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Historische Romane

“The Hollow Girl” von Hillary Monahan

Bethan is the apprentice to a green healer named Drina in a clan of Welsh Romanies. Her life is happy and ordered and modest, as required by Roma custom, except for one thing: Silas, the son of the chieftain, has been secretly harassing her. One night, Silas and his friends brutally assault Bethan and a half-Roma friend, Martyn. As empty and hopeless as she feels from the attack, she asks Drina to bring Martyn back from death’s door. “There is always a price for this kind of magic,” Drina warns. The way to save him is gruesome. Bethan must collect grisly pieces to fuel the spell: an ear, some hair, an eye, a nose, and fingers.

She gives the boys who assaulted her a chance to come forward and apologize. And when they don’t, she knows exactly where to collect her ingredients to save Martyn.


Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt (nicht on page, aber thematisiert), romafeindlicher Rassismus (reflektiert), sehr graphisch dargestellte Gewalt/Body Horror

MEINE GEDANKEN

Ich folge Hillary Monahan schon seit einiger Zeit auf Twitter, hatte aber bisher noch kein Buch von der Autorin gelesen. Um das endlich zu ändern, fiel meine Wahl auf “The Hollow Girl”: Ein historischer Horrorroman über ein Romani Mädchen, in dem sich Own-Voices-Autorin Hillary Monahan dem Trope der bösen Romani Hexe, dem Umgang mit sexualisierter Gewalt und Victim Blaming annimmt. Harte Themen, besonders für ein Jugendbuch, die die Autorin auch gleich im Vorwort anspricht. Diese Triggerwarnung fand ich sinnvoll und gut umgesetzt.

Der Roman selbst macht es einem jedoch ein bisschen schwierig, zumindest ging es mir so, denn leider wird zu keinem Zeitpunkt deutlich, wann genau die Geschichte spielt. Leider hatte ich immer wieder dieses Gefühl, dass es einfach “ye olde timey” Europa sein sollte, es gab kaum Details oder Anhaltspunkte, um wirklich eine Zeit festzulegen. Wir sind in einem kleinen Dorf in Wales, wo die Menschen jeden Tag einen Markt abhalten, auf dem Ich-Erzählerin Bethan die “magischen” Heilmittel ihrer Großmutter Drina verkauft, alles ist sehr altmodisch und beschaulich.

Die Menschen halten Bethan wegen eines Muttermals für eine Hexe, weshalb ich dachte, wir müssten uns irgendwo im 17. oder 18. Jahrhundert befinden, dann raucht aber jemand Cigarillos, also müssen wie ja theoretisch im späten 19. oder sogar frühen 20. Jahrhundert sein… Das historische Setting ist für diesen Roman nicht wirklich wichtig, aber als Histo-Leserin hat mich das ziemlich gestört. Ich weiß gerne, wann ich bin, zumindest grob, und hier habe ich teilweise sogar überlegt, ob wir einfach in einem sehr altmodischen Ort in der Gegenwart sind, weil sich auch die Dialoge teilweise sehr modern lasen.

Es hätte nicht viel gefehlt und “The Hollow Girl” wäre ein weiterer dieser “historischen” Jugendromane gewesen, die “irgendwann früher” in einem beschaulichen Europa spielen, wo alle ihre Zeit auf Gemüsemärkten und beim Hexenverbrennen verbringen. Vielleicht ist das absichtlich vage gehalten, hat für mich aber immer den Beigeschmack, dass man sich die Recherche für die Details zu einer bestimmten Epoche einfach sparen wollte. Zu dem olde-timey Bauernmarkt passt dann aber wieder nicht, dass Bethan extrem moderne Ansichten zu Rassismus und Feminismus hat, die ich als Botschaft in YA sehr gut finde, die aber so, wie Bethan sie erklärt, in keine Zeit außer unsere passen.

Und ja, natürlich wäre es möglich gewesen, dieselben Botschaften so einzubringen, dass sie zum historischen Setting passen. Aber Bethan erklärt Martyn ohne Witz, was “slurs” sind und das ist dann schon sehr 2017. Dass Martyn als Cigarillo-rauchender Bauernsohn schöne, grade weiße Zähne hat…. jaaaa, okay, klaro. Was “The Hollow Girl”s Setting rettet, ist der Einblick in die Kultur der walisischen Roma. Bethan ist halb Kale-Romani und lebt bei ihrer Großmutter, die sie zur Heilerin ausbildet. Monahan erwähnt im Vorwort, dass sie hier die Geschichten ihrer Großmutter verarbeitet hat und das in diesen Teil des Romans viel Liebe und Arbeit geflossen sind, merkt man.

