deutlich jüngeren, gutherzigen Reginald DeCourcy um den Finger wickelt. Gerade das macht “Love & Friendship” als Austen-Verfilmung, aber auch als historische Komödie, so interessant: Der Film untergräbt viele Genreklischees auf diese Weise.

Schöne Kostüme mit kleinen Anachronismen

Links: Robe á l’Anglaise, ca. 1790 | Mitte: Redingote, ca. 1787 | Rechts: Robe á l’Anglaise mit “zone front”, ca. 1785 (Met Museum)

“Love & Friendship” ist zudem einer dieser seltenen Filme, denen man richtig anmerkt, wie viel Recherche und Mühe in die Kostüme geflossen ist. Die 1790er sind ein schwieriges Jahrzehnt, weil sie die Zwischenstufe zwischen den extravaganten Rococomoden und dem deutlich leichteren, von griechischer und römischer Antike inspirierten Regency sind. Ich bin sehr froh, dass der Film seine Handlung nicht einfach in die 1810er, die typische Zeit für Jane-Austen-Filme, verlegt hat, sondern uns eine Epoche zeigt, die im Histo-Film leider nicht allzu oft vorkommt.

Eimer Ní Mhaoldomhnaigh und ihr Team nutzen diese Übergangsmoden wunderbar, um ihre Figuren zu charakterisieren. Die wohlhabende und sehr modebewusste Lady Lucy (Jenn Murray) trägt zum Beispiel ein antik inspiriertes, weißes “en chemise”-Kleid, das schon viel von den luftigen Musselinkleidern des späteren Regency hat, aber wir sehen vorwiegend Redingotes, die Herrenreitmode nachempfunden sind, und die ganz typische robe à l’Anglaise mit eng anliegendem, vorn schließendem Mieder, oft auch mit epochentypischer “zone front” (oben rechts): Das Mieder deutet eine V-förmig geöffnete Jacke an.

Ein bisschen schade finde ich höchstens die Stoffauswahl. In der Epoche sah man viel Weiß und Pastellfarben, Streifen, florale Drucke. “Love & Friendship” setzt leider sehr oft auf schweren Brokatstoff und intensiv schillernde Farben, die nicht in die Epoche passen, weil sie erst seit ca. 1860 überhaupt möglich sind: Vorher gab es die nötigen chemischen Färbemittel noch gar nicht. Besonders Lady Susan selbst trägt auch sehr oft Überröcke aus schwarzem Netzstoff, der sie wohl als Witwe kennzeichnen soll, aber komplett ahistorisch ist.

Schade finde ich auch, dass die Herrenmode ein riesiger Anachronismus ist. Der Film setzt hier dann doch auf typische Regencymode, die um 1795 aber einfach noch nicht getragen wurde. Ich hätte hier lieber mehr Kniebundhosen und langes, vielleicht auch gepudertes Echthaar gesehen. Die lockigen Kurzhaarfrisuren sind aber wohl der typische Darcy-Look, den man von Jane-Austen-Filmen vielleicht nicht nur gewohnt ist, sondern auch erwartet. Für die 1810er sehen die Kostüme der Männer auch sehr gut und authentisch aus, sie sind nur rund 20 Jahre zu früh dran.

Aber was soll’s, das Gesamtbild ist toll gelungen. Ich gehe davon aus, dass das Budget für die Kostüme nicht allzu hoch war, da auch hier und da Kostüme aus anderen Produktionen ausgeliehen wurden. Die kleinen Anachronismen, die auch teilweise gewollt und gut durchdacht sind – die intensiven, dunklen Farben unterstreichen zum Beispiel Susans dramatischen Charakter – tun dem opulenten Look des Films keinen Abbruch und das späte 18. Jahrhundert auf der Schwelle zu Jane Austens Regency kommt sehr gut rüber.

Die andere Seite der Jane Austen

Sehr gut gefallen hat mir aus demselben Grund auch das Setdesign. Wenn man ein bisschen auf den Hintergrund schaut, entdeckt man überall kleine (und größere) Winks in Richtung des sehr frühen Regency und des Jane-Austen-Genres. Gleichzeitig ist der Film aber auch fast schon eine Parodie auf das Austen-Genre, so ähnlich, wie in Jane Austens Romanen ja auch immer ein bisschen Gesellschaftskritik und ein Augenzwinkern steckt. Genau dieses sehr runde Gesamtbild macht “Love & Friendship” neben den tollen Dialogen, den guten Kostümen und den Schauspieler.innen so sehenswert.

Ich würde den Film allen empfehlen, die Jane Austen mal auf etwas andere Weise interpretiert sehen möchten, oder zwar Lust auf Jane Austen haben, aber nicht mehr auf die Klassiker “Stolz & Vorurteil” und “Emma”, die man schon so oft gesehen hat. Für Fans von lockeren, historischen Komödien ist der Film vielleicht auch eine tolle Abwechslung von den eher melancholischen historischen Filmen und Serien der letzten Jahre. Wer aber die typische Regency-Austen-Romantik erwartet, sollte sich darauf gefasst machen, dass “Love & Friendship” diese nicht liefert.

Für mich war genau das ein riesiger Pluspunkt, aber ich kann verstehen, wenn Fans von Austen-Romantik das enttäuschend finden. Trotzdem ist “Love & Friendship” eine charmante, interessante, subtil zynische Erweiterung für das Austen-DVD-Regal, gerade weil die Produktion eigenwillig ist und eine andere Seite von Jane Austen zeigt, die anderen Verfilmungen ihrer Geschichten oft fehlt. Whit Stillman ist es gelungen einen Film zu machen, der zwar durch und durch Jane Austen und (früher) Regency ist, aber gleichzeitig das Genre gekonnt auf den Kopf stellt.



Love & Friendship | IRL, FRA, NLD, GBR 2016 | Regie: Whit Stillman | Drehbuch: Whit Stillman | 93 Minuten