HORROR, ABER NICHT UNHEIMLICH

“The Hollow Girl” ist ein Horrrorroman, was man den ersten ca. 100 Seiten jedoch nicht wirklich anmerkt. Die Geschichte ist wunderschön geschrieben, der Schreibstil der Autorin hat mir fast schon am besten gefallen, aber das Buch baut sich langsam auf. Bis zu den Ereignissen aus dem Klappentext vergeht das halbe Buch und danach geht es nur noch darum, dass Bethan nach blutiger Rache sinnt. Psychologischen Grusel sollte man hier nicht erwarten. Ich hatte auf ein bisschen Grusel und vor allem eine düstere Herbstatmosphäre gehofft, aber Bethans Geschichte ist tatsächlich eher blutig, als unheimlich.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ein Problem des Romans ist oder der Vermarktung, aber ich finde schade, dass der Klappentext tatsächlich rund 70% der Handlung vorausnimmt. Ich hatte geglaubt, dass die Ereignisse, die im Klappentext erwähnt werden, die Basis der Geschichte bilden würden. Tatsächlich sind sie aber die gesamte Handlung. Und mir hat da irgendwie was gefehlt. Nicht unbedingt ein roter Faden, denn der ist schon da, aber vielleicht liegt es einfach am Pacing, dass ich nicht zufrieden war. Der Anfang des Romans liest sich fast schon ein bisschen wie Romance, wenn Bethan mit Bauernsohn Martyn auf dem Markt flirtet, dann verwandelt sich das Buch schlagartig in blutigen Horror.

Vielleicht liegt es daran, dass die Atmosphäre fehlt. Das hätte funktionieren können, wenn “The Hollow Girl” von Anfang an eine düstere Atmosphäre gehabt hätte, aber die ist eben einfach nicht da. Und leider muss ich sagen, dass sie auch später nicht da ist. Wie im Klappentext schon erwähnt, nimmt Bethan blutige Rache an ihren Vergewaltigern – Und einerseits habe ich das geliebt, weil hier einmal nicht Vergebung gepredigt wird, sondern die Wut von Überlebenden legitimiert und nicht klein geredet wird. Aber auf der anderen Seite läuft alles eben so dahin, Dinge passieren, als würde Bethan eine Liste abhaken, dann sind sie vergessen und sie geht zum nächsten Punkt über.

ALLES IST DA, ABER NICHT GENUG

Ich glaube wirklich, es hätte dem Roman sehr viel gegeben, wenn die Autorin eine bestimmte Epoche festgelegt, diese recherchiert und in den Roman hätte einfließen lassen. Denn das vage Setting macht es am Ende einfach schwer, sich zurechtzufinden und düstere historische Details (die über das Hexenklischee hinausgehen) hätten die Atmosphäre sicherlich auch bereichert. Am Ende ist “The Hollow Girl” kein schlechtes Buch, aber irgendwie hat mir einfach überall was gefehlt. Zu wenig Handlung, zu wenig Atmosphäre, und auch zu wenig Horror. Denn ja, es ist blutig und manchmal eklig, aber bis auf eine sehr starke Szene, bei der ich tatsächlich Gänsehaut hatte, ist es einfach nicht wirklich unheimlich.

Und ich will hier jetzt keinen allzu großen Exkurs vom Zaun brechen, denn am Ende war es die Entscheidung der Autorin das Buch so zu schreiben, wie es jetzt ist, aber mit den Thematiken hätte man so viel machen können. Der beste Gothic-Horror ist der, der menschliche Abgründe aufzeigt und dafür hätte “The Hollow Girl” so viel Potential gehabt. Stattdessen gibt es hier eben ein Mädchen, das losgeht und ihre Vergewaltiger quält und das war tatsächlich sehr gut gemacht. Am Ende hat mir aber auch hier was gefehlt und zwar der Blick auf Bethans Innenleben. Ihr Heilungsprozess, ob und was ihre Rache ihr gibt und solche Dinge werden angeschnitten, hätten aber gern noch mehr thematisiert werden dürfen.

“The Hollow Girl” ist ein überraschend blutiges Jugendbuch, das sich um ernste Themen dreht und einen Einblick in die Kultur der walisischen Roma gewährt. Auch die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt fand ich gelungen. Mit seinen knapp 270 Seiten ist der Roman kurz genug, dass man ihn an 1-2 Nachmittagen lesen kann. Ich habe das Buch durchaus gern gelesen, aber ehrlich gesagt hatte ich mir am Ende wohl doch zu viel versprochen. Am Ende liefert der Roman sehr gut geschriebene Own-Voices-Repräsentation, eine ganz gute Geschichte, die der Klappentext leider schon verrät, aber eben wenig historisches Detail und Gruselhorror.

Empfehlen würde ich das Buch allen, die sich für “historische” Fiktion mit nicht weißen Held.innen und blutigen Horror interessieren. Es kommt vielleicht am Ende wirklich darauf an, was man sich von “The Hollow Girl” erwartet. Histo-Leser.innen auf der Suche nach Gothic-Horror sind hier vielleicht weniger gut aufgehoben, als Young-Adult-Leser.innen, die mit blutigem Body Horror und graphisch dargestellter Gewalt umgehen können. Denn für seine Repräsentation und die Aufarbeitung der schwierigen Themen wie sexualisierter Gewalt verdient “The Hollow Girl” auf jeden Fall, dass es seine Leser.innen findet.


The Hollow Girl | Delacorte Press, 2017 | 9781524701864 | 272 Seiten | Englisch

